Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 2
2. Der Begriff der Heimat 3
3. Ingrid Babendererde. 5
3.1 Die topographische Ausstattung des Romans 5
3.2 Die Verortung der literarischen Landschaft in Mecklenburg. 6
3.3 Die Ahistorizität der Landschaftsbeschreibung und weitere topographische Aspekte 9
3.4 Die Funktion des Niederdeutschen im Roman „Ingrid Babendererde“ 11
3.5 Zeitroman oder Heimatroman? 12
3.6 Die Bedeutung der Heimat für die Protagonisten 13
4. Mutmassungen über Jakob 13
4.1 Topographie des Romans „Mutmassungen über Jakob“ 13
4.2 Die Verortung von Jerichow in Mecklenburg. 15
4.3 Topologie oder Konzeptualisierung von Heimat und Glück in den „Mutmassungen
über Jakob“ 16
4.3.1 Jakob. 17
4.3.2 Jonas 19
4.3.3 Gesine. 20
4.3.4 Rohlfs 22
4.4 Die Funktion des Niederdeutschen im Roman „Mutmassungen über Jakob“ 23
5. Vergleich der Darstellung der Heimat in den beiden Romanen. 24
6. Fazit. 24
7. Literaturverzeichnis: 26
Prim ärliteratur: 26
Sekund ärliteratur: 26
1
1. Einleitung
Wenn es einen Schriftsteller des geteilten Deutschlands gibt, dann ist das mit Sicherheit Uwe Johnson. Für ihn, den Chronisten deutscher Lebensläufe, bedeutete das Schreiben den Versuch, die eigene Herkunft zur Kenntlichkeit zu verhelfen. 1
Herr Mavromati hat sicherlich nicht Unrecht, wenn er behauptet, dass sich Uwe Johnsons Herkunft in seinen Werken wieder findet. Besonders die idyllische Landschaft Mecklenburgs, in der Uwe Johnson aufwuchs, scheint im Roman „Ingrid Babendererde“ auf seine Herkunft hinzudeuten. Doch Uwe Johnson scheint meiner Ansicht nach nicht nur seine Herkunft in das Zentrum seines Romans gestellt zu haben, sondern auch die damit eng verbundene Frage nach einer Heimat und dessen Bedeutung für den Menschen.
Uwe Johnson ist in Pommern geboren und in Mecklenburg aufgewachsen. Diese Region verließ er, da er als Schriftsteller auf die Großstadt angewiesen war. 1969 hoffte er, dass Berlin seine Heimat werden könnte, entschied sich dann aber nach New York zu gehen und schließlich in eine Kleinstadt an der Themsemündung zu ziehen. Es versuchte durchaus in Distanz zur Geburts- und Herkunftsregion und bei „fortbestehender politische[r] Heimatlosigkeit“ eine persönliche Heimat zu finden. Für sich selbst erklärte er, nicht ein „gesellschaftliches System“, nur ein „privater Bereich könne Heimat heißen: „das sind Personen, das ist eine Landschaft, dazu kann man sich bekennen. 2 Auch unabhängig von Johnsons Biographie soll in dieser Arbeit untersucht werden, was der Heimat in seinen Romanen für eine Bedeutung beigemessen wird. Was trägt die Literatur Uwe Johnsons dazu bei, zu klären, wie viel und welche Art von Heimat wir brauchen? Das Heimat-Motiv ist nicht nur in seinem Frühwerk, sondern auch in seinem Hauptwerk „Jahrestage“ präsent. Diese Arbeit soll eine motivgeschichtliche Untersuchung der beiden Frühwerke „Ingrid Babendererde“ und „Mutmassungen über Jakob“ umfassen. Die Protagonisten seiner Romane sehen sich im Laufe der Zeit mit den Fragen konfrontiert, was für sie ihre Heimat darstellt und ob sie ihnen zugänglich bleibt. Bevor die einzelnen Werke analysiert werden, soll eine Definition des Heimatbegriffs vorangestellt werden. Nach einer topographischen Analyse der Romane, soll dargestellt werden, wie die Protagonisten über ihre Heimat denken. Bei der Sichtung der Forschungsliteratur sind einige Aufsätze über die Bedeutung der Heimat in Uwe Johnsons Werk zu nennen. Zur Untersuchung dieses Themas hat insbesondere Norbert Mecklenburg beigetragen, aber auch die Untersuchungen zur
1 Mavromati, Fotini: Versuch, eine Heimat zu finden; Uwe Johnson, ein Chronist aus Mecklenburg. In: Impuls: Zeitung des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin, Schwerin: Stock & Stein Verlag, Heft 19. 1996. S. 17.
