Inhaltsverzeichnis
1. Gewalt an Schulen in Medien, Forschung und Empirie 05
2. Gewalt und Aggression - eine Begriffsbestimmung 09
3. F o r m e n v o n G e w a l t 1
4. Wer gegen wen? Urheber und Opfer
von Gewalt an Schulen 15
5. U r s a c h e n v o n G e w a l t S 1 7
5. 1. Klassische Theorien 17
5. 1. 1. Psychologische Theorien 18
5. 1. 2. Soziologische Theorien 19
5. 1. 3. Integrierte Theorien 20
5. 2. Das drei-Variablen-Modell nach Bäuerle 22
5. 3. Das multikausale Modell nach Mühlig 26
5. 4. Das erweiterte Risikofaktorenmodell 28
5. 4. 1. Innere Faktoren 29
5. 4. 2. Äußere Faktoren 31
5. 4. 3. Zusammenfassung 37
6. Gewaltprävention an Schulen, geht das? 38
6. 1. Die gesellschaftliche Funktion der Schule 39
6. 2. Das Fach Gemeinschaftskunde 40
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6. 3. Das Fach Geschichte 41
6. 4. Grundprinzipien der Gewaltprävention 41
7. Anregungen für den Fachunterricht 42
7. 1. Soft skills trainieren 42
7. 1. 1. Diskutieren ist erlernbar 43
7. 1. 2. Teamarbeit stärken 44
7. 2. Kriegsgeschichte 45
7. 2. 1. Außerschulische Kriegsvermittlung 46
7. 2. 2. Zwei Arten von Kriegsvermittlung im Unterricht 48
7. 2. 3. Gibt es saubere und gerechte Kriege? 49
7. 3. (Neue) Geschichte des Kolonialismus 51
7. 3. 1. Das Beispiel Lateinamerika 51
7. 3. 2. Die Versklavung von Millionen Afrikanern thematisieren 52
7. 4. Rechtsextremismus in unserer Gesellschaft 53
7. 4. 1. Stammtischparolen effektiv begegnen 54
7. 4. 2. Die Gedenkstätte als praxisnaher Unterricht 56
7. 4. 3. Diskriminierung und Ausgrenzung im alltäglichen Leben 58
7. 4. 4. Begegnung mit dem Fremden 59
8. Grenzen der vorgestellten Präventionsmöglichkeiten 61
9. Zusammenfassung und Ausblick 62
10. Literaturverzeichnis 65
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Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Formen von Gewalt und Aggression
Abbildung 2: Das erweiterte Risikofaktorenmodell
Abbildung 3: Karikatur zu rechtsextremen Vorurteilen
Abbildung 4: Chancen und Grenzen der Gedenkstättenpädagogik
1. Gewalt an Schulen in Medien, Forschung und Empirie
Kommt es irgendwo auf der Welt zu solch entsetzlichen Taten wie 2006 in Emsdetten, 2002
in Erfurt oder 1999 in Littleton, haben viele Politiker fast augenblicklich den Übeltäter parat:
„Nach dem verheerenden Amoklauf von Emsdetten darf es keine Ausreden und Ausflüchte mehr geben. Killerspiele gehören in Deutschland verboten. Sie animieren Jugendliche, andere Menschen zu töten." Edmund Stoiber, zit. n. Stöcker (2006). Ein Verbot von Killerspielen, ein Verbot gewaltverherrlichender Musik und Videos, und schon, so die Suggestion, löse sich das Problem von selbst. Die Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen habe ihre Ursache hauptsächlich im Einfluss solcher Medien. Schaffe man diese Medien ab, so schaffe man damit auch dieses Problem aus der Welt. Nun scheint es, das legt zumindest die Flut an Ratgebern und wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema Gewalt an Schulen nahe, dass die Lösung in der Realität nicht ganz so einfach ist. Gewalt unter Jugendlichen und speziell an Schulen hat vielfältige Ursachen, zumindest darin sind sich die meisten Publikationen zum Thema einig.
Um dem Problem Gewalt unter Jugendlichen - auch an Schulen - Herr zu werden und Präventivmaßnahmen zu entwickeln, damit diese Gewalt auf ein Minimum begrenzt werden kann, gibt es viele Möglichkeiten. Maßnahmen, die den Schwerpunkt auf die Familie der Heranwachsenden legen sind ebenso notwendig wie gesamtgesellschaftliche Programme zur Vermeidung von Gewalt. Die Schule, in der die Jugendlichen einen großen Teil ihrer Kindheit und Jugend verbringen, steht dabei ebenfalls im Fokus der Betrachtung, denn die jugendliche Gewalt macht natürlich nicht vor dem Schulhof halt. Vielmehr wird sie in die Schule hineingetragen, hat teilweise ihre Ursachen dort selbst und kann sich auch hier verstärken.
Forschungsstand über Gewalt an Schulen
Seit nun etwa 20 Jahren erfährt das Thema Gewalt an Schulen eine große Resonanz. In der wissenschaftlichen wie auch in der öffentlichen Debatte wird die Thematik immer wieder heiß diskutiert. Da es eine ganze Fülle an Werken und Ratgebern gibt, die sich mit diesem Gegenstand beschäftigen und hier nicht der Ort sein soll, all diese Werke aufzulisten und zu diskutieren, wird sich im Folgenden darauf beschränkt, die wichtigsten und vor allem die für diese Arbeit essentiellen Titel und Autoren zu nennen.
Zu Beginn der 90er Jahre entstand durch eine wachsende mediale Aufmerksamkeit für das Thema der Eindruck, Gewalt an Schulen sei eine völlig neue Problematik, welche bisher nur
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unzureichend erforscht wurde. Tatsächlich wurde dieses Gebiet bis Anfang der 90er Jahre nur punktuell erforscht und repräsentatives Zahlenmaterial, auf welchem weitere Forschungen aufbauen konnten, fehlte (Vgl. Meier 2004 S. 23; Schwind et al. 1990 S. 70). In der Folgezeit wurde eine ganze Reihe von empirischen Untersuchungen zu Gewalt an Schulen durchgeführt, die jedoch aufgrund von unterschiedlichen Gewaltdefinitionen, divergierenden Untersuchungszielen und der jeweiligen Größe der Stichproben nur schwer vergleichbar waren (Vgl. Meier 2004 S. 28f).
Die für diese Arbeit grundlegenden empirischen Untersuchungen sind die Arbeiten von Fuchs et al. (2001; 2005), die anhand von repräsentativen Schülerbefragungen an allgemein- und berufsbildenden Schulen über einen Untersuchungszeitraum von 10 Jahren Tendenzen zur Entwicklung von Gewalt an Schulen in dieser Zeitspanne ermöglichen. Außerdem sind die Bochumer Studie von Schwind et al. (1997) sowie die Befragung an hessischen Schulen von Tillmann et al. (2000) maßgeblich. Für den theoretischen Bezugsrahmen, was eigentlich unter Gewalt und Aggression zu verstehen ist und welche Formen es gibt, waren die Arbeiten von Hurrelmann und Bründel (1997; 2007) sowie von Kleber (2003), Weißmann (2007), Struck (1994) und Olweus (1997) grundlegend. Für die Darlegung der theoretischen Erklärungsansätze von Gewalt waren maßgeblich Meier (2004) und Krall (2004). Für die Erstellung des Gewaltursachenmodells dienten die Modelle von Bäuerle (2001) und Mühlig (2004) als Grundlage.
Wie Tillmann et al. feststellen, liegt der Schwerpunkt der meisten Arbeiten zur Thematik Gewalt an Schulen auf der empirischen Analyse der Gewalt, während die Ausarbeitung von Präventionsansätzen eher nachrangig behandelt wird (Vgl. 2000, S. 301). Für die hier vorgestellten gewaltpräventiven Überlegungen waren aber drei Werke besonders ergiebig. Zum Einen handelt es sich um das Werk Reagieren, aber wie?, in dem Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie Gewalt im Schulunterricht thematisiert werden kann (Hascher/Hersberger/Valkanover 2003). Zum Anderen gibt ein von Drilling herausgegebener Sammelband (2002) Einblicke in mögliche Präventionsansätze. Für die Prävention rechtsextremer Gewalt im Speziellen hat sich das Werk von Ahlheim (2003) als sehr ertragreich erwiesen.
