Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG 3
2 GEMEINDEPÄDAGOGIK 6
2.1 GESCHICHTE DER GEMEINDEPÄDAGOGIK 6
2.2 HANDLUNGS- UND THEMENFELDER 7
2.3 GEMEINDEPÄDAGOGISCHE KOMPETENZEN 9
2.4 KOMMUNIKATIONSPSYCHOLOGIE IN DER GEMEINDE 10
3 KONFLIKTBEHANDLUNG 12
3.1 KONFLIKTDEFINITION UND IHRE REICHWEITE 12
3.2 KONFLIKTMANAGEMENT 14
3.3 KONFLIKTEBENEN UND KONFLIKTMOTIVE 16
3.4 ANWENDUNGSBEREICHE IN DER GEMEINDE 17
4 DAS MODELL DER GEWALTFREIEN KOMMUNIKATION 20
4.1 ZUM BEGRÜNDER MARSHALL B. ROSENBERG 20
4.2 DAS WESEN DER GEWALTFREIEN KOMMUNIKATION 21
4.3 DIE ZIELE DER GEWALTFREIEN KOMMUNIKATION 25
4.4 DER URSPRUNG DER GEWALTFREIEN KOMMUNIKATION 25
4.5 DIE ANWENDUNGSBEREICHE DER GEWALTFREIEN KOMMUNIKATION 28
4.6 DAS KONZEPT DER GFK UND SEINE VIER SCHRITTE. 30
4.6.1 Der erste Schritt: Beobachtung und Wahrnehmung 30
4.6.2 Der zweite Schritt: Gefühle 33
4.6.3 Der dritte Schritt: Bedürfnisse 37
4.6.4 Der vierte Schritt: Bitten 42
4.6.5 Empathisch aufnehmen 46
5 FALLBEISPIELE 50
5.1 METHODIK 50
5.2 FALLBEISPIEL A 51
5.3 FALLBEISPIEL B 58
5.4 FALLBEISPIEL C 63
6 SCHLUSSFOLGERUNGEN 70
6.1 ANWENDBARKEIT DER GFK INNERHALB CHRISTLICHER GEMEINDEN 70
6.2 CHANCEN DER GFK 71
6.3 KRITISCHE ASPEKTE DER GFK 74
7 RESÜMEE 77
8 ANHANG 82
9 LITERATURVERZEICHNIS 90
1 Einleitung
Eine friedlichere und gewaltfreiere Welt schaffen - diesem Wunsch folgen überzeugte Friedensaktivisten, Wissenschaftler, Politiker, und all jene Menschen, die Gewaltlosigkeit propagieren. Weltweit sind Menschen auf der Suche nach neuen Mitteln und Wegen zur wirksamen Gewaltminderung. So mahnt auch der Moraltheologe Bernhard Häring in seinem Buch „Die Heilkraft der Gewaltlosigkeit“ vor dem Hintergrund des Kalten Krieges zu neuem Einsatz für eine friedlichere Kultur. Er sieht speziell das Christentum in der Verantwortung: „Theologen und Religionspädagogen sollten der Gewaltfreiheit und den zwischen menschlichen Beziehungen mehr Aufmerksamkeit schenken“ (Häring 1986, 86). Der Grund all dieser Anliegen ist offensichtlich: Gewalt ist aktueller denn je. Gewaltstatistiken zeigen ein hohes und noch immer ansteigendes Maß an Gewaltakten. Im Jahr 2007 wurden deutschlandweit insgesamt 217 923 Fälle von Gewaltverbrechen wie Mord und Totschlag, Vergewaltigung, Körperverletzung und Raubdelikte gemeldet (PKS 2007 - Gesamtausgabe). Auch in der alltäglichen Kommunikation kommt nach Marshall B. Rosenberg subtile Gewalt zum Vorschein, die durch Beschuldigungen, Beleidigungen, Mobbing und durch zwischenmenschliche Gleichgültigkeit ihren Platz in den menschlichen Beziehungen findet. Marshall B. Rosenberg hat deshalb ein Modell entwickelt, um dem entgegenzuwirken. Der frei arbeitende amerikanische Konflikttrainer und Mediator entwickelte das Modell der ‚Gewaltfreien Kommunikation‘, durch das gewaltfreies Sprechen und Handeln möglich sein soll. Dieses Konflikt und- Kommunikationsmodell bietet eine Zugangsmöglichkeit zu den Gefühlen und Bedürfnissen von Menschen und hilft diese einfühlsam wahrzunehmen und auszudrücken. Infolgedessen können sich Beziehungen aller Art zwischen unterschiedlichen Personen klären, was wiederum ihre Lebensqualität erhöhen kann. Das hätte weitreichende Folgen sowohl für den Alltag, das Arbeitsumfeld dieser Menschen und darüber hinaus auch für gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge. Das beruht auf der Annahme, dass die ‚Gewaltfreie Kommunikation‘ sowohl eine hochwirksame Technik als auch eine innere Haltung ist, die das Leben von Menschen nachhaltig verändern kann. So- weit der Anspruch des Modells.
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Doch in wie weit stimmt dieser Anspruch mit der Realität überein? Ist sie in christlichen Gemeinden umsetzbar? Und welchen Nutzen kann das Modell den Menschen, die im gemeindlichen bzw. gemeindepädagogischen Kontext leben und arbeiten bringen? Pastoren, Gemeindepädagogen und andere haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende in den kirchlichen Diensten könnten das Modell der ‚Gewaltfreien Kommunikation‘ unter Umständen als ein sehr wirksames und Arbeiterleichterndes Kommunikationswerkzeug verwenden, dessen Potential bisher in diesem Bereich noch größtenteils unentdeckt geblieben ist.
