Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Von der Seelsorge zur Krankensalbung 2
2.1. Zum Begriff der Seelsorge 2
2.2. Krankenhausseelsorge - Der Raum der Krankensalbung 5
2.3. Krankheit und Kranksein 7
2.3.1. Krankheit in der Bibel 7
2.3.2. Das Erleben von Krankheit heute 9
2.3.2.1. Interne Erlebniswelt 9
2.3.2.2. Externe Erlebniswelt 11
2.3.2.3. Seelsorge und Krankheit 14
2.4. Relevanz der Leiblichkeit - Relevanz der Krankensalbung I 15
3. Von der Krankensalbung zur Seelsorge 16
3.1. Salbung in der Bibel 16
3.1.1. Salbung im Alten Testament 17
3.1.2. Salbung im Neuen Testament 18
3.1.3. Die Krankensalbung in Jak 5,14-16 20
3.2. Kirchengeschichtliche Entwicklung der Krankensalbung 22
3.3. Die gegenwärtige Praxis der Krankensalbung 24
3.3.1. Krankensalbung in der römisch-katholischen Kirche 24
3.3.2. Krankensalbung in der orthodoxen Kirche 26
3.3.3. Krankensalbung in der anglikanischen Kirche 27
3.3.4. Krankensalbung in der evangelischen Kirche 28
3.4. Krankensalbung als Leibsorge 30
3.4.1. Das sinnliche Erleben 30
3.4.1.1. Haptisch 30
3.4.1.2. Olfaktorisch 31
3.4.2. Das rituelle Erleben 32
3.4.2.1. Die Krankensalbung als Ritual 32
3.4.2.2. Bemerkungen zur Praxis der Krankensalbung 35
3.5. Relevanz der Leiblichkeit - Relevanz der Krankensalbung II 36
4. Fazit - Krankensalbung und Seelsorge 37
5. Ausblick - Die Neuentdeckung der Krankensalbung 39
6. Anhang
I. Formalia i
II. Abkürzungsverzeichnis i
III. Literaturverzeichnis ii
a. Quellen und Hilfsmittel ii
b. Monographien ii
c. Aufsätze in Zeitschriften iv
d. Aufsätze in Sammelbänden iv
e. Lexikonartikel vi
f Elektronische Medien vi
1. Einleitung
„Die evangelische Kirche entdeckt einen alten biblischen Brauch wieder: Die Salbung mit Öl.“ 1
Dieser erste Satz eröffnet die Ausführungen zur Salbung in der Handreichung der NEK und zeigt auf, dass die Salbung mit Öl keine Selbstverständlichkeit in der evangelischen Kirche darstellt. Weiter gibt die Handreichung Informationen zur Entwicklung und Anwendung der Salbung. Sie beschränkt sich jedoch auf das Wesentliche und behandelt die Salbung im Allgemeinen. In dieser Ausarbeitung soll es speziell um die Krankensalbung im Kontext der Seelsorge und um die Fragen, die der o.g. Satz impliziert, gehen: Es soll geklärt werden, was unter dem „alten biblischen Brauch“ zu verstehen ist und warum dieser durch die evangelische Kirche erst wieder „entdeckt“ werden muss. Dazu stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit des Brauches, also der seel-sorglichen Relevanz.
Die Arbeit setzt sich aus drei Teilen zusammen: Um aufzuzeigen, dass die Krankensalbung aus der Seelsorge heraus eine Begründung erhält, beschäftigt sich der erste Teil „Von der Seelsorge zur Krankensalbung“ mit den Begriffen der Seelsorge und der Krankheit. Dabei soll die Relevanz der Leiblichkeit in der Seelsorge aufgezeigt werden. Der zweite Teil „Von der Krankensalbung zur Seelsorge“ geht den umgekehrten Weg und entwickelt aus der Geschichte und dem Verständnis der Krankensalbung die seelsorgliche Notwendigkeit. Auch hier wird abschließend wieder der Aspekt der Leiblichkeit hervorgehoben. Der dritte Teil beinhaltet die Zusammenfassung und die abschließenden Gedanken.
