Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 3
II. Die Rache bei den Griechen 4
III. Die Rache der Medea 8
a) Die Medea des Euripides 8
b) Medeas Rache - Motive und ihre Wirkung 10
c) Die Absolutheit der Rache - der Kindermord 12
d) Die „Männlichkeit“ der Rache 14
e) Die Rolle des Chors 16
IV. Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Relevanz 18
V. Schlussbetrachtung 22
VI. Literaturverzeichnis 23
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I. Einleitung
Rache gab es immer schon; Rache wird es immer geben. Francis Bacon vertritt mit seiner Auffassung von Vergeltung die Moralverstellungen unserer heutigen modernen Gesellschaft. Doch wie sieht diese in anderen Gesellschaften aus? Besonders die Antike war von der Vorstellung geprägt, Unrecht durch eigenhändige Vergeltungstaten ausgleichen zu können. Gerechtigkeit durch Rache - man ging geradezu davon aus, den Schaden nur wiedergutmachen zu können, indem man ihn mit geballter Wucht zurückschleuderte. Der Feind sollte seine eigene Tat zu spüren bekommen. Unter den zahlreichen Darstellungen von Rache ist die Medea des Euripides wohl einer der grauenvollsten und zugleich faszinierendsten Persönlichkeiten der antiken Literatur. Die Rache der Medea ist besonders. Sie macht keinen Halt vor einem wehrlosen Opfer, keinen Halt vor den eigenen Kindern. Rache in ihrer grausamsten Form - des Kindermords. Ausgehend von diesem Bühnenstück sollen in der vorliegenden Arbeit die verschiedenen Aspekte der Rache Medeas analysiert werden, um diese mit der antiken Vorstellung von Rache und Vergeltung zu vergleichen und daraus die mögliche gesellschaftliche Wirkung und Funktion der Tragödie erfassen zu können. Lässt sich die literarische Verarbeitung dieser extremen Form von Rache mit gesellschaftlichen Wertvorstellungen vergleichen? Welche Wirkung könnte diese Darstellung erzielt haben? Und welche Rolle spielen dabei gesellschaftliche Prozesse und Hintergründe?
Nach einer Betrachtung zum Umgang der Griechen mit Rache und Vergeltung folgt daher eine ausführliche Analyse der Tragödie, die besonderes Augenmerk auf die Merkmale der Rache Medea legt und diese von verschiedenen Blickwinkeln her untersucht. Neben den verschiedenen Ursachen und Konsequenzen dieses Vergeltungsakts wird näher auf die Besonderheiten des Kindermords, die heldenhaften Züge Medeas und die sich daraus ergebende innere Zerrissenheit der Mutter eingegangen und die Rolle des Chors näher betrachtet. Abschließend sollen die Ergebnisse in den zeitgenössischen Kontext eingeordnet werden, um die
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literarische Darstellung der Rache auf ihre gesellschaftliche Bedeutung zu überprüfen.
Wissenschaftliche Arbeiten zu diesem Themenkomplex gibt es auf den ersten Blick genügend; vor allem im Hinblick auf die Analyse der Tragödie wird man geradezu von Forschungsergebnissen überhäuft. Dennoch wird der genauere Blick auf die Rache von vielen Verfassern vernachlässigt und nur selten finden sich in den meist philologisch geprägten Arbeiten Verweise auf zeitgeschichtliche Umstände und Vorgänge. Für die Analyse des Bühnenstückes erwies sich in diesem Zusammenhang die Betrachtung der „Frauenrollen bei Euripides“ von Ruth Harder 1 als sehr nützlich, da hier die verschiedenen Aspekte der Rache Medeas am Deutlichsten zum Vorschein kommen. Im Hinblick auf den Chor und dessen Funktion ist die Arbeit von Jan-Wilhelm Beck 2 hervorzuheben. Diese Untersuchung geht außerdem auf die historischen Zusammenhänge der Tragödie ein und unterstützt so die Dissertation der Geschwister Schinzel 3 , die ausgiebig auf die zeitgeschichtlichen Rahmenbedingungen Rücksicht nimmt. Beschäftigt man sich mit dem Komplex der Rache im antiken Griechenland, kommt man nicht um den Aufsatz Hans-Joachim Gehrkes 4 herum, da die Untersuchung aus den achtziger Jahren nach wie vor grundlegend für diese Thematik ist.