Empirische Befunde - tatsächlich mehr Gewalt an Schulen? Einen besonders großen Einfluss auf die Diskussion um Gewalt an Schulen haben die Massenmedien. Folgt man den Medienberichten, gleich ob Printmedien oder TV-Beiträgen, gleich ob privat oder öffentlich-rechtlich, könnte man den Eindruck gewinnen, die knapp
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37.000 Schulen in Deutschland 1 seien ein wahrer Hort der Gewalt. Eine weit verbreitete, sensationsorientierte Berichterstattung, die aus Gründen von Platz- und Zeitmangel auf die Darlegung ausführlicher Sachverhalte verzichtet und somit das Berichtete systematisch verzerrt wiedergibt und dazu noch die Thematik äußerst selektiv behandelt, also nur die extremsten Einzelfälle schildert, macht uns glauben, dass Gewalt an Schulen in den letzten Jahren immer neue Höhepunkte und eine neue Qualität erreicht habe (Vgl. Fuchs et al. 2001 S. 23ff; Tillmann et al. 2000 S. 13f).
Aber lassen sich diese massenmedial recherchierten Befunde auch empirisch bestätigen? Was sagen die zahlreichen Studien, die zum Thema durchgeführt wurden, über Ausmaß und Häufigkeit von Gewalt an Schulen?
Trotz der unterschiedlichen methodischen Anlagen der empirischen Untersuchungen lassen sich doch einige Grundergebnisse über die Thematik Gewalt an Schulen feststellen. Das wohl wichtigste Ergebnis, gerade im Hinblick auf die öffentliche und besonders die mediale Diskussion, ist, dass deutsche Schulen weit entfernt von den oft beschworenen amerikanischen Verhältnissen sind (Vgl. Fuchs et al. 2005 S. 21). Das Gewaltausmaß ist vielmehr seit Anfang der 1980er Jahre relativ konstant (Vgl. ebd. S. 26) oder sogar leicht rückläufig, wobei hier noch fraglich ist, ob dies nur Schwankungen oder tatsächlich rückläufige Tendenzen sind (Vgl. ebd. S. 28f). Die Bochumer Studie kommt allerdings zu dem Schluss, dass die Gewalt in Bochumer Schulen zwischen 1989 und 1993 leicht zugenommen hat (Vgl. Schwind et al. 1997 S. 343). Die Ergebnisse können also regional oder sogar von Schule zu Schule abweichen.
Mit steigendem Bildungsniveau nimmt die Gewalthäufigkeit ab. So sind Sonder-, Haupt- und Berufsschulen weitaus stärker von körperlicher Gewalt betroffen als Realschulen, während die Gymnasien am wenigsten davon berührt sind (Vgl. Fuchs et al. 2005 S. 22, Tillmann et al. 2000 S. 17). Faktisch, so legen die Untersuchungen nahe, ist es ein kleiner, harter Kern von etwa 3 - 9 % der Schüler, der für die häufige und brutale Form der Gewalt verantwortlich ist (Vgl. Fuchs et al. S. 25). Diese Befunde gelten allerdings nur für körperliche Gewalt, die tatsächlich relativ selten auftritt (Vgl. Tilmann et al. 2000 S. 16; Fuchs et al. 2005 S. 21). Tillmann et al. stellen fest: „Im Gegensatz zu dem Eindruck, den viele Presseberichte erweckt haben, kann von einer Veralltäglichung massiver Gewalttaten in unseren Schulen keine Rede sein. Verbale Attacken unterschiedlichster Art scheinen jedoch den alltäglichen
1 Im statistischen Jahrbuch 2007 für die Bundesrepublik (S. 129) werden für Deutschland 36.888 Schulen
angegeben, wobei hier auch Vorschulen und Abendschulen dazu gezählt wurden.
