Inhaltsverzeichnis
Einleitung 2
Kant und die Prolegomena 2
Fragestellung und Terminologie 2
Beantwortung der Frage: Wie ist reine Mathematik möglich? 4
Erscheinung und Ding an sich selbst 4
Raum und Zeit 5
Erl äuterung und Bestätigung der These 7
Zusammenfassung der These 7
Erste Beispiele 7
Beispiele gegen die Zweifel 8
Anmerkungen und Gegenargumentation 9
Klarstellung 9
Gegen Vorwürfe 10
Literaturverzeichnis 11
Einleitung
Kant und die Prolegomena
Immanuel Kant (1724 - 1804) gilt als einer der größten Philosophen aller Zeiten. Seine Philosophie bedeutet den intellektuellen Höhepunkt und zugleich eine Wende in der europäischen Aufklärung. Kant betrachtet den Streit in der Metaphysik, den fortdauernden Konflikt zwischen Rationalismus und Empirismus, als einen Skandal. Aufgrund dessen stellt er die Untersuchung metaphysischer Gegenstände erst einmal zurück und geht der Frage nach, ob Metaphysik überhaupt möglich sei. Kant hat 1781 die erste Auflage seiner Kritik der reinen Vernunft 1 publiziert, welches zugleich sein Hauptwerk ist und die konkrete Beantwortung der Frage „Ist Metaphysik möglich?“ beinhaltet. In Folge von manchem Unverständnis publizierte er die Prolegomena 2 , welche als Einleitung und verständlichere Form der Kritik der reinen Vernunft gelten soll. 3
In seinem Prozess, die Metaphysik (zu diesem Zeitpunkt) als unwissenschaftlich darzustellen, nimmt Kant sich unter anderem der Mathematik vor, um sie als eine der Wissenschaften vor zu zeigen, die es geschafft haben, beständig zu bleiben. Allein die Frage nach der reinen Mathematik, wie der Titel des Abschnittes lautet („Wie ist reine Mathematik möglich?“), zeigt wieder auf das, was Kant will und auch bereits im Vorfeld erörtert hat. Die Bezeichnung „rein“ bezieht sich nämlich direkt auf den Begriff der Vernunft und indes auf den des a priori. Kant lässt sich also bereits im Vorfeld in die Karten schauen und fragt nach der Möglichkeit einer apriorischen Wissenschaft, die dennoch unser Wissen erweitert - er sucht nach synthetischen Urteilen a priori in der Mathematik (Weil es sonst keine Wissenschaft wäre. Analytische Sätze a priori erweitern unsere Erkenntnis nicht, die Vernunft dreht sich im Kreis - und dies kann nicht das Ziel einer Wissenschaft sein, meint Kant.).
Fragestellung und Terminologie
Im ersten Paragraph zur Mathematik in den Prolegomena (Paragraph Sechs) ist bereits der erste Satz ein Zeichen dafür, dass sich Kant selbstsicher fühlt: „Hier ist nun eine große und bewährte Erkenntniß, die schon jetzt von bewundernswürdigem Umfange ist“ (Prolegomena, 1783). Dann wirft er die allgemeine Frage auf, wie es der menschlichen Vernunft denn möglich ist, rein apriorische und doch synthetische Erkenntnis zu erlangen.
In dem siebten Paragraph verdeutlicht Kant, dass die Mathematik ihre Begriffe eindeutig vorher in Anschauungen anfindet. Dies wird hier nicht weiter ausgeführt, allerdings sollte man wissen, was Kant unter den beiden Begriffen versteht.
1 Siehe Literaturverzeichnis.
2 Siehe Literaturverzeichnis.
3 Wenn ich mich im Folgenden auf die Prolegomena beziehe oder nach ihr zitiere, so tue ich das ausschließlich nach der im Literaturverzeichnis angegebenen Ausgabe von den Seiten 37 - 50.