Die Arbeit der Gemeindepädagogen verlangt ein hohes Maß verschiedener Kompetenzen, wobei v.a. die "dialogische Kompetenz" bzw. die kommunikative Kompetenz als eine Schlüsselqualifikation für professionelles gemeindepädagogisches Handeln angesehen wird. Eine Komponente dieser Kompetenz betrifft insbesondere die Wahrnehmung und den Abbau von Kommunikationsbarrieren (vgl. Piroth 2004, 93-94). In dieser Hinsicht besitzt die ‚Gewaltfreie Kommunikation‘ (im Folgenden mit „GFK“ abgekürzt) möglicherweise das Potential, insbesondere gegenüber anderen Konflikt - und Kommunikationsmodellen, diese Schlüsselqualifikation in erheblicher Weise weiter zu entwickeln und auszubauen. Sollte dem so sein, wäre dieses Modell für das Leben und Arbeiten im gemeindepädagogischen Kontext sehr empfehlenswert. Um dies zu prüfen soll diese Arbeit folgenden Fragen genauer nachgehen:
1.) Lässt sich die GFK in einer christlichen Gemeinde nutzen? 2.) Welche positiven und negativen Faktoren sind bei der Konfliktbearbeitung mit der GFK in einer christlichen Gemeinde zu berücksichtigen? 3.) In welcher Art und Weise beeinflusst der Einsatz der GFK das Verhältnis zweier oder mehrerer Gemeindemitglieder in einer konkreten Konfliktsituation zueinander?
Wenn in den folgenden Ausführungen von dem gemeindepädagogischen Kontext gesprochen wird, umfasst diese Begrifflichkeit neben den Gemeindepädagogen all jene Aktivitäten und Personengruppen, die in irgendeiner Form lehrende, erziehende oder betreuende - kurz gesagt pädagogische - Funktionen erfüllen. Sie tragen die Verantwortung für andere Menschen und sollten deshalb befähigt wer-
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den Konflikt lösende und Beziehungen klärende Interventionsmöglichkeiten kennen zu lernen und zu gebrauchen. Nichts desto trotz können die Erkenntnisse auch für die übrigen Gemeindemitglieder interessant und relevant sein, da auch sie sich - wie alle Menschen - mit Konflikten auseinander setzen müssen und sie gleichermaßen innergemeindliche Beziehungen pflegen. Die Ausführungen dieser Arbeit beziehen sich vorrangig auf die strukturellen und theologischen Gegebenheiten der evangelischen Kirche in Deutschland. Die gewonnenen Erkenntnisse behalten aber auch für andere Konfessionen größtenteils ihre Gültigkeit. Ferner sind ‚Zaungäste‘ aller Art ausdrücklich erwünscht.
Im folgenden Text werden, wann immer vorhanden, geschlechterneutrale Formulierungen wie ‚Studierende‘ bevorzugt. Zugunsten der Lesbarkeit und Verständlichkeit wird aber in allen anderen Fällen das männliche Genus benutzt, um umständliche Formulierungen wie die Folgende zu vermeiden: ‚An den Schulungen von Rosenberg nahmen in den letzten 30 Jahren die verschiedensten Personengruppen wie Schüler und Schülerinnen, Auszubildende, Studenten und Studentinnen, Eltern, Manager und Managerinnen, Militärs, Friedensaktivisten und Friedensaktivistinnen, Anwälte und Anwältinnen als auch Geistliche teil‘.
Der Inhalt dieser Arbeit wird durch ihren Arbeitstitel strukturiert. Mit dem zweiten Kapitel beginnt zuerst einmal die Annäherung an die Gemeindepädagogik und ihre Charakteristika. Das dritte Kapitel behandelt das Thema Konfliktmanagement, wobei die Grundlagen der Konfliktbehandlung und Interventionsmöglichleiten aufgezeigt werden. Das vierte Kapitel widmet sich ausführlich dem Modell der ‚Gewaltfreien Kommunikation‘ und seinem 4-Schritte-Konzept. Die drei Fallbeispiele in Kapitel fünf beschäftigen sich mit der praktischen Anwendbarkeit des Modells und liefern weitere Rückschlüsse, die in Schlussfolgerungen unter Kapitel sechs gesammelt werden. Schlussendlich ermöglicht das Resümee eine Klärung der drei anfänglich gestellten Fragen.
Die gesamte Arbeit stützt sich im Wesentlichen auf frei zugängliche Literatur aus den Bereichen Psychologie, Pädagogik, Theologie und Soziologie. Es werden auch einige im Internet zugängliche Quellen verwendet, welche nennenswerte In- formationen für das Thema enthalten.
2 Gemeindepädagogik
Im Folgenden wird auf den gemeindepädagogischen Kontext näher eingegangen. Dafür wird zuerst ein kurzer geschichtlicher Abriss der Gemeindepädagogik eröffnet, danach werden ihre Arbeits- und Themenfelder skizziert. Anschließend wird nach der Klärung zentraler gemeindepädagogischer Kompetenzen der Zusammenhang von Kommunikationspsychologie und Gemeindearbeit erläutert.
