Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 1
2. Hauptteil. 3
2.1 Erstes Gedicht: Nähe des Geliebten (1795) 3
2.1.1 Vorbemerkungen 3
2.1.2 Gedichtaufbau 4
2.1.3 Paraphrasierter Inhalt und Interpretationsansätze. 5
2.1.4 Weitere Interpretationen und Schlussbemerkung 7
2.1.5 Überleitung und Vorbemerkungen zum zweiten Gedicht 9
2.2 Zweites Gedicht: Wiederfinden (1819) 11
2.2.1 Gedichtaufbau 13
2.2.2 Paraphrasierter Inhalt und Interpretationsansätze 13
2.2.3 Schlussbemerkung 18
3. Schluss. 20
4. Literatur. 21
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1. Einleitung
Die Liebe: Ein anscheinend unerschöpfliches Thema. Seit jeher beschäftigen sich Menschen mit diesem facettenreichen Gefühl. Philosophen, Künstler, Musiker und Autoren aller Epochen widmeten ihre Aufmerksamkeit und ihr Schaffen den zwischenmenschlichen Wahlverwandtschaften. Insbesondere Vertreter der Liebeslyrik schöpften generationen- und kulturübergreifend aus dieser unendlichen Stoffquelle. Dichter ermüdet es bis heute nicht, das Ewiggleiche und schon etliche Male zuvor Formulierte in immer wieder andere Wortgewänder zu verpacken. Reale Erfahrungen, zu lieben und/oder geliebt zu werden oder auch nur das Gefühl, sich nach beidem zu sehnen, stifteten und stiften nicht selten den Antrieb für künstlerische Produktivität. Somit schafft die (körperliche) Liebe nicht nur Leben, sondern das Gefühl kann auch, an- oder abwesend (Sehnsucht), eine Befruchtung der Kunst bewirken. Aufgrund dieser ewig-möglichen Wechselwirkung zwischen Liebe im Leben und Kunst, ist die Stoff- und Inspirationsquelle als unendlich einzustufen.
„Ich möchte damit ausdrücken, was ich im Innersten fühle“, ist ein häufig geäußerter Satz von Kunstschaffenden, ziehen wir hierfür moderne Musiker, expressionistische Künstler oder Poeten als Beispiele heran. Solchen aberwitzigen Ansprüchen kann das Werkzeug der Mitteilung, die Sprache, gar nicht gerecht werden. Ein Gefühl bleibt ein Gefühl. Die unmittelbare Verwandlung der Liebe in ein Bild, eine Melodie, Gesprochenes oder schwarze Punkte, Kringel und Striche auf Papier kann niemals gelingen. Die ursprüngliche Form, besser gesagt: ursprüngliche Formlosigkeit, bleibt selbst für den eifrigsten und talentiertesten Künstler immer unerreichbar. Er kann dem Gefühl lediglich ein Bild, ein Lied oder ein Gedicht widmen - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das höchstmögliche Ziel eines Künstlers kann nur sein, seine Rezipienten in den Genuss von gelungener Kunst kommen zu lassen, nicht aber, ihnen lebhaft gefühlte Zustände zu präsentieren. Die unter Literaturwissenschaftlern oder Historikern geläufige Bezeichnung „Erlebnislyrik“ für Gedichte, die angeblich den Anschein der Unmittelbarkeit des Dargestellten erwecken können, ist von daher unsinnig. Der Begriff entbehrt allerdings nicht einer gewissen Komik. Es herrscht
1 Römischen Elegien I von Johann Wolfgang von Goethe. Zitiert aus: Lexikon der Goethe Zitate, hrsg. von Richard Dobel, Zürich/Stuttgart: 1968, S.770.