Da der Umfang dieser Ausarbeitung begrenzt ist, können nur ausgewählte Themenbereiche behandelt werden. Der Schwerpunkt liegt auf der Kranken-hausseelsorge, 2 daher kann nicht explizit auf Salbungsgottesdienste oder auf die Situation von kranken Menschen zu Hause eingegangen werden. 3 Zudem wird die Salbung für Tote nur im Zusammenhang mit der kirchengeschichtli- 1 Amtfür Öffentlichkeitsdienst (AfÖ) zusammen mit dem Kirchenamt und dem Got-
tesdienstinstitut der Nordelbischen Ev.-Luth. Kirche (Hg.), Salbung in der Evangeli-
schen Kirche. Eine Handreichung. [Die Handreichung verfügt über keine Seitenzah-
len]
2 Vgl. 2.2. Krankenhausseelsorge - Der Raum der Krankensalbung.
3 Jedoch habe ich an einigen Stellen durch Anmerkungen diesen Bereich nicht ganz
außer Acht gelassen. Vgl. dazu die Vorschläge zur praktischen Durchführung von
Peter Zimmerling: Zimmerling, Peter, Gebet und Salbung für Kranke. Überlegungen
zu einem neuen liturgischen Angebot der evangelischen Kirche, in: Praktische Theo-logie 37 (2002), 227f.
1
chen Entwicklung behandelt, da zum einen in dieser Arbeit eindeutig die Krankensalbung im Vordergrund steht, zum anderen eine Abgrenzung bzw. Ausdifferenzierung zu einer Totensalbung die Aufgabe einer eigenständigen Ausarbeitung wäre, um diesem sensiblen Thema gerecht zu werden.
2. Von der Seelsorge zur Krankensalbung
Um aufzuzeigen, dass die Krankensalbung seelsorgliche Relevanz besitzt, ist es notwendig, die Voraussetzungen für diese These zu erörtern. Zum einen muss geklärt werden was unter ‚Seelsorge’ zu verstehen ist und zum anderen muss der Raum für die Krankensalbung in der Seelsorge beschrieben werden. Dieser findet sich in der Krankenseelsorge, die dann in Krankenhausseelsorge präzisiert wird. Weiter ist der Begriff ‚Krankheit’ zu erörtern, indem das Krankheitsverständnis in der Bibel dem von heute gegenübergestellt wird. Die Erläuterungen zu den internen und externen Erlebniswelten von kranken Menschen im Krankenhaus geben Aufschluss darüber, in welchem Kontext eine mögliche Krankensalbung stattfände. Ohne schon näher auf die Salbung einzugehen, wird 2.4. die positiven Aspekte der Krankensalbung vorwegnehmen, die sich allein aus der Situation der kranken Menschen begründen lassen.
2.1. Zum Begriff der Seelsorge
Der Begriff ‚Seelsorge’ hat einen säkularen Ursprung, ist aber im heutigen Sprachgebrauch auf eine kirchliche Praxis bezogen. Dieser kirchliche Bezug findet sich schon bei Basilius von Caeserea und hat durch Martin Luthers Gebrauch „zentrale Bedeutung für die kirchl. Amtspraxis erlangt“ 4 . Beachtenswert ist der platonische Einfluss, der durch seinen Dualismus die Unterscheidung zwischen ‚Seelsorge’ und ‚Leibsorge’ zu verantworten hat. 5 Neben den konfessionell bedingten unterschiedlichen Gebräuchen des Seel-sorgebegriffs von der cura animarum generalis und der cura animarum specialis, ist eine Differenzierung in die intentionale Seelsorge, die funktionale Seelsorge und die dimensionale Seelsorge hilfreich, 6 da es den Seelsorgenden
4 Ziemer, Jürgen, Art. Seelsorge. I. Zum Begriff, in RGG 4 7 (2004), 1111.
5 Vgl. Nauer, Doris, Seelsorge. Sorge um die Seele, Stuttgart 2007, 38.
6 Vgl. Ziemer, Begriff, 1111.
2
helfen kann, sich bewusst zu machen, dass ihre seelsorgliche Arbeit in verschiedenen Dimensionen stattfindet. Die Reflexion darüber, ob das vereinbarte Gespräch andere Vorgehensweisen erfordert als das seelsorgliche Handeln innerhalb eines Kasus oder als integraler Bestandteil, wie etwa in Predigt oder Unterricht, ist notwendig, um eine veritable und profilierte Konzeption zu entwickeln.