2 Schwarz, Wilhelm Johannes: Der Erzähler Uwe Johnson. Bern 1970. S.87.
2
literarischen Landschaft waren für diese Arbeit zu betrachten. Ein wichtiges Werk stellt dafür die Monografie „Literarische Kartografie“ von Nicola Westphal dar. Zur Verortung der literarischen Landschaft in Mecklenburg diente die literarische Spurensuche von Peter Nöldechen und Anja Scharsich. Das Motiv der Heimat fand in der literaturwissenschaftlichen Forschung zu Uwe Johnson bereits Berücksichtigung, obwohl häufig auch seine Erzählweise oder die politische Situation im Zentrum von vielen Untersuchungen steht.
2. Der Begriff der Heimat
Das Lexem „Heimat“ (mhd. heimuot[e]) ist auf das deutsche Sprachgebiet beschränkt. Es lässt sich nur schwer in andere Sprachen übersetzten. Der Begriff der Heimat ist sehr vieldeutig. Ein Bedeutungswandel des Lexems lässt sich ebenso beobachten. Ganz allgemein drückt er eine Beziehung zwischen einem Menschen und einem Raum aus. Es kann damit eine Landschaft, eine Stadt, ein Land oder eine Region gemeint sein. Im juristischen und geographischen Sinne wird „Heimat“ oft mit dem Geburtsort, dem Wohnort oder dem Herkunftsland verbunden. Insbesondere wurde der Begriff auch für den Bereich des Erbrechts verwendet. Noch heute gibt es in einigen Ländern wie z. B. der Schweiz ein Heimatrecht. In diesem Land entscheiden die Aufenthaltsdauer, die Staatsangehörigkeit und die Sprachkenntnisse über das Vorrecht einer Staatsbürgerschaft. Im Zeitalter der Industrialisierung erweiterte sich die Bedeutung des Begriffs. Als Gegenbewegung der Verstädterung stand der Regionalismus, der die Heimat als einen Ort kennzeichnete, in dem die Welt noch so wie in den vergangenen Zeiten war. Das Lexem erhielt folglich eine zusätzliche positive Konnotation als Abgrenzung zu den Problemen der Großstadt zu Zeiten der Industrialisierung. Nach 1848 richtete sich ein regelrechter Heimatkult gegen die Aufklärung und die moderne Zivilisation. Dem Kosmopolitismus von Weimar wurden die idyllisch verklärten Werte der Heimat entgegengesetzt. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg berichteten viele Schriftsteller über ihre Heimat, die sie verloren hatten oder aus der sie vertrieben wurden. Die Exilliteratur von Thomas Mann, Bertold Brecht, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger und Franz Werfel sind nur einige Bespiele dafür. In dieser Literatur spiegelte sich der Versuch wider in der alten Heimat etwas zu bewegen, aber auch die Nostalgie, mit der die Autoren an ihre verlassene Heimat dachten. Besonders diejenigen, die eine größere Distanz zu ihrer alten Heimat hatten, setzen sich mit ihr umso intensiver
3
auseinander. Auch Theodor Fontane bemerkte zutreffend: „Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.“ 3 Walter Jens spitze dies zu:
Nur die Poesie der Ausfahrer, Exilierten und Vertriebenen kann adäquat beschreiben, was Heimat ist - nicht Dichtung der Nesthocker, die ihr heimeliges Glück im Winkel besingen, Provinzialität für Bodenständigkeit halten […]. 4
Des Weiteren gibt es in der Literatur die Bestrebungen das Besondere und Individuelle einer Region herauszustellen. Einen weiteren Bedeutungswandel erfuhr der Heimatbegriff im offiziellen Sprachgebrauch der DDR. Zu dieser Zeit wurde dem Begriff eine politische Funktion zugewiesen. Der Heimatbegriff wurde mit dem Staatsbegriff verbunden. Die Übertragung des Gefühlswertes des Heimatbegriffs auf den Staatsbegriff wurde für ideologische Zwecke genutzt.
