1. Auflage im März 2006
Gymnasium am Stadtpark Uerdingen Gymnasiale Oberstufe Facharbeit im Leistungskurs Deutsch Erschienen bei GRIN Verlag GmbH 2009 Benotung: sehr gut (14 Punkte)
Inhaltsverzeichnis
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Inhaltsverzeichnis
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Inhaltsverzeichnis
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1. Vorwort
5
2. Einleitung
2.1 Begründung der Themenwahl
5
2.2 Forschungsgebiet der Soziolinguistik
5
2.3 Historischer Hintergrund
6
8
3. Die Defizithypothese und ihre Folgen
3.1 Soziolinguistische Defizithypothese nach Bernstein
8
3.1.1 Untersuchungsmethoden
8
3.1.2 Restringierter und elaborierter Sprechkode
8
9
3.1.3 Sprache und Erfolg im Zusammenhang
3.2 Wissenschaftliche und gesellschaftliche Folgen 10
3.2.1 Bildungspolitische Diskussion 10
3.2.2 Wissenschaftliche Reaktionen 11
3.2.3.1 Befürworter der Defizithypothese 11
3.2.3.2 Widerlegung der Bernsteinhypothese 12
3.3 Soziolinguistik nach dem Bernstein-Konflikt 13
14
4. Fazit: Verschwendete Ressourcen
16
Literatur und Quellenverzeichnis
1. Vorwort
Kaum ein Element des menschlichen Lebens hat eine solch große Macht wie die Sprache. Sie ist die Grundlage der meisten Gesellschaften, führt oftmals zu großen Zusammengehörigkeitsgefühlen doch spaltet vielerorts auch verschiedene Völker. Sie sorgt für Verständnis oder für das Gegenteil und schafft es verschiedenste Gefüh- le hervorzurufen. Ob zur Vermittlung von Wissen, Gerüchten oder einfach zur Unter- haltung: Die Sprache, als ältestes Medium der Welt, ist von Bedeutung für alle Ge- sellschaften. Doch wenn sie es schafft, Volksgruppen ein Zusammengehörigkeitsge- fühl zu vermitteln, liegt der Schluss nahe, dass auch das Gegenteil möglich ist. Mit diesem Aspekt beschäftigte sich über Jahre hinweg die Soziolinguistik, ein Wissen- schaftsfeld, das versucht Verbindungen zwischen dem sozialen Status eines Volkes, einer Schicht oder einer Gruppe und deren Sprachfähigkeiten zu ziehen.
Besonders dominierend im deutschen Zweig dieser Wissenschaft war bis Mitte der 1980er Jahre der Begriff der Sprachbarriere. Er prägte über eine lange Zeit hin- weg die Bildungspolitik in der Bundesrepublik und sorgte für eine regelrechte lingu- istische Revolution. Grundlage für die deutschen Forschungen war vor allem die De- fizittheorie des englischen Pädagogen Basil Bernstein. Diese, aber vor allem ihre Folgen für Deutschland und dessen Bildungssystem, sind Thema dieser Facharbeit. Eine solch starke Eingrenzung ist nötig, da sich die Soziolinguistik seit ihrem Aufkommen stark verändert und differenziert hat. Die Bezeichnung, die ehemals ein spezifisches Gebiet der Linguistik beschrieb, ist heute schon eher ein Oberbegriff für eine eigene Wissenschaft. Die Forschung ist in den vergangenen Jahren so umfang- reich geworden, dass eine globale Einführung im Rahmen einer Facharbeit wohl kaum möglich ist, wenn man das Ziel verfolgt, nicht nur an der Oberfläche zu krat- zen, sondern wirklich in die Materie einzudringen – sie zu verstehen und die Konse- quenzen, die in ihr begründet waren und sind, nachvollziehen zu können.
Deshalb ist ausschließlich der Forschungsstand bis Mitte der 1970er Jahre Thema dieser Arbeit. Sie beschäftigt sich mit Bernsteins Defizittheorie, mit der Sprachbar- rierenforschung und mit den Gegenströmen, die, bei den weitreichenden Folgen der Arbeiten Bernsteins, nicht ausblieben und seine Theorie letztendlich sogar widerle- gen konnten.