2.1 Geschichte der Gemeindepädagogik
Die Geburtsstunde der Gemeindepädagogik fällt mit der Entstehung des Begriffes zusammen. Der Begriff entstand zufälligerweise fast zeitgleich in Westdeutsch-land und in der ehemaligen DDR. 1973 verwendete Enno Rosenboom und 1974 Eva Hessler den Begriff ‚Gemeindepädagogik‘ erstmalig in einem Vortrag (vgl. Adam/ Lachmann 1987, 55). Terminologisch hatte die Gemeindepädagogik Schwierigkeiten sich von der Religionspädagogik abzugrenzen, da diese in den sechziger Jahren eine festgeschriebene Bezeichnung für die Theorie schulischen Religionsunterrichtes war. Doch funktional betrachtet verbinden sich unter dem Dach der allgemeinen Religionspädagogik das Handlungsfeld des schulischen Religionsunterrichts und die unterschiedlichen gemeindepädagogischen Handlungsfelder (vgl. a.a.O., 17-18). 1 Die Ursachen für die Entwicklung dieses neuen Berufszweiges waren vielschichtig. Ein wichtiger Beweggrund für die evangelische Kirche soll an dieser Stelle kurz angerissen werden:
Als Folge des gesellschaftlichen Wandels und der damit verbundenen Kirchenaustrittswellen in den Jahren 1969 und 1970 zeigte sich das Misslingen der kirchlichreligiösen Sozialisation und offenbarte das ‚Kommunikationsdefizit‘ sowie das ‚Bildungsdilemma‘ innerhalb der Kirche (vgl. Piroth 2004, 74). Gefragt wurde nun nach einem "Fachmann für die sich dauernd verändernden und wachsenden
1 Zur genaueren Bestimmung dieses Verhältnisses wird festgehalten: "Terminologisch exakt müsste unter dem Oberbegriff der Allgemeinen Religionspädagogik einerseits von schulischer Religionspädagogik, andererseits von gemeindlicher Religionspädagogik gesprochen werden" (Adam/ Lachmann 1987, 17).
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pädagogischen Aufgaben der Kirche" (Buttler 1992, 19f., zitiert bei Piroth 2004, 75), der "primär im Fachbereich Pädagogik kompetent sein" (Buttler 1992, 19f., zitiert ebd.) sollte. Dabei ist zu erwähnen, dass die Landeskirchen, bedingt durch ihre eigene Tradition und Struktur, diese neue Berufsbezeichnung sehr unterschiedlich verstanden. Die genaue Abgrenzung des Gemeindepädagogikbegriffes erweist sich bis heute als sehr heterogen (vgl. a.a.O., 76-79). Das liegt zum Einen daran, dass die Rolle der schulischen Religionslehrer sowie der Pfarrer und der Katecheten neu definiert werden musste (Adam/Lachmann 1987, 15-18). Zum Anderen bedurfte der Begriff einer Klärung indem diskutiert wurde, ob die Gemeindepädagogen eher in den theologischen oder mehr in den pädagogischen Kompetenzen befähigt werden sollten (vgl. Piroth 2004, 76).
2.2 Handlungs- und Themenfelder
In dem Formungsprozess der Gemeindepädagogik entwickelte der Rat der EKD in den 80er Jahren konkrete Vorstellungen, wie dieser neue Beruf theoretisch und praktisch handlungsfähig wird. Danach sollen diese kirchlichen Mitarbeiter Glauben, Leben und Lernen in ihrer Beziehungsdynamik fördern und so zu einer religiösen Sozialisation von Menschen innerhalb der Gemeinde und in deren Umfeld beitragen (vgl. Möller 1987, 48-50).
Im Laufe der Jahre zeigten sich die Qualitäten dieser Berufsgruppe. Neben den lehrenden, erziehenden und betreuenden Funktionen umfasst Ihr Aufgabenspektrum ebenso die Planung, Organisation und Durchführung von Gruppenaktivitäten, Gottesdiensten, Hauskreisen und Freizeiten (vgl. Möller 1987, 48). Daneben treten Gemeindepädagogen auch für die religiöse Erziehung ein. Diese findet statt in: Familien, Kindergärten, Kindergottesdiensten, Konfirmandenarbeit, kirchlicher Jugendarbeit, Erwachsenenbildung und Altenarbeit (vgl. ebd.). Somit nimmt die Kirche ihren christlichen Auftrag wahr, indem sie Menschen zu einem eigenständigen und verantwortungsvollen Glauben an Jesus Christus befähigt. Kommunikation und Glaube gehen Hand in Hand und prägen sowohl das Leben als auch das Arbeiten in der Gemeinde. Ernst Lange prägte in diesem Zusammenhang den Ausspruch "Kommunikation des Evangeliums" (vgl. Adam/Lachmann 1987,27).
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Er möchte seine Worte praktisch verstanden wissen. Es geht nicht nur um die reine Wortverkündigung des Wortes Gottes. Vielmehr sollen alle Prozesse in der Gemeinde der "Kommunikation des Evangeliums" dienen, mit unterschiedlichen Methoden in unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen von der Predigt bis zur Seel-sorge. Diese Vorstellung wurde sowohl von der Kirche als auch der theologischen Literatur aufgegriffen und diente als Grundlage für weitere Überlegungen (vgl. a.a.O., 27-29). Die Gemeindepädagogik übernimmt ihren Teil der Verantwortung für die "Kommunikation des Evangeliums", da alle praktischen Aktivitäten in diesen Sinnhorizont eingebettet bleiben sollen. Die zwischenmenschliche Kommunikation stellt hierbei eine Schlüsselfunktion in der beruflichen Praxis von Gemeindepädagogen dar.