Auch wenn Seelsorge aus einer Veranlassung heraus geschieht, ist noch nicht geklärt, was Seelsorge eigentlich ist. Neben den landläufigen, deutlichen Vorstellungen über eine Definition ist in der Poimenik die Begrifflichkeit diffus. 7 Da Seelsorge nicht nur Gespräch bedeutet - und falls doch, dann ist die Frage wie ein Gespräch seelsorglich qualifiziert ist 8 - erfordert es zum einen, Seel-sorge als Konstrukt zu betrachten und zum anderen, eine inhaltlich weite Definition zu verwenden: „Seelsorge ist christliche Unterstützung der Lebensgestaltung.“ 9 Dadurch wird Seelsorge nicht nur dimensional beschrieben, sondern auch gefordert. Vorteil kann hier beim initialen Gebrauch der Seelsorge sein, dass sie sich immer an der dimensionalen Beschreibung verifizieren lässt, also einer Kontrollfunktion gleichkommt.
Werden die verschiedenen Handlungsfelder 10 in der heutigen Seelsorgepraxis betrachtet, so erscheint es wenig überraschend, dass die Konzeptionen und Methoden mindestens genauso vielseitig sind. Zwar spiegelt sich in einer Vielzahl der Ansätze die Idee der Seelsorgebewegung 11 wider, es kann jedoch nicht von einer aktuellen übergreifenden konzeptionellen Strömung gesprochen werden. Neben Einflüssen aus der Psychologie und der Soziobiologie haben die gegenwärtigen Konzepte die Tendenz sich auf Schwerpunkte zu verlagern und erheben daher keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit; Seelsorge ist „unübersehbar pluralisiert“ 12 . Die Konzepte bewegen sich z.T. in einer eindeu-
7 Vgl.Pohl-Patalong, Uta, Seelsorge. Konzeption/ Kontexte/ Lebensgestaltung/ Seel-
sorgegespräch, in: Gräb, Wilhelm/Weyel, Birgit, Handbuch Praktische Theologie,
Gütersloh 2007, [675].
8 Diese Frage stellt sich natürlich immer beim seelsorglichen Handeln, jedoch ist m.E.
jedes Gespräch seelsorglich qualifiziert. Zu diesem Themenkomplex verweise ich auf:
Hauschildt, Eberhard, Alltagsseelsorge. Eine sozio-linguistische Analyse des pastora-
len Geburtstagsbesuches (APTh 29), Göttingen 1996.
9 Pohl-Patalong, Seelsorge, 676.
10 Vgl. Ziemer, Begriff, 1116; vgl. Pohl-Patalong, Seelsorge, 681-685; Dies., Art.
Seelsorge. III. Konzeption und Methoden, in: RGG 4 7 (2004), 1116.
11 Die geschichtliche Entwicklung der Seelsorge soll hier nicht ausgeführt werden, da
dies an vielen anderen Stellen getan wurde und den Rahmen dieser Arbeit sprengen
würde. Bei Begriffen wie etwa ‚Seelsorgebewegung’ wird ein Vorverständnis voraus-
gesetzt.
12 Klessmann, Michael/Pohl-Patalong, Uta, Wahrnehmung und Klärung - zur Situati-
on der Seelsorge, in: Praktische Theologie 40 (2005), 243.