2. Einleitung
2.1 Begründung der Themenwahl Spätestens seit den erschreckenden Ergebnissen der PISA-Studie im Jahre 2000 gilt es als wissenschaftlich erwiesen, dass der Nachwuchs aus sozial schlechter gestellten Familien es schwieriger hat, im Leben beruflichen Erfolg zu erlangen, als es für Kin- der aus Elternhäusern mit besseren finanziellen Möglichkeiten der Fall ist. In Deutschland ist dies besonders extrem ausgeprägt. 1 Einen Grund für dieses Phäno- men bietet Basil Bernstein mit seiner Defizithypothese, die Thema dieser Facharbeit ist. Ausgewählt habe ich es, da ich mehr über die Zusammenhänge zwischen Sprache und Erfolg, sowie sozialer Herkunft und Sprache erfahren wollte und die Theorie des britischen Pädagogen über lange Jahre hinweg das Gebiet der deutschen Soziolingu- istik dominierte. 2 Zwar hat sie heute in der Wissenschaft an Stellenwert verloren, doch die Thematik die sie beschreibt ist, wie man sieht, noch immer aktuell. Beson- ders interessierten mich bei meiner Untersuchung die Grundlagen, auf denen Bernstein seine Hypothese aufbaute und im besonderen Maße die Art der Anwen- dung in der Bundesrepublik. Ziel dieser Arbeit soll eine strukturierte Darstellung der soziolinguistischen Ströme in Deutschland, vor allem in den 1970er Jahren sein, mit einem besonderen Augenmerk auf die bereits erwähnte Theorie. Dabei soll auch der historische Hintergrund nicht außen vor bleiben, der den Erfolg dieser linguistischen Forschung zu großen Teilen erst möglich machte.
2.2 Forschungsgebiet der Soziolinguistik Das Meyers Taschenlexikon definiert die Soziolinguistik als ein „Teilgebiet der Sprach- Wiss. mit der Aufgabe die sozialen Bedingungen, sprachl. Unterschiede und Veränderungen zu erforschen.“ 3 Im Vordergrund stehen dabei die Beziehungen zwi- schen sozialer Herkunft und den sprachlichen Fähigkeiten eines Menschen in einer bestimmten Gesellschaft. Hierbei liegt das Augenmerk nicht nur auf dem Vergleichen zwischen der Sprache von Angehörigen unterschiedlicher Bevölkerungsschichten,
1 Vgl. Max Plank Institut Berlin: PISA 2000: Die Studie im Überblick – Grundlagen, Methoden und
Ergebnisse, Berlin 2002 2 Vgl. Löffler, Heinrich: Germanistische Soziolinguistik, in: Besch, Werner und Steinecke, Hartmut:
Germanistische Soziolinguistik, Berlin 2005, S. 161 3 Meyers Lexikonredaktion: Meyers Taschenlexikon in 10 Bänden (Band 9), Augsburg 1999, S. 936
sondern zum Beispiel auch auf der Gegenüberstellung sprachlicher Eigenschaften von Sprechern unterschiedlichen Geschlechts oder Alters. Weitere Forschungsgebiete sind aber ebenfalls die Pidginigsierung und der Bereich der Sprachwahl, wo be- obachtet wird, welche Sprache eine mehrsprachige Gesellschaft wann nutzt. 4 Als Väter der heutigen Soziolinguistik gelten der Brite Peter Trudgill und der Amerikaner William Labov, 5 der auch das heute noch oft verwendete soziolinguisti- sche Interview einführte. 6 Den Weg von einem Teilgebiet der Linguistik, hin zu einer wirklichen Wissenschaft machte die Soziolinguistik erst Anfang der 1960er Jahre, als der Brite Bernstein seine Defizithypothese veröffentlichte. Diese wurde in der Bun- desrepublik zu Beginn fast vollständig übernommen und es bildete sich das linguisti- sche Teilgebiet der Sprachbarrierenforschung heraus. Darin beschäftigte man sich hauptsächlich mit zwei Intentionen: Entweder man wollte Bernsteins Theorie wider- legen oder sie untermauern. Wichtige deutsche Soziolinguisten waren vor allem Oe- vermann, Ammon und Dittmar, wobei erwähnt werden sollte, dass die meisten For- scher auf diesem Gebiet eigentlich nicht unbedingt Linguisten waren. Die Soziolin- guistik ist daher eher als ein „ […] interdisziplinäres Projekt von Soziologen, Lingu- isten, Verhaltensforschern und Anthropologen […]“, 7 anzusehen, wie Theodor Le- wandowski es passend definierte. Allerdings sollte man klar betonen, dass dieses „Projekt“ wohl kaum zu einem vergleichbaren Erfolg hätte gelangen können, wenn die historischen Rahmenbedingungen zu dessen Entstehungszeit nicht so wohlwol- lend gewesen wären. 8