In der DDR werden die Heimatgefühle der Bürger in harmonische Verbindung mit […] dem[…] sozialistischen Staatsbewusstsein gebracht und in das Streben nach sozialistischer Menschengemeinschaft sowie der ihr gemäßen demokratischen Mitarbeit der Bürger an der Gestaltung der sozialen und kulturellen Umwelt einbezogen. 5
Auch Andrea Bastian kommt im Rahmen einer begriffsgeschichtlichen Untersuchung des Heimatbegriffs zur folgenden Schlussfolgerung:
Der territoriale Aspekt des sozialistischen Heimat-Begriffs ist mehrschichtig. Der räumliche Bereich wird zunächst als das unmittelbar gegebene Milieu abgegrenzt, weitet sich zu Dimensionen des Vaterlandes und stellt schließlich die Beziehung zur ganzen sozialistischen Welt her. 6
Der offizielle marxistische Sprachgebrauch im sozialistischen System der DDR deutet auf eine einseitige marxistische Begriffsdeutung von Heimat. Der Begriff muss sich aber nicht unbedingt an einem bestimmten Ort festmachen. Charakteristisch für die Heimat ist neben der geographischen Bestimmung vielmehr, dass ein Individuum durch sie geprägt wurde. Ein subjektives Empfinden einer Zugehörigkeit ist mit dem Begriff eng verbunden. Eine unabdingbare Voraussetzung für dieses Gefühl ist die Möglichkeit eine Individualität in diesem Raum entwickeln zu können. Ein Recht auf freie
3 Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. 1.Teil. Hrsg. von Gotthard Erler und Rudolf Mingau. Berlin: Aufbau Verlag. 1997. S. 1.
4 Jens, Walter: Nachdenken über Heimat, Fremde und Zuhause im Spiegel deutscher Poesie. In: Bienek. S. 17.
5 Kulturpolitisches Wörterbuch. 1970. S. 206 s. V. Heimat.
6 Bastian, Andrea: Der Heimat-Begriff. Tübingen: Niemeyer. 1995. S. 138.
4
Entfaltung und auf individuelle Einstellungen zu einzelnen Lebensbereichen, sowie zur Gesellschaft muss stets existent sein.
Zu bemerken ist, dass Heimat für jedes Individuum immer individuell ist. Für einen Wissenschaftler kann die Forschung Heimat repräsentieren, für einen Fischer das Meer, für einen Schriftsteller dagegen die Literatur.
Schilderungen in der Literatur einer Heimat können entweder sehr realistisch wirken, so z. B. bei Thomas Mann und Bertold Brecht oder verzerrt bis sehr utopisch scheinen. Eine im utopischen Sinne noch nicht erreichte Heimat beschrieb zum Beispiel Ernst Bloch in seinem Werk „Das Prinzip Hoffnung“. Uwe Johnson scheint ebenso in seinem Frühwerk eine Art Heimat zu beschreiben, die für die Figuren des Romans unzugänglich wird, da in diesem Raum keine freie Entfaltung möglich scheint. Wie genau die Heimat in den Romanen Uwe Johnsons geschildert wird, soll durch die Analyse der Topographie und der Topologie der Werke „Ingrid Babendererde“ und „Mutmaßungen über Jakob“ in den folgenden Punkten herausgearbeitet werden.
3. Ingrid Babendererde
„Ingrid Babendererde“ ist der erste Roman des Schriftstellers. Nach der Ablehnung einer Veröffentlichung in Ost- als auch in Westdeutschland, galt das Manuskript lange als verschollen und wurde erst ein Jahr nach Johnsons Tod wiederentdeckt. 7 Postum veröffentlicht ist der Roman heute ein gutes Beispiel, um Johnsons Verbundenheit mit Mecklenburg-Vorpommern aufzuzeigen.