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weitläufig die Vorstellung, dass die Texte in einem Zug geschrieben und im Nachhinein durch Reflexion nicht mehr verändert wurden. Grotesk-lustig, angesichts der hohen Wahrscheinlichkeit, dass die als Erlebnislyriker Bezeichneten oftmals viele Stunden, Tage, Wochen, gar viele Monate über den Endfassungen ihrer Gedichte brüteten. Auch bei genauer Betrachtung und Analyse der Metaphorik, des Rhythmus oder der Strukturen der Gedichte, wird diese Vorstellung, die durch die Genieästhetik im Sturm und Drang geprägt wurde, unwahrscheinlich. Als Inbegriff der Erlebnislyrik gelten vor allem die frühen Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe. Ihnen wird ein durchweg subjektiver Charakter zugeschrieben. Das Gedicht Mir schlug das Herz wird bis heute in Schulklassen als Musterbeispiel der Erlebnislyrik serviert. Nach dem Lesen vermittelt es vielleicht tatsächlich zuerst den Eindruck, beim Ritt des erlebenden, lyrischen Ichs durch die anbrechende Nacht, unmittelbar dabei zu sein. Bei genauerer Betrachtung und der Konzentration auf den Text wird jedoch offensichtlich, dass das erzählende, lyrische Ich sich nur sehr nah an der Stimmung des erlebenden, lyrischen Ichs bewegt und dessen Stimmungen nachträglich noch einmal inszeniert. Das von Goethe gewählte Präteritum, das unaufhörlich Vergangenes bezeichnet, ist der offensichtlichste und nicht zu widerlegende Beweis hierfür. In der folgenden Arbeit möchte ich mich daher von dem Begriff der Erlebnislyrik distanzieren. Ich werde zwei (wahrlich gelungene) Kunstprodukte, in denen Goethe - wie so oft - die Liebe als Gegenstand wählte, analysieren, interpretieren und hinsichtlich einiger Punkte vergleichen: Das Gedicht Nähe des Geliebten (1795) und das später im West-Östlichen Divan (1819) veröffentlichte Gedicht Wiederfinden aus dem Buch Suleika. Dabei halte ich mich (weitestgehend) an die überlieferten Texte, mögliche biographische Bezüge spreche ich beim zweiten Gedicht, aus gegebenem Anlass, lediglich kurz an. Anhand des Gedichtvergleichs wird deutlich, dass Goethe seine Liebeslyrik in der Zwischenzeit der beiden Veröffentlichungen auf eine höhere Stufe brachte. Der Gegenstand des ersten Gedichts, die Liebe in Gestalt der bitter-süßen Sehnsucht, ist noch fest im Irdischen verankert. Im später veröffentlichten Gedicht erweitert der Mittsechziger seinen Blick auf die Liebesthematik um eine kosmische Dimension. Er lässt sein lyrisches Ich die Liebe zum Weltprinzip erklären. Was wäre die Welt ohne die Liebe? Mit einer kosmogonischen Begründung deutet er im Gedicht Wiederfinden die Antwort auf diese rhetorische Frage an, die er einst in den Römischen Elegien überschwänglich aufwarf.
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2. Hauptteil
2.1 Erstes Gedicht: Nähe des Geliebten
1 Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer Vom Meere strahlt;
Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer In Quellen malt.
5 Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege Der Staub sich hebt; In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege Der Wandrer bebt.
Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen Die Welle steigt. 10
Im stillen Haine geh` ich oft zu lauschen, Wenn alles schweigt.
Ich bin bei dir; du seist auch noch so ferne, Du bist mir nah!