2
Eine Anschauung ist die unmittelbare Vorstellung genau eines Gegenstandes. Inhalt einer solchen Anschauung ist eine Empfindung; sie wird uns durch die Erfahrung gegeben und ist somit a posteriori. Das Vermögen der Anschauungen, also das Vermögen, von etwas, das außer uns ist, affiziert zu werden, nennt Kant die Sinnlichkeit. Anschauungen allein liefern uns aber noch keine Erkenntnis. Dazu braucht man Begriffe. Ein Begriff ist eine Vorstellung, die mehreren Dingen gemeinsam zukommen kann. Die Begriffe richten sich über die Sinnlichkeit vermittelt, also mittelbar, auf ein Ding. Das Vermögen der Begriffe (das Vermögen, Gegenstände durch Begriffe zu denken) ist der Verstand.
Diese beiden Erkenntnisvermögen (Sinnlichkeit und Verstand) sind nach Kant bei jeder Erkenntnis eines empirischen Gegenstandes gleichberechtigt beteiligt. Und in der Tat: Die Anschauung ohne Begriff ist „blind“: Sie erlaubt nicht, den Gegenstand als etwas zu identifizieren, eben zu „begreifen“ - dazu muss er erst unter einen Begriff gebracht werden. Und so ist auch der Begriff ohne Anschauung „leer“: Er ist wie eine leere Form, die erst durch Erfahrung ausgefüllt werden muss, sonst besteht die Gefahr, dass ihm möglicherweise überhaupt kein wirklicher Gegenstand entspricht. Nun hat Kant aber ein Problem: „Wenn die Anschauung sich nach der Beschaffenheit der Gegenstände richten müßte, so sehe ich nicht ein, wie man a priori von ihr etwas wissen könne“ 4
Wenn alle Anschauungen empirisch gewonnen wären, also a posteriori, dann wäre es unmöglich zu erklären, wie synthetische Urteile a priori möglich sein sollten. Kant erkennt die Problematik am Anfang von Paragraph 8: „Denn nunmehr lautet die Frage: wie ist es möglich, etwas a priori anzuschauen?“ (Prolegomena, 1783). Die konkreter ausformulierte Frage lautet dann: Wie kann Anschauung noch vor der Erscheinung des Gegenstandes selbst aufkommen? (vgl. Prolegomena, 1783) Dies versucht Kant nun in dem Darauffolgenden darzulegen.
4 Kant, I. (1787): Vorrede zur zweiten Auflage [B]. In: Kritik der reinen Vernunft (S. BXVII). Leipzig (1998): Meiner.
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Beantwortung der Frage: Wie ist reine Mathematik möglich?
Erscheinung und Ding an sich selbst
Kant versucht also nun zu definieren, wie Anschauung a priori möglich ist. Er verfährt per Ausschlussverfahren und sagt als erst, dass unsere Anschauung nicht von der Art sein kann, als dass sie sich die Dinge vorstellt, „so wie sie an sich selbst sind“ (Prolegomena, 1783); denn dies wäre allemal eine empirische Vorstellung. Dies, weil ich nur etwas über den Gegenstand an sich wissen kann, wenn er sich mir gegenwärtig präsentiert. Darüber hinaus könnte die Anschauung sowieso nie die Dinge an sich sehen, sondern wäre von vornherein durch die Eigenschaften meines Erkenntnisvermögens eingeschränkt.
Nun müsste es angebracht sein, kurz darzulegen, was Kant unter den Begriffen von Erscheinung und Ding an sich selbst versteht; besonders unter der Berücksichtigung, dass es möglich ist sein ganzes Werk, auch die Kritik der reinen Vernunft, unter diesen Gesichtspunkten zu lesen.
Unter Erscheinung versteht Kant ein Ding, so wie es für uns erscheint, d.h. so wie wir es durch die Formen der Sinnlichkeit und des Verstandes hindurch sehen. Als Ding an sich (selbst) hingegen bezeichnet Kant das Ding, so wie es an sich ist, d.h. so wie es außerhalb der Formen, die unser Erkenntnisapparat ihm vorschreibt, beschaffen ist.