Nach einer Umfrage aus dem Jahr 2000, in der 21 evangelischen Landeskirchen 2 befragt wurden, ergab sich eine geschätzte Gesamtstellenzahl von 4400 bis maximal 5200 Vollstellen, auf denen rund 6000 Gemeindepädagogen arbeiteten. Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeiten lag nach Aussage dieser Studie in der kirchlichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Festzuhalten gilt es hierbei, dass durch die unterschiedlichen Erwartungen an die Kompetenzen und Einsatzorte der Gemeindepädagogen von Seiten der Landeskirchen sowie die uneinheitlichen Standards in der Ausbildung die Formung eines klar definierten Berufsbildes bis heute erschwert wird (vgl. Piroth 2004, 77-82).
2 In Deutschland gibt es derzeit 22 autonome Gliedkirchen (Landeskirchen), die als Zusammenschluss die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) bilden. Jede Landeskirche verfügt über eine eigenständige Verwaltung sowie über ein eigenes Steuersystem. Die territoriale Aufteilung der Landeskirchen geht zurück auf die Reformationszeit und stimmt deshalb nur z.T. mit den Grenzen der deutschen Bundesländer überein (vgl. Böhmer/Klappenbach 2007, 143 f.).
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2.3 Gemeindepädagogische Kompetenzen
Nicole Piroth, Erziehungswissenschaftlerin und diplomierte Religionspädagogin, beschäftigt sich in ihrer Publikation ‚Gemeindepädagogische Möglichkeitsräume biographischen Lernens (2004)‘ mit fünf verschiedenen Kompetenzen, die eine entscheidende Relevanz für die gemeindepädagogische Arbeit besitzen. Sie sammelt ihre Erkenntnisse gut strukturiert in einer Darstellung (siehe Darst.1; Piroth 2004, 94), die den Titel ‚Aspekte gemeindepädagogischer Professionalität’ 3 trägt.
Darst. 1: Aspekte gemeindepädagogischer Professionalität
3 Piroth benutzt den Begriff ‚Professionalität‘ als ein Kennzeichen für die Art der Ausübung der gemeindepädagogischen Tätigkeiten. Sie unterscheidet zudem Gemeindepädagogik als Profession (Beruf) von Gemeindepädagogik als Handlungswissenschaft.
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Die kommunikative Kompetenz wird als Erste benannt, weil sie nach Piroth als eine gemeindepädagogische Schlüsselqualifikation anzusehen ist. Sie beinhaltet die Kommunikations- und Dialogfähigkeit in verschiedenen Kontexten, die Beziehungskompetenz, die Vernetzung und Koordination von Kommunikationsprozessen sowie die Wahrnehmung und den Abbau von Kommunikationsbarrieren (vgl. Piroth 2004, 93-96). Diese Fähigkeiten (Komponenten) spielen bei der zwischenmenschlichen Verständigung eine entscheidende Rolle. Eine adäquate Kommunikation ist in vielen Bereichen innerhalb der Gemeinde notwendig, vor allem dort, wo es darauf ankommt sich effektiv und zugleich sensibel zu artikulieren. Um diese Fähigkeiten weiter auszubauen, hat es Sinn sich neues Wissen und Fertigkeiten aus dem Bereich der Kommunikationsforschung anzueignen. Aus diesem Grund kann die kommunikative Kompetenz einerseits Voraussetzung für die Anwendung der ‚Gewaltfreien Kommunikation’ (GFK) sein und sich andererseits möglicherweise durch den Einsatz der GFK positiv weiterentwickeln.
Die Professionalität der Gemeindepädagogen verlangt grundsätzlich in jedem dieser Kompetenzbereiche gewisse Fertigkeiten und Kenntnisse. Einzelne Fähigkeiten (Komponenten) können durch den persönlichen Charakter schon teilweise vorgegeben sein, lassen sich aber gegebenenfalls auch durch Übung und Aneignung von fachspezifischem Wissen in gewissem Maße schulen. In diesem Sinne gibt es noch weitere Komponenten, denen ähnliche Bedeutung zukommt. Das sind beispielsweise die Selbstreflexion (vgl. Pkt. 4.6.4) bei der Selbstkompetenz oder die Wahrnehmung (vgl. Pkt. 4.6.1) bei der Feldkompetenz.
2.4 Kommunikationspsychologie in der Gemeinde
Kommunikation 4 ist immer ein soziales Geschehen, das sich zwischen Menschen ereignet. Demnach geschieht zwischenmenschliche Kommunikation „also zwischen zumindest zwei realen Menschen und ist von daher ein soziales Ereignis“
4 Aus dem Lateinischen stammend, finden sich in den verschiedenen begrifflichen Formen für Kommunikation (communicatio, communicare, Communio, Communis usw.) die deutschen Äquivalente „Mitteilung“, „Anteilnahme“ und „Gemeinschaft“ wieder (vgl. Rothe 2006, 9; vgl. Watzlawick 2000, 50 ff.).
