Gliederung:
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1. Einleitung
4
2. Die Krise im Mutterland als Einsatz der Identitätsfindung Mexikos
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2.1. Demographische Zusammensetzung in Mexiko und Mexiko City um
1808
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2.2. Mexiko City um 1808
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3. Die Aufklärung und ihr Menschenbild: Anfänge des National-
bewusstseins
4. Actas del Ayuntamiento de México - Dokumente der Emanzipation ? 12
5. Fazit 16
6. Anhang
2
1. Einleitung
„Der elektrische Funke der Französischen Revolution, der gleichzeitig auf alle übrigen
Völker übersprang, die einen zerstörte und die anderen im Inneren erschütterte, setzte
auch diese [amerikanischen] Länder in Bewegung und trug in sie die ersten Anfänge von
Zwietracht und den glühenden Wunsch nach Unabhängigkeit in sie hinein.“ 1
So schreibt Bischof Manuel Abad y Queipo am 30. Mai 1810 an den König, nachdem das Krisenjahr 1808 in Spanien mit der Eroberung Napoleons nicht nur das Mutterland, sondern auch die hispano-amerikanischen Staaten erschütterte. Folgende Arbeit wird sich mit dem Loslösungsprozess Mexikos vom Mutterland Spanien beschäftigen. Im Mittelpunkt der Fragestellung soll dabei der Einfluss von aufklärerischem Gedankengut hinsichtlich der Entwicklungen in Mexiko im Jahre 1808 als eventuelle Konsequenz neuer Denkweisen stehen. Setzte sich der Fall des ancien régime in Frankreich also mit der Eroberung Spaniens durch Napoleon fort und wenn ja, welche Folgen lassen sich daraus für die spanischen Kolonien am Beispiel Mexikos ableiten?
Zu Beginn soll dafür durch eine Betrachtung der gesellschaftlichen Verhältnisse in Mexiko um 1808 eine Argumentationsbasis gelegt werden, aus deren soziokulturellen Kernpunkten die politischen Motivationen verschiedener Gruppen dargelegt werden. An dieser Stelle soll insbesondere herausgearbeitet werden, inwiefern von 1808 bis zu den Anfangsjahren des Unabhängigkeitskrieges ein solch radikaler Entzug von Loyalität für das spanische Königshaus erfolgen konnte. Daran anknüpfend wird eine Gegenüberstellung von Identitätsfindung auf mexikanischer Seite und Blick und Wertung aus Europa einen weiteren Aspekt der Krise beleuchten.
Der Hauptpunkt der Arbeit wird sodann in einer Analyse ausgewählter Quellen aus den „Actas del Ayunamiento de México“ liegen. Diese Sequenzen werden im Kontext der Geschehnisse in Spanien 1808 gelesen, um mögliche Parallelen und Differenzen zwischen Denkrichtungen von Vertretern beider Hemisphären auszumachen. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass das Hauptaugenmerk auf Spuren der Aufklärung in den Dokumenten selbst liegen
1 Zitiert nach: de la Torre Villar, Ernesto: La Constitución de Apatzingán y los creadores del Estado Mexicano,
S. 154 ff.
3
wird, welche anschließend den Diskurs zu Aufklärung und Nationalbewusstsein und ihrer Bedeutung eröffnen sollen.
