1. Einleitung
Als der Staat Israel am 14. Mai 2008 seinen 60. Geburtstag feierte, jährte sich auch das Aufeinanderprallen zweier nationalistischer Bestrebungen zum 60. Mal: Der Wunsch der Juden nach einer sicheren „Heimstätte“ und derjenige der Palästinenser, in ihre Heimat zurückkehren zu können und in einem eigenen, unabhängigen Staat zu leben. Als Israel einige Monate später, im Dezember 2008, den Gazastreifen angriff, um auf Raketenbeschuss von Seiten der palästinensischen H amās zu reagieren, konnte durch die Darstellung nicht nur der deutschen Medien der Eindruck entstehen, es handele sich bei diesem Konflikt um einen Kampf zwischen dem radikalen Islamismus auf der einen und der liberalen Demokratie auf der anderen Seite.
Diese Arbeit soll, obwohl sie der vollständigen Problematik des Nahostkonfliktes nicht gerecht werden kann, die ideologischen Aspekte der Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern beleuchten; denn sie wird zeigen, dass es im Kern des Problems vorrangig nicht um religiöse, sondern um nationalistische Bestrebungen geht.
Um sich mit dem Nationalismus auseinandersetzen zu können, soll vorab in einem theoretischen Teil der Begriff der Ideologie erklärt und, soweit möglich, definiert werden. Danach befasse ich mich, ebenfalls auf theoretischer Ebene, mit dem Begriff des Nationalismus. Diese Hausarbeit soll sich nicht mit den tatsächlichen Ursprüngen von Ideologien und der Diskussion um die Herkunft und dem Umgang mit Wissen und Erkenntnis befassen, sondern mit der Art und Weise, wie Ideologien benutzt werden und Menschen und Politik bewegen und verändern. Es soll also mehr um einen sozialpolitischen als um einen philosophischen Ansatz gehen. Nachdem ich den theoretischen Rahmen und Umfang dieser Arbeit im ersten Teil abgesteckt habe, soll im zweiten Teil speziell auf den Nationalismus in Palästina eingegangen und der Frage nachgegangen werden, ob der palästinensische Nationalismus überhaupt existiert.
Dabei werden anfangs möglichst kurz die wichtigsten historischen Ereignisse dargestellt, die den Konflikt an sich und die palästinensische Nationalbewegung im Besonderen beeinflusst haben. Daneben soll auch erläutert werden, welche Persönlichkeiten als „Vordenker“ des palästinensischen Nationalismus angesehen werden können. Daraus ergibt sich letztlich der Blick auf diverse politische
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Organisationen in Palästina, um das Phänomen dieser Ideologie in der Gesamtheit all seiner Ausprägungen und Erscheinungen darzustellen.
2. Theoretischer Rahmen
2.1. Entwicklung, Definition und Verwendung des Begriffs „Ideologie“ “Ideology must be the most overworked word in political debate.” Dieses Zitat von Barbara Goodwin 1 trifft die Problematik des theoretischen Teils dieser Hausarbeit sehr gut. Der Begriff der Ideologie, Ende des 18. Jahrhunderts von Antoine Louis Destutt de Tracy als „Wissenschaft der Ideen“ 2 wertfrei geprägt, wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts schon von Napoleon und später von Marx und Engels 3 im negativen Sinne verwendet. Die Erfahrungen mit dem Faschismus und dem Kommunismus trugen in großem Maße dazu bei, die negative Konnotation des Begriffes der Ideologie, vor allem im allgemeinen Sprachgebrauch, zu vervollständigen und dafür zu sorgen, dass „ideologisch“ als Synonym für „dogmatisch“ und „doktrinär“ verwendet wird und als „dirty word“ 4 gilt.
Um Ideologien an sich zu studieren und sie als wissenschaftlichen Analysefaktor für bestimmte, zumeist politische, Sachverhalte und Entwicklungen anwenden zu können, muss der Begriff der Ideologie jedoch so wertfrei wie möglich verwendet werden. Dabei kommt nahezu jeder Wissenschaftler zu einer anderen, eigenen Definition, welche Eigenschaften eine Ideologie haben muss, um als solche angesehen zu werden. Eine einheitliche Definition lässt sich, wenn überhaupt, nur mühsam entwickeln. Dennoch gibt es einige zentrale Punkte, auf die man sich in der Literatur einigen konnte.