2.3 Historischer Hintergrund Die Ära der modernen Soziolinguistik, die mit der Defizithypothese eingeleitet wur- de, begann Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre. Die westliche, kapitalistische Welt stand unter dem Einfluss des so genannten Sputnik-Schocks 9 und fühlte sich in
4 Vgl. Windgen, Wolfgang: Soziolinguistik und Kontaktlinguistik, in: http://www.fb10.uni-bremen.de
/homepages/wildgen/pdf/soziolinguistiksprachkontakt.pdf, eingesehen am 20. Januar 2006, S. 16 5 Vgl. Wikipedia: Soziolinguistik aus Wikipedia der freien Ezykolpädie, in: http://de.wikipedia.org
/wiki/Soziolinguistik, eingesehen am 26. Februar 2006 6 Vgl. Windgen: Soziolinguistik, S. 12 ff 7 Lewandowski, Theodor: Linguistisches Wörterbuch 2, Wiesbaden 1985, S. 936 8 Vgl. Löffler: Germanistische Soziolinguistik, S. 161 ff 9 Vgl. Löffler: Germanistische Soziolinguistik, S. 161 ff
Technik und Wissenschaft den sozialistischen Staaten, allen voran der UDSSR, un- terlegen. Aufgrund dieses Empfindens, das auf den erfolgreichen Start des ersten, von den Russen entwickelten, Sputnik-Satelliten folgte, 10 leitete die UNESCO eine Untersuchung der Bildungssysteme der westlichen Staaten ein. Dabei schnitt die Bundesrepublik äußerst schlecht ab. Nur knapp 5 Prozent der Kinder schafften es hierzulande bis zum Abitur, was der sozialdemokratische Bundeskanzler Brandt ver- bessern wollte. Das Ziel seiner Regierung hieß von da an Bildungsreserven zu mobi- lisieren um die Zahl der Abiturienten auf 50 Prozent steigern zu können. 11 Diese, sehr hoch gegriffene Zahl, ist zwar bis heute noch nicht erreicht, doch sorgte sie da- für, dass man alles daran setzte das Bildungssystem zu verbessern um den Russen nicht weiter unterlegen zu sein. Schnell suchte man nach Gründen um die vermeidli- che Rückständigkeit gegenüber der Sowjetunion erklären zu können. Dies geschah hauptsächlich in den Vereinigten Staaten, 12 die zu dem Zeitpunkt den Wettlauf des Kalten Krieges bereits voll angenommen hatten. So fand man hier auch als erstes das Forschungsgebiet der Soziolinguistik als mögliche Erklärung. Das geschah jedoch eher im Hintergrund, gab es doch noch keine vorzeigbaren Ergebnisse, die einen sol- chen Rückschlag erklären konnten. Diese lieferte dann Anfang der 1960er Jahre der britische Pädagoge Basil Bernstein mit seiner Defizithypothese, die schnell auch in der Bundesrepublik Anklang fand.
Vgl. Wikipedia: Sputnikschock aus Wikipedia der freien Ezykolpädie, in: http://de.wikipedia.org
3. Die Defizithypothese und ihre Folgen
3.1 Soziolinguistische Defizithypothese nach Bernstein
3.1.1 Untersuchungsmethoden
Bei der Erstellung seiner Defizithypothese setze Basil Bernstein im groben auf nur zwei wissenschaftliche Untersuchungen, bevor er die Theorie formulierte. Zum einen verwies er auf die Ergebnisse einer Studie der Linguisten Schatzmann und Strauss, die Mitte der 1950er Jahre veröffentlich wurde und zu dem Ergebnis kam, dass Spre- cher aus sozial schwächeren Familien Schwierigkeiten damit haben, ein Ereignis ausführlich bzw. „[…] explizit […]“ wiedergeben zu können. 13 Zum anderen führte Bernstein auch eigene Untersuchungen in England durch, die auf Interviews mit 309 Lehrlingen sowie Laufburschen aus der Unterschicht und 45 Mittelschichtschülern basierten. Bernstein befragte die Teilnehmer seiner Studie zu Themen wie der Todes- strafe und ließ sie anschließend, schichtengetrennt, über den gegebenen Begriff eine Diskussion führen. Obwohl die Teilnehmer der Unterschicht das Diskutieren zuvor sogar noch geprobt hatten, fielen Bernstein bei seiner Auswertung nach syntakti- schen Kriterien deutliche Unterschiede zwischen den Schichten auf. 14 So stellte er fest, dass die Sprecher der Mittelschicht ihre Äußerungen grammatikalisch korrekter, logischer und mit einer differenzierteren Wortwahl tätigten, wohingegen die Sprecher der Unterschicht kurze, einfache und zum Teil auch unvollständige Sätze äußerten. Außerdem waren ihre Aussagen immer nach einem ungefähr gleichen Schema auf- gebaut und Nebensätze waren eher selten. 15 Die Ergebnisse glichen insgesamt stark denen von Schatzmann und Strauss, deren Studie Bernstein zu seinen Untersuchun- gen gebracht hatte.