15 Die Sonne sinkt; bald leuchten mir die Sterne. O wärst du da! 2
2.1.1 Vorbemerkungen
Das Liebesgedicht Nähe des Geliebten schrieb Goethe während seiner Zeit in Weimar im Jahr 1795. Ich möchte zur Einführung, wenn auch nur sehr kurz, Goethes biographische Situation erwähnen. Sechs Jahre vor Entstehung des Gedichts, im Dezember 1789, gebar ihm Christiane Vulpius den Sohn August, der als einziger von fünf Sprösslingen das Kindesalter überlebte. Durch das 1788 aufgenommene Verhältnis zu Christiane war der Bruch zwischen Goethe und seiner Frau von Stein endgültig. Erst 18 Jahre nach der ersten Begegnung mit Christiane legalisierte Goethe die in der Öffentlichkeit nicht gern gesehene, unkonventionelle Lebensgemeinschaft durch die offizielle Eheschließung. Die Freundschaft des
2 Siehe: Karl Eibl (Hrsg): Johann Wolfgang von Goethe Gedichte 1756 - 1799, Frankfurt a. Main: 1987, S.647. In: Deutscher Klassiker Verlag: Johann Wolfgang von Goethe Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche, I. Abteilung: Sämtliche Werke, Band 1, hrsg. von ders. u.a., 2.Auflage, Frankfurt a. M.: 1998. Im weiteren Verlauf der Arbeit beziehe ich mich auf diese Textvorlage. Alle verwendeten Zeilenangaben zum Gedicht Nähe des Geliebten) berufen sich hierauf.
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damals 46-Jährigen zu Friedrich Schiller war kurz nach der Entstehung des Gedichts am Aufblühen. In die Geschichtsbücher ging diese Schaffenszeit (1794 bis 1805) im eng gefassten Sinne 3 als Weimarer Klassik ein. Seine Abgrenzungsbestrebungen zum Sturm und Drang und die Hinwendung zum klassischen Altertum, der Welt der Antike und Renaissance, gingen ineinander über. Auf die politische Situation, in der unruhigen, unsicheren Zeit nach der Französischen Revolution, deren Auswirkungen auch das deutsche Reich nicht unberührt ließen, möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen. Ich komme stattdessen gleich zur Analyse des ersten Gedichts.
Goethes Nähe der Geliebten basiert auf dem Gedicht Ich denke dein von der damals anerkannten Dichterin Friederike Brun (1765-1835). Beide Werke durchzieht das Motiv der Sehnsucht - der abwesenden Liebe. Den Ausdruck „Ich denke dein“ übernahm Goethe wörtlich aus dem Gedicht von Brun, ebenso die Strophenform. Der Dichter wählte allerdings andere Bilder und ließ sein lyrisches Ich andere, weniger melancholische, Vorstellungen vertreten. Im Ganzen sind auch seine Variierungen im Schema „kunstvoller“ gestaltet.
2.1.2 Gedichtaufbau
Goethes Nähe des Geliebten gliedert sich in vier Strophen mit jeweils vier Versen. Auf eine Langzeile folgt jeweils eine Kurzzeile. Das Metrum ist hierbei ein abwechselnd fünf- und zweihebiger Jambus. Das Reimschema wird aus regelmäßigen, reinen Kreuzreimen (abab) mit abwechselnd weiblichen und männlichen Kadenzen gebildet. Die Gedichtstruktur erinnert an den Aufbau eines Liedes. Die Kernaussage „Ich denke dein“ wiederholt sich in jeder Strophe in einer Variation, ähnlich wie der Refrain eines Liedes. Die abwesende Person wird dem lyrischen Ich in Gedanken präsent, wenn es eine bestimmte oder unbestimmte Gegebenheit in seinem Umfeld wahrnimmt. Diese beständig wiederkehrende, variierende Formel verleiht dem Gedicht die narkotische Wirkung einer Litanei. Im Verlauf des Gedichts ergreift die wiederholte Formel die Sinnesebenen des Hörens, Sehens und Fühlens. Die Aussage wirkt daher immer dringlicher. In der
3 Weiter gefasste Definitionen versammeln unter der Weimarer Klassik das ganze Wirken des Viergestirns Wieland, Goethe, Herder und Schiller in Weimar oder lassen die Epoche schon nach Goethes erster Italienreise (1786) beginnen. Informationen hierzu erhalten aus: Metzler Goethe Lexikon, hrsg. von Benedikt Jeßing u.a., Stuttgart/ Weimar:2004, S.242, 464 ff.
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Arbeit zitieren:
Steffi Mohr, 2009, Goethes Liebeslyrik im Wandel , München, GRIN Verlag GmbH
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