Mittelalterliche Literatur ist geprägt von kontinuierlicher Generationenfolge und der Bewahrung des Alten und der Tradition als Ideal. Hierbei sind die Eltern die Träger der Erinnerung, während die Jungen die Werte und Normen der Alten übernehmen. Im Gegensatz zu Literatur anderer Epochen findet man, bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Helmbrecht), dabei keine tragisch endenden Generationenkonflikte vor.
Die Umsetzung dieses Ideals, also die Weitergabe von traditionellen Werten und Normen, erfolgt hierbei durch Erziehung, wobei das Lehrgespräch einen wichtigen Ort der Weitergabe darstellt, an dem Generationenkonflikte sichtbar werden. 1
Grundsätzlich ist festzuhalten, dass „ Lehrgespräche […] deutlich angesiedelt sind an der Schwelle von einem Lebensalter in das nächste, nämlich von der Kindheit […] in die erwachsene Selbstverantwortung“ 2 , und dass Männer Männer und Frauen Frauen belehren. Diese Vereinbarung fußt darauf, dass davon ausgegangen wird, dass Töchter die Qualitäten der Mutter besitzen, während die Söhne nach dem Vater geraten. Eine Abweichung von dieser Regel zieht Konsequenzen für die handelnden Personen nach sich. 3 Im Folgenden soll das Augenmerk nun speziell auf Muter - Tochter - Gespräche gelegt und der Frage nachgegangen werden, welche Kennzeichen und Besonderheiten Unterredungen zwischen Müttern und Töchtern aufweisen. Hierzu soll zunächst dargelegt werden, welches die allgemeinen Kennzeichen und Inhalte solcher Lehrgespräche sind, bevor exemplarisch der Inhalt des Dialogs zwischen Lavinia und ihrer Mutter aus dem Eneasroman Heinrichs von Veldeke betrachtet wird.
Lehrgespräche von Mutter zu Tochter kreisen immer um das Thema Minne, die Einführung in die weibliche Rollenkonvention oder die Wahl des richtigen Ehepartners. Hierbei zeichnen sie sich dadurch aus, dass sie, im Gegensatz zu Vater - Sohn - Gesprächen humorvoll karikierende Tendenzen aufweisen
1 Vgl. Brinker - von der Heyde, Claudia: Geschlechtsspezifik, Normen und Konflikte in mittelalterlichen Lehrgesprächen. In: Jahrbuch für Internationale Germanistik. Bern, Berlin u.a., 2001. S. 41ff.
2 Ebd. S. 53.
3 Vgl. ebd. S. 47f.
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können, ein hoher Wissensunterschied der Tochter vor und nach dem Lehrgespräch zu verzeichnen ist und die Liebe zügig nach der Unterredung eintritt. Innerhalb der Dialoge, wie später noch am Beispiel der Lavinia zu sehen sein wird, werden die Töchter meist als naive, zu belehrende Rollen wiedergegeben. Die Naivität der Töchter macht sich dadurch bemerkbar, dass sie zunächst eine völlige Unkenntnis über die Minne und eine Art kindliche Unschuld besitzen. Die Mütter werden als „Instanz der Gefühle“ 4 verstanden, die ihre Töchter aufklären. 5
Diese Rollenverteilung lässt sich sehr schön am Eneasroman Heinrichs von Veldeke erkennen, bei dem das Mutter - Tochter - Gespräch einen „Diskurs über (die) sexuelle Leidenschaft“ 6 darstellt.
Im Eneasroman „steht den vielfältigen Vater und Sohn - Beziehungen nur ein Mutter - Tochter - Verhältnis gegenüber“ 7 , welches in Form eines kurzen und zweier langer Gespräche breit ausgestaltet ist. Gegenstand dieser Gespräche ist die Minne, sowie die Wahl des richtigen Ehepartners. 8 Der Inhalt des ersten Mutter - Tochter - Gesprächs lässt sich in 4 Teile gliedern. In diesem ersten Gespräch ist gut zu erkennen, wie Lavinia zunächst gänzlich unwissend und naiv dargestellt wird, wie im Laufe des Gesprächs das Verständnis wächst und Lavinia zum Ende hin als voll aufgeklärte Frau ver-standen wird, welche schon am nächsten Tag von Amors goldenem Pfeil getroffen wird und sich verliebt. 9
4 Brinker - von der Heyde, Claudia: Mothers and daughters in medieval gernan literature. In: Beitrage zur Geschichte der Deutschen Sprache und Literatur. Tübingen, 2000. S. 327.