3
tigen Thematik, so z.B. die Interkulturelle Seelsorge oder die Feministische Seelsorge, z.T. aber auch in einer Alltagswahrnehmung, in der die Biografie, die Lebensgeschichte als Erzählung seelsorgliche Relevanz erhält. Die Konstruktion bzw. die Rekonstruktion von Lebensgeschichte kann und sollte dann Aufgabe von Seelsorge werden.
Krankheit ist schon paradigmatisch als Lebenskrise zu beschreiben, gilt und galt in verschiedenen Gesellschaften als außerordentlich und wird subjektiv als Grenzerfahrung wahrgenommen. 13 Soll Seelsorge Rekonstruktion von Lebensgeschichte sein, so muss auch der Umgang in der Krise der Krankheit rekonstruktionell wirken; sie sollte aktiv bei der Lebensgestaltung helfen. Dass dies durch das Gespräch möglich ist, kann und soll nicht negiert werden. Dennoch ist aktive Gestaltung ‚nur’ durch Gespräch möglicherweise nicht ausreichend. Zumindest soll die These aufgestellt werden, dass zusätzliche ritualisierte und/oder leibliche Aspekte in der Seelsorge eine tiefere emotionale Wirkung hervorbringen. Außerdem sollte Seelsorge als Hilfe zur christlichen Lebensgestaltung auch stets das Evangelium verkünden; sie muss neben Beratung auch Kerygma sein, denn „Beratung wird nicht mehr als Kommunikati-onsform des Evangeliums verstanden, ist in dieser Sicht kein im Wesen der communio sanctorum veranketer Lebensvollzug mehr.“ 14 Um die Relevanz von den Möglichkeiten einer Krankensalbung, die eine Form der aktiven Gestaltung von Lebensgeschichte sein kann, aufzuzeigen, ist es nötig den Ort der Krankensalbung zu beschreiben. Die Krankensalbung ist Teil der Seelsorge im Allgemeinen und Teil der Krankenseelsorge im Speziellen. In den nächsten Abschnitten soll die Krankensalbung ihre prinzipielle Begründung aus der Seelsorge bzw. aus der Krankenseelsorge erhalten. Es wird darum gehen, aufzuzeigen, dass Leiblichkeit relevant für die Seelsorge ist und dass Seelsorge auch Leibsorge sein kann. Die Krankensalbung steht dann paradigmatisch für eine Seelsorge, die biblisch ihre Begründung und Ursprünglichkeit hat und grundlegenden menschlichen Bedürfnissen nachkommt. 15
13 Vgl. Klessmann, Michael, Seelsorge im Krankheitsfall, in: Engemann, Wilfried
(Hg.), Handbuch der Seelsorge. Grundlagen und Profile, Leipzig 2007, [390]-392.
14 Bobert-Stützel, Sabine, Beratung oder Verkündigung. Die Sicht auf eine aporetische
Fragestellung der Poimenik von D. Bonhoeffers Seelsorgeverständnis her, in: PTh 84
(1995), 202.
15 Vgl Ziemer, Jürgen, Seelsorgelehre. Eine Einführung für Studium und Praxis, Götti-
gen 3 2008, 101 u. 125.
