1. Einleitung
Es gibt immens viele Möglichkeiten das unterschiedliche Interesse an der Geschichte und der Geschichtsschreibung aufzuzeigen. Man könnte dies anhand verschiedener Theorien oder verschiedener Historiker tun. Noch aufschlussreicher und ergiebiger ist dies anhand eines Sachthemas. Das Thema „Reformation“, an dem Kirchen- wie Profangeschichtler gleichermaßen Interesse bekunden, ist dafür geradezu ideal, um daran die unterschiedlichsten Interessen, Einstellungen und Blickwinkel aufzudecken. Denn so schreibt Ernst Walter Zeeden: „ Wer sich also in das Studium der reformationsgeschichtlichen Literatur der letzten 400 Jahre vertieft, wird gerade aus dieser Materie besonders deutlich den Eindruck gewinnen, daß das historische Urteil gebunden ist, sogar stark gebunden ist an die Individualität des Historikers und an seinen vorwissenschaftlichen Standort in der Welt.“ 1 Die Reformation hat schon immer eine ungeheure Wirkung auf die Leute ausgeübt, auch auf Wissenschaftler und Publizisten. Dies zeigt die Fülle an Literatur hierüber. Daher sollen an dieser Stelle exemplarisch nur zwei grundlegende Sichtweisen aufgezeigt wer-den: die Reformation aus katholischer Sicht (Joseph Lortz) und aus marxistischer Sicht (Joachim Streisand).
2. Klärung des Begriffes Reformation
Zwar ist der Begriff Reformation nach Wort- und Sinngehalt in sich ungenau abgegrenzt und wird auch in verschiedenem Zusammenhang gebraucht, aber dennoch eignet sich recht gut die nachstehende, ziemlich neutral formulierte Definition: „Reformation (Lat; = Umgestaltung, Erneuerung). Bezeichnung für die durch Luther ausgelöste religiöse Bewegung im 16. Jahrhundert. Der Begriff Reformation findet sich bereits vielfach im späten Mittelalter, das z. B. nach einer Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern verlangte. Erst seit dem 17. Jahrhundert wird er auf die von Luther ausgelöste Bewegung angewandt. Der Beginn der Reformation ist eindeutig mit Luther gegeben.“ 2 Diese allgemein gehaltene Formulierung ist oft schon der ganze hauchdünne Konsens in der Bewertung dieses Begriffes. So wollte man sich in der katholischen Kirche lange nicht an den Begriff Reformation gewöhnen, man verwendete vielmehr den Begriff der Kirchen- oder
1 Zeeden, Die Deutung Luthers und der Reformation als Aufgabe der Geschichtswissenschaft, in:
Tübinger Theologische Quartalsschrift 140 (1960), S. 137.
2 Meyers Enzyklopädisches Lexikon, Bd. 19, Mannheim 1977 (9. Auflage), S. 701.
2
Glaubensspaltung und die DDR-marxistische Bewertung spricht anstatt von Reformation allzu gerne von Revolution.
3. Reformation aus katholischer Sicht
Wie lange sich die ablehnende Haltung der katholischen Kirche gegenüber der Reformation gehalten hat, zeigen nachfolgende Auszüge: „Die sogenannte Reformation ist wohl unter allen Bewegungen in der Welt- und Kirchengeschichte diejenige, welche ihren Namen mit dem größten Unrecht führt. In allen Jahrhunderten, auf zahllos vielen Concilien und Synoden hat die Kirche an der Reformation, d.h. der Verbesserung dessen gearbeitet, was zur natürlichen, zur menschlichen Seite der Kirche gehört und deswegen immer reformbedürftig bleibt.“ 3 Dass es im Mittelalter Erneuerungsbewegungen gab, sei es durch die Reformkonzilien oder durch die Bettelorden, wird niemand bestreiten können. Aber zum einen blieb es häufig bei Reformversuchen, die oft nur halbherzig durchgeführt wurden und zum anderen konnten die neuen Orden in breiter Ebene nicht das bewirken, was nötig gewesen wäre, um zu einer echten Lösung der kirchlichen Missstände zu gelangen. Umgekehrt darf man die Wirkung der Bettelorden aber nicht zu gering veranschlagen, denn schließlich kam Luther selbst aus einem schon reformierten Orden. Man muss Luther und der Reformation den Stellenwert einräumen, der den Umständen gerecht wird. Dass Luther und somit die Reformation sowohl Positives als auch Negatives gebracht hat, muss man ganz klar sehen.
„Die protestantisch-theologische Literatur der Reformationsperiode war nicht eine wissenschaftliche Begründung der neuen Lehre, sondern ein rohes, maßloses Schimpfen über die katholische Kirche. ... Also nicht Reformation, sondern Deformation des kirchlichen, sozialen, wissenschaftlichen, künstlerischen, politischen Lebens. ... Wenn in dem heutigen Protestantismus die oben geschilderten Deformationen nicht wie in den ersten Zeiten der Glaubensspaltung zu Tage treten, wenn es viele gläubige, aufrichtig fromme und gewissenhafte Protestanten gibt, hat das seinen Grund in einem glücklichen Nichtkennen der eigentlich von Luther aufgestellten Reformationsprincipien und in einer unbewußten Annäherung an die Lehre und Praxis der katholischen Kirche.“ 4
3 Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon, S. 881.
4 Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon, S. 890f.
3
Diese Formulierungen sind sehr herausfordernd. Ihnen liegen enge Gedankenführung zugrunde. Dieselbe einseitige Methode ließe sich aber auch lange Zeit für die evangelische Kirche nachweisen. Wenn man sich in einem Streit befindet, zumal in einem Glaubensstreit, wird bekanntlich der Bogen leicht überspannt. Man darf Luther nicht einfach unterstellen, dass er z. B. nur über die katholische Kirche „maßlos schimpfen“ wollte. Seine Anliegen waren durchaus berechtigt. Mit der Zeit machte sich eine zunehmende Polarität auf beiden Seiten breit und so führte Einiges in eine Richtung, die auch Luther sicherlich nicht wollte. Luther ging es primär um die Erneuerung der Kirche. Und darin hatte er anfänglich seine Anhänger und hat sie bis heute. Man kann nicht pauschal behaupten oder gar unterstellen, dass die Protestanten ihre Lehre nicht kennen würden.
Aber es war nicht so, dass die katholische Kirche nicht zum Umdenken bereit war, selbst wenn dies lange auf sich warten ließ. Die nachstehende Passage sieht die Reformation aus einem liberaleren Blickwinkel: „Die Reformation entstand dadurch, daß die Reformatoren über die unmittelbare und über die weiter zurückliegende Geschichte des Christentums und der Kirche zurückgingen bis zu dem, was sie für das Urchristentum annahmen. Obwohl sie beanspruchten, das echte alte Wahre wieder ans Licht zu bringen, bedeutete die Reformation wesentlich eine Schwächung, ja Zerstörung der Tradition.“ 5 Um eine verständnisvollere Einschätzung der Reformation war seitens der katholischen Theologie stets Joseph Lortz bemüht. Ihm ging es darum, die Reformation offen und im rechten Blickwinkel zu sehen. Seine Erkenntnisse wurden doch in weiten Kreisen der katholischen Theologie angenommen, was gerade für die Ökumene wichtig war. Somit ist seine Beurteilung aus gemäßigtem, demokratischem Lager bisher immer positiv ausgefallen: „Joseph Lortz machte sich in seiner Darstellung der Reformation frei von Mißgriffen der Polemik, der Herabsetzung von Luthers Person und der unhistorischen Verherrlichung der spätmittelalterlichen Kirche, ohne doch dem Widerspruch Luthers gegen die katholische Lehre beizutreten.“ 6
Die Geschichtsschreibung von Lortz ist deshalb so positiv zu bewerten, weil gerade beim Thema Reformation der Wahrheitsgehalt auf allen Seiten viel zu oft zu wünschen übrig lässt. Lortz gelingt es, Geschichte so zu schreiben, dass er seine Position einnehmen kann ohne ihm dies unbedingt ankreiden zu müssen: „Die Reformation ist die größte Katastrophe, von der die Kirche in ihrer ganzen Geschichte bis heute betroffen wurde. Weder die Häresien des
5 Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 8, S. 1070.
6 Gebhardt, Handbuch der Deutschen Geschichte, Bd. 2, S. 4.
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Arbeit zitieren:
Dr., M.A. Roland Engelhart, 1991, Das unterschiedliche Interesse an der Geschichte, München, GRIN Verlag GmbH
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