3.1.2 Restringierter und elaborierter Sprechkode
Aufgrund seiner Beobachtungen unterschied Bernstein nun in zwei Arten von Sprechweisen, die er den beiden verschiedenen, von ihm untersuchten Gesellschafts-
13 Vgl. Dittmar, Norbert: Soziolinguistik. Exemplarische und kritische Darstellung ihrer Theorie,
Empirie und Anwendung. Mit kommentierter Bibliogrphie, Königstein/Ts. 1980, S. 2 14 Vgl. Löffler: Germanistische Soziolinguistik, S. 165 f 15 Vgl. Schieben-Lange: Soziolinguistik, S. 34
klassen zuwies. Die Sprechweise der Unterschicht nannte er öffentliche-, die der Mittelschicht formale Sprache. Später definierte er die „verschiedenen“ Sprachen als Kodes (engl. Codes) und sprach von da an vom restringierten und elaborierten Sprechkode. Ersterer beschreibt die Sprechweise der Unterschicht, also die zuvor als öffentliche Sprache definierte Art der Ausdrucksweise. Als elaboriert bezeichnete Bernstein den Sprechkode der Mittelschicht. 16 Diese strickte Unterscheidung zwi- schen den Sprechweisen der beiden Schichten, war die Grundlage seiner Defizittheo- rie, die der englische Pädagoge im Anschluss an seine kurzen Untersuchungen for- mulierte.
3.1.3 Sprache und Erfolg im Zusammenhang
Aufgrund der von ihm beobachteten strikten Zuordnung des restringierten Sprech- kodes zur Unter- und des elaborierten Sprechkodes zur Oberschicht stellte Bernstein Mitte der 1960er Jahre die Vermutung auf, dass die Sprache einen entscheidenden Einfluss auf den gesellschaftlichen Erfolg eines Individuums hat. Da die Sprecher mit elaboriertem Sprechkode scheinbar erfolgreicher waren, als jene mit restringier- tem, hielt Bernstein letzteren für generell dem ersten unterlegen. Daher kommt er, wie Norbert Dittmar schreibt, zu dem Schluss: „Den restringierten Sprechkode […], der dem über relativ komplexe und informationsdichte sprachliche Organisationen verfügenden elaborierten Sprechkode unterlegen ist, hält Bernstein für eine entschei- dende Ursache gesellschaftlicher Chancenungleichheit.“ 17 . Die unterschiedlichen Sprechkodes sah Bernstein in den verschiedenen psychischen Erfahrungen eines Sprechers begründet, die seiner Meinung nach in engem Zusammenhang mit der Schichtenzugehörigkeit eines Individuums stehen. Große Bedeutung sprach er auch der Familie zu, die die Sprache eines Kindes so stark prägt wie nichts anderes. Er stellt deshalb neben der Defizitherorie auch die Mutter-Kind-Hypothese auf, in der er feststellt: „Im engeren Sinne ist die Mutter und im weiteren Sinne die Familie dafür verantwortlich, daß ein Kind bestimmten Restriktionen unterworfen ist.“ 18 Die Bernsteinsche Defizithypothese war also geboren.