2. Die Krise im Mutterland als Einsatz der Identitätsfindung Mexikos
Geschichtlich am ehesten fixieren lässt sich der Ausbruch der Krise in Spanien wohl am 19. März 1808. Der Aufstand von Aranjuez lässt durch die breite Unterstützung aus Militärkreisen und der Bevölkerung darauf schließen, dass die Regierung der bourbonischen Herrschaft Karls IV. schon über einen längeren Zeitraum Unzufriedenheit innerhalb des Volkes gesät hatte, die nun zum Ausbruch kam. Insbesondere die Einsetzung Godoys durch Karl IV. zum eigentlichen Regenten mag ein signifikanter Auslöser des Aufstandes gewesen sein, an dessen Ende die Entlassung Godoys und die Abdankung Karls IV. zugunsten seines Sohnes Ferdinand VII. stand. Zudem ist der Einmarsch napoleonischer Truppen in Spanien zum Durchmarsch nach Portugal als weiterer Auslöser des folgenreichen Protestes zu betrachten. 2 Nach dieser Skizzierung der Krise in Spanien lässt sich im Folgenden eine genauere Betrachtung der Ereignisse auf mexikanischer Seite anschließen. So lässt sich als Einstieg feststellen, dass nach der Nachricht über den Zusammenbruch der spanischen Monarchie von einer Entzweiung kreolischer und europaspanischer Partei noch nicht gesprochen wurde. Eher das Gegenteil wird beschrieben: So begriffen sich die Bewohner Neuspaniens als treuste Untertanen der spanischen Monarchie und waren bereit, diese auch in dieser krisenlastigen Phase zu stützen. Dieser Aspekt ist besonders hervorzuheben, da 1812 in der audiencia beispielsweise noch mit leicht nostalgischem Blick an die einstige Königstreue der Neuspanier erinnert wurde. 3 Es stellt sich also die Frage, was neben der Krise des Königshauses selbst und dem daraus hervorgehenden Zerfall der spanischen Monarchie zum Bruch zwischen Spanien und Mexiko führte. Wie in der späteren Quellenanalyse deutlich werden wird, ist nicht an erster Stelle die Instabilität der Kolonialmacht für die auf Hispanoamerika übergreifende Krise verantwortlich, sondern erst durch den Eingriff Napoleons setzt in Mexiko der Emanzipationsprozess ein. Genauer: erst im Juli 1808, als die spanische Königsfamilie in Gewahrsam des
2 Vgl. König, H.-J. (Hg.): Kleine Geschichte Lateinamerikas, Stuttgart 2006, S. 214 ff.
3 Vgl. Meißner, J.: Eine Elite im Umbruch, Stuttgart 1993, S. 226.
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französischen Kaisers Napoleon nach Bayonne geholt gebracht wurden und dort ihm zugunsten auf ihre Thronrechte verzichteten, kamen in Mexiko Zweifel an der Loyalität zu Spanien auf. 4
„Kaum hatten sich die Nachrichten […] in der Öffentlichkeit verbreitet, als die Indios sich schon weigerten, weiterhin Tribut zu entrichten. Ihre Begründung war, sie hätten ja keinen König mehr.“ 5
An diesem Zitat können zwei Sachverhalte sehr gut sichtbar gemacht werden: zum Einen, dass auch die native Bevölkerung Mexikos sich den spanischen König als Identifikationsfigur ausgewählt hatte und durch diesen daher auch Neuspanien repräsentiert sah. Auf der anderen Seite wird deutlich, dass sie neben eben diesem obersten Repräsentanten keinen anderen duldeten. Der spanische König als Souverän musste also Bestand haben, um aus den Augen der hier angesprochenen Indios eine Tributzahlung rechtfertigen zu können. Hier lässt sich die Vermutung aufwerfen, dass sich auch die native Bevölkerung Neuspaniens eben nicht als Kolonie definierten, sondern sich dem Mutterland Spanien dazugehörig und deshalb auch nur diesem verpflichtet fühlten. Napoleon mit seiner Intervention in Spanien störte diese Bindung von Amerika nach Europa nun und löste damit spätestens durch die Einsetzung seines jüngeren Bruders Joseph Bonaparte im Mai 1808 zum rey de espana e indias auch mit Protesten aus Hispanoamerika rechnen musste. 6
Es ist also schon hier ein Definitionsproblem auf mexikanischer Seite vorhanden, da ohne spanischen König der Souverän fehlte und damit auch die Frage nach der nun geltenden Definition der Staatsform aufgeworfen werden konnte. „Podría haberse recurrido a términos clásicos como monarquía o estado, al prohibirse recurrir al ejemplo francés e invocar la “république” como tal y aún menos el de imperio por el gran enemigo Napoleón, tras haberse conservar el sistema monárquico.“ 7
Inwieweit der angesprochene Protest gegen Napoleon, der in der Quellenanalyse des Hauptteils noch genauer behandelt werden soll, die verschiedenen ethnischen Gruppen Mexikos eventuell zu einer gemeinsamen Gegenbewegung
4 Ebd., S. 227 f.
5 Zitat von Manuel Flon, nach: Brief des Conde de Cadena vom 6.8.1808 an den Vizekönig Iturrigaray, HYD I,
S. 510.
6 Vgl. König, H.-J. (Hg.): Kleine Geschichte Lateinamerikas, S. 214 ff.
7 Pietschmann, H., Nación e individuo en los debates de la época preindependiente, in: Dahmen, W., u.a.
(Hrsg.): Lengua, historia e identidad. Sprache, Geschichte und Identität. Spanische und hispanoamerikanische
Perspektiven, S. 24.
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Arbeit zitieren:
Wiebke Meeder, 2008, Das Krisenjahr 1808 in México City, München, GRIN Verlag GmbH
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