Möglichkeiten und Probleme einer
Literaturverfilmung am Beispiel von
Fassbinders ,,Fontane Effi Briest" (D 1974)
Possibilities and problems of a film adaptation
using the example of Fassbinders "Fontane
Effi Briest" (D 1974)
RWTH Aachen
Bachelorarbeit
im Sommersemester 2008
Christina Caelers
BA Geschichte/Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft
6. Fachsemester
eingereicht am 13.08.2008
2
Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung
S. 3
1a.
Literatur und Film - Freunde oder Feinde?
S. 3
2.
Theodor Fontane und Rainer Werner Fassbinder
Zwei Künstler und eine ,,Effi Briest"
S. 6
2a.
Theodor Fontane und sein Roman
S. 6
2b.
Rainer Werner Fassbinder und sein Film
S. 10
3.
,,Effi
Briest"
trifft
,,Effi
Briest"
Ein direkter Vergleich zwischen Roman und Verfilmung
S. 15
3a.
Credits und Inhaltsangabe der ausgewählten Szene
S. 15
3b.
Einstellungsprotokoll
S.
18
3c.
Vergleichende
Szenenanalyse
S.
23
4.
Ausblick
S. 28
5.
Literaturverzeichnis
S.
30
3
1. Einleitung
1a. Literatur und Film Freunde oder Feinde?
,,Feinheit und Kraft der Bildwirkung und der Gebärde machen die Kunst des Films aus.
Darum hat er nichts mit der Literatur zu schaffen!"
1
So schrieb der ungarisch-jüdische
Filmkritiker Béla Balász bereits 1924 und verdeutlichte damit, die grundsätzlichen
Bedenken gegenüber filmischen Literaturadaptionen, die bis heute sowohl unter
Literaturwissenschaftlern, als auch unter Filmtheoretikern und -kritikern Bestand
haben. Die Positionen beider Lager lassen sich wie folgt auf den Punkt bringen:
Literaturwissenschaftler und Buchautoren argumentieren häufig, dass es keinen Sinn
macht über gute oder schlechtere Verfilmungen zu diskutieren, weil die audiovisuellen
Medien und das Fernsehen insbesondere die Fantasie des Rezipienten unterdrücken,
ihn in seiner Eigenaktivität behindern und durch Wahrnehmungslenkung den
Rezeptionsvorgang gängeln. Der Rezipient wird aus dieser Sicht also zum ,,passiven,
gelähmten Zuschauer"
2
. Für diese Kritiker ist der Lesevorgang beim Buch hingegen ein
aktiver und kreativer, der die Einbildungskraft und Fantasie anregt und zu eigenen
Interpretationen führt. Das Buch lässt mehr Spielraum als der Film, da es weniger
Grenzen aufweist und nicht durch gewaltige Bilder beeinflusst. Erstaunlich ist, dass
Cineasten die negative Grundhaltung gegenüber Literaturadaptionen größtenteils
übernehmen, wenn auch aus anderen Beweggründen: Für sie sind solche Filme
Ausdruck einer schlechten Filmkultur und ein Symptom für eine von Staat und
Fernsehen beherrschten und dirigierten Kinofilmproduktion, das letztlich zu einem nicht
zu sich selbst gekommenen Film führt.
3
Damit wird die Problematik des bereits
vorhandenen Stoffes angesprochen, der lediglich noch ,,weiterverarbeitet" werden
muss. Sieht man sich den Großteil der in den letzten Jahren erschienenen
Literaturverfilmungen an, so muss man dieser Kritik auch zugestehen, dass sich viele
Verfilmungen auf das Handlungsgerüst der Vorlagen reduzieren, hier und da
effektheischende Bilder wirken lassen und die Dichtkunst nach Brauchbarem plündern
und demontieren. Imagesteigerung und Verdeckung des Mangels an verfilmbaren
eigenen Stoffen sind dann Vorwürfe, die sich die Filmbranche gefallen lassen muss,
weil sie sich gern gelesenen Werken bedient, um wirtschaftliche Krisen abzuwehren.
4
1
Béla Balázs: Der sichtbare Mensch. Eine Filmdramaturgie. Halle a. d. Saale 1924. S. 40.
2
Wolfgang Gast: Lesen oder Zuschauen? Eine kleine Einführung in den Problemkreis
,,Literaturverfilmung". In: Gast, Wolfgang: Literaturverfilmung. Hrsg. v. Hans Gerd Rötzer, Bamberg
1993. (themen, texte, interpretationen, Bd. 11). S. 9-10.
3
Vgl. W. Gast, K. Hickethier, B. Vollmers: Literaturverfilmungen als ein Kulturphänomen. In: Ebd. S. 14.
4
Vgl. Gaby Schachtschabel: Der Ambivalenzcharakter der Literaturverfilmung. Mit einer Beispielanalyse
von Theodor Fontanes Roman Effi Briest und dessen Verfilmung von Rainer Werner Fassbinder.
4
Jedoch kann man beiden Lagern mit der alten ,,Ausnahme der Regel"-Theorie
widersprechen. Entscheidend bei der Fragestellung, ob eine Literaturverfilmung nun
gut oder schlecht, sinnvoll oder sinnlos ist, ist der individuelle Blick auf Inhalt und Form
des Films, der den Zuschauer durchaus zu gedanklicher Aktivität stimulieren kann oder
eben nicht. Dies gilt aber genauso für das Buch und den Leseprozess. Es gibt
anregende und weniger anregende Themen und Schreibarten. So belebt Theodor
Fontane den Geist, Benjamin von Stuckrad-Barre weniger. Dies gilt auch für die
dementsprechenden Verfilmungen von Rainer Werner Fassbinder (,,Fontane Effi
Briest") und Georg Schnitzler (,,Soloalbum").
Aus den Kritiken ergibt sich sowohl die erwähnte Überschneidung, dass die
Literaturadaption im Allgemeinen als Endprodukt negativ gesehen wird, als auch ein
entscheidender Widerstreit, dem die Adaption nicht gerecht werden kann. Zum Einen
wird von den Literaturwissenschaftlern die Werktreue gefordert, zum Anderen fordern
die Filmtheoretiker die Demonstration von Eigenständigkeit.
5
Grade diese Diskussion
um das ,,Original" und in wie weit dieses aufgegeben werden darf oder beibehalten
werden muss bleibt eine endlose, wenn beide Lager den Gehalt der Literaturadaption
auf deren Vorlage hin festschreiben und ihr nicht zugestehen einen eigenen
Sinnhorizont zu entwickeln, der unmittelbar mit der literarischen Vorlage verknüpft ist.
Die Frage nach der ,,Werktreue" oder dem ,,Original" bleibt ohnehin schwierig, da eine
Definition kaum möglich ist. Die Grenzen zwischen Original, Plagiat und Kopie sind zu
schwammig und gleichzeitig unnötig. Denn ,,Literaturverfilmungen sind
Neuversinnlichungen literarischer Texte, Neuversinnlichungen, die gerade andere
Sinne der Zuschauer ansprechen als die literarischen Texte selbst. Literatur ist hier in
einem anderen Aggregatzustand."
6
So kann eine Verfilmung einfach nicht den
Anspruch haben der Vorlage voll und ganz zu entsprechen. Die Übertragung von
einem Medium ins andere macht dies schon rein technisch nicht möglich. Diese
angesprochenen Neuversinnlichungen müssen aber nicht ausschließlich negativ
bewertet werden. Es bleibt zwar nicht aus, dass sie den Text reduzieren, aber sie
können dessen Gehalt auch erweitern, indem sie die alten literarischen Sinnkonzepte
neu formulieren und deuten.
7
Richtet man den Blick weg von der Theorie hin zur Praxis, also von den Theoretikern
zu den Rezipienten, fallen vor allem zwei Dinge auf: Einerseits beklagen die, die den
Frankfurt a. M. 1984. (Europäische Hochschulschriften, R. 30: Theater-,Film- und Fernsehwiss., Bd. 16),
[Diss. Kassel 1983]. S. 9.
5
Vgl. Ebd. S. 12.
6
W. Gast, K. Hickethier, B. Vollmers: Literaturverfilmungen als ein Kulturphänomen. S. 20.
7
Vgl. Ebd.
5
Roman zuvor gelesen haben, dass die entsprechende Verfilmung der Vorlage nicht
gerecht werden konnte. Zu groß sind die hier hineingesteckten Erwartungen, die
überwiegend auf dem selbstgeformten Bild beruhen, das während des Lesens
entstanden ist. Der Rezipient findet seine Vorstellungen und Interpretationen im Film
nicht wieder und ist deshalb enttäuscht. Andererseits kommt ein Großteil (vor allem
Jugendliche) erst übers Kino und Fernsehen zu seiner ersten Berührung mit den
bedeutenden Romanen der Weltliteratur und erlangt so erst Wissen über die
literarischen Aussagen.
So wie viele Themen hat auch die filmische Literaturadaption ihre Vor- und Nachteile.
Ziel dieser Arbeit soll es sein, die bereits angeschnittenen Möglichkeiten und Probleme
der Literaturverfilmung anhand eines konkreten Beispiels, der Fassbinderschen
Verfilmung von Fontanes Roman ,,Effi Briest", aufzuzeigen. Dazu werden zunächst die
Autoren beider Werke vorgestellt und ihre Herangehensweise und Umsetzung der
Werke erläutert. Welche Bedeutung hatte ,,Effi Briest" für sie? Was wollten sie dem
Rezipienten vermitteln? Wie haben sie es umgesetzt? Im Anschluss werden die
vorangestellten Ergebnisse anhand einer ausgewählten Schlüsselszene konkretisiert,
um aufzuzeigen was bei einer Literaturverfilmung möglich und was problematisch ist.
Für diese Arbeit erwies sich eine Reihe von Arbeiten als lohnend, die sich den
dramaturgischen Aspekten der Literaturadaption widmen. Gaby Schachtschabel
erläutert ihre Theorie vom ,,Ambivalenzcharakter der Literaturverfilmung"
8
am Beispiel
von ,,Effi Briest". Irmela Schneider
9
spannt den Bogen weiter, wie auch Claudia
Gladziejewski
10
. Beide benutzen mehrere Beispiele und halten ihre Betrachtungen
allgemeiner. Die Durchsicht vieler Aufsätze
11
zum Thema Literaturverfilmung war
ebenfalls hilfreich. Nötig, um meine Aussagen zu unterstützen waren Zitate der
Autoren zu ihren Werken. Hierfür benutzte ich Briefe
12
von Fontane und Interviews
13
8
Gaby Schachtschabel: Der Ambivalenzcharakter der Literaturverfilmung.
9
Irmela Schneider: Der verwandelte Text. Wege zu einer Theorie der Literaturverfilmung. Hrsg. v. Dieter
Baacke, Wolfgang Gast, Erich Straßner, Tübingen 1981. (Medien in Forschung + Unterricht, Serie A, Bd.
4).
10
Claudia Gladziejewski: Dramaturgie der Romanverfilmung. Systematik der praktischen Analyse und
Versuch zur Theorie am Beispiel von vier Klassikern der Weltliteratur und ihren Filmadaptionen. Hrsg. v.
Georg Hoefer, Alfeld/Leine 1998. (Aufsätze zu Film und Fernsehen, Bd. 63) [Diss. Universität Hamburg
1997].
11
Wolfgang Gast: Literaturverfilmung. Hrsg. v. Hans Gerd Rötzer, Bamberg 1993. (themen, texte,
interpretationen, Bd. 11); Jürgen Wolff: Verfahren der Literaturrezeption im Film, dargestellt am Beispiel
der Effi-Briest-Verfilmungen von Luderer und Fassbinder. In: Der Deutschunterricht 33 (1981), Heft 4,
hrsg. v. Jürgen Wolff.
12
Theodor Fontane: Brief an Hans Hertz vom 2. März 1895. In: Fontanes Briefe in zwei Bänden.
13
Robert Fischer (Hg.): Fassbinder über Fassbinder. Die ungekürzten Interviews. Frankfurt a. M. 2004.
6
mit Rainer Werner Fassbinder. So auch Biographien
14
der Autoren und
Monographien
15
mit Interpretationsansätzen zu Fontanes Roman.
,,Ziel des Schreibens ist es, andere sehen zu machen." (Joseph Conrad)
2. Theodor Fontane und Rainer Werner Fassbinder
Zwei Künstler und eine ,,Effi Briest"
In der Diskussion um die ,,Rechtmäßigkeit" einer Literaturverfilmung gibt es ein
Beispiel, das wohl in beiderlei Hinsicht als Meisterwerk bezeichnet werden kann. Der
Roman ,,Effi Briest" von Theodor Fontane und der Film ,,Fontane Effi Briest" von Rainer
Werner Fassbinder schrieben beide in ihrem jeweiligen Genre Geschichte. Dieses
Kapitel wird zeigen, wer diese beiden Künstler waren, welche Beweggründe sie für ihre
Auseinandersetzung mit ,,Effi Briest" hatten, wie sie diese umsetzten und was das
Besondere daran war und ist.
2a. Theodor Fontane und sein Roman
Theodor Fontane (*30.12.1819 in Neuruppin, 20.09.1898 in Berlin) war ein
approbierter Apotheker, Zeitungskorrespondent, kleiner Kriegs- und
Reiseberichterstatter, aber vor allem zu Lebzeiten lang verkannter deutscher
Schriftsteller. Heute wird Fontane im literaturgeschichtlichen Kontext mit dem
poetischen oder bürgerlichen Realismus (1848-1890) genannt und als einer seiner
bedeutendsten Vertreter deklariert.
Als bürgerlichen Realismus bezeichnet man die literarische Phase, die sich nach der
Revolution von 1848 in Deutschland etablierte. Die Literaten grenzten sich mit ihren
Manifestationen, Rezensionen, Aufsätzen und Romanen von der späten Romantik ab,
die zunehmend als irrelevant erschien. Notwendig hingegen wurde, dem Zeitgeist
14
Herbert Spaich: Rainer Werner Fassbinder. Leben und Werk. Weinheim, 1992.
15
Christian Grawe: Theodor Fontane: Effi Briest. Hrsg. v. Hans-Gert Roloff, Frankfurt a. M. 1985.
(Grundlagen und Gedanken zum Verständnis erzählender Literatur); Elsbeth Hamann: Theodor Fontane,
Effie Briest. Hrsg. v. Klaus-Michael Bogdal und Clemens Kammler, 3. überarb. u. korr. Aufl., München
1988. (Oldenbourg-Interpretationen, Bd. 11).
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