Der Text folgt einer Abfassung aus dem Jahre 1989
und wurde neuen orthografischen Regeln angepasst.
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Jean-Jacques Rousseau
Einleitende biographische und ideengeschichtliche Kontexte zu seinem
Leben und Werk
Inhalt
1. Biographischer Kontext ……………….. Seite 4
2. Ideengeschichtlicher Kontext …………. Seite 17
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1. Biographischer Kontext
Die Vorfahren ROUSSEAUs stammten aus Paris und emigrierten wegen religiöser Verfolgungen, denen sie nach ihrer Hinwendung zum Protestantismus ausgesetzt gewesen waren, bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts nach Genf. 1
Dort hatte sich bis zu Beginn des 18. Jahrhunderts ein in Ansätzen demokratisches Gemeinwesen entwickelt: Zwar glich Genf damals einer „republikanischen Insel inmitten des Absolutismus“, aber dennoch lag die politische Macht im Stadtstaat vor allem in den Händen eines aristokratisch organisierten Patriziats 2 , das seine Legitimation aus der herrschenden calivinistischen Lehre ableitete. 3 Jene Gesellschaftsschicht überwachte mit Hilfe eines Konsistoriums die „Sittenreinheit“ des öffentlichen Lebens, die sie durch
den Hang des Menschen zum Luxus, zu Tanz und Theater gefährdet sah. 4
An diesem Ort wurde Jean-Jacques ROUSSEAU am 28. Juni 1712 geboren. 5 Seine Eltern stammten beide aus eingesessenen Familien des Genfer Kleinbürgertums. 6 Sein Vater war von Beruf Uhrmacher 7 , seine Mutter Suzanne entstammte der Familie des reformierten Predigers BERNARD. 8 Letztere starb schon bei der Geburt Jean-Jacques’. 9 Die-
1 Vgl. Holmsten, Georg: Jean-Jacques Rousseau. Reinbek b. Hamburg, 1972, S.10; vgl. auch Röhrs,
Hermann: Jean-Jacques Rousseau. Vision und Wirklichkeit. Heidelberg, 2. überarb. u. erw. Aufl., 1966,
S. 36.
2 Vgl. Rang, Martin: „Rousseaus Leben“, in: Einleitung zu Rousseau, Jean-Jacques: Émile oder Über
Erziehung. Stuttgart, 1986, S. 10.
3 Vgl. Röhrs, Hermann, a. a. O. , S. 36.
4 Vgl. ebd., S. 35f. - Dass diese Umgebung Rousseau sehr stark beeinflusste, lässt sich einerseits an seiner
politischen Denkweise ablesen: Nicht ohne Stolz bezeichnete sich Rousseau auf der Titelseite des con-trat social als „Bürger von Genf“; andererseits sind calvinistische Werteinstellungen in seinem Erzie-
hungsroman Émile unverkennbar: vgl. Rousseaus kritische Einstellung zum Theater, das ihm repräsenta-tiv für die gesellschaftliche Scheinexistenz überhaupt erschien (Émile, a. a. O. , S. 698; vgl. auch Rang,
Martin, a. a. O. , S. 43) und dessen ablehnende Haltung gegenüber dem Luxus (vgl. Émile, a. a. O. , S.
692ff.).
5 Vgl. Rang, Martin, a. a. O. , S. 9; vgl. auch Röhrs, Hermann, a. a. O., S. 35.
6 Vgl. Rang, Martin, a. a. O. , S. 9.
7 Vgl. ebd.
8 Vgl. Rousseau, Jean-Jacques: Die Bekenntnisse. Frankfurt/M. u. Hamburg, 1961, S. 8.
9 Vgl. Röhrs, Hermann, a. a. O., S. 36; vgl. Rang, Martin, a. a. O. , S. 10.
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ses Ereignis bezeichnete ROUSSEAU selbst als sein „erstes Unglück“. 10 Auch wenn die unverheiratete Schwester seines Vater, „Tante Suzanne“, ihn liebevoll umsorgte 11 und schon früh in ihm eine Neigung zur Musik entwickelte 12 , seine Wärterin Jacqueline sich rührend um ihn kümmerte 13 , sein Vater ihn mit überzärtlicher Liebe verwöhnte, um den schmerzhaften Verlust seiner Frau zu kompensieren 14 , - wenn also auch die Kindheit Jean-Jacques’ bis zum zwölften Lebensjahr insgesamt glücklich verlief 15 , so entbehrte er doch der Mutterliebe. Dieser Umstand wurde denn auch später für sein Verhältnis zum anderen Geschlecht bestimmend: Stets suchte er nicht nur die Geliebte, sondern zugleich auch einen Ersatz für die fehlende Mutter. 16
Zusammen mit seinem Vater las er bereits als Sechsjähriger die sentimentalen Romane
aus der Hinterlassenschaft seiner Mutter. 17 Obwohl deren Inhalte ihn emotional über-forderten 18 , legten sie doch „den Kern zu jener überschwenglichen Empfindsamkeit und überstarken Einbildungskraft“, die sich in ROUSSEAUs Liebesroman Nouvelle Héloise entfalteten und in seinem Erziehungsroman kritisch betrachtet wurden. 19 Schon 1719 begann er mit der Lektüre antiker Schriftsteller. 20 Die Gespräche, die er hierüber mit seinem Vater führte, weckten in ihm das Interesse an der politischen Theorie und zugleich jenen republikanischen Geist, der ihn später den Stolz erleben ließ, Bürger (ci- toyen) einesfreien Staatswesens zu sein. 21
10 Vgl. Rousseau, Jean-Jacques, a. a. O. , S. 9.
11 Vgl. ebd.
12 Vgl. ebd. , S. 12; vgl. auch Rang, Martin, a. a. O. , S. 10.
13 Vgl. Rang, Martin, a. a. O., S. 9; vgl. auch Röhrs, Hermann, a. a. O. , S. 37.
14 Vgl. Rang, Martin, a. a. O. , S. 9; vgl. auch Rousseau, Jean- Jacques, a. a. O. , S. 9 u. 10f. - Infolge der
übermäßigen Liebe, die sein Vater ihm entgegenbrachte, wurde der sieben Jahre ältere und einzige Bru-
der Jean-Jacques’ so vernachlässigt, dass dieser schon früh das elterliche Haus verließ und auf Abwe
ge geriet, ehe er völlig entschwand.
15 Vgl. Rang, Martin, a. a. O. , S. 9.
16 Vgl. Röhrs, Hermann, a. a. O. , S. 37.
17 Vgl. Rousseau, Jean-Jacques, a. a. O. , S. 9.
18 Vgl. ebd. , S. 10.
19 Vgl. Rang, Martin, a. a. O. , S. 9.
20 Vgl. Rousseau, Jean-Jacques, a. a. O. , S. 10.
21 Vgl. ebd.; vgl. Rang, Martin, a. a. O. , S. 9.
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Diese politische Erziehung durch den Vater trat schon früh in Kontrast zu den pädagogischen Idealen, die durch Tante Suzanne vermittelt wurden: Brachte diese ihm die Liebe zur Stille, zur Schlichtheit, zur Herzensgüte nahe, ferner den Hang zur Idylle und
Einsamkeit, entflammte jener in ihm den Geist für die patriotische Tugend. 22 Schon hier scheint der spannungsvolle Widerspruch zwischen den Bedürfnissen des
Individuums und den Ansprüchen der Gesellschaft vorgezeichnet zu sein. 23 Nach einem Händel mit einem Hauptmann der französischen Armee trachteten die Be-hörden danach, Jean-Jacques’ Vater zu verhaften. 24 Dieser flüchtete nach Nyon 25 und übergab seinen nun achtjährigen Sohn der Obhut seines Schwagers Bernard. 26 Der wiederum überantwortete Erziehung und Unterricht Jean-Jacques’ und auch die seines gleichaltrigen Sohnes dem Pfarrer LAMBERCIER ZU BOSSEY. 27 Obschon der Kontakt zum Vater nie gänzlich abbrach, spielte er doch für die weitere Entwicklung Jean-Jacques’ keine Rolle mehr.
In Bossey erlebte Jean-Jacques ungefähr fünf glückliche Jahre. 28 Mit seinem Vetter Abraham verband ihn eine überaus herzliche Freundschaft 29 , und LAMBERCIERs Unterricht war ihm ein freudiges Erlebnis. 30 Vor allem aber entdeckte er hier die Idylle des ländlichen Lebens, das einfache Leben im Rhythmus der Natur. 31
22 Vgl. Rang, Martin, a. a. O. , S. 10.
23 Dieser Widerspruch wird auch in den Bekenntnissen, a. a. O. , S. 12 angedeutet: „So waren meine ers-
ten Neigungen bei meinem Eintritt ins Leben; so begann sich in mir jenes zugleich stolze und zärtliche
Herz zu bilden und zu offenbaren, jener weichliche und doch unbändige Charakter, der stets zwischen
Schwäche und Mut, Trägheit heit und Tugend schwankend, mich bis zum Ende in Widerspruch mit
mir gesetzt hat … “
24 Vgl. Rousseau, Jean-Jacques, a. a. O. , S. 13; ferner: Holmsten, Georg, a. a. O., S. 17.
25 Vgl. Röhrs, Hermann, a. a. O. , S. 38; ferner: Holmsten, Georg, a. a. O. , S. 17f.
26 Vgl. Rousseau, Jean-Jacques, a. a. O., S. 13; ferner: Holmsten, Georg, a. a. O. , S. 18.
27 Vgl. Rousseau, Jean-Jacques, a. a. O. , S. 13.
28 Vgl. ebd. , S. 13f.
29 Vgl. ebd.
30 Vgl. ebd.
31 Vgl. ebd. ; ferner: Röhrs, Hermann, a. a. O. , S. 38.
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Dieser Entwicklungsabschnitt wurde jäh unterbrochen: Als Dreizehnjähriger sollte er zunächst eine Ausbildung beim Stadtschreiber erhalten, um - nach eigener Einschätzung - „das nützliche Handwerk eines Profitmachers zu lernen“. 32 Diese Tätigkeit erregte ob der mit ihr verbundenen Zwänge Abscheu in ihm. Man schickte ihn aus der Kanzlei fort und entschied daher, dass Jean-Jacques eine Lehre als Graveur erhalten
solle. 33 So begann ROUSSEAU eine Ausbildung bei einem Genfer Kupferstecher. 34 Obwohl er diesen Schritt billigte 35 und sich durchaus zu dieser Tätigkeit befähigt fühlte 36 , kam es zum Abbruch der Lehre. Einerseits mochte er die Trennung von seinem Vetter Abraham, der inzwischen zur Laufbahn eines Priesters bestimmt war, nicht verschmerzt
haben 37 ; andererseits und vor allem lagen die Gründe wohl in der lieblosen Behandlung, die er durch seinen Meister erfuhr. 38 Das Gefühl der Verlassenheit und Unterdrückung sowie die Lektüre zweifelhafter Bücher 39 ließen Jean-Jacques zum Lügner und Heuchler werden, der auch vor kleinen Diebereien nicht mehr zurückschreckte. 40 So bedurfte es nur eines Zufalls, um die wohl schon lange gehegten Fluchtpläne zu beschleunigen: Am 15.März 1728 41 kehrte er mit einigen Kameraden von einem Sonntagsausflug in der ländlichen Umgebung Genfs zurück, fand die Stadttore bereits verschlossen vor und „schwur auf der Stelle, nie zu [seinem] Meister zurückzukehren.“ 42
In diesem Lebensabschnitt wurde sich ROUSSEAU schon seines „Hang[es] zur Einsamkeit“ 43 und seiner „Liebe zu Gebilden der Phantasie“ 44 bewusst. Sie wurden von ihm
32 Vgl. Rousseau, Jean-Jacques, a. a. O. , S. 27.
33 Vgl. ebd., S. 27f.
34 Vgl. Rang, Martin, a. a. O. , S. 12.
35 Vgl. ebd.
36 Vgl. Rousseau, Jean-Jacques, a. a. O. , S. 28.
37 Vgl. Rang, Martin, a. a. O. , S. 12.
38 Vgl. ebd.; vgl. ferner: Rousseau, Jean-Jacques, a. a. O. , S. 28f. u. S. 30. - Dort berichtet Rousseau von
Prügeln, von „sklavischer Knechtschaft“, „Rohheit“, „Entbehrungen“ von der „Tyrannei“ seines Meis-ters sowie von „schlechter Kost“.
39 Vgl. Rousseau, Jean-Jacques, a. a. O. , S. 35f.
40 Vgl. ebd. , S. 29ff.
41 Vgl. Röhrs, Hermann, a. a. O. , S. 40.
42 Vgl. Rousseau, Jean-Jacques, a. a. O. , S. 37.
43 Vgl. ebd.
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Dipl.-Päd. Reinhard Borchers, 2009, Jean-Jacques Rousseau, München, GRIN Verlag GmbH
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