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Wissenssoziologie bei Pierre Bourdieu?
Eine Herleitung aus seinem „konstruktivistischen Strukturalismus“
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Vorstellung der beiden Theorien 3
2.1 Die phänomenologisch orientierte Wissenssoziologie 3
2.1.1 Alfred Schütz’ wissenssoziologisches Profil 3
2.1.2 „Eine Theorie der Wissenssoziologie“ von Berger und Luckmann 6
2.2 Der „konstruktivistische Strukturalismus“ Pierre Bourdieus 9
3. Erläuterung der Schnittstellen 14
3.1 Habitus - internalisiertes, handlungsleitendes Klassifikationssystem 15
3.2 Praxis - alltägliche Lebenswelt und pragmatisches Wissen 17
3.3 Die dialektische Konstruktion sozialer Wirklichkeit 18
4. Schlussbetrachtung 22
Literaturverzeichnis 24
Die Frage, ob und wie eigentlich objektive Erkenntnis möglich ist, gehört im Prinzip zu den zentralen methodischen Problemen jeder wissenschaftlichen Disziplin. Insbesondere in der Philosophie haben im Laufe der Zeit viele verschiedene Autoren - von Aristoteles über Bacon bis Kant - darauf unterschiedliche Antworten gegeben. In der Soziologie hat sich im Anschluss an diese wichtige Frage gar ein Teilgebiet herausgebildet, welches sich vornehmlich damit beschäftigt, wie Erkenntnis und Wissen überhaupt entstehen, was in der Bezeichnung „Wissenssoziologie“ auch treffend zum Ausdruck kommt. Im Gegensatz zur alten philosophischen Teildisziplin der Epistemologie und ihrer Vorstellung, Erkenntnis vollziehe sich in einem mehr oder weniger isolierten Vorgang zwischen Subjekt und erkanntem Gegenstand, betont die soziologische Betrachtungsweise den sozialen Charakter von Denken und Wissen. 1 Die grundlegende These der Wissenssoziologie von der Sozialität des Wissens, also dass Wissen und Erkennen sozial bestimmt sind, findet sich in ihrem Ansatz unter anderem bereits bei Marx und Durkheim im 19. Jahrhundert. Die Bezeichnung des Teilgebiets selbst wurde jedoch erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der so benannten deutschen Wissenssoziologie geprägt, mit der durch Scheler, Mannheim und Geiger auch eine erste inhaltliche Profilierung dieser Forschungsrichtung erfolgte. 2 Eine thematische Erneuerung und Erweiterung zu einer soziologischen Grundlagentheorie erfuhr die Wissenssoziologie in den 1960er Jahren durch ein Buch von Peter L. Berger und Thomas Luckmann über Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit 3 , das „als ein Meilenstein in der Geschichte der Wissenssoziologie angesehen werden“ 4 kann und zugleich als Begründung des Sozialkonstruktivismus gilt. Da dieses Werk unmittelbar an Alfred Schütz und seine von der phänomenologischen Philosophie inspirierte Soziologie anschließt, wird der von Berger und Luckmann gemeinsam mit Schütz begründete Ansatz als phänomenologisch orientierte Wissenssoziologie bezeichnet. Dieser Ansatz übt bis heute einen wesentlichen Einfluss auf die allgemeine Wissenssoziologie aus. Der Grundgedanke der drei Autoren ist, dass sich Sinn und Handeln bzw. Wissen und Interaktion nicht voneinander trennen lassen. Bei Hubert Knoblauch 5 ist in diesem
1 Vgl. Knoblauch, Hubert, Wissenssoziologie, Konstanz 2005, S. 13f.
2 Vgl. ebd., S. 90-113.
3 Berger, Peter L./ Luckmann, Thomas, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der
Wissenssoziologie, unveränd. Abdr. der 5. Aufl., Frankfurt/M. 2007 (amerik. Orig.: New York 1966).
4 Knoblauch, Wissenssoziologie, S. 153.
5 Auf sein Buch (Anm. 1) wird im Rahmen dieser Hausarbeit noch öfter Bezug genommen, weil es sich dabei
um die momentan wohl aktuellste umfassende Übersicht und Einführung zur Wissenssoziologie handelt.
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Zusammenhang auch von einer integrativen Wissenssoziologie die Rede, welche Schütz, Berger und Luckmann verfolgen. 6
Ein weiterer Autor, bei dem sich laut Knoblauch die Integration von Wissen und Handeln finden lässt, ist Pierre Bourdieu. Zumindest würden in seinem Begriff des Habitus Handeln und Wissen „miteinander verschmolzen“ 7 . Das mag im ersten Moment vielleicht überraschen, da Bourdieu vor allem als Vertreter des Postrukturalismus gesehen wird, der sich zwar auch mit dem Feld der Wissenschaft und einer Soziologie der Intellektuellen beschäftigt hat, 8 den man aber eher selten mit der Wissenssoziologie in Verbindung bringt. Allerdings scheint es hier durchaus Gemeinsamkeiten - speziell zur phänomenologisch orientierten Wissenssoziologie - zu geben. So bezeichnete Bourdieu seine Arbeit selbst einmal als „strukturalistischen Konstruktivismus“ bzw. „konstruktivistischen Strukturalismus“, 9 was die Vermutung nahe legt, dass er zumindest einige der Grundannahmen von Berger und Luckmann bezüglich ihrer Theorie der sozialen Konstruktion von Wirklichkeit und damit auch ihrer phänomenologisch orientierten Wissenssoziologie übernommen hat. Vor diesem Hintergrund lässt sich meines Erachtens die Frage nach den wissenssoziologischen Elementen bei Bourdieu stellen, gerade auch weil dieser Aspekt bei ihm bisher weitgehend vernachlässigt wurde. Dabei könnte eine Untersuchung dieser Elemente auf Grund von Bourdieus Versuch, die Einseitigkeiten und Gegensätze von Subjektivismus und Objektivismus bzw. von Phänomenologie und Strukturalismus zu überwinden, 10 durchaus fruchtbar für die Wissenssoziologie sein. Die vorliegende Hausarbeit soll deshalb untersuchen, wo sich bei Bourdieu Begriffe und Konzepte der phänomenologisch orientierten Wissenssoziologie wieder finden lassen und welche Rolle sie in seiner Theorie spielen. Darüber hinaus ließe sich die Frage stellen, inwiefern solche wissenssoziologischen Elemente von Bourdieu einfach übernommen, anders akzentuiert oder weiterentwickelt werden - kurzum was sein Beitrag zur Wissenssoziologie ist. Um möglichst viele Antworten auf diese Fragen zu erhalten, soll folgendermaßen vorgegangen werden: Zunächst erfolgt ein Abriss der zentralen Aussagen und Begriffe der phänomenologisch orientierten Wissenssoziologie von Schütz, Berger
6 Vgl. zur phänomenologisch orientierten Wissenssoziologie Knoblauch, S. 141-165 und zur integrativen
Wissenssoziologie ebd., S. 17 & 142.
7 Ebd., S. 17.
8 Vgl. dazu zum Beispiel Bourdieu, Pierre, Homo academicus, Frankfurt/M. 1988 (frz. Orig.: Paris 1984).
9 Vgl. Bourdieu, Pierre, Sozialer Raum und symbolische Macht, in: ders., Rede und Antwort, Frankfurt/M.
1992 (frz. Orig.: Paris 1987), S. 135-154, hier S. 135.
10 Vgl. ebd., S. 136-138; sowie Schwingel, Markus, Pierre Bourdieu zur Einführung, 5., verb. Aufl.,
Hamburg 2005, S. 41f.
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und Luckmann (2.1) sowie der Arbeit von Bourdieu (2.2), um mögliche Schnittstellen 11 dazwischen auszumachen. Diese werden im sich daran anschließenden Abschnitt (3) jeweils anhand der dafür als relevant erachteten Begriffe näher erläutert und auf Übereinstimmung bzw. andere Akzentuierung hin überprüft. Dabei sollte auch betrachtet werden, wie Bourdieu die grundlegende wissenssoziologische Frage nach der Entstehung von Wissen und Erkenntnis beantwortet. Abschließend (4) erfolgt eine Zusammenfassung und Bewertung der vorliegenden Untersuchung.
2. Vorstellung der beiden Theorien
An dieser Stelle wird darauf hingewiesen, dass es im Folgenden nicht darum geht, eine alles umfassende Erläuterung der Theorien und Konzepte der jeweiligen Autoren zu leisten. Stattdessen soll ein nur grober Überblick die zentralen Aussagen zusammenfassen und mögliche Schnittstellen zwischen Bourdieu und der phänomenologisch orientierten Wissenssoziologie ausloten.
2.1 Die phänomenologisch orientierte Wissenssoziologie
2.1.1 Alfred Schütz’ wissenssoziologisches Profil
Die phänomenologisch orientierte Wissenssoziologie beginnt, wie bereits erwähnt, mit dem Werk von Alfred Schütz (1899-1959). Dieses wurde nicht nur von Webers verstehender Soziologie und Mises begreifender Ökonomie sondern auch maßgeblich von der phänomenologischen Philosophie Edmund Husserls beeinflusst. 12 Schütz nutzt Husserls Phänomenologie insbesondere zur Klärung der methodologischen Frage nach einer sozialwissenschaftlich „adäquaten Rekonstruktion subjektiv gemeinten Sinns“ sowie der theoretischen Frage „nach der Einheit einer Handlung“ 13 . Die von Schütz daraus gewonnenen Erkenntnisse sind fundamental für seine Wissenssoziologie und ebenso für die von Berger und Luckmann, weil sie direkt darauf aufbauen. So begründet sich die Bezeichnung dieser Autoren als Vertreter einer phänomenologisch orientierten Wissenssoziologie. Die zentralen Begriffe bei Schütz sind folgerichtig Sinn und Handlung, aber auch Intersubjektivität, Wirklichkeit und selbstverständlich Wissen spielen eine wichtige Rolle. Gemeinsam bilden diese Begriffe in seinem Konzept der Lebenswelt ein
11 Solche Schnittstellen sollten durchaus vorhanden sein, wenn die konstruktivistischen Einflüsse bei
Bourdieu dermaßen bedeutend sind, dass er sie so explizit erwähnt.
12 Vgl. Endreß, Martin, Alfred Schütz, Konstanz 2006, S. 30-45.
13 Ebd., S. 38.
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wissenssoziologisches Profil, 14 das hier nun zusammenfassend dargestellt werden soll, wobei auch auf die Lebenswelt einzugehen ist.
Die Lebenswelt, oder besser gesagt die alltägliche Lebenswelt, konzipiert Schütz als den Ort, der für den einzelnen Menschen in seiner natürlichen Einstellung die selbstverständliche Wirklichkeit darstellt. Mit natürlicher Einstellung ist hier gemeint, dass man die Dinge in der Welt um sich herum als fraglos gegeben, quasi als natürlich vorhanden wahrnimmt. Dies trifft insbesondere für die Wahrnehmung des Alltags zu. Allerdings beschränkt sich die Lebenswelt bei Schütz nicht nur auf die alltägliche Wirklichkeit. Er zählt beispielsweise genauso Träume, Phantasien oder das wissenschaftliche - also das nicht der natürlichen Einstellung entsprechende - Denken dazu. So erscheint die Lebenswelt bei Schütz insgesamt als die „Summe der aus den Aktivitäten unseres Bewusstseins gebildeten Erfahrungsräume“ 15 . Jedoch ist die alltägliche Lebenswelt der hauptsächlichste Wirklichkeitsbereich des Menschen. Dort begegnet man anderen Menschen, kommuniziert und interagiert mit ihnen und vor allem in der Lebenswelt des Alltags handelt der Einzelne und wirkt auf seine und die Wirklichkeit der Anderen ein. Das lenkt den Blick auf den Begriff des Handelns. 16 Wie in der Einleitung bereits kurz angerissen wurde, besteht für Schütz eine grundlegende Verbindung zwischen Sinn und Handlung. So gehe jeder Handlung ein Sinn voraus, ja Verhalten werde erst durch die Ausstattung mit Sinn zur Handlung. Schütz unterscheidet hier zudem zwischen Handeln und Handlung. Während Handeln sich auf ein Verhalten bezieht, das immer den Entwurf eines zukünftigen Zustands beinhaltet, bezeichnet Handlung den abgeschlossenen Vorgang des Handelns. Hervorzuheben ist, dass jeder Handlung ein Entwurf vorausgeht und selbst alltägliche und routinierte Handlungen immer intentional sind. 17 Diese Intentionalität, also die Absicht etwas Bestimmtes durch eigenes Verhalten zu bewirken, ist auch kennzeichnend für die Grundstruktur des Sinns. Unter Sinn versteht Schütz nämlich ganz allgemein die Bezugnahme des Bewusstseins auf etwas. Das können Gegenstände, Personen, vergangene Erlebnisse oder eben auch zukünftige Handlungen sein, die interpretiert bzw. geplant und so mit Sinn ausgestattet werden. 18
14 Vgl. dazu unter anderem ebd., S. 99-118.
15 Knoblauch, Wissenssoziologie, S. 149.
16 Vgl. zu diesem Absatz Schütz, Alfred/ Luckmann, Thomas, Strukturen der Lebenswelt, Konstanz 2003, S.
29-33 & 53.
17 Vgl. Schütz, Alfred, Wissenschaftliche Interpretation und Alltagsverständnis menschlichen Handelns, in:
ders., Gesammelte Aufsätze. Bd. 1: Das Problem der sozialen Wirklichkeit, Den Haag 1971, 3-54, hier S.
22f.; sowie Knoblauch, Wissenssoziologie, S. 144f.
18 Vgl. Knoblauch, Wissenssoziologie, S. 143; Schütz/ Luckmann, Strukturen, S. 449f.
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Die Konstitution von Sinn vollzieht sich laut Schütz folgendermaßen: Auf der Basis eigener und vermittelter Erfahrungen von der Welt werden die erfahrenen Gegenstände, Personen, Handlungen und Erlebnisse typisiert und als typische Erfahrungen im Hintergrund des Bewusstseins abgelagert. Dort bilden sie eine Art unbewusstes Klassifikationssystem, nach dem alle zukünftigen Handlungen und Erfahrungen bewertet werden. Die Typisierungen selbst unterliegen dabei einer selektiven Tätigkeit des Bewusstseins, was bedeutet, dass nur solche Aspekte von Gegenständen, Personen, Handlungen usw. betrachtet werden, die für die Typisierung als relevant erscheinen. Dieser Selektionsprozess betrifft letztlich die Wahrnehmung und Interpretation aller Dinge in der Welt, sodass jeder Mensch über eine „besondere Sinn- und Relevanzstruktur“ 19 verfügt. Die Relevanzen selbst sind vor allem ein Ausdruck der jeweiligen biografisch bestimmten Situation der einzelnen Menschen, was auch auf die Bedeutung der Zeit verweist, die bei Schütz als zentrale Form des Bewusstseins erscheint. 20
Eine Besonderheit ist Schütz’ Betonung des pragmatischen Charakters der subjektiven Sinnkonstitution, in dem er hervorhebt, dass die individuellen Relevanzstrukturen vorrangig auf typische Lösungen typischer Probleme ausgerichtet sind. Damit stellt Schütz erstmals das Wissen des Alltags in den Mittelpunkt wissenssoziologischer Analysen. 21 Typisierungen und Erfahrungen sind in diesem Zusammenhang als die elementaren Formen des Wissens anzusehen. Dabei ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass Wissen für Schütz von vornherein intersubjektiv entsteht und wirkt. So könne sich die Konstruktion „gedanklicher Gegenstände im alltäglichen Denken“ 22 nur aufgrund der Auseinandersetzung mit anderen Menschen und den von ihnen vermittelten Erfahrungen vollziehen. Intersubjektivität ist damit nicht nur ein zentrales Kennzeichen der Lebenswelt sondern auch des subjektiven Wissensvorrats. Dieser setze sich nämlich weniger aus selbst erworbenem Erfahrungswissen sondern vor allem aus vermitteltem und sozial abgeleitetem Wissen von der Welt zusammen. Das herausragende Medium bei der Vermittlung von Wissen ist die Sprache, deren Wortschatz und Syntax bereits den grundlegenden Vorgang der Typisierung maßgeblich beeinflussen. 23
Der soziale Charakter des Wissens drückt sich weiterhin in dessen struktureller Sozialisierung aus. Neben dem Aspekt des hauptsächlich sozial abgeleiteten Wissens zählt Schütz hierzu ferner die ungleiche Verteilung des Wissens zwischen gesellschaftlichen
19 Schütz, Wissenschaftliche Interpretation, S. 6.
20 Vgl. zu diesem Absatz ebd., S. 8-12; Knoblauch, Wissenssoziologie, S. 143-146.
21 Vgl. Endreß, Schütz, S. 99-101.
22 Schütz, Wissenschaftliche Interpretation, S. 8.
23 Vgl. ebd., S. 12-16; Knoblauch, Wissenssoziologie, S. 147-150.
Arbeit zitieren:
Benjamin Triebe, 2008, Wissenssoziologie bei Pierre Bourdieu?, München, GRIN Verlag GmbH
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