Maßgeblicher Bestandteil einer Ideologie ist zum Beispiel ein Fernziel bzw. eine Utopie, obwohl die Ideologie an sich realisierbar ist oder bleibt 5 . Eine Ideologie ist handlungsweisend, weil sie ihren Anhängern eine Anleitung zur Hand gibt, wie das gesellschaftliche Leben besser gestaltet werden kann 6 . Dazu wendet die Ideologie Werte, Normen und Leitlinien an und grenzt sich ganz bewusst anderen Ideologien oder Lebensformen gegenüber ab. Sie schafft denjenigen, die ihr anhängen und sich
1 GOODWIN, 2007: 17.
2 FESTENSTEIN/KENNY, 2005: 7.
3 Vgl. MARX/ENGELS: Die Deutsche Ideologie, in: FESTENSTEIN/KENNY, 2005: 13-17. Marx und Engels sehen die Ideologie als notwendiges Übel an, damit mit ihrer Hilfe das Proletariat zur Überkommung der Bourgeoisie bewegt werden kann. Danach ist die Ideologie unnötig; der ideale Gesellschaftszustand ist erreicht.
4 SCHWARZMANTEL, 2008: 25.
5 GOODWIN, 2007: 21.
6 SCHWARZMANTEL, 2008: 26.
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für sie begeistern, Identität 7 . An dieser Stelle ist der Punkt bereits erreicht, an dem die Meinungen darüber auseinander gehen, was eine Ideologie sein kann oder muss. Arendt beispielsweise definiert Ideologien folgendermaßen: "Ideologies are isms which to the satisfaction of their adherents can explain every occurrence by deducing it from a single premise.” 8 Erkennbar ist, dass er hierbei fast alle oben genannten Punkte außer Acht lässt und seinen Fokus eher auf die Funktion einer Ideologie als Weltanschauung setzt, wobei auch er eine pejorative Funktion der Ideologie zu sehen scheint. Thompson beschreibt Ideologien knapp als „meaning in the service of power“ 9 , wobei er darauf anspielt, dass der allumfassende Stellenwert, den eine Ideologie für sich beansprucht, durchaus auch dazu benutzt wurde und wird, Herrschaft zu legitimieren und zu erhalten; Ideologien können immer auch von Kultfiguren und Chefideologen leben; man denke an den Faschismus (Hitler, Mussolini) oder den Kommunismus (Marx, Stalin).
Die wissenschaftlichen Meinungen gehen auch darüber auseinander, ob es sich bei der Übernahme von Ideologien um eine „Gesellschaftskrankheit“ handelt, oder ob Ideologien für den Zusammenhalt moderner Gesellschaften wichtiger sind denn je 10 . Dieser Diskurs verweist vor allem auf eins: Eine Ideologie lebt auch von ihrer Rezeption. Sie ist nie ein bloßes Gedankensystem, sondern immer auch politischer Aktivismus 11 . Diesen Aspekt vernachlässigt die Definition von Thompson. Als für mich relevante Definition möchte ich mich der Meinung von Putnam anschließen, der eine Ideologie als "[...] a lifeguiding system of beliefs, values and goals affecting political style and action" 12 ansieht. Allerdings möchte ich seine Sicht durch die meiner Meinung nach wichtige identitätsstiftende Eigenschaft von Ideologien ergänzen, die er nicht oder nur zu unterschwellig betont; mit Blick auf die Ideologie, die in dieser Arbeit im Mittelpunkt stehen soll, finde ich auch die Gesellschafts- bzw. Regierungskritik relevant, die eine Ideologie beinhalten kann. Zudem soll der Terminus Ideologie in dieser Arbeit nicht als Stempel dienen für politische Systeme oder Konzepte, die ich für schlecht oder ungerecht halte oder die
7 FESTENSTEIN/KENNY, 2005: 10f.
8 GOODWIN, 2007: 22.
9 Diese Definition Thompsons stammt aus:
LARRAIN, Jorge: Ideology and cultural identity. Modernity and the Third World presence, Cambridge: Polity Press, 1994. Vgl. S. 14.
10 GOODWIN, 2007: 24.
11 SCHWARZMANTEL, 2008: 27.
12 GOODWIN, 2007: 22.
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von der Meinungsmehrheit diese Attribute erhalten würden. Diese Sicht wäre zu einseitig.