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(Rothe 2006, 10). Die kommunikativen Vorgänge, die folglich zwischen zwei oder mehreren Personen stattfinden, können aus der Sichtweise der Kommunikationspsychologie analysiert werden. Das gewonnene Wissen nützt nicht nur Kommunikationstheoretikern, sondern all jenen interessierten Nutzern, die sich und andere auf kommunikativer Ebene besser verstehen wollen. Schulz von Thun bemerkt dazu: „Kommunikationspsychologie erhebt nicht nur den Anspruch die Vorgänge zwischen Sender und Empfänger wissenschaftlich zu erhellen, sondern auch Rüstzeug und Wegweiser für eine Verbesserung der zwischenmenschlichen Kommunikation bereitzustellen“ (Schulz von Thun 2006,16). Als kleinste Einheit wird dabei zwischen Sender und Empfänger einer Botschaft unterschieden. In dieser Hinsicht liefern kommunikationspsychologische Modelle und Theorien wichtige Einblicke in die vielschichtigen Dimensionen der menschlichen Psyche. Sie verfügen über empirisch fundierte Erklärungsmodelle, die Aufschlüsse geben können über Beziehungsschwierigkeiten in Privatleben und Beruf, Konfliktsituationen jeder Art sowie über Unstimmigkeiten in Organisationen, Institutionen und Gesellschaft (vgl. a.a.O., 19-21; vgl. Watzlawick 2000, 115-137). 5
Unausgesprochene Meinungen, kleine Streitereien, offene Gefechte und andere Auseinandersetzungen sind auch Thema in einer Gemeinde. Demgegenüber ist das Ideal gemeindlichen Lebens im Allgemeinen definiert durch ein friedvolles und harmonisches Miteinander. Die Menschen innerhalb der Kirche bewegen sich folglich in einem institutionellen Spannungsfeld, das durch unterschiedliche Dynamiken gekennzeichnet ist, die jedoch eine gründliche Konflikt- und Beziehungsklärung erschweren können (vgl. Böhmer/Klappenbach 2006, 156 ff.; Müller-Weißner 2003, 109). Vor allen die Personen, die pädagogische Arbeit leisten, sollten sich das bewusst machen. Kommunikationspsychologie kann für diesen Zweck viel erkenntnistheoretisches Wissen und außerdem machtvolle Werkzeuge bereitstellen, um das gemeinsame Leben und Arbeiten in der Gemeinde verträglicher zu machen. Insofern profitiert der Lern- und Lebensraum Gemeinde von dem Wissen um die kommunikationspsychologischen Vorgänge zwischen Menschen.
5 Watzlawick konstatiert in der Folge seiner Analyse des Kommunikationsbegriffes seine fünf hypothetischen Axiome, die ihn weltweit bekannt gemacht haben. Seine beiden wohl bekanntesten metakommunikativen Axiome lauten: „Man kann nicht nicht kommunizieren“ (Watzlawick 2000, 53) und: „Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und Beziehungsaspekt,…“ (a.a.O., 56). Das schützt ihn aber nicht vor einer „vernichtenden Kritik“ (Rothe 2006, 102) mehrerer Kommunika-tionsforscher, die seine Aussagen stark relativieren, was aber kaum öffentliches Gehör gefunden hat (vgl. ebd.).
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3 Konfliktbehandlung
Konflikte gibt es überall, wo Menschen aufeinander treffen, da jeder Mensch andere Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse 6 hat und zudem unterschiedliche Strategien diese zu befriedigen. Aus dieser Sichtweise sind Konflikte nichts Unnormales oder Verwerfliches, lediglich die Art und Weise, wie die Konflikte beurteilt und gelöst werden, ist in vielen Fällen fragwürdig. Im kirchlichen Bereich gilt es genau wie in jeder anderen Organisation, Konflikte zu klären, um sich auf die selbst gesetzten Ziele zu konzentrieren. Nur scheuen viele kirchliche Mitarbeiter wie auch Gemeindeglieder die Auseinandersetzung mit diesem Thema - eine Sondersituation, auf die in diesem Kapitel noch näher eingegangen wird. Die gezielte Konfliktbehandlung kann dem entgegen wirken. Sie hilft im privaten wie auch im professionellen Bereich schneller, effektiver und gründlicher zu einer Konfliktlösung zu kommen. Die GFK fällt als ein Konfliktbehandlungsmodell unter diese Kategorie. Zunächst gilt es zu klären, was man unter einem Konflikt versteht.
3.1 Konfliktdefinition und ihre Reichweite
Es ist sinnvoll den Konfliktbegriff genauer zu bestimmten, da ein zu weit gefasster ‚Container-Begriff‘ schnell zur bloßen Vernebelung und Polarisierung von Sachverhalten genutzt werden kann. Das Ziel ist eine präzise, treffende Definition, die möglichst alle Ebenen des Konfliktgeschehens umfasst. Eine Schwierigkeit ergibt sich dabei möglicherweise schon aus der differierenden Betrachtungsweise jedes Menschen der verschiedenen Ebenen eines Konfliktes, was auch Einfluss auf den zu definierenden Terminus "Konflikt" haben kann. Bei dem Einen setzt ein Konflikt schon bei einer Unvereinbarkeit im Denken zweier oder mehrerer Personen an, bei einem Anderen womöglich erst bei der Unvereinbarkeit einer Handlung zweier oder mehrerer Personen. Glasl formuliert unter Einbezug anderer Begriffsbestimmungen eine umfassende Definition für einen ‚sozialen Konflikt‘, wobei ‚sozial‘ eine Beschreibung für die sozialwissenschaftliche Betrachtungsweise sein soll:
6 Zur genaueren Bestimmung von "Gefühlen" und "Bedürfnissen" vgl. Pkt. 4.6.2 und Pkt. 4.6.3.
Der Inhalt dieser Begriffsbestimmung ist vielschichtig und besitzt wohl kaum Alltagstauglichkeit. Dennoch öffnet die Definition unter Umständen den eigenen Verständnishorizont und dient zudem auch als Bezugspunkt für die wissenschaftliche Untersuchung von Konflikten. Eine verkürzte praktischere Definition, die der eben genannten sehr ähnlich ist und sich möglicherweise auch genau auf diese bezieht, findet sich bei Klappenbach:
Ein Konflikt ist ausgehend von beiden Begriffsbestimmungen nichts Seltenes und trifft schon bei einer zwischenmenschlichen Konkurrenzsituation zu (ebd.). Die kürzere Definition soll im Verlauf der Arbeit als Grundlage für die weiteren Überlegungen bevorzugt werden.
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3.2 Konfliktmanagement
Der modische Halb-Anglizismus ‚Konfliktmanagement‘ lässt womöglich leicht die Assoziation eines geschäftigen "Konflikt-Managers" aufkommen, der die Führung über den weiteren Verlauf eines Konflikts übernimmt. Diese Vorstellung ist sogar überwiegend richtig. Konfliktmanagement befasst sich mit jenen Interventionen, die sich zum größten Teil auf den Konfliktprozess richten. Es soll negativen Faktoren entgegen gewirkt werden, um so zu einer Verbesserung der Vorstellungen, Einstellungen und Verhaltensweisen der (Konflikt-)Parteien beizutragen und die Aggressionsentwicklung zu verhindern (vgl. Glasl 1997, 19-21). Konfliktmanagement findet Anwendung im Rahmen von professionellen Beratungsgesprächen (vgl. Kap. 3.3). Daher leisten dies in vielen Fällen ausgebildete Personen, die zudem über das nötige Know-how und genügend Erfahrung verfügen, um einzelnen oder mehreren (streitenden) Personen unterstützend zur Seite zu stehen. Nichtsdestotrotz nutzen auch Schüler, Studierende, Manager, Angestellte das Wissen aus dem Bereich Konfliktmanagement für ihre Zwecke. Es gibt neben dem Konfliktmanagement noch andere Formen von Konflikt lösenden Interventionsmöglichkeiten, die jeweils an einer anderen Stelle des Konfliktprozesses ansetzen (vgl. a.a.O., 19). Den Überbegriff, unter dem sich alle Arten von Interventionen sammeln, bezeichnet man als "Konfliktbehandlung" (vgl. a.a.O., 17). Die Konfliktbehandlung zielt schwerpunktmäßig auf drei Bereiche ab:
1.) Beeinflussung des Konfliktpotentials:
Entweder liegt die Eskalation eines Konfliktes an persönlichen Faktoren einer Partei wie der Charakterstruktur, bestimmten Verhaltensgewohnheiten oder einer individuellen Auffassung. Oder sie liegt an sachlichen Faktoren wie der mangelhaften Organisationsstruktur, einer unzureichenden Funktionsabgrenzung oder unterschiedlichen Vergütungen im Beruf usw.. Die Faktoren können sich gegenseitig beeinflussen. Interventionen können sich speziell auf die Faktoren des Konf- liktpotentials hin ausrichten.
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2.) Beeinflussung des Konfliktprozesses:
Durch Aktion und Reaktion der Parteien entsteht eine Folge von verbalen und nonverbalen Verhaltensweisen. Es kommt zu einer Verkettung und Vernetzung von mehreren Mechanismen, die den Konfliktprozess beeinflussen. Der erste Mechanismus führt bei den Konfliktparteien zu einer Verzerrung der Denk- und Wahrnehmungsfähigkeit. 7 Der zweite Mechanismus intensiviert das gegenseitige Misstrauen und der dritte führt zu einer "Radikalisierung im Willensleben" (a.a.O., 18). Den negativen Faktoren des Konfliktprozesses kann durch Intervention entgegen gewirkt werden.
3.) Beeinflussung der Konfliktfolgen:
Die Folgen eines Konfliktes können im persönlichen oder sachlichen Bereich liegen. Eine Person kann in einer Streitigkeit gekränkt worden sein, oder ihr Auto wurde in einem Gewaltakt beschädigt. In beiden Fällen können die Wirkungen absichtlich oder unbeabsichtigt herbeigeführt worden sein (vgl. Glasl 1997, 18). Es gibt Interventionsmöglichkeiten, die beim Umgang mit den Folgen helfen können.
Das Modell der GFK besitzt vermutlich die Fähigkeit das Konfliktpotential, den Konfliktprozess und die Konfliktfolgen zu beeinflussen. Es kann beispielsweise Verhaltensgewohnheiten ändern, indem das eigene Tun mit Hilfe der GFK reflektiert (vgl. Kap. 4.2) wird oder es die eigene Wahrnehmung schult (vgl. Pkt. 4.6.1). So kann auch die anschließende Bearbeitung der Konfliktfolgen mittels der GFK unter Umständen vorteilhaft verlaufen, da eine Selbstklärung der Gefühle und Bedürfnisse in dem Modell vorgesehen ist (vgl. Kap. 4.2). Dementsprechend gehört die GFK einerseits funktional zum Bereich des Konfliktmanagements, reicht aber andererseits über dessen Aktionsradius hinaus. Der Begriff Konfliktbehand- lungsmodell entsprächeeher dem Anspruch der GFK (vgl. Kap. 4.3).