Am Beginn jedes Erkenntnisaktes steht also das Ding an sich, welches unsere Sinnesorgane affiziert, an seinem Ende steht die Erscheinung. Daraus ergeben sich wichtige Konsequenzen:
1. Das Ding an sich ist unerkennbar. Das Ding an sich gibt es zwar (irgendetwas muss unsere Sinneseindrücke ja auslösen, es kann keine Erscheinung geben ohne etwas, das erscheint), aber wir können nichts über es wissen. Wir kennen die Dinge nur, wie sie für uns sind, wie sie uns erscheinen, nicht wie sie an sich sind.
2. Alles, was wir erkennen können, bezieht sich also auf die Welt der Erscheinungen. Das bedeutet aber auch: die synthetischen Sätze a priori haben einen eingeschränkten Geltungsbereich (die Erscheinungswelt), innerhalb dessen sie unsere Erkenntnis erweitern. Wird dieser Geltungsbereich überschritten, versucht man also Aussagen über transzendente Gegenstände (die Welt möglicher Erscheinungen übersteigende Gegenstände) zu machen, so verstrickt sich unsere Vernunft notwendigerweise in Widersprüche, da ihre Begriffe „leerlaufen“ - sie können ja an keiner Anschauung überprüft werden. 3. Kants Kritizismus beerbt sowohl Empirismus wie Rationalismus, denn der Stoff der Erkenntnis wird uns durch die Erfahrung geliefert, ist also a posteriori, aber die Form dieser Erkenntnis ist a priori, in unserer Vernunft verankert. Daher
4
Raum und Zeit
Kant drückt sich nun in Paragraph 9 etwas kompliziert aus und führt die Lösung seines Problems nicht ausführlich aus: Anschauung a priori ist nur möglich, „wenn sie nämlich nichts anders enthält, als die Form der Sinnlichkeit, die in meinem Subject vor allen wirklichen Eindrücken vorhergeht, dadurch ich von Gegenständen afficirt werde“ (Prolegomena, 1783).
Kant nennt diese „Form[en] der Sinnlichkeit“ anfangs jedoch nicht (erst in Paragraph 10), aber er spricht von der Einteilung der Sinnlichkeit in Raum und Zeit. Also: Synthetische Urteile a priori sind möglich, weil es a priori gültige Anschauungen gibt. Kant nennt sie Anschauungsformen (Raum und Zeit). Die Empfindung existiert nicht als solche („nackt“) in der Sinnlichkeit. Sie ist immer schon geformt durch die Struktur der Sinnlichkeit, die ihre Bedingungen den sinnlichen Eindrücken auferlegt. Diese Bedingungen sind die Formen von Raum und Zeit. Raum und Zeit sind also die Anschauungsformen der Sinnlichkeit, durch die das Erkenntnissubjekt die empirische Welt (wie durch eine Spezialbrille verzerrt) als eine notwendig räumlich und zeitliche strukturierte sieht.
Die traditionelle Auffassung behauptete: Die Anschauung richtet sich nach dem Objekt der Sinnlichkeit. Raum und Zeit wären demnach Eigenschaften des Objekts und könnten nur a posteriori von einem Gegenstand ausgesagt werden. Diese Auffassung vermag aber nicht den universalen und notwendigen Charakter von Raum und Zeit zu erklären. Kants Hypothese besagt: Das Objekt der Sinnlichkeit richtet sich nach der Beschaffenheit des Anschauungsvermögens. 6
Anhand der Kritik der reinen Vernunft und mithilfe des systematischen Handlexikons zu letzterem 7 kann man Gründe angeben, die Raum und Zeit a priori bestätigen. Folgende Tabelle erläutert Kants Begründung von Raum und Zeit als apriorische Anschauungsformen recht deutlich:
(Der besseren Übersicht halber habe ich die Tabelle mit den Gründen auf die nächste Seite verlegt.)
5 Vgl. Kant, I. (1787): Vorrede zur zweiten Auflage [B]. In: Kritik der reinen Vernunft (S. BXXV ff.). Leipzig (1998): Meiner.
6 Hier gehe ich nicht weiter auf die lange Überlegung Kants zu den Begriffen und die Einteilung in „Kategorien“ ein. Es gibt Begriffe, angeborene Ordnungsmuster des Verstandes, die es uns erlauben a priori etwas über jeden Gegenstand der Erfahrung auszusagen… usw.
7 Siehe Literaturverzeichnis.
5
Um Kants Argumente besser nachvollziehen zu können, ist es hilfreich, die Begriffe Räumlichkeit und Zeitlichkeit einzusetzen, wenn von Raum und Zeit als solchen gesprochen wird.
Um nun die Begriffe von Raum und Zeit zu verdeutlichen und um zur Mathematik zurückzukehren gibt Kant Beispiele von Unterdisziplinen der Mathematik, welche eindeutig nach den reinen Anschauungsformen funktionieren und auch nur so funktionieren können.
Das erste was er nennt ist die Geometrie. Hier ist wohl für jeden einsehbar, dass die Geometrie die reine Anschauung des Raumes zu Grunde legt. Wie könnte man sich auch geometrische Formen o.Ä. vorstellen ohne sie in einen Raum zu setzen? Hinzu kommen die Arithmetik und die (reine) Mechanik, welche die Zeit voraussetzen. Wie Kant es ausdrückt, so ist die „successive Hinzusetzung der Einheiten“ (Prolegomena, 1783), also z.B. das Addieren, nur in der Zeit möglich. Beziehungsweise: Allein ein „Zählen“ ist nur in der Zeit möglich. Ein Zählen, oder das Vorstellen verschiedener Zahlen ist durch die Zeit geprägt: Es handelt sich hierbei um ein immer weiteres Hinzufügen von „1“ in der Zeit. 1 + 2 wird 2, Plus 1 wird 3, Plus 1 wird 4… usw. Abermals erklärt Kant, dass es sich bei den Anschauungsformen von Raum und Zeit nur um apriorische Formen handeln kann, da sie jeder Empfindung zu Grunde liegen und nicht empirisch (a posteriori) aus den Dingen herausgelesen werden. Letztlich betont Kant dann erneut, dass es sich bei den Empfindungen und erkennbaren Gegenständen nur um Erscheinungen handelt und nicht um die Dinge an sich selbst (welche alokal und atemporal wären, weil wir die Dinge nach Raum und Zeit ordnen - sind es doch Anschauungsformen und so von unserer Erkenntnis nicht trennbar 8 ).
8 Siehe dazu auch Seite 2 und folgende zum Thema „Anschauung und Begriff“.
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Erläuterung und Bestätigung der These
Zusammenfassung der These
Kant hat nun seine These ausgeführt und erläutert. Zwar fehlen in den Prolegomena so einige genaue Details zu Raum und Zeit, die werden jedoch in der Kritik der reinen Vernunft genauer beschrieben (Kant will seinen Lesern ja auch nicht vorneweg seinen Lösungsweg komplett „verraten“, sondern nur auf eine Lösung hinweisen.). Dennoch versucht er aber ab Paragraph 11 auch die letzten, möglicherweise übrig gebliebenen, Zweifel der Leser verschwinden lassen und untermauert und erklärt seine These weiter, ausführlicher.
Er schreibt so etwas wie ein Fazit, eine Zusammenfassung, seiner bisherigen Ergebnisse. Reine Mathematik, als synthetische Erkenntnis a priori, ist dadurch möglich, dass sie ihre Gegenstände nicht aus empirischen Empfindungen zieht, sondern aus apriorischen und dann analysiert. Dies ist auch schnell eingesehen, z.B. mithilfe der Geometrie: Jeder weiß, was ein Kreis ist und jeder weiß, wie ein perfekter Kreis definiert ist. Doch woher? Aus den empirischen Empfindungen kann dies nicht stammen, da es in der empirischen Welt keinen perfekten Kreis gibt. Er existiert nur in unserer Vorstellung und dennoch lässt sich dieses Wissen a priori auf Dinge a posteriori anwenden (also ein apriorischer Begriff der sich auf aposteriorische Anschauungen anwenden lässt 9 ).