Im Laufe dieser Arbeit wird unvermeidlich erkennbar werden, dass ich für „Ideologie“ auch Begriffe wie „Weltanschauung“, „Gedankenkonstrukt“, „Ideensystem“ oder schlicht „Bewegung“ nutze. All diese Begriffe beschreiben nur Teilbereiche des Begriffs der Ideologie; sie zeigen aber in Ergänzung zu meinen Ausführungen in diesem Kapitel, wie weit Sprachgebrauch und wissenschaftlicher Stand bzw. wissenschaftliche Meinungen und Definitionen von Ideologie auseinanderklaffen.
2.2. Entwicklung und Ausprägungen der nationalistischen Ideologie Auch Begriff und Idee des Nationalismus sind nicht unproblematisch. Seinen Ursprung fand er in einem Europa, in dem Rousseau den Grundstein zum Nachdenken über „die Nation“ gelegt hatte 13 , das kurz vor der Französischen Revolution stand und in dem „fraternité“ gefordert wurde (schriftlich erstmals erwähnt ist das Wort „Nationalismus“ 1774 bei Johann Gottfried Herder 14 ). In Folge der Revolution verloren die Königshäuser ihre Macht und man suchte nach einer neuen identitätsbildenden Kraft. Dann entwickelte der Nationalismus sich in machen europäischen Staaten in radikalere Ausprägungen, wie zum Beispiel in Deutschland zum Nationalsozialismus. Daher ist der Nationalismus seit Ende des Zweiten Weltkriegs verpönt; man kann sagen, dass sogar regelrecht Angst vor ihm herrscht, sodass man hier lieber von „Patriotismus“ spricht 15 . Eine solche „Angst“ ist fern von Europa, zum Beispiel im Nahen Osten, nicht gegeben. Hier entwickelte sich von 1800 bis 1950 der moderne Nationalismus als Antwort auf den europäischen Kolonialismus 16 ; sodass die historische Bedeutung des Nationalismus eine weit positivere Konnotation hat als in Europa.
Auch wenn die Unterscheidung in „wir“ und „die anderen“, in „Freund“ und „Feind“ 17 , die der Nationalismus zwangsläufig mit sich bringt, die große Gefahr des Rassismus birgt, soll der Blickwinkel dieser Arbeit bei diesem Gefahrenpotential des
13 FESTENSTEIN/KENNY, 2005: 257f., 262-265.
14 ALTER, 1997: 12.
15 ALTER, 1997: 12. Patriotismus, also „Vaterlandsliebe“ und das Verbundenheitsgefühl mit der eigenen Nation, kann demnach als „abgeschwächter Nationalismus“ aufgefasst werden, was für Kapitel 3 relevant ist.
16 GOODWIN, 2007: 271.
17 ergänzend kann hier Sylvia ORTLIEB zitiert werden: Durch diese Abgrenzung erschaffe „ein Nationalismus den anderen“. Vgl. S. 31.
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Nationalismus nicht stehen bleiben, sondern seine verschiedenen Ausprägungen beleuchten: Ein gern genutztes Schema ist dabei die Aufteilung von Peter Alter, der von einem „Risorgimento“- und einem „integralen“ Nationalismus spricht 18 . Dabei sieht Alter den Risorgimento-Nationalismus als eine „Oppositionsideologie 19 “, als eine Solidarität zwischen den Unterdrückten gegen die Unterdrücker, wobei er in diesem Zusammenhang eine Art „Reform-Nationalismus“ als engen Verwandten der anti-kolonialistischen Bewegung vor allem in der von ihm so genannten „Dritten Welt“ ausmacht.