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Kommunikationsstil in unseren Schulen, und zwar in allen Schulformen, in bedenklicher Weise zu prägen.“ (Zit. 2000, S. 16).
Verbale Gewalt tritt an allen untersuchten Schulen am häufigsten auf. Beschimpfungen und Beleidigungen scheinen heute fest zum Repertoire des jugendlichen Sprachschatzes zu gehören und sind zu einer Art Alltagsphänomen geworden (Vgl. Fuchs et al. S. 21). Sicherlich ist das Beschimpfen oder die verbale Attacke gegen einen jugendlichen Kontrahenten nichts Neues, sonders lässt sich zurückverfolgen durch die gesamte Menschheitsgeschichte. Neu dagegen dürften die Qualität, das Ausmaß und die Intensität der Beschimpfungen sein. Beleidigungen scheinen heute nicht nur ein Mittel zu sein, um einem möglichen Gegner Schaden zuzufügen oder ihn zu beleidigen. Vielmehr ist die Beleidigung zum normalen Umgangston unter Jugendlichen geworden. Zur Begrüßung, zur Verabschiedung, ja selbst zur Gratulation werden heute häufig Wörter gebraucht, die noch vor 10 Jahren als derbe Boshaftigkeit gegolten haben. Sofern dies von beiden Seiten nicht als schwerwiegende Beleidigung empfunden wird, scheint mir dieser Umgangston auch nicht sonderlich problematisch. Wenn er aber die adäquate Umgangsform völlig ersetzt und der Jugendliche verlernt, sich vernünftig auszudrücken, so kann dies schwerwiegende Folgen für ihn haben, wenn er beispielsweise bei einem Vorstellungsgespräch nicht die richtige Ausdrucksweise findet.
Weitere Formen von nichtkörperlicher Gewalt, wie das Verbreiten von Lügen, Diskriminierungen und Ausgrenzungen kommen ebenfalls relativ häufig vor. Viele Schüler empfinden das Verbreiten von Lügen als gleich schwerwiegend wie etwa Stockschläge (Vgl. ebd. S. 21). Die psychische Gewalt sollte also gegenüber der physischen nicht unterschätzt werden, sondern bedarf ebenfalls besonderer Aufmerksamkeit. Gewalt an unseren Schulen ist also durchaus vorhanden. Auch wenn die Studien die sensationsgierigen Medienberichte nicht bestätigen, so ist dies dennoch kein Grund zur Entwarnung. Es gibt Gewalt an deutschen Schulen, in psychischer wie auch in physischer Form. Dagegen muss etwas unternommen werden. Und dabei reicht es nicht, einfach bestimmte Medien oder bestimmte Inhalte zu verbieten. Es müssen Konzepte (weiter)entwickelt werden, um die Gewalt auf ein überschaubares Minimum zu reduzieren. Ziel dieser Arbeit ist es, Lösungsstrategien zu entwickeln, wie sich Gewalt an Schulen durch die Mittel des Unterrichts verhindern oder zumindest auf ein Minimum begrenzen lässt. Welchen Beitrag kann der Fachunterricht leisten, um präventiv gegen Gewalt vorzugehen? Dabei stehen besonders die Unterrichtsfächer Geschichte und Gemeinschaftskunde im
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Vordergrund, da Gewalt in diesen beiden Fächern naturgemäß eine besonders große Rolle spielt.
In einem ersten theoretischen Teil werden in dieser Arbeit die Begriffe Aggression und Gewalt definiert, es wird auf unterschiedliche Gewaltformen und auf Urheber und Opfer von Gewalt an Schulen näher eingegangen. Danach wird nach den Ursachen von Gewalt gefragt, um anschließend ein Gewaltursachenmodell zu entwickeln. Dieser erste Teil bildet dann die Grundlage für den zweiten schulpraktischen Teil, in dem konkrete Ansätze vorgestellt werden, wie sich Gewalt an Schulen im Rahmen des Fachunterrichts bekämpfen oder sogar verhindern lässt. Abschließend wird dann auf die Grenzen dieser Herangehensweise eingegangen und die Ergebnisse werden zusammengefasst.
Damit wird im Rahmen dieser Arbeit der Versuch unternommen, Gewalt an Schulen nicht nur unterrichtsextern zu bekämpfen, sondern Strategien zu entwickeln, wie sie eben auch unterrichtsintern vermieden werden kann. Darüber hinaus schlägt diese Arbeit eine Brücke von theoretischen Überlegungen hin zu konkreten Möglichkeiten der Gewaltbekämpfung.
2. Gewalt und Aggression - eine Begriffsbestimmung
Eine allgemein gültige und gemeinhin akzeptierte Definition von Gewalt gibt es nicht und kann es auch gar nicht geben, da der Gewaltbegriff immer auch ein gesellschaftliches und soziales Konstrukt ist und es sich um ein zu bewertendes Phänomen handelt. Nicht jede Form von Gewalt ist jedoch messbar, daher bleibt immer ein Interpretationsspielraum, was eigentlich unter den Gewaltbegriff gefasst werden soll (Vgl. Kleber 2003 S. 25). Was für den Einen lediglich eine derbe Äußerung ist, mag dem Anderen als verletzende Beleidigung erscheinen. Eine kleine Rangelei kann je nach Standpunkt des Betrachters eine Körperverletzung oder einen ganz normalen Vorfall unter Heranwachsenden darstellen (Vgl. Mühlig 2004 S. 14).
Darüber hinaus ist der Begriff Gewalt in der deutschen Sprache doppeldeutig. Man spricht sowohl von Gewalt als der direkten persönlichen Gewalt, bei der ein Mensch einem anderen Menschen Schaden zufügt, als auch von Gewalt als der legitimierten staatlichen und institutionalisierten Macht, durch die der Staat seine Ordnungsvorstellungen durchsetzen kann (Vgl. Hurrelmann/Bründel 2007 S. 12). Die drei Begriffe Legislative, Exekutive und Judikative, also die drei staatlichen Gewalten, lernen die Schüler spätestens im Rahmen des Gemeinschaftskundeunterrichts der 10. Klasse kennen (Vgl. Bildungsstandards
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Gemeinschaftskunde S. 262). Daneben ist der Gewaltbegriff auch immer einem ständigen und mitunter schnellen Wandel ausgesetzt. Das tritt besonders bei der Unterscheidung von legitimer und illegitimer Gewalt zu Tage. So erscheint den westlich sozialisierten Menschen das legitime staatliche Gewaltmonopol als normal und gegeben. Dass sich dies aber erst in den letzten Jahrhunderten im westlichen Kulturkreis durchgesetzt hat und in vielen anderen Teilen der Welt dieses Prinzip eben nicht vorherrschend ist, zeigt, wie der Gewaltbegriff zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Kulturbereichen unterschiedlich aufgefasst wird (Vgl. Hurrelmann/Bründel 2007 S. 12f).
Da sich diese Arbeit jedoch mit dem Phänomen Gewalt an Schulen auseinandersetzt, werden an dieser Stelle die Begriffe Gewalt und Aggression definiert und voneinander abgegrenzt, um so deutlich zu machen, von welchem Gewaltbegriff im Folgenden die Rede sein wird. Häufig werden die Begriffe Aggression und Gewalt bzw. Aggressivität und Gewaltbereitschaft sowohl in der Umgangssprache als auch in der Fachliteratur synonym verwendet (Vgl. Bründel/Hurrelmann 1997 S. 27; Sakurai 2007 S. 25). Für Hurrelmann und Palentien ist der Gewaltbegriff jedoch eine Unterkategorie des Begriffs Aggression. Der Aggressionsbegriff „bezeichnet eine auf Verletzung eines anderen Menschen zielende Handlung. Die offene Handlung wird dabei als „Aggression“, die Absicht zur Handlung als „Aggressivität“ bezeichnet. Unter „Gewalt“ wird […] die körperliche Aggression verstanden, bei der ein Mensch einem anderen Menschen Schaden mittels physischer Stärke zufügt. Körperliche Gewalt ist also demnach eine Teilmenge von Aggression, nämlich die physische. Hierunter werden alle unmittelbar auf den Körper des Opfers gerichteten Einwirkungen verstanden, von leichten Schlägen bis zu schweren Verletzungen“ (Zit. 1995 S. 15f).