7 Es sollte zur Kenntnis genommen werden, dass
- die Perzeptionen (Wahrnehmungsfähigkeit, das Denk- und Vorstellungsleben),
- das Gefühlsleben (Emotionen, Stimmungen, Einstellungen, Haltung, Neigungen)
- und das Willensleben (Ziel, Absichten, Motive, Antriebe)
eines Menschen unbewussten Einflüssen ausgesetzt sind, die im Konflikt nicht völlig rational zu erfassen sind (vgl. Glasl 1997, 34-42). Aus dieser Feststellung ergibt sich schnell die Einsicht, dass die Verurteilung einer Konfliktpartei nach dem Schema "gut" oder "böse" wenig Früchte trägt.
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3.3 Konfliktebenen und Konfliktmotive
Die Konfliktforschung unterscheidet drei Ebenen, auf denen Konflikte stattfinden können:
a) Auf der intrapersonalen (innerlichen) Ebene,
b) auf der interpersonalen (zwischenmenschlichen) Ebene,
c) auf der organisationalen (betrieblichen) Ebene.
Dementsprechend müssen auch die Interventionen zur Konfliktbehandlung an der jeweiligen Ebene ansetzen, um effektiv zu wirken (vgl. Steiger/Lippmann 1999, 338). Es gibt aber auch spezialisierte Formen von professionellen Beratungstechniken wie beispielsweise der Systemische Ansatz, der besonders geeignet ist Organisationsstrukturen und Interaktionsmuster im beruflichen Kontext zu analysieren. Moderne Beratungstechniken wie Supervision oder Coaching sind gut geeignet, um Konflikte auf allen drei Ebenen zusammen zu betrachten und zu einer sinnvollen Problemlösung zu gelangen (vgl. Böhmer/Klappenbach 2007,36 ff.). Diese Beratungstechniken fallen in die Kategorie professioneller Kommunikation. Weitere Formen professioneller Kommunikation sind Mediation, psychosoziale Beratung, Psychotherapie oder die Seelsorge (vgl. a.a.O., 21-27). 8
Auf jeder der drei Ebenen sind ganz verschiedene Konfliktmotive möglich. Exemplarisch seien hier einige genannt. Bemerkt werden sollte, dass Konfliktmotive in der Realität nicht auf eine Ebenen begrenzt sind. Ein Konflikt mit der eigenen Sexualität kann beispielsweise sowohl die intrapersonale wie auch die interpersonale Ebene betreffen.
8 Den professionellen Beratungsgesprächen liegt häufig ein bewusst gewähltes Welt- und Menschenbild zugrunde, das Einfluss haben kann auf die Wahl der verschiedenen Beratungsmethoden bzw. auf die konkrete Arbeit mit Menschen (vgl. Böhmer/Klappenbach 2007, 21-27; 48).
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Von besonderem Interesse für die nachfolgenden Kapitel ist die interpersonale Ebene, da das Modell der GFK schwerpunktmäßig auf sie ausgerichtet ist. Für Herbert Frosch, der sich mit der Wirkkraft von zwischenmenschlichen Beziehungen näher befasste, liegt der Hauptgrund für die meisten interpersonalen Konfliktmotive in sozialen Systemen in der Spannung zwischen dem natürlichen Streben nach Selbstentfaltung bzw. Individualität gegenüber der notwendigen Anpassung an die Regeln und Normen des Gegenübers oder der Gemeinschaft. Streitigkeiten, Spannung und Konflikte sind bei dem Aufeinandertreffen von individuellen Bedürfnissen nicht zu vermeiden, da die Bedürfnisse von unterschiedlichen Personen in vielen Fällen nicht kongruent, also nicht deckungsgleich sind (vgl. Frosch 2002, 11-12). An dieser Stelle setzt das Modell der GFK an, nach dessen Verständnis der Kompromiss zwischen Individualität und nötiger Anpassung an das Gegenüber konfliktarm gelingen kann.
3.4 Anwendungsbereiche in der Gemeinde
Egal ob Jugendarbeit, Gemeindekirchenrat (GKR) oder Seniorenkreis - kein Bereich ist sicher vor möglichen Konfliktsituationen. Die Art und Weise wie sie ausgetragen werden, kann sehr unterschiedlich sein. Bei den Jugendlichen werden möglicherweise Vorwürfe offen an den Kopf geworfen, im GKR schwelen vielleicht unausgesprochene Machtkämpfe zweier Pfarrer und im Seniorenkreis entledigt sich die Rentnerin durch Klatsch und Tratsch des Zwistes mit der eigenen Nachbarin. Die Konfliktmotive sind in diesem Bereich, ebenso wie in anderen Institutionen, vielfältig. Doch unterliegt die Konfliktbehandlung innerhalb der Institution Kirche einer besonderen Schwierigkeit:
Der Beherrschung und Kontrolle von Emotionen, vor allem Ärger, Aggression, Wut und sexuelle Erregung, stellt seit der Zeit des frühen Christentums ein religiöses und später auch gesellschaftliches Ideal dar. ‚Negative' Ausdrucksformen im Zusammenhang mit Ärger und Aggression werden schon in den biblischen Versen des Neuen Testamentes in einem Atemzug mit vielerlei Bosheiten
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aufgeführt. 9 Klessmann bemerkt dazu: "Insofern gleicht der christliche Umgang mit Aggression dem mit der Sexualität: Beide sind so gefährlich, weil hier etwas Elementares aufbricht, das einen Menschen die Kontrolle verlieren lässt!" (Klessmann 1992, 16). Das führte in der Geschichte zur Ablehnung und Unterdrückung dieser Emotionen um die Normen des ‚bürgerlichen‘ Ideals aufrecht zu erhalten, in vielen Fällen sogar mit Gewalt. Demgegenüber gelten Liebe, Sanftmut und Freundlichkeit als wichtige Elemente christlicher Lebensführung. Dieses Denken begleitet das Christentum seit seinem Ursprung. Es wurde in die theologischen Überlegungen übernommen und wirkte sich über 2000 Jahre bis in die modernen westlichen Industriegesellschaften aus (vgl. Klessmann 1992, 13-23). Die Gründe dafür sind vielfältig. 10 Es soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass dieses Denken innerhalb christlicher Gemeinden auch heute immer noch weit verbreitet ist. Es ist daher leichter verständlich, wenn manche Menschen in diesem Bereich größere Probleme haben mit Konflikten konstruktiv umzugehen.