II. Die Rache bei den Griechen
Um die gesellschaftliche Bedeutung der Rache im antiken Griechenland beurteilen zu können, soll im Folgenden der Umgang mit Rache und Vergeltung dargestellt werden. Dabei soll es nicht darum gehen, einzelne Schicksale oder Ereignisse darzustellen, sondern vielmehr allgemeine Wertvorstellungen und Mentalitäten im Umgang mit Rache und Vergeltung herauszufiltern, um diese später auf Aspekte der Medea anwenden zu können.
Dass der Komplex der Rache ein bedeutender Bestandteil der griechischen Lebenswelt ausmachte, wird besonders in literarischen Quellen sichtbar. Angefangen von mythischen Überlieferungen, homerischen Epen bis hin zum attischen Theater;
1 Harder, Ruth: Die Frauenrollen bei Euripides. Untersuchungen zu "Alkestis", "Medeia", "Hekabe", "Erechtheus", "Elektra", "Troades" und "Iphigeneia in Aulis", Stuttgart 1993.
2 Beck, Jan-Wilhelm: Medeas Chor: Euripides' politische Lösung, Göttingen 2002.
3 Schinzel, Andreas und Christine: Zur Rolle der Frau in der attischen Tragödie, Köln 2000.
4 Gehrke, Hans-Joachim: Die Griechen und die Rache. Ein Versuch in historischer Psychologie, in: Saeculum 38 (1987), 121-149.
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die „eigenmächtige Vergeltung von Erlittenem“ 5 scheint vor niemandem Halt zu machen: Rächende Götter, rächende Helden, ja sogar rächende Mütter sind an der Tagesordnung und versuchen mit Hilfe ihrer Vergeltungstaten gerechten Ausgleich herzustellen. Sei es Hera, die sich wieder einmal an ihren Nebenbuhlerinnen rächt oder Achill, der seinen treuen Gefährten Patroklos über den Tod hinaus mit grausamster Leichenschändung vergeltet, für alle scheint dieser Weg gerechtfertigt, um erlittenes Unrecht zu kompensieren. Zusammen mit Gerichtsakten und Überlieferungen aus philosophischen und historischen Schriften lassen sich folgende Aspekte von Rache erfassen:
Das Recht auf Rache - Der enge Zusammenhang von Rache und Recht beruhte auf der Vorstellung, Unrecht durch Vergeltungstaten auszugleichen und so Gerechtigkeit herzustellen; eine Tradition, die aus einer Zeit herrührte, in der es noch keine Trennung zwischen Rache und Recht gab. Blutrache wurde als Rechtsanspruch aufgefasst, gerecht handeln bedeutete, nach dem Talionsprinzip 6 Gleiches mit Gleichem zu vergelten, was jedoch nicht immer eingehalten wurde. 7 Die Pflicht zur Rache - Nicht nur der Anspruch, sondern auch die Verpflichtung, sowohl bei Verstößen gegen „göttliche Pflichten“ als auch gegen Unrechtstaten an Verwandten Rache auszuüben, gehörte zum Normenkodex der Griechen. Die sich hieraus ergebende Vererbung von Rache und deren „Unversöhnlichkeit“ führte nicht selten zu einer Kette von Vergeltungstaten, die sich nur schwerlich durchbrechen ließ. Man war nicht nur dazu verpflichtet, seine Angehörigen zu rächen, sondern darüber hinaus auch für seine Freunde einzutreten. Diese „Racheloyalität“ bildete einen festen Bestandteil der Freund-Feind Beziehungen. 8 Die Erwiderungsmoral - Die Rache wurde als ein Akt der Gegenseitigkeit verstanden; nach dem Grundsatz „Du sollst dem Freund nach Kräften nutzen und dem Feind nach Kräften schaden“ wurden Freundschaft und Feindschaft einer „positiv-negativen Vergeltungsethik“ unterworfen, die ein Individuum in seinen Handlungen stark verpflichtete. Dieses Freund-Feind Denken besaß in der Regel eine Art kompetitive Seite, die dazu anspornte, sich in seinen Leistungen für den Freund, aber eben auch für den Feind zu übertreffen. So wurde oftmals nicht
5 Burckhardt, Jacob: Griechische Kulturgeschichte, München 1977, Bd. 2, S. 322.
6 Talion (lat. talio, “Wiedervergeltung durch Gleiches”) ist die Bemessung der Sanktion am dem Opfer zugefügten Übel. Es handelt sich um eine Rechtsfigur, nach der zwischen dem Schