Inhaltsverzeichnis
1. Bourdieus Theorien: Anwenden, anpassen oder “vergessen ? 3
2. Das Lebensstilkonzept Bourdieus 4
2.1 Die Entwicklung des Lebensstils aus dem Habitus. 4
2.2 Amor fati 5
3. Neuere Lebensstiltheorien. 6
3.1 Der Lebensstil als Option. 6
3.2 Sinnbasteln 7
4. Die flexibilisierte Arbeit. 8
4.1 Geschichte der Arbeitszeit 8
4.2 Flexibilisierung der Arbeitszeit. 9
4.3 Lebensweltliche Folgen. 10
5. Anwendungsmöglichkeiten der Lebensstilkonzepte im Vergleich. 11
5.1 Eine klassenlose Gesellschaft? 11
5.2 Fremdbestimmtheit in flexibler Arbeit. 12
6. Fazit. 14
7. Literaturverzeichnis 15
1. Bourdieus Theorien: Anwenden, anpassen oder “vergessen”?
Pierre Bourdieu hat der Nachwelt einen besonders umfangreichen Schatz an Instrumentarien zur empirischen Gesellschaftsanalyse hinterlassen. Zwar lassen sich seine Untersuchungen, die von der Spezifik ihrer räumlichen und zeitlichen Kontexte - wie dem Frankreich der sechziger und siebziger Jahre oder der vormodernen Lebensweise der Kabylen in Algerienuntrennbar sind, nicht ohne weiteres auf andere Gesellschaften übertragen. Seine bewusst offen gehaltenen und zur Weiterentwicklung einladenen Termini sind jedoch mit ein Grund für die anhaltende, und in den letzten Jahren wieder verstärkte Beschäftigung der Soziologie mit Bourdieus Gesellschaftstheorien.
In dieser Hausarbeit möchte ich der Frage nachgehen, inwieweit Bourdieus Theorien für die postindustrielle deutsche Arbeitsgesellschaft Gültigkeit besitzen. Als Untersuchungs-gegenstand beschäftigt mich das aktuelle und weitreichende Phänomen der Entgrenzung der Arbeit, vor allem in ihrer zeitlichen Dimension, jedoch soll auch die räumliche und qualitative Ebene Beachtung finden.
In diesem Kontext erscheint die Frage interessant, ob sich das von Pierre Bourdieu entwickelte strukturalistische Konzept des Lebensstils zur Alltagsbeschreibung des durch Arbeitszeitflexibilisierung geprägten modernen Arbeitnehmers eignet, oder ob es sinnvoller wäre, die bourdieusche Theorie “systematisch zu vergessen” wie an einer Stelle in der Literatur empfohlen wird 1 und sich der neueren Lebensstilforschung zu bedienen, die von einer relativ freien Wahl des Individuums aus Versatzstücken oder sogar von Komplettpaketen aus dem kulturellen Angebot ausgeht.
Bei der Definition von Lebensstil folge ich Stefan Hradil, der hierunter “eine bestimmte Organisationsstruktur des individuellen Alltagsleben(s)” versteht, einen “regelmäßig wiederkehrenden Gesamtzusammenhang von Verhaltensweisen, Interaktionen, Meinungen, Wissensbeständen und bewertenden Einstellungen eines Menschen” 2 .
1 Fröhlich, Gerhard; Mörth, Ingo: Lebensstile als symbolisches Kapital? Zum aktuellen Stellenwert kultureller
Distinktionen. In: Das symbolische Kapital der Lebensstile. Zur Kultursoziologie der Moderne nach Pierre
Bourdieu. Hrsg. v. Ingo Mörth und Gerhard Fröhlich. Frankfurt/Main: Campus 1994, S. 8.
2 Hradil, Stefan: Soziale Ungleichheit in Deutschland. Stuttgart: Leske + Budrich 2001, S. 437.
Im Folgenden werde ich die Entwicklung der Lebensstiltheorie Bourdieus aus dem Habituskonzept darlegen und ihre strukturalistischen Merkmale aufzeigen. Die Differenzen zu den neueren Lebensstilansätzen, am Beispiel des Sinnbastlers von Ronald Hitzler 3 , sollen letztendlich die Frage nach der Leistungsfähigkeit der Konzepte bei der Beschreibung des flexiblen Beschäftigten beantworten.
2. Das Lebensstilkonzept Bourdieus
Stefan Hradil ordnet die Lebensstiltheorie Pierre Bourdieus denjenigen zu, die Lebensstile als “Anpassungsprozesse sozialer Gruppen an 'objektive' Gegebenheiten der Sozialstruktur (Arbeits-, Wohn- und Einkommensbedingungen)” 4 betrachten. Diese These soll aus dem Habituskonzept Bourdieus abgeleitet und später im kritischen Vergleich mit Hitzlers Ansatz auf die Folgen flexibilisierter Arbeitsverhältnisse angewendet werden.
2.1 Die Entwicklung des Lebensstils aus dem Habitus
In seinem Hauptwerk “Die feinen Unterschiede” (1979) erklärt Bourdieu den Habitus als “Erzeugungsprinzip objektiv klassifizierbarer Formen von Praxis und Klassifikationssystem (principium divisionis) dieser Formen”, dabei können “unterschiedliche Existenzbedingungen (...) unterschiedliche Formen des Habitus hervorbringen”. 5 Den Habitus sieht Bourdieu also bedingt durch die Lebensumstände, die er in Konditionierungsklassen einordnet. Zwar kann man seinen Habitus auch nach der kindlichen Sozialisierungsphase noch verändern bzw. einen Sekundärhabitus ausbilden, der Primärhabitus bleibt jedoch von der Herkunft bestimmt und ist letztlich Unterscheidungsmerkmal zwischen dem “Mann von Welt” und dem Gelehrten. Ersterer ist in die “legitime Kultur” hineingewachsen und wird auf selbstverständliche Art und Weise mit ihr vertraut gemacht, letzterer eignet sich Kultur- und Bildungskapital später “pedantisch” an. 6
3 Hitzler, Ronald: Sinnbasteln. Zur subjektiven Aneignung von Lebensstilen. In: Das symbolische Kapital der
Lebensstile. Zur Kultursoziologie der Moderne nach Pierre Bourdieu. Hrsg. v. Ingo Mörth und Gerhard
Fröhlich. Frankfurt/Main: Campus 1994, S. 75-92.
4 Hradil: Soziale Ungleichheit, S. 442.
5 Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt/Main:
Suhrkamp 1982, S. 277ff.
6 Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 125ff.
Aus diesem von objektiven Lebensbedingungen, d.h. der Herkunft aus einer sozialen Schicht die über mehr oder weniger ökonomisches und kulturelles Kapital 7 verfügt, abhängigen Habitus leitet Bourdieu den Lebensstil ab: aus dem Spannungsfeld “der Hervorbringung klassifizierbarer Praxisformen und Werke (und) der Unterscheidung und Bewertung der Formen und Produkte (Geschmack) (...) konstituiert sich die repräsentierte soziale Welt, mit anderen Worten der Raum der Lebensstile” 8 . Lebensstil im bourdieuschen Sinne ist demnach nicht gleichzusetzen mit der Wahlfreiheit, das eigene Leben zu stilisieren und zu gestalten.Vielmehr sind es die Ressourcen der Herkunftsumgebung eines Individuums, die eine klassenspezifische Habitusform entstehen lassen und seinen Lebensstil vorrangig prägen. An dieser Stelle wird die Nähe Bourdieus zu den klassischen Schicht- und Klassenkonzepten deutlich, in denen sich äußere Lebensbedingungen in der inneren Haltung, einem Klassenbewusstsein oder schichtspezifischem Denken widerspiegeln.
2.2 Amor fati
Der entscheidende Mechanismus, der es möglich macht, dass sich die im Habitus manifestierten objektiven Lebensbedingungen in umfassender Weise in der Lebensführung und im Geschmack vor allem der mit weniger Kapital ausgestatteten Schichten 9 niederschlagen, ist “Amor fati”. Hiermit ist die Neigung von Individuen gemeint, die aus ökonomischen Zwängen heraus entstandene Lebensführung als frei gewählt zu stilisieren, die Not wird zur Tugend erhoben. Bourdieu untersucht in “Die feinen Unterschiede” minutiös die Essgewohnheiten verschiedener Klassen und attestiert den unteren Schichten einen “Notwendigkeitsgeschmack”, der sich klar aus der primären Funktion der Nahrungsaufnahme, der Sättigung und Regeneration der Arbeitskraft zu geringen Kosten, ableitet. 10 Höhere Schichten dagegen befinden sich in “Distanz zur Not-(wendigkeit)”, die materiellen Einschränkungen der Arbeiterklasse treffen auf sie nicht zu.
7 Im Folgenden ist mit “Kapital” der Begriff bourdieuscher Prägung gemeint, der sich auf ökonomischen
Besitz, Bildung und soziale Beziehungen bezieht (vgl. Hradil: Soziale Ungleichheit).
8 Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 278.
9 Die Begriffe “Schicht” und “Klasse” sollen auf eine vertikale Gesellschaftsordnung hinweisen, ich gebrauche
sie nicht streng nach den Kriterien von Weber oder Marx.
10 Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 290.
Arbeit zitieren:
Sebastian Heinrich, 2006, Der Lebensstil und die flexible Arbeit, München, GRIN Verlag GmbH
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