Diese enge Definition von Gewalt erachte ich jedoch nicht als sonderlich sinnvoll, da so Formen wie verbale oder psychische Gewalt nicht erfasst werden. Daher erscheint mir für die Betrachtung ein weiterer Gewaltbegriff angebracht. Der Aggressionsbegriff hat ebenfalls eine weite und eine enge Definition. Der weite Aggressionsbegriff orientiert sich an der lateinischen Wortbedeutung von aggredi - herangehen/aktiv werden und beschreibt jede offensive Aktivität, ohne diese jedoch zu bewerten. Der enge Aggressionsbegriff beschreibt hingegen aggressives Verhalten im Sinne von schädigendem, gewalttätigem Verhalten (Vgl. Verres/Sobez 1980 S 33). Für den hier betrachteten Untersuchungsgegenstand erscheint mir der erweiterte Aggressionsbegriff unbrauchbar, da der Fokus dieser Arbeit auf Formen destruktiver Aggression gerichtet ist, während die positiven Bedeutungsinhalte des Begriffs
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wie frühkindliche Aggression oder Aggression zur Verbesserung der Lebensumstände nicht näher betrachtet werden (Vgl. Kleber 2003 S. 30, Anm. 1). Nach Bründel/Hurrelmann bezeichnet Aggression dann auch „eine Handlung, die auf die Verletzung eines Menschen zielt. Aggressivität ist der Begriff für die Absicht, eine solche verletzende Handlung zu begehen“ (Zit. 1997 S. 27).
Kleber unterscheidet offene und verdeckte Aggressionen, also die verbale oder körperliche Form und z.B. Phantasieaggression. Außerdem sei Aggression zu unterscheiden in Autoaggression, also eine gegen den Aggressor selbst gerichtete Handlung, gegen andere Personen gerichtete (Fremdaggression) sowie gegen Tiere und Sachen gerichtete Aggression (Vandalismus) (Vgl. 2003 S. 30f). Autoaggression und phantasierte Aggression können nach Tillmann et al. nicht unter den Gewaltbegriff gefasst werden. Darüber hinaus haben beide Begriffe aber einen großen Überschneidungsbereich.
„In den Randbereichen ihres Gegenstandfeldes finden sich Unterschiede zwischen „Gewalt“ und „Aggression“ in der Schule. Im Kernbereich bezeichnen beide Begriffe aber die gleichen Erscheinungsweisen: die körperlichen und psychischen Attacken gegen andere“ (Zit. 2000 S. 24).
3. Formen von Gewalt
Gewalt ist, wie erwähnt, hier als eine Subkategorie der Aggression zu verstehen. Unter Gewalt werden im Rahmen dieser Arbeit mehrere Formen verstanden, die über den reinen Gewaltbegriff der körperlichen Schädigung hinausgehen. Dabei spielen folgende Formen eine Rolle:
N Physische Gewalt, die eine Schädigung oder Verletzung eines anderen durch körperliche Kraft bezeichnet.
N Psychische Gewalt, die eine Schädigung einer Person durch Abwendung, Ablehnung, Abwertung, Vertrauensentzug und Entmutigung beschreibt. N Verbale Gewalt bezeichnet die Schädigung einer Person durch beleidigende, verletzende und entwürdigende Worte.
N Sexuelle Gewalt ermöglicht dem Täter durch erzwungene intime Körperkontakte oder andere sexuelle Handlungen eine Befriedigung eigener Bedürfnisse.