4
2.2. Krankenhausseelsorge - Der Raum der Krankensalbung
Die Sorge für die Kranken ist elementar innerhalb jeglicher Seelsorgekonzeption. So geht Doris Nauer in „Seelsorgekonzepte im Widerstreit“ 16 innerhalb jeder vorgestellten Konzeption auf das „Menschenbild und Krankheitsverständnis“ ein. Die Krankensorge ist biblisch begründet (z.B. Mt 25,31-46) und war von Anfang an besondere Aufgabe in den christlichen Gemeinden. In der weiteren geschichtlichen Entwicklung veränderte sich mit fortschreitenden wissenschaftlichen und medizinischen Erkenntnissen auch der Umgang mit Krankheit. Dies kann an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden. 17 Ich möchte jedoch einige Punkte zu dieser Thematik hervorheben. Zum einen richtete sich in den frühen christlichen Gemeinden die Sorge um die Kranken auf alle Menschen, da aus dem christlichen Liebesverständnis heraus auch alle Menschen als Geschöpfe Gottes zu bezeichnen sind. Diese Fürsorge schlug sich in den konstitutiven Elementen der Krankenseelsorge nieder: Gebet, Salbung, Beichte und Sündenvergebung. Weiter erscheint es m.E. wichtig zu betonen, dass die Erwartung in der Mitte des 19. Jh. alle kranken Gemeindemitglieder zu besuchen und die zu einseitig kerygmatische Haltung der Seel-sorgenden „zu einer weitgehenden Beziehungslosigkeit in der Krankenseelsorge“ 18 führten, welche wiederum eine „Neuordnung der Seelsorge“ 19 in der zweiten Hälfte des 20. Jh. hervorrief und letztendlich mit den Besonderheiten des Krankenhauses zusammen zu einer Spezifizierung des Begriffes ‚Kran-kenseelsorge’ hin zum Begriff ‚Krankenhausseelsorge’ führte. Die Begleitung der Kranken wurde vor die Verkündigung gestellt, so dass dahingehend eine spezielle Qualifizierung nötig wurde. 20 Außerdem sollte sich die Seelsorge nicht mehr allein auf den kranken Menschen beziehen, sondern auch auf das Personal der Klinik bis hin zum ganzen System der Klinik hinsichtlich ihres „Betriebsklimas“. 21
16 Vgl. Nauer, Doris, Seelsorgekonzepte im Widerstreit. Ein Kompendium (PTHe 55),
Stuttgart/Berlin/Köln 2001.
17 Ich weise zu dieser Entwicklung auf einen Aufsatz von Michael Klessmanns hin:
Klessmann, Michael, Von der Krankenseelsorge zur Krankenhausseelsorge - histori-
sche Streiflichter, in: Ders. (Hg.), Handbuch der Krankenhausseelsorge, Göttingen
3 2008, [56]-64.
18 Ders., Krankenseelsorge, 673.
19 Doebert, Heinz, Neuordnung der Seelsorge. Ein Beitrag zur Ausbildungsreform und
zur heutigen kirchlichen Praxis (Handbibliothek für Beratung und Seelsorge 5), Göt-
tingen 1967.
20 Vgl. Klessmann, Krankenhausseelsorge, 62f.
21 Ebd., 63.
5
Dies bedeutet, dass Krankenseelsorge heute einen festen Ort und Raum hat: Das Krankenhaus und das Krankenzimmer. Das heißt nicht, dass Krankenseel-sorge ausschließlich im Krankenhaus stattfindet, denn nicht jeder kranke Mensch muss oder will im Krankenhaus behandelt werden. Dennoch ist die Spezialisierung in Hinblick auf erkrankte Menschen ein wichtiges gesellschaftliches Merkmal, dem die Kirche und insbesondere die Seelsorgenden Rechnung zu tragen haben. Außerdem zeigt sich gerade im Kontrast zu der wissenschaftlichen, hochkomplexen und nach Effizienz arbeitenden Institution Krankenhaus die besondere Aufgabe der Seelsorge sowie ihre Besonderheit an sich. So sind in dieser Hinsicht ihre Aufgaben, die Patienten vor Vernachlässigung (z.B. bei Informationsdefiziten) zu schützen, die Gefühlsarbeit in Beziehung zu pflegerischem und ärztlichem Personal immer wieder zu stärken und zu einem zweckfreieren Umgang in den zu funktionierenden Abläufen zu wirken. 22
Dennoch soll die Verkündigung (s.o.) nicht außer Acht gelassen werden. Klessmann insistiert zu Recht darauf, dass Verkündigung beziehungsorientiert sein soll und daher gemeinschaftliches Suchen bedeutet und die Neubelebung von Abendmahl und Krankensalbung als Teil einer ganzheitlichen Kranken-seelsorge gesehen werden kann. Das ist der Ansatz, der Krankensalbung in den Kontext der Krankenhausseelsorge stellt. Die Krankensalbung als alter biblischer Ritus steht geradezu konträr zur modernen Institution Krankenhaus, dennoch treffen sich beide Pole in einem Punkt - in der Leiblichkeit des Patienten. Für die Medizin und die Salbung ist der Körper des Menschen unabdingbar. Natürlich möchte die Krankensalbung mehr sein als ein rein körperliches Erleben, aber es ist hervorzuheben, dass die Salbung überhaupt auch ein körperliches Erleben ist. Sie kann für die Seelsorge eine Dimension, die der Leiblichkeit, erreichen, welche gerade im Umgang mit Kranken von besonderer Qualität ist.