16 Vgl. Dittmar: Soziolinguistik, S. 2
17 Dittmar: Soziolinguistik, S. 2 18 Dittmar: Soziolinguistik, S. 97
3.2 Wissenschaftliche und gesellschaftliche Folgen
3.2.1 Bildungspolitische Diskussion
Durch die bildungspolitische Situation in den 1960er Jahren, war der Nährboden für Bernsteins Untersuchungen in der Bundesrepublik äußerst groß. Die gerade veröf- fentlichen Studien der UNESCO sorgten für große Diskussionen um den Anteil der Abiturienten in Deutschland und die Defizithypothese bot eine logische und ver- meintlich fundierte Erklärung für die sozialen Chancenungleichheiten. Daher ver- suchte man mit kompensatorischen Sprachprogrammen die Sprachdefizite, die laut Bernstein Grund dafür sind, dass Unterschichtkinder weniger erfolgreich sind als der Nachwuchs der Mittelschicht, abzustellen. „Dem in Amerika verbreiteten Sprach- kompensationsprogramm von Bereiter-Engelmann entsprach ein deutsches von Schüttler-Janikulla (1971), das in kürzester Zeit 700 000 mal verkauft war.“ 19 Dabei versuchte man den Kindern schon im Vorschulalter, aber auch in der Grundschule durch Trainingsprogramme die sprachlichen Defizite abzutrainieren. Klarer ausge- drückt hieß dies, dass man versuchte die Dialekte und Spracheigenheiten der Unter- schicht komplett abzuschaffen. 20 Die Schule sollte nur noch den elaborierten Sprech- kode vermitteln und fördern um somit ein für allemal Schluss mit sozialer Ungerech- tigkeit zu machen und für gleiche Erfolgschancen zu sorgen. Doch recht schnell be- merkte man, dass man mit den Kompensationsprogrammen nicht viel, ja manchmal sogar das Gegenteil erreichte. Die Kinder, die an den „ […] gut gemeinten Drill und Trainingsprogramme(n) […]“ teilnahmen, litten oftmals schon in der Grundschule an „[…] Schulüberdruss, kindlichen Neurosen, Bettnässen und Daumenlutschen […].“ 21 Jene, bei denen die Programme fruchteten, waren meist Kinder aus der Mittelschicht, weshalb man anstatt die Unterschiede zu verringern, diese vielfach noch verstärkte. Heute sieht man als Grund für das Scheitern der kompensatorischen Maßnahmen vor allem die überschnelle Reaktion, die es ermöglichte, dass Programme ins Leben ge- rufen wurden, deren Nutzen noch gar nicht bewiesen war, da die wissenschaftliche Grundlagenforschung auf diesem Gebiet fast völlig fehlte. 22
19 Löffler: Germanistische Soziolinguistik, S. 167
20 Vgl. Dittmar: Soziolinguistik, S. 2 21 Löffler: Germanistische Soziolinguistik, S. 167 22 Vgl. Löffler: Germanistische Soziolinguistik, S. 168
3.2.2 Wissenschaftliche Reaktionen
Vor der Veröffentlichung der Defizit-Hypothese gab es im Grunde keinen anderen Ansatz als den Bernsteins, der nun auch auf die Bundesrepublik angewendet werden sollte. Die amerikanischen Ergebnisse blieben hierzulande ohne Anerkennung. „Erst durch die Bibliographie von Dittmar (Dittmar 1971) und den Reader von Klein/ Wunderlich (1971) sind andere Richtungen als Bernstein überhaupt in die allgemeine Diskussion gekommen.“ 23 Trotzdem gab es aber auch danach lediglich zwei stark vertretende, wissenschaftliche Richtungen in der noch recht jungen Soziolinguistik. Auf der einen Seite standen jene, die versuchten Bernsteins Arbeiten mit eigenen Forschungsprogrammen zu untermauern, auf der anderen solche, die Bernstein ver- suchten zu widerlegen. 24
3.2.2.1 Befürworter der Defizithypothese Zu den Befürwortern der Bernstein-Hypothese lässt sich eigentlich nicht viel diffe- renziertes sagen. Sie versuchten fast alle, mit eigenen wissenschaftlichen Arbeiten die Theorie des englischen Pädagogen zu belegen. Dabei wendeten sie oftmals exakt die gleichen Methoden an, die auch Bernstein selbst genutzt hatte, weshalb sie von Bernsteins Gegnern stark kritisiert wurden. Als dann die ersten Wissenschaftler auch auf diese Kritik eingingen und die Untersuchungsmethoden änderten, hatten sie arge Probleme Bernsteins Ergebnisse zu belegen. 25 So ebbte Ende der 1970er Jahre die Welle der Arbeiten ab. Nur noch wenige Forscher beschäftigen sich seitdem mit der Defizithypothese, die meisten auf dem Gebiet der Einwanderungsproblematik. 26 Die wohl wichtigste, deutsche Arbeit zu den Sprachbarrieren in Deutschland lieferte An- fang der 1970er Jahre der Tübinger Soziolinguist Ulrich Ammon ab. In seiner Arbeit mit dem Titel „Dialekt, soziale Ungleichheit und Schule“ geht er auf das von Bernstein formulierte Problem genauer ein. Er kommt zu dem Schluss, dass der Dia- lekt für die Unterschicht ein Symbol der Zusammengehörigkeit ist, der es den Dia- lektsprechern ermöglicht einen Ortsfremden schnell zuerkennen und diese sich somit darüber im Klaren sind, dass der Fremde die örtlichen Gewohnheiten nicht kennt.