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N Frauenfeindliche Gewalt meint die Schädigung von Mädchen bzw. Frauen durch Erniedrigung und Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts. N Rassistische Gewalt ist eine physische, psychische und/oder verbale Form der Schädigung einer Person aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe und/oder Religion. (Vgl. Bründel/Hurrelmann 1997 S. 27f)
Darüber hinaus erscheint es mir sinnvoll, auch die Formen Autoaggression, also Gewalt gegen sich selbst und Vandalismus, Gewalt gegen Sachen, mit in die Betrachtung zu nehmen. Olweus hat außerdem den Begriff des Bullying bzw. des Mobbens in die Diskussion gebracht. Von Mobben spricht man nach Olweus, wenn ein Schüler über einen längeren Zeitraum hinweg den negativen Handlungen eines oder mehrerer Mitschüler ausgesetzt ist (Vgl. 1997 S. 282).
All diese Gewaltformen lassen sich meiner Ansicht nach in zwei Kategorien fassen, nämlich der physischen Gewalt und der psychischen Gewalt, wobei einige Kategorien in beiden Formen ihren Platz finden, da z.B. sexuelle oder rassistische Gewalt in Form von verbalen Attacken als auch durch körperliche Gewalt ausgeübt werden kann (siehe dazu Abbildung 1 dieser Arbeit). Explizit nicht in die Betrachtung einfließen sollen extreme und erschreckende Einzeltaten wie Mord oder Amokläufe, die zwar immer wieder ein ungeheures Medienecho verursachen, aber aufgrund der überaus starken individualistischen Motive der Täter und der Seltenheit ihres Vorkommens keine allgemeingültigen und generalisierbaren Aussagen über Gewalt an Schulen zulassen (Vgl. Klett 2005 S. 8). Vielmehr sind solche Taten Akte von schwerster Gewaltkriminalität, die sich zwar innerhalb der Schule zugetragen haben, mit der Thematik Gewalt an Schulen im eigentlichen Sinne aber nur sehr wenig gemein haben (Vgl. Fuchs et al 2005 S. 26). Allerdings geben die Medien, die sich auf solche Ereignisse stürzen, uns den Eindruck, dass die Gewalt an Schulen ausufere und ständig neue Qualitäten erreiche. Dadurch werden die öffentliche und häufig auch die politische Debatte über die Thematik und das Bild, welches in der Gesellschaft über Gewalt an Schulen herrscht, maßgeblich beeinflusst.
Die bisher vorgestellten Gewaltformen sind personenbezogen, zeigen sich also - mit Ausnahme des Vandalismus - in zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Schule ist jedoch eine Institution, die durch feste Strukturen und Hierarchien geprägt ist. Sie verteilt Chancen und wirkt selektiv. Anstelle bedürfnisorientierten Handelns fordert sie häufig Konformität und Leistung. Gewalt durch Versetzungsbestimmungen und sich daraus ergebenden Notendruck ist zwar nur schwer zu messen und häufig wenig transparent, muss aber bei der Analyse schulischer Gewalt unbedingt in den Blick genommen werden. (Vgl. Weißmann
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2007 S. 11). Galtung hat den Begriff der strukturellen Gewalt geprägt. Diese ist dann gegeben, „wenn Menschen so beeinflußt werden, daß ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung“ (Zit. 1975 S. 9). Diese Form der Gewalt sei häufig legitimiert und würde von den Betroffenen nicht als ungerechte Gewalt empfunden.