Dazu zählt auch der Aspekt des Raumes. Kategorisiert man wie Josuttis den Leib als Leibraum, der sich innerhalb eines Ortraumes und Zeitraumes befindet, 23 dann kann die Krankensalbung als Ritual und somit als „gestalteter Zeitraum“ 24 Vergegenwärtigung des Göttlichen bedeuten. Das Hineinführen in bestimmte Wirklichkeiten kann mit Hilfe der Salbung der Seelsorge dienlich
22 Vgl. Ders., Seelsorge in der Institution „Krankenhaus“, in: Ders. (Hg.), Handbuch
der Krankenhausseelsorge, Göttingen 3 2008, 18.
23 Vgl. Josuttis, Manfred, Segenskräfte. Potentiale einer energetischen Seelsorge, Gü-
tersloh 2000, 127-177.
24 Ebd., 132.
6
sein, damit Seelsorge sich nicht nur mit dem Gespräch begnügt. Stattdessen „wird [sie] auch rituelle Zeiträume und symbolische Krafträume einsetzen, um ihren Auftrag und ihren Möglichkeiten gerecht zu werden“ 25 .
2.3. Krankheit und Kranksein
Da die Krankensalbung allein schon durch ihre Bezeichnung explizit auf kranke Menschen bezogen ist, muss näher auf den Aspekt „Krankheit“ eingegangen werden. Es soll hier erst gar nicht der Versuch unternommen werden, Ge-sundheit und Krankheit zu trennen oder sich gar mit einer Definition von ‚Krankheit’ zu begnügen. Wichtiger ist die Zustandsbeschreibung von kranken Menschen - welche Veränderungen zieht eine Krankheit nach sich. Auf Grundlage des biblischen Zeugnisses werden die Besonderheiten der externen und internen Erlebniswelten von kranken Menschen in Beziehung gesetzt, so dass sich ein Bild von den Voraussetzungen zur Krankensalbung ergibt, bei denen stets zu beachten ist, dass Krankensalbung keinem Selbstzweck dient, sondern einem Bedürfnis zugute kommt. Sie soll als Dienst an Kranken ver-standen werden und kann daher in Anspruch genommen werden. 26
2.3.1. Krankheit in der Bibel
In den biblischen Texten zeigt sich, dass Krankheit stets im Zusammenhang mit dem Verhältnis zu Gott gesehen wird. Krankheit wird als direkter Ausdruck dieses Verhältnisses verstanden. Im Alten Testament wird Jahwe als Alleinverursacher von Krankheit bestimmt (Dtn 32,39) und somit findet sich Krankheit in dem Denksystem von Schuld und Strafe wieder (Ps 38). 27 Was zunächst auf das Beziehungsgeflecht zwischen Mensch und Gott im Kriterium der in der Welt allgemein herrschenden Sünde betrachtet wurde, entwickelte
25 Ebd., 133.
26 Vgl. Kirchenleitungen der VELKD, Agende für evangelisch-lutherische Kirchen
und Gemeinden. Band 3. Die Amtshandlungen. Teil 4. Dienst an Kranken, neu bear-
beitete Ausgabe, Hannover 1994, 8.
27 Vgl. Ebner, Martin, Art. Krankheit und Heilung. III. Biblisch, in RGG 4 4 (2001),
1730.
7
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Patrick Wacker, 2009, Krankensalbung in der Seelsorge, München, GRIN Verlag GmbH
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