Demgegenüber gibt es auch Faktoren, die eine Konfliktbehandlung im gemeindlichen Kontext begünstigen. Hauskreise, Männerabende, Frauencafés oder spezielle Gebetsabende bieten neben dem Programm auch immer zugleich einen geschützten sozialen Raum, indem Probleme und Konflikte besprochen werden können. Dort kann gemeinschaftlich nach einer Problemlösung gesucht werden. Auch das Einfühlungsvermögen (Empathie) der anderen Gruppenteilnehmer kann unter Umständen positiven Einfluss auf die Konfliktdynamik ausüben. Zusätzlich gibt es neben der Seelsorge und möglichen gemeindeinternen Kommunikationstrainings auch noch die professionellen Beratungsformen wie Supervision und Coaching, die in der Kirche immer häufiger Anwendung finden
9 Zwei Beispiele: "Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist (2.Mose 20,13; 21,12): »Du sollst nicht töten«; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig" (Matthäus 5, 21).
"Offenkundig sind aber die Werke des Fleisches, als da sind: Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Hader, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Spaltungen, Neid, Saufen, Fressen… Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit; gegen all dies ist das Gesetz nicht" (Galater 5, 19-22).
10 Eine Voraussetzung für diese Entwicklung liegt in dem griechischen Denkkonstrukt des Leib-Seele-Dualismus. Der Körper wird negativ qualifiziert und gilt als Ort der Begierden und Leidenschaften im Gegensatz zum eigentlichen Verstand, der Seele, welche die "guten" und "göttlichen" Eigenschaften in sich verbindet. Dieses erkenntnistheoretische Problem begleitet die Philosophie sowie die Theologie seit ihren Anfängen und hat bis heute keine Auflösung gefunden. Es wird gemein hin als Leib-Seele-Problem bezeichnet (vgl. Bunge 1984, 3 ff.).
Arbeit zitieren:
Tobias Brunner, 2009, Kommunikationspsychologie im gemeindepädagogischen Kontext, München, GRIN Verlag GmbH
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Einbetten
DOI
Die katholische Kirche und Freimaurerei im 20. Jahrhundert
Eine kritische Bilanz
Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung
Seminararbeit, 23 Seiten
Der Begriff des Krieges in Thomas Hobbes "Leviathan" und Car...
Oder Kriegszustand bei Thomas ...
Seminararbeit, 42 Seiten
Friedrich Nietzsche - seine Position zur Organisation der Gesellschaft...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 19 Seiten
Kapitalismus als Religionsersatz - eine kritische Gesellschaftsanalyse...
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Taktik und Taktiktraining im Fußball
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Sport - Bewegungs- und Trainingslehre
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Erfahrungen der Militär- und K...
Soziologie - Krieg und Frieden, Militär
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Zu J.-P. Vernants "Die Entstehung des griechischen Denkens"
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
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Tobias Brunner's Text Kommunikationspsychologie im gemeindepädagogischen Kontext ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Tobias Brunner hat den Text Kommunikationspsychologie im gemeindepädagogischen Kontext veröffentlicht
Tobias Brunner hat einen neuen Text hochgeladen
"dann kann man das ja auch mal so lösen!" Auswertungsinterviews mit Ki...
Susanne Kalkowski, Annika Kneiphof, Katrin Lingemann, Thorsten Muer, Johannes Thoms, Jörg Werner, Cornelia Muth
Gewaltfreie Kommunikation im Gesundheitswesen
Eine Kultur des Mitgefühls sch...
Melanie Sears, Karsten Petersen
Eine Sprache des Lebens. Limit...
Marshall B. Rosenberg, Ingrid Holler
Interne Kommunikation in der Praxis
Sieben Analysen - Sieben Fallb...
Viviane Egli, Andreas Jäggi
Kardiologische Studienergebnisse und klinische Relevanz - von der Theo...
Von der Theorie zur Praxis
Friedhelm Späh
Gewaltfreie Kommunikation. Das 13-Wochen-Übungsprogramm
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Lucy Leu, Michael Dillo
Die Grundlagen der Gewaltfreien Kommunikation - wie ich sie verstehe u...
Wayland Myers, Michael Dillo
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