1. Einleitung
Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit der Bedeutung und Wirkung von Filmmusik, speziell bezogen auf Tom Tykwers Filme Winterschläfer (1997), Lola rennt (1998) und Das Parfüm (2006).
Als erstes wird die Bedeutung von Filmmusik analysiert, ihre Funktionen und mit welchen Mitteln sie das filmische Bild und die Handlung des Filmes unterstützt. Im zweiten Teil der Arbeit, wird ermittelt, wie Filmmusik den Zuschauer beeinflusst und ins filmische Geschehen hineinzieht, welche Wirkung Musik im Film auf den Rezipienten hat.
Dieser Gegenstand wird behandelt, da obwohl Filmmusik ein bedeutendes gestalterisches filmisches Mittel ist, ihre Wichtigkeit oft in Filmanalysen übersehen wird, da in der menschlichen Wahrnehmung das Sehen eine größere Rolle spielt als das Hören. Die meisten Filmanalysen konzentrieren sich hauptsächlich auf den visuellen Teil eines Filmes und vernachlässigen die Analyse der Tonebene. Filmmusik ist zwar ein rein funktionales Medium und wird vom Zuschauer meistens nur unbewusst wahrgenommen, dennoch für die Illusionsherstellung in Filmen fast unverzichtbar. Der Regisseur Tom Tykwer hat die Wichtigkeit der Filmmusik erkannt und achtet in seinen Filmen ganz besonders auf den Einsatz von Filmmusik. Im Gegensatz zu den meisten anderen Filmen, wo die Musik erst nach Fertigstellung des Filmes hinzugefügt wird entsteht bei ihm das filmische Bild und die Filmmusik parallel Daher sind seine Filme Musterbeispiele für den wirkungsvollen Musikeinsatz im Film.
In dieser Arbeit soll die Wichtigkeit von Filmmusik ermittelt und betont werden. Es soll begründet werden, warum im Idealfall die Tonebene (und speziell die Musik als wichtiges Element dieser) und die Bildebene für den Film von gleicher Bedeutung sein sollen, an Filmen von Tom Tykwer, in denen die Filmmusik eine tragende Bedeutung hat und den Rezipienten in seiner filmischen Wahrnehmung beeinflussen.
3
2. Bedeutung von Filmmusik: 2.1. Funktion von Filmmusik:
„Musik tritt als eine selbständige Mitteilungsebene (Soundtrack) zu den Bildern, die Bedeutungen akzentuieren kann. Sie kann das visuell Gezeigte mit emotionalen Qualitäten versehen und in spezifischer Weise interpretieren.“ 1 Von den drei Tonebenen (Sprache, Geräusche und Musik) ist die Filmmusik die erste, die in Filmen schon in der Stummfilmzeit in Form von Klavier- oder sogar Orchesterbegleitung eingesetzt wurde.
Musik im Film dient zur Illusions- und zur Stimmungsverstärkung, indem sie den Zuschauer ins filmische Geschehen „hineinzieht“. Filmmusik wird vom Zuschauer meistens unbewusst wahrgenommen. Hierbei entsteht oft der Eindruck, dass sie erst bemerkt wird, wenn sie fehlt, da sie von dem visuellen Filmgeschehen, oder von der sprachlichen Ebene in der Regel überdeckt wird. Filmmusik ist also ein überhörbares, funktionales Medium, was für das Zusammenwirken mit den filmischen Bildern erzeugt wird, das visuell Gezeigte also lediglich unterstützen soll. 2 Die Hauptfunktion von Filmmusik ist dramaturgisch zu funktionieren, sich mit dem Bild zu einem Ganzen zusammenzufügen. Sie kann von einem Thema zum anderen überleiten, schafft Stimmungsumbrüche, unterstreicht und verstärkt bestimmte Passagen im Film. Filmmusik schafft Emotionen, baut Atmosphäre auf, verdeutlicht Erzählzusammenhänge und kann auch Widersprüche erzeugen. Es gibt unterschiedliche Formen von Musikeinsatz im Film. Im Folgenden werden die wichtigsten kurz aufgeführt:
„Musik eingesetzt werden um Bewegungsvorgänge und Naturphänomene zu beschreiben oder zu imitieren, zum Beispiel Gewitter oder Eisenbahnfahrten. Musik charakterisiert durch die Erzeugung musikalischer Tableaus Landschaften. Sie bedient sich Typisierungen, bei Zuschauern vorhandenen Klischees (nationale Musiktraditionen oder schauplatztypische Klangfarben), um so den Ort und die Zeit des filmischen Geschehens zu verdeutlichen. Filmmusik wird auch zur Genrecharakterisierung eingesetzt. Die unterschiedlichen Filmgenres haben unterschiedliche musikalische Stereotypen an denen sie sich bedienen, um so Stimmung zu erzeugen.“ 3 Musik im Film ist folglich kein eigenständiges Merkmal,
1 Hickethier/Film u Fernsehanalyse S. 94
2 Birger/Montage AV
3 vgl. de la Motte/Emons/Filmmusik
4
wird also als Teil eines umfassenden Kontextes erlebt, ist für das Funktionieren eines Filmes jedoch von prägnanter Bedeutung.
2.2. Musik und Bild
2.2.1. Funktionale/Autonome Filmmusik
Die Verbindung von Filmmusik und dem filmischen Bild erweist sich oft als problematisch. Meistens wird die Musik passend zu einem davor schon existierenden Bild komponiert, muss sich ihm also anpassen. Eine Ausnahme ist der Regisseur Tom Tykwer, der sich meistens schon beim Schreiben des Drehbuchs Gedanken zur dazugehörigen Musik macht. Die Musik wird bei ihm nicht den Bildern angepasst, sondern entsteht gleichzeitig. „Musik ist für Tom Tykwer ein elementarer Teil in Filmen, er bezeichnet Film als etwas musikalisches, dem Rhythmus zugeordnetes.“ 4 Spielt die Filmmusik im Hintergrund einer Szene, also kaum wahrnehmbar, spricht man allgemein von funktionaler Musik. Sie wird erst durch die dazugehörigen Bilder plausibel. Musik, die unabhängig vom Bildkontext funktioniert, manchmal sogar im Kontrast zum filmischen Bild steht, wird als autonome Musik bezeichnet. In Tom Tykwers Filmen Winterschläfer (1997) und, Lola rennt (1998) wird größtenteils funktionale Musik verwendet. „Die Filmmusik dominiert nur an wenigen Stellen der Filme, sondern ergänzt, untermalt und rhythmisiert die Szenen meist diskret. Die Musik funktioniert zur Vertiefung der inhaltlichen Ebene, es findet nur selten ein Kontrast zwischen der akustischen und der bildlichen Ebene zum Zwecke des Distanzaufbaus statt.“ 5 Eine dieser Ausnahmen ist im Film Lola rennt zu vorzufinden. Während die Protagonisten Lola und Manni versuchen vom Ladenüberfall zu fliehen wird der Blues Song „What a difference a day makes“ von Dinah Washington gespielt. Dabei werden alle anderen Geräusche komplett ausgeblendet, während sich die Handlung in Zeitlupe abspielt. Hier dominiert die Musik und baut Distanz zum fiktionalen Geschehen auf. Die altertümliche Blues Melodie steht im Kontrast zur Verfolgungsjagd, die in der modernen Großstadt Berlin stattfindet, also steht die Musik im Kontrast zum filmischen Bild. Das Lied ist melancholisch und langsam und verweist auf den weiteren Verlauf des Filmes, indem es die Aussage enthält, dass sich ein Tag in nur 24 Stunden prägnant verändern kann.
4 vgl. Töteberg/Szenenwechsel S. 32-33
5 vgl. Schuppach/Tom Tykwer S210-213
5
Ein Film von Tom Tykwer, der nur funktionale Musik aufweist ist „Das Parfüm“(2006). Hier untermalt die meist klassisch angehauchte Musik die Handlung und ergänzt lediglich das filmische Bild.
2.2.2. Musikalische Tableaus:
„Unter musikalischen Tableaus versteht man totale oder panoramierende Schwenks, in denen der Fortgang der Filmhandlung unterbrochen wird bzw. die Handlung sistiert wird, zugunsten des Blicks auf ihre Naturkulisse oder auf das von jeder unmittelbaren Funktion befreite Bild der Natur als des Gegenparts menschlicher Aktivität.“ 6 Gezeichnet wird dies durch ein primäres Moment von Statik und die obligatorische Anwesenheit von Musik. Tom Tykwer verwendet einige musikalische Tableaus im Film Winterschläfer. Die Handlung wird an einigen Stellen des Filmes unterbrochen, während die Kamera durch verschneite Landschaften fährt. Bei Minute 48-51 zum Beispiel wird eine sanfte melancholische, gleichzeitig aber auch eindringliche Melodie von Streichinstrumenten gespielt, während sich die Hauptdarsteller Laura und Rene näher kommen. Die Melodie wird anschließend beibehalten, allerdings wird die filmische Handlung verlassen und die Kamera fliegt über die verschneite Berglandschaft. Sie macht einen Zeitsprung, leitet zu Rene über, der in seiner Wohnung Photos in ein Album klebt, da diese seine einzige Erinnerungsmöglichkeit sind und anschließend einen Ortswechsel zum Vater, der verzweifelt versucht den Verursacher des Unfalls zu finden, bei dem seine Tochter schwer verletzt wurde und alle seine Hoffnungen auf seine Erinnerung von der Narbe des Täters setzt. Die Kamera fliegt wieder über die Schneelandschaft, die Musik bleibt gleich, steigert sich lediglich in ihrer Intensität und bekommt einen drohenden Unterton, während die Handlung förmlich stillsteht.
Der Zuschauer wird in dem Moment kurz vom filmischen Geschehen distanziert, weggerissen, bevor die Handlung weitergeführt wird. „Meistens werden musikalische Tableaus eingesetzt, wenn ein neues Kapitel, ein neuer Abschnitt in einem Film beginnen soll, ein Zeit- oder Ortswechsel stattfindet und dem Rezipienten diese Trennung bewusst werden soll, sodass er dem weiteren filmischen Geschehen noch problemlos folgen kann.“ 7
6 de la Motte/Emons/Filmmusik S. 120
7 vgl. Kesser/ Stars and Songs S. 58-64
6
Arbeit zitieren:
Sabine Kessel, 2008, Filmmusik: Bedeutung und Wirkungsweise, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Anwendung und Wirkung von Filmmusik
Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen
Seminararbeit, 26 Seiten
Italo Calvino und seine Lezioni Americane
Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit, 19 Seiten
Raising Rosebud - Das Narrationskonzept Backstorywound am Beispiel von...
Hausarbeit, 17 Seiten
Die Grausamkeit des Alltags. Wirkung des Films "Böse Zellen"...
Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen
Hausarbeit, 25 Seiten
"Drowning by numbers". (Die Verschwörung der Frauen) - Peter...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 13 Seiten
Der Rabe und der Fuchs - Lessings Bearbeitung der äsopischen Fabel
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Werkanalyse von Peter Greenaways "Der Koch, der Dieb, seine Frau ...
Seminararbeit, 13 Seiten
Die Fabel, ihre Entstehung und (Weiter-)Entwicklung im Wandel der Zeit...
Zusätzlich ein kurzer Vergleic...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 25 Seiten
Peter Greenaways Film der "Kontrakt des Zeichners" und seine...
Zwischenprüfungsarbeit, 46 Seiten
Filmmusik und ihre Funktionen aufgezeigt am Beispielfilm "Spiel m...
Facharbeit (Schule), 18 Seiten
Kooperatives Lernen im Schulunterricht
Grundelemente, Ziele, Methoden...
Pädagogik - Pädagogische Psychologie
Examensarbeit, 77 Seiten
Dennis O’Rourke’s methods and objects in 'The Good Woman of Bangko...
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Sabine Kessel's Text Filmmusik: Bedeutung und Wirkungsweise ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Sabine Kessel hat den Text Filmmusik: Bedeutung und Wirkungsweise veröffentlicht
Sabine Kessel hat einen neuen Text hochgeladen
Schweizer Film-Regisseure in Nahaufnahme
Von Höhenfeuer bis Herbstze...
Andrea Sailer, Peter Würmli
Frank Films - The Film and Video Work of Robert Frank
The Film and Video Work of Rob...
Brigitta Burger-Utzer, Stefan Grissmann
0 Kommentare