Viele Autoren lassen die strukturelle Gewalt nicht in ihre Betrachtungen einfließen, da sonst der Gewaltbegriff „ins Uferlose“ erweitert würde. Schließlich übe jeder Lehrer durch Notendruck und die Kultusminister durch die Zulassung großer Klassenverbände strukturelle Gewalt aus (Vgl. Bäuerle 2001 S. 9). Der Begriff scheint mir auch für die Beschreibung von Gewalt an Schulen nicht sehr hilfreich, jedoch kann er seine Bedeutung bei der Ursachenanalyse entfalten. Die strukturelle Gewalt geht nicht von Personen aus, ist also kein Bestandteil des hier definierten Aggressionsbegriffs. Allerdings kann sie selbst als Ursache für das Auftreten von Gewalt in Erscheinung treten und sollte deshalb bei der Betrachtung von Gewalt an Schulen und vor allem deren Ursachen nicht außer Acht gelassen werden. Strukturelle Gewalt kann Aggressionen hervorrufen und eine Minderung derselben könnte demnach auch zur Minderung von Gewalt an Schulen beitragen (Vgl. Weißmann 2007 S. 16). Wie Tillmann et al. feststellen, gibt es in den Randbereichen von Gewalt und Aggression Unterschiede. Von daher ist es auch kein Widerspruch, die strukturelle Gewalt mit in die Gewaltdefinition zu nehmen, obwohl sie nicht mit dem hier definierten Aggressionsbegriff übereinstimmt. Abbildung 1 verdeutlicht noch einmal den in dieser Arbeit verwendeten Gewalt- und Aggressionsbegriff. Wie schon erwähnt wird Gewalt hier als eine Unterkategorie der Aggression verstanden, wobei beide Begriffe in ihren Randbereichen Unterschiede aufweisen.
Der Nachteil eines solch weiten Gewaltbegriffs ist die Schwierigkeit der Messbarkeit sowie der Operationalisierung. Denn wie kann man messen, was noch unter Spaß zwischen Jugendlichen fällt und wo die psychische Gewalt bereits beginnt? Ist eine Begrüßung wie z.B. „Hallo du Depp“ schon eine tiefer gehende Beleidigung oder nur ein Gruß unter Schulkameraden? Dass eine Operationalisierung und damit eine Messbarkeit trotzdem möglich ist, haben Fuchs et al. in ihren Studien zu Gewalt an Schulen (2001; 2005) aufgezeigt. Sie haben dabei standardisierte Indizes für die verbale, die physische und die psychische Gewalt sowie für den Vandalismus auf der Grundlage einer Schülerbefragung berechnet. Verbale Gewalt wurde dabei mit Fragen nach Beschimpfungen, übereinander herziehen und anschreien gemessen. Für die Messung physischer Gewalt wurden Indizes wie: „Einen Mitschüler geschlagen“, „Aus einer Rauferei eine Schlägerei gemacht“, „Auf einen
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Mitschüler eingetreten, der am Boden lag“, „Einen Lehrer geschlagen“, „Einen Mitschüler so geschlagen, dass dieser zum Arzt musste“ herangezogen. Vandalismus wurde auf Grundlage von Fragen nach Beschädigungen von Schülereigentum, Lehrereigentum und Schuleigentum gemessen. Die psychische Gewalt wurde in dieser Studie mit Fragen nach Bedrohungen, Diebstahl und Prügel androhen ermittelt (Vgl. ausführlich Fuchs et al. 2005 S. 80f). Die Schüler- und Lehrerbefragung ist jedoch nur eine Möglichkeit, um die Gewalthäufigkeit an Schulen zu messen. Je nach verwendeter Methode, wie zum Beispiel der Analyse von Klassenbüchern und Unfallberichten oder der Beobachtung als Erhebungsmethode, kommt man zu unterschiedlichen Ergebnissen, was das Ausmaß und die Häufigkeit von Gewalt an Schulen betrifft, was somit Rückwirkungen auf die Vergleichbarkeit der Studien hat (Vgl. ebd. S. 52f).
Daher erscheint es mir wichtig, nicht nur die einzelnen Formen von Gewalt zu unterscheiden, sondern den Blick auch auf Urheber und Opfer von Gewalt zu erweitern. Dies ermöglicht neben der Registrierung der gravierenden und verzeichneten Gewaltvorkommnisse auch die Erweiterung auf die eher verdeckten oder gar tabuisierten Formen von Gewalt.
Abb. 1: Formen von Gewalt und Aggression
Quelle: eigene Darstellung 14
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Toni Börner, 2008, Gewalt in der Schule: Präventivmaßnahmen im Rahmen des Fachunterrichts, München, GRIN Verlag GmbH
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