23 Schieben-Lange: Soziolinguistik, S. 57
24 Vgl. Löffler: Germanistische Soziolinguistik, S. 168 25 Vgl. Löffler: Germanistische Soziolinguistik, S. 169 26 Vgl. Löffler: Germanistische Soziolinguistik, S. 170
Daher bemerkt er, dass es äußerst schwer, wenn nicht gar unmöglich wird, den Men- schen dieses Symbol abzutrainieren, da sie das Gefühl haben werden, dass Ihnen ein Identifikationsobjekt abhanden kommt. Bei seinen Untersuchungen geht Ammon a- ber immer von der Richtigkeit der Beinstein-Hypothese aus und sagt daher, dass der Dialekt ebenfalls zum Ausschluss der Unterschicht aus sozial höher gestellten Krei- sen führt, da sich eben nicht nur ein Fremder erkennen lässt, sondern der Fremde durch den Dialekt auch Mitglieder der Unterschicht identifizieren kann, gegen die er generell eine Abneigung hat. Dadurch wird der Erfolg für die Unterschicht verhindert. 27
3.2.2.2 Widerlegung der Bernsteinhypothese Die Arbeiten Bernsteins und jene, die seinen Nachfolgten wurden von Seiten der Bernstein-Gegner stark kritisiert. Vor allem die geringe Menge der erhobenen, wis- senschaftlichen Daten und die ungleiche Schichtenverteilung der Befragten, auf de- ren Aussagen Bernstein seine Theorie aufgebaut hatte, wurde von vielen anders Den- kenden nicht akzeptiert. 28 Auch die einfache Bestimmung des Engländers, dass der elaborierte Kode dem restringierten überlegen wäre, nur weil er die elaborierten Sprecher für erfolgreicher hielt, stieß auf große Kritik. Hier stellten die Gegner vor allem die Forschungsergebnisse von Labov entgegen, der 1968 in seinen ausführli- chen, wissenschaftlich fundierten Arbeiten nachgewiesen hatte, dass die Unter- schichtkinder kein schlechteres, sondern lediglich anderes Englisch sprechen, was Bernstein mit seinen Ergebnissen widerlegte, wie Dittmar passend feststellte: „Un- terschichtkinder leben in einer „verbal reichen Subkultur, in der das Kind von mor- gens bis abends in sprachlicher Stimulierung gebadet ist.“ 29 Das Problem der Chan- cenungleichheit lag daher für die Gegner der Defizithypothese nicht nur auf Seiten der sprachlichen Entwicklung von Kindern der Unterschicht, da sie eben nicht schlechter sprechen, sondern anders. Diese Feststellung führte zu der, Bernsteins De-
27 Vgl. Schieben-Lange: Soziolinguistik, S. 66 f
28 Vgl. Schieben-Lange: Soziolinguistik, S. 57 29 Dittmar: Soziolinguistik, S. 101
fizittheorie widersprechenden, Differenzhypothese 30 des amerikanischen Wissen- schaftlers William Labov, der als der große Gegenspieler Bernsteins in der Soziolin- guistik gilt. Besonders angegriffen hat er zum Beispiel die starke Gesellschaftsver- einfachung Bernsteins in die Arbeiter- und. Die Mittelklasse. Hier sollte seiner Mei- nung nach stärker differenziert werden. Auch Bernsteins Code-Begriff musste sich Labovs Kritik unterziehen. So sah er ein Problem an dieser Definition, da sie seiner Meinung nach den Eindruck erwecken würde, dass es sich bei verschiedenen Codes um verschiedene, in sich geschlossene Sprachsysteme handeln würde, wie es Oe- vermann einmal auf den Punkt brachte. 31 Seit den Arbeiten Labovs, dem offenkundi- gen Scheitern der kompensatorischen Maßnahmen und dem Unvermögen Bernsteins Befürwortern dessen These durch wissenschaftlich anerkannte Forschungsmethoden zu bestätigen, gilt die Bernstein-Hypothese weitgehend als widerlegt. Sie spielt in der heutigen Soziolinguistik kaum noch eine Rolle.