Im Kontrast dazu steht der integrale Nationalismus, der eine so totalitäre Weltanschauung ist, dass er als Religionsersatz gelten kann 20 und eher als „radikal“ oder „extrem“ bezeichnet werden muss, weil er die Nation als allerhöchsten Wert der Gesellschaft präsentiert 21 . Letztlich lassen sich auch das negative Wahrgenommenwerden des Nationalismus in Europa und seine positive Rezeption in beispielsweise ehemaligen Kolonien durch Alters Aufteilung kategorisieren. Es gibt verschiedene Meinungen darüber, ob der Nationalismus tatsächlich eine Ideologie sei. Als problematisch, um ihn den Ideologien zuzuordnen, erachten einige Meinungen seine fehlende theoretische Tragweite. Er bietet keinen konkreten Plan an, wie seine Ziele zu erreichen sind. Des Weiteren ist nicht vollends geklärt, was man unter dem Begriff der „Nation“ zu verstehen hat und welche Merkmale sie kennzeichnen 22 . Nationale Identität kann auf gemeinsamer Sprache oder Religion beruhen; sie kann aber auch noch viele weitere Faktoren beinhalten. Smith definiert beispielsweise eine Nation als "[...]a named human population sharing an historic territory, common myths and historical memories, a mass, public culture, a common economy and common legal rights and duties for all members" 23 . Dabei lässt er den Staat als solchen völlig außen vor, obwohl für viele weitere Wissenschaftler Nation und Nationalstaat Hand in Hand gehen. Für Deutsch beispielsweise ist eine Nation ein Volk in Besitz eines Staates 24 .
18 ALTER, 1997: 33ff.
19 ALTER, 1997: 34.
20 ALTER, 1997: 43.
21 ALTER, 1997: 43.
22 FESTENSTEIN/KENNY, 2005: 257.
23 Diese Definition entstand im Rahmen folgender Monographie: SMITH, Anthony: National Identity, Reno: University of Nevada Press, 1991. Vgl S. 14.
24 ALTER, 1997: 16.
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Da der Nationalismus über kein utopisches Moment verfügt, sehen viele Autoren ihn nicht als Ideologie an 25 . Doch es existieren auch andere Meinungen zu dieser Thematik. Was den Nationalismus durchaus als Ideologie qualifiziert, ist sein Mobilisierungspotential. Dieses hohe Potential begründet Schwarzmantel damit, dass der Nationalismus „eine sehr emotionale Bewegung“ sei 26 . Nach meiner persönlichen Definition von Ideologie halte ich den Nationalismus für eine Ideologie, da er wie bereits erwähnt das Potential birgt, eine aktive politische Bewegung zu schaffen und ihm sowohl eine „welterklärende“ Funktion als auch ein hoher identitätsstiftender Faktor zukommen. Bezieht man an dieser Stelle auch negative Aspekte des Ideologiebegriffs mit ein, zeigt sich, dass gerade diese Merkmale ihn nahezu unabdingbar zur Machterhaltung machen. Des Weiteren bin ich der Ansicht, dass die nationalistische Bewegung in Verbindung mit politischem Aktivismus letztlich auch über ein utopisches Moment verfügt. Abschließend sei erwähnt, dass der Nationalismus in verschiedenen Ländern verschiedene Ausprägungen erfahren hat; sei es, weil er der Nationalismus einer bestimmten Nation ist oder weil er - landesspezifisch - von anderen Ideologien beeinflusst wurde. Er kann die Form einer Freiheitsbewegung annehmen, wie es in vielen ehemaligen Kolonien der Fall war, oder beispielsweise auch als Tribalismus gewertet werden.
Der Historiker Miroslav Hroch hat über die Entwicklung einer nationalistischen Bewegung viel beachtete Forschungsarbeit geleistet und ein 3-Phasen-Modell entwickelt, das sich problemlos auf andere Ideologien anwenden lässt 27 . Kurz gefasst sieht Hroch in der ersten Phase des Modells, dass sich Intellektuelle mit dem theoretischen Überbau der Ideologie befassen und Ideen dazu entwickeln; im Falle des Nationalismus geht es dabei also um die bereits genannten Faktoren wie Sprache und/oder Geschichte. In der zweiten Phase „weitet sich der Kreis der Beteiligten“ 28 an dieser Auseinandersetzung und eine erste nationale Mobilisierung findet statt. In der dritten Phase kommt es erneut zu einer Ausweitung und damit zu einer Massenbewegung 29 .
25 GOODWIN, 2007: 275.
26 SCHWARZMANTEL, 2008: 90.
27 Auch dieser Punkt zeigt, dass der Nationalismus durchaus eine Ideologie ist.
28 BAUMGARTEN, 1991: 19.
29 ALTER, 1997: 83 und BAUMGARTEN, 1991: 19.
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Arbeit zitieren:
Marina Schmidt, 2009, Die Entwicklung des palästinensischen Nationalismus, München, GRIN Verlag GmbH
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