3.1 Die topographische Ausstattung des Romans
Die topographische Ausstattung des Romans „Ingrid Babendererde“ ist gekennzeichnet von der mecklenburgischen „freundliche[n], weitgeschwungene[n] Landschaft“ 8 . Den Mittelpunkt der Landschaft stellt der große See dar, der in einen Oberen und einen Unteren See unterteilt ist. Die Schilderung eines Schleusenvorgangs, während dem ein Polizeiboot die Schleuse passiert, verweist auf das durch die Seen geprägte Landschaftsbild. Die Wiesen, das Schilf, die bewaldeten Hügel und die Bäume bilden den Rahmen für die idyllische Landschaft, die zum Teil sehr detailliert beschrieben wird: „Knicks sind Buschecken, die eigentlich den Zaun
7 Vgl. Scharsich, Anja-Franziska: Das Mecklenburg des Uwe Johnson. Berlin: Ed. Fischer. 2008. S. 12.
8 Johnson, Uwe: Ingrid Babendererde. Frankfurt am Main: Suhrkamp. 1992. S. 11.
5
ersetzten sollen.“ 9 Dennoch bleiben die Landschaftsbeschreibungen wage genug, so dass sie nicht zwingend dem Land Mecklenburg zugewiesen werden müssen. Weiterhin charakteristisch für die Topographie des Romans ist die Verbindung der Naturdarstellung mit „menschlichen Eigenschaften, Gefühlen und Handlungen“, indem der Landschaft grammatikalisch „durch aktive Formen Selbstständigkeit zugewiesen wird.“ 10 Dieses anthropomorphisierendes Element findet sich sowohl bei der Landschaftsbeschreibung als auch bei der Schilderung der Kleinstadt. Die Protagonisten des Romans zeigen nicht nur beim Segeln einen vertrauten Umgang mit den geographischen Gegebenheiten, so dass deutlich wird, dass sie sich in dieser Region heimisch fühlen. Natur symbolisiert für sie Freiheit und Lebensfreude.
Neben der Landschaft wird auch die Kleinstadt knapp beschrieben. Die wesentlichen Elemente, genauer gesagt die Schule, der Dom, der Stadtgraben, die Läden und die kleinen Häuser werden kurz umrissen. Die Gustav-Adolf-Oberschule in der Nähe des Domplatzes und des Walls ist ein „tüchtige[s] ordentliche[s] Gebäude mit drei Fensterreihen übereinander und zwei leeren Fahnenstangen vor einem großen Eingang.“ 11 Es wird präzisiert, dass es sich um ein „tiefrote[s] Gemäuer mit einem „lange[n] Streifen Sandstein“ 12 handelt. Der Dom, am südlichen Rand der Stadt gelegen, ist von einem großen Platz umgeben, „auf dem der Dom breit und zuverlässig lagert […] in seinem großen ausgetrockneten Rot.“ 13 Die Kirche mit ihrem Turm, der mit einer „große[n] schwarze[n] Uhrplatte“ mit „goldenen Ziffern“ 14 scheint das Zentrum der Kleinstadt zu bilden.
3.2 Die Verortung der literarischen Landschaft in Mecklenburg
Uwe Johnson beschreibt in „Ingrid Babendererde“ die Geschichte einer Abiturklasse 1953 in Wendisch Burg. Es handelt sich dabei um eine fiktive mecklenburgische Kleinstadt in der DDR. Folglich ist es nicht möglich den Schauplatz mit einem Ort in Mecklenburg zu identifizieren. Zwar werden Namen in Bezug auf die nähere Umgebung genannt (so z. B. „Weitendorf“ und „Großes Eichholz“), der literarischen Kleinstadt ist aber keine exakte Entsprechung mit einem mecklenburgischen Ort zuzuweisen. Folglich kann festgestellt werden, dass Johnson seine literarischen Kleinstädte eher aus Merkmalen und Bestandteilen von mehreren Städten zusammensetzt. Die mecklenburgische Landschaft und Sprache wurde
9 Ebd. S. 11.
10 Wunsch, Beate: Studien zu Uwe Johnsons früher Erzählung Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953, Frankfurt am Main: Peter Lang. 1991. S. 116.
11 Johnson, Uwe: Ingrid Babendererde. S. 16.
12 Ebd. S. 16.
13 Ebd. S. 16.
14 Ebd. S. 16.
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Arbeit zitieren:
Sonja Borzutzky, 2009, Die Bedeutung der Heimat in Uwe Johnsons Romanen „Ingrid Babendererde“ und „Mutmassungen über Jakob“, München, GRIN Verlag GmbH
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