Erste Beispiele
Kant fährt fort. Er stellt die apriorische Eigenschaft von Raum und Zeit in Frage und stellt fest, dass man sich Raum und Zeit gar nicht anders vorstellen könnte, als dass sie unserer Sinnlichkeit vorherbestimmt sind. 10
Nun versucht Kant in Paragraph 12 anhand praktischer Beispiele der Geometrie das Ganze nun noch klarer und einleuchtender zu machen. Er beginnt mit einem Gesetz der Geometrie, welches er kompliziert schildert und auch an sich nicht direkt einleuchtend erscheint. Ich will es deshalb aus meinen Untersuchungen auslassen und mich auf das folgende Beispiel Kants konzentrieren…
Dieses ist nämlich die Definition des Raumes in der Geometrie: „daß sich in einem Punkte nicht mehr als drei Linien rechtwinklig schneiden können“ (Prolegomena, 1783). Um dies genauer zu verstehen habe ich ein kleines Schema erstellt. Es zeigt die generelle Abbildung des Raumes in der Geometire. Diese Erkenntnis beruht auf reiner Anschauung (Raum und Zeit), weil sie apodiktisch gewiss ist.
Weitere Beispiele von Kant sind die Vorstellungen von einer Linie, die ins Unendliche gezogen wird, oder eine Reihe von Veränderungen soll ins Unendliche fortgesetzt werden. All dies setzt die Vorstellung von Raum und Zeit voraus, welche in der
9 Siehe dazu auch Seite 2, über Anschauung und Begriff.
10 Siehe dazu auch die Tabelle über Raum und Zeit auf Seite 6.
7
Vorstellung unbegrenzt sind, eben weil sie reine Anschauungen sind. Begriffe sind nämlich begrenzt. Hiermit hat Kant schlussendlich bewiesen, wie synthetische Sätze a priori in der Mathematik möglich sind. Betonend darauf, dass es stimmt, dass, wenn man diese Beispiele als Deduktion für die reinen Anschauungsformen von Raum und Zeit zur Hilfe zieht, man in der Erscheinungswelt bleibt, sagt Kant, dass dies nicht weiter tragisch ist. Dass wir in der Tat nur Erkenntnis in der Erscheinungswelt erlangen können, haben wir bereits auf Seite 4, Erscheinung und Ding an sich selbst, geklärt. Erkenntnis in einer reinen Mathematik ist indes nur möglich, wenn es reine (a priori) Anschauungsformen gibt (da reine Begriffe ohne Weiteres möglich sind). Diese gibt es: Raum und Zeit. Die Gegenstände der reinen Mathematik sind also immer auf Raum und Zeit zurückzuführen, weil wir Raum und Zeit in jede Gegenstände hineinlegen (Mathematik als die „reinste“ und grundlegendste Wissenschaft überhaupt).
Beispiele gegen die Zweifel
In seinem letzten Paragraph zur Frage, wie reine Mathematik möglich sei, versucht Kant erneut Zweifel aus der Welt zu schaffen und denjenigen, „welche noch nicht von dem Begriffe loskommen können, als ob Raum und Zeit wirkliche Beschaffenheiten wären, die den Dingen an sich selbst anhingen“ (Prolegomena, 1783) ein paar letzte Denkanstöße zu geben.
Kant sagt, dass zwei Dinge, welche genau gleich sind, sich doch durch die Verhältnisse von Raum und Zeit unterscheiden, welche wir in sie hineinlegen. Hier kann man Beispiele aus der Empirie oder der Vernunft nehmen, beides funktioniert. In der Vernunft kann ich mir in der Geometrie zwei Dreiecke vorstellen, die genau gleich sind. Jedoch sind sie de facto nicht die gleichen, da sie räumlich anders situiert sind (bzw. ich sie räumlich anders situiere, da ich die Vorstellung vom „Raum“ auf den Gegenstand in meiner Vernunft appliziere - und dies unweigerlich, da Raum und Zeit reine Anschauungsformen sind und somit nicht von unserem Erkenntnisapparat getrennt funktionieren können).
Empirisch kann ich auch feststellen, dass verschiedene Gegenstände eventuell genau gleich sind, räumlich und zeitlich dennoch verschieden, aber eben nur, weil meine reinen Anschauungsformen mich dazu zwingen, jede Anschauung in Räumlichkeit und Zeitlichkeit zu gliedern. Die Beispiele, die Kant hier nennt, sind relativ kompliziert formuliert und vielleicht etwas unverständlich geschrieben, weshalb nicht näher auf diese eingehe. Er will dann aber „gewöhnlichere Fälle anführen, die aus dem gemeinen Leben genommen werden können.“ (Prolegomena, 1783)
Kant führt das etwas seltsame Beispiel der Hand und ihrem Spiegelbild ein. Meine rechte Hand und die im Spiegel sind genau die gleiche. Und doch ist das Spiegelbild eine andere, denn sie ist eine linke und könnte nicht anstelle meiner gesetzt werden. Das weitere Beispiel des Handschuhs ist ebenfalls nicht hundertprozentig klar, weswegen ich auch dieses auslasse.
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Anmerkungen und Gegenargumentation
Klarstellung
In den Anmerkungen zur reinen Mathematik versucht Kant sich zu rechtfertigen. Er will noch einmal genauer darlegen und präzisieren was die reine Mathematik kann, und zu welchem sie nicht imstande ist. Beziehungsweise, er will Fehlschlüsse der Leser ausschließen.
In seiner ersten Anmerkung betont Kant erneut, dass die reine Mathematik, in seinem Beispiel die Geometrie, nichts über die Dinge an sich und Regeln bezüglich jener aussagen kann. Die Regeln und Formeln der Geometrie sind apodiktisch notwendig, da sie sich auf bestimmte Anschauungen beziehen - jedoch immer nur in der Erscheinungswelt. Diese Erscheinungen sind unweigerlich durch unsere reinen Anschauungsformen geprägt. Die Geometrie, welches also den Raum zu Grunde legt und in welcher wir die Anschauungsform des Raumes repräsentiert sehen, erklärt sich also (zumindest anfänglich) rein durch sich selbst.
Kant erklärt dies schlussendlich so: „daß alle äußere Gegenstände unsrer Sinnenwelt nothwendig mit den Sätzen der Geometrie nach aller Pünktlichkeit übereinstimmen müssen, weil die Sinnlichkeit durch ihre Form äußerer Anschauung (den Raum), […] jene Gegenstände als bloße Erscheinungen selbst allererst möglich macht.“ (Prolegomena, 1783)
So führt Kant dann auch das Problem von einigen Philosophen und Mathematiker vor, die zwar nicht an der Richtigkeit ihrer geometrischen Sätze zweifelten, aber an ihrer allgemeinen Gültigkeit in der Natur. Dies sei, laut Kant, aber eine falsche Denkweise, denn die Natur von der überhaupt gesprochen werden kann, bereits eine Erscheinung, geformt durch unsere Anschauungsformen von Raum und Zeit ist. Alle Gegenstände unserer Erfahrung sind Erscheinung 11 , alle Erscheinung, bzw. Anschauung ist geformt
durch den Raum. Die Geometrie ist somit von vorneherein korrekt - insofern sie sich auf die Erscheinungswelt bezieht.
Kant nimmt hier auch als Referenz die Metaphysiker, welche der Geometrie vorwerfen, dass sie nicht „zu den Quellen ihrer Begriffe zurückgeht“ - was laut Kant aber nicht notwendig (oder möglich) ist, da wir nichts über die Quelle (das Ding an sich) sagen können, sondern uns immer mit der Erscheinung zufrieden geben müssen. Alles, was wir erkennen können, bezieht sich auf die Welt der Erscheinung. Das bedeutet aber auch, wie bereits erwähnt: die synthetischen Sätze a priori haben einen eingeschränkten 12 Geltungsbereich (die Erscheinungswelt) .
In der zweiten Anmerkung versucht Kant wohl Empiristen wie Hume zu zeigen, dass es sich bei seiner Theorie eindeutig nicht um einen absoluten Idealismus handelt. Er erklärt kurz die Theorie des Idealismus: Ein absoluter Idealismus versucht den subjektiven
11 Siehe dazu auch „Erscheinung und Ding an sich selbst“, Seite 4. 12 Auch hierzu, siehe auch „Erscheinung und Ding an sich selbst“, Seite 4.
9
Idealismus, der eine Subjekt-Objekt-Spaltung beinhaltet, zu überwinden. Die geistige Welt der Ideen und die materielle, objektive Welt der Fakten und Gegenstände werden zu einer Einheit durch den geschichtlichen Begriff der Vernunft. Der Idealismus hebt dadurch quasi sich selbst in die Realität auf.
Kant jedoch meint, dass der Idealismus zu radikal denkt. Das Ding an sich selbst ist unerkennbar. Doch: Das Ding an sich selbst gibt es (irgendetwas muss unsere Sinneseindrücke ja auslösen - es kann keine Erscheinung geben ohne etwas, das erscheint), aber wir können nichts über es wissen. Wir kennen die Dinge nur, wie sie für uns sind, wie sie uns erscheinen, nicht wie sie an sich sind. Kant gesteht zwar ein, eine Form von Idealismus in seinem Kritizismus zu beinhalten (später: transzendentaler Idealismus), doch distanziert er sich eindeutig von seinem absolutistischen (wirklichen)Vorgänger.
Gegen Vorwürfe
In Kants dritter und letzter Anmerkung will er sich dem Vorwurf äußern, der behauptet, dass, wenn alle empirische Erkenntnis uns nur zeigt, wie die Dinge scheinen und nichts über die Dinge an sich preisgeben, alle Dinge der Sinnenwelt nur Schein sind. Dem entgegnet Kant, dass dies so nicht richtig sei. Mit Schein wird meist „Unwahrheit“ gemeint oder es wird mit Trug gleichgesetzt. Doch sagt Kant, dass Ergebnissen oder Erkenntnissen aus anerkannten Wissenschaften durchaus Wahrheit inne wohnt. Und dies, weil sie sich teils zwar auf Empirisches berufen (Erscheinungen) aber wiederrum sowieso nur in diesem Geltungsbereich wahr sind. D.h. sie sind wahr für uns (und somit tatsächlich wahr), aber sagen natürlich weiterhin nichts über die Dinge an sich aus. So nennt Kant auch die empirischen Feststellung als Beispiel, bei denen man zu sagen pflegt: „Es scheint so.“ Es gilt, aber nur für den uns empfindbaren Erkenntnisbereich (der ebenfalls erweiterbar ist).
Kant erklärt dann wieder einmal, dass Raum und Zeit nur als der Sinnlichkeit notwendige Bedingungen denkbar wären, da das Denken von Raum und Zeit in den Dingen an sich nur Schein hervorruft. Und dies ist ja nicht der Fall (da Kant synthetische Sätze a priori bewiesen hat).
Weiter kritisiert Kant auch noch einmal scharf die Metaphysik, indem er ihr erneut vorwirft, einer Verwechslung zu unterliegen, „weil man Erscheinungen, die doch bloße Vorstellungen sind, für Sachen an sich selbst nahm“ (Prolegomena, 1783). Weiterhin erklärt er, warum Metaphysik sich in Ungereimtheiten und Sinnlosigkeit verstrickt: „daß Erscheinung, so lange als sie in der Erfahrung gebraucht wird, Wahrheit, sobald sie aber über die Grenze derselben hinausgeht und transscendent wird, nichts als lauter Schein hervorbringt.“ (Prolegomena, 1783) 13
13 Metaphysik beschäftigt sich laut Kant mit leeren Begriffen. Siehe dazu auch „Fragestellung und Terminologie“, Seite 2 und folgende.
10
Literaturverzeichnis
Höffe, O. (Hrsg.) (2008): Klassiker der Philosophie 2. Von Immanuel Kant bis John Rawls. München: C.H. Beck.
Kant, I. (1787): Kritik der reinen Vernunft. Hamburg (1998): Felix Meiner Verlag. Kant, I. (1783): Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik. Hamburg (2001): Felix meiner Verlag.
Ratke, H. (1991): Systematisches Handlexikon zu Kants Kritik der reinen Vernunft. Hamburg: Felix Meiner Verlag.
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Philippe Schannes, 2009, Kants Prolegomena: Wie ist reine Mathematik möglich?, München, GRIN Verlag GmbH
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