5 Vgl. Brinker - von der Heyde, Claudia: Geschlechtsspezifik, Normen und Konflikte in mittelalterlichen Lehrgesprächen. In: Jahrbuch für Internationale Germanistik. Bern, Berlin u.a., 2001. S. 41ff.
6 Brinker - von der Heyde, Claudia: Mothers and daughters in medieval german literature. In: Beitrage zur Geschichte der Deutschen Sprache und Literatur. Tübingen, 2000. S. 324.
7 Baisch, Martin / Haufe, Hendrikje: Väter und Söhne - Mütter und Töchter: Normbruch und Normerfüllung in Heinrichs von Veldeke „Eneasroman“. In: Der Deutschunterricht. Erziehung und Bildung im Mittelalter. Berlin, 2003. S. 69.
8 Vgl. ebd. S. 69f.
9 Vgl. ebd. S. 72f.
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Im ersten Teil steht die Frage nach dem „WIE“ der Liebe im Mittelpunkt, welche die Mutter versucht abstrakt zu veranschaulichen. 10 Auf ihre Frage hin, mit was sie Turnus denn lieben solle (‚wâ mite sal ich in minnen?’ 11 ), erhält sie von ihrer Mutter die Antwort, dass sie dies mit dem Herzen tun solle, woraufhin Lavinia denkt, sie müsse einem Mann ihr Herz schenken, und dadurch sterben. Die Mutter benutzt nun konkrete Bilder und Vorstellungen, um ihrer Tochter das Abstrakte zu veranschaulichen und erklärt, dass sie ihre Worte nicht wörtlich verstehen solle, und verweist mit dem Ausspruch ‚diu Minne sal dichz lêren’ 12 auf die Liebe selbst als Lehrmeisterin. 13
Im zweiten Teil erklärt Lavinia zunächst ihre Unwissenheit in Liebesangelegenheiten und bittet ihre Mutter - ‚sô saget mir denne waz minne is’ 14 - ihr zu erklären, was Minne sei. Nachdem die Mutter Lavinia nach einem im Mittelalter verbreiteten Schema in der Symptomatik der Minne unterweist, wobei sie ihr konkret schildert, welche psychischen und körperlichen Auswirkungen die Liebe auf die von ihr Befallenen hat, und dass die Liebe wie eine Krankheit wirkt, ist Lavinia derart verschreckt, dass sie erklärt nie im Leben zu lieben. 15 In der dritten Sequenz entwickelt die Mutter doch nun langsam ein Bild der Freuden der Liebe, welche auf das Leid folgen und Wohlbehagen, Lust, Glück und Hochstimmung verleihen. 16 Es ist zu erkennen, wie die Unwissenheit Lavinias langsam weicht und sie sich dem Status der Aufgeklärtheit nähert.
10 Vgl. ebd. S. 71ff.
11 Heinrich von Veldeke: Eneasroman. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Stuttgart 1986. S. 548.
12 Ebd.
13 Vgl. Baisch, Martin / Haufe, Hendrikje: Väter und Söhne - Mütter und Töchter: Normbruch und Normerfüllung in Heinrichs von Veldeke „Eneasroman“. In: Der Deutschunterricht. Erziehung und Bildung im Mittelalter. Berlin, 2003. S. 71.
14 Heinrich von Veldeke: Eneasroman. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Stuttgart 1986. S. 548.
15 Vgl. Baisch, Martin / Haufe, Hendrikje: Väter und Söhne - Mütter und Töchter: Normbruch und Normerfüllung in Heinrichs von Veldeke „Eneasroman“. In: Der Deutschunterricht. Erziehung und Bildung im Mittelalter. Berlin, 2003. S. 71f.
16 Ebd.
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Arbeit zitieren:
fabian wahler, 2007, Mutter-Tochter-Gespräche in mittelalterlichen Romanen am Beispiel des Eneasromans Heinrichs von Veldeke, München, GRIN Verlag GmbH
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Werthers Krankheit zum Tode - Die Selbstmordthematik in Goethes "...
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