3.3 Soziolinguistik nach dem Bernstein-Konflikt Nachdem sich die Aufruhr um Bernsteins Defizithypothese sowie den verschiedenen Gegenströmen gelegt hatte und es sich langsam herausstellte, dass viele der zu schnell und übereifrig gestarteten, kompensatorischen Sprachprogramme ohne Erfolg blieben, machte sich Ernüchterung breit. Die Soziolinguistik, die doch alle Probleme lösen sollte, verschwand langsam aber sicher von der Bildfläche des öffentlichen In- teresses. Nur noch wenige neue Forscher widmeten sich dieser Wissenschaft und an- dere Themen traten in den Vordergrund. So spielte die Bernstein-Hypothese schon in der Mitte der 1980er Jahre kaum noch eine Rolle. Die damaligen Soziolinguisten dif- ferenzierten ihr Wissenschaftsgebiet immer stärker und beschäftigten sich vor allem mit Problemen wie der Sprachwahl, der Pidginigsierung, den Soziolekten, den Un- terschieden zwischen Männer- und Frauensprache 32 oder der Sprachbarriere von
30 Vgl. Lazar, Marzena und de Vries, Irina: Soziale Varietäten I: Schicht, Gruppe, in:
http://www.rzuser.uni-heidelber.de/cg3/ph/Referate/Referat_Lazar_Vries.doc, eingesehen am 25. Januar 2006 31 Vgl. Schieben-Lange: Soziolinguistik, S. 63 32 Vgl. Hullmann, Berit: Zur unterschiedlichen Verwendung von Sprache in Frauen- und Männerzeit- schriften am Beispiel von Amica und Mens Health, in: http://www.linse.uni-essen.de/esel /pdf/amica_menshealth.pdf, eingesehen am 20. Februar 2006
Immigranten. 33 Diese Themen sind auch heute noch immer in der Soziolinguistik aktuell. Man versucht nicht mehr die großen Probleme durch einfache Theorien zu lösen, sondern beschränkt sich eher auf die Beschreibung von Phänomenen und Re- gelungen 34 .
3. Fazit: Verschwendete Ressourcen
Alles in allem lässt sich an Hand der Soziolinguistik der 1960er und 1970er Jahre gut erkennen, wie leicht es selbst mit einer wissenschaftlich nicht bewiesenen Theorie sein kann, unsere moderne Gesellschaft zu manipulieren. Die gewagte – und wie sich später ja herausstellte – falsche Behauptung Basil Bernsteins traf in Deutschland, a- ber auch in anderen Staaten, auf sehr fruchtbaren Boden, sollte sie doch eine Art Messiasfunktion übernehmen und dem vermeintlich unterlegenen Westen helfen in Sachen Bildung wieder auf die Beine zu kommen. Man hinterfragte in der Öffent- lichkeit zu Beginn weder die Methoden der Erfassung, noch die Aussage an sich, sondern beschäftigte sich dafür mit sehr großem Engagement mit der Beseitigung der so genannten „Sprachbarrieren“. Das dies nicht zu einem Erfolg führen konnte, er- kannte man zu spät, da die wenigen Gegenstimmen, die es zweifellos immer gab, erst zu spät gehört wurden – nämlich erst nachdem man bemerkt hatte, das sich durch die kompensatorischen Programme nichts änderte. Der steile Aufstieg zeigt deutlich, wie einfach es auch heute noch ist, die große Masse der Menschen durch Fehlinformatio- nen zu beeinflussen und sie mit angeblich wissenschaftlichen Erkenntnissen für eine Sache zu begeistern. Dies erinnert doch stark an die antisemitischen „Wissenschaf- ten“ vor und während des Dritten Reiches, die auch mit vermeintlichen Forschungs- ergebnissen der Bevölkerung das Alibi für die grausamen Machenschaften der NS- Regierung boten. Zwar kann man diese beiden Vorgänge von der inhaltlichen Seite und auf Deutschland bezogen nur schlecht miteinander vergleichen, aber allein die Tatsache, dass die kompensatorischen Maßnahmen beginnen konnten, ohne Befunde
33 Vgl. Breil, Bettina: HauptschülerInnensprache. Eine Untersuchung der Sprache Essener Brenn-
punkt-HauptschülerInnen, in http://www.linse.uni-essen.de/esel/pdf/hauptschspr.pdf, eingesehen
am 20. Februar 2006 34 Vgl. Löffler: Germanistische Soziolinguistik
für deren Richtigkeit zu haben und somit die Vernichtung von unzähligen, verschie- denen Dialekten bereit eingeleitet war, zeigt doch, dass man sich noch immer nicht sicher sein kann, dass sich die Bevölkerung nicht in die Irre führen und missbrauchen lässt, denn wie sich zeigt glaubt man vieles, wenn es unter dem Deckmantel der Wis- senschaft daher kommt. Dass aber auch rassistische Elemente nicht unbedingt fern liegen, wenn man eine solch diskriminierende These formuliert, zeigte sich in den USA, wo die schwarzen Bevölkerungsschichten, nach Meinung einiger Forscher, an- geblich genetisch nicht in der Lage wären, den elaborierten Sprechkode zu beherr- schen – obwohl es seit langer Zeit als erwiesen gilt, dass es keine fundamentalen, genetischen Unterschiede zwischen den Menschen verschiedener Hautfarben gibt. Trotzdem versuchte man mit solchen, wissenschaftlich nicht belegten Theorien, die Kluft zwischen schwarz und weiß in Nordamerika wieder aufreißen zu lassen. Dass Bernstein mit seiner Hypothese falsch lag, bezweifelt heute kaum noch jemand, trotzdem muss man ihm zugute halten, dass er mit seiner Theorie das Forschungsge- biet der Soziolinguistik weit nach vorne gebracht hat und ihm zu – zumindest kurz- zeitigem – öffentlichen Ansehen verhalf. Gleichzeitig ist es auch ein Beispiel dafür, wie manipulierbar die Menschen noch immer sind, wenn sie sich in ihrer Ehre ver- letzt und unterlegen fühlen. Des Weiteren zeigt die Geschichte dieses Wissenschafts- zweigs, wie falsch die alten Denkmuster von Klassenüber- bzw. Unterlegenheit sind, denn diese gibt es schlichtweg nicht. Alle Klassen sind für ihre Verhältnisse und Be- dürfnisse ausreichend mit Sprachkompetenz ausgestattet und sprechen lediglich an- ders, nicht schlechter. Ich hoffe ich konnte mit dieser Facharbeit einen Einblick in den Forschungsbereich der Soziolinguistik geben und die Zusammenhänge, histori- schen Gegebenheiten und Folgen der Bernstein-Hypothese sinnvoll erläutern. Dass ich nicht auf jedes Detail eingehen konnte, liegt natürlich am begrenzten Rahmen dieser Arbeit, denn über die Soziolinguistik sind Reihenweise Bücher erschienen, deren Inhalt wiederzugeben sicherlich ein Lebenswerk wäre. Trotzdem sollte es mei- ner Meinung nach nun klar sein, wie sich dieses Wissenschaftsgebiet weg von einer unbedeutenden Teildisziplin, hin zu einem eigenständigen sowie differenzierten For- schungsbereich entwickelt und immer mehr an gesellschaftlicher Bedeutung gewon- nen hat. Auch wenn diese mit der Zeit bereits wieder verflogen und die Bernsteinhy- pothese schon fast in Vergessenheit geraten ist.
Literatur- und Quellenverzeichnis
Breil, Bettina: HauptschülerInnensprache. Eine Untersuchung der Sprache Essener Brennpunkt-HauptschülerInnen, in: http://www.linse.uni-essen.de/esel/pdf/ hauptschspr.pdf
Dittmar, Norbert: Soziolinguistik. Exemplarische und kritische Darstellung ihrer Theorie, Empirie und Anwendung. Mit kommentierter Bibliogrphie, Königstein/ Ts. 1980
Hullmann, Berit: Zur unterschiedlichen Verwendung von Sprache in Frauen- und Männerzeitschriften am Beispiel von Amica und Mens Health, in: http://www.linse.uni-essen.de/esel/pdf/amica_menshealth.pdf
Lewandowski, Theodor: Linguistisches Wörterbuch 2, Wiesbaden 1985
Löffler, Heinrich: Germanistische Soziolinguistik, in: Besch, Werner und Steinecke, Hartmut: Germanistische Soziolinguistik, Berlin 2005
Max Plank Institut Berlin: PISA 2000: Die Studie im Überblick – Grundlagen, Me- thoden und Ergebnisse, Berlin 2002
Meyers Lexikonredaktion: Meyers Taschenlexikon in 10 Bänden, Augsburg 1999
Schieben-Lange, Brigitte: Soziolinguistik. Eine Einführung, Stuttgart 1991
Lazar, Marzena und de Vries, Irina: Soziale Varietäten I: Schicht, Gruppe, in: http://www.rzuser.uni-heidelber.de/cg3/ph/Referate/Referat_Lazar_Vries.doc
Wikipedia: Soziolinguistik aus Wikipedia der freien Ezykolpädie, in: http://de.wikipedia.org/wiki/Soziolinguistik
Wikipedia: Sputnikschock aus Wikipedia der freien Ezykolpädie, in: http://de.wikipedia.org/wiki/Sputnik-Schock
Windgen, Wolfgang: Soziolinguistik und Kontaktlinguistik, in: http://www.fb10.uni- bremen.de/homepages/wildgen/pdf/soziolinguistiksprachkontakt.pdf, eingesehen am 20. Januar 2006, S. 16
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Florian Philipp Ott, 2006, Selektion der Sprachbarrieren, Munich, GRIN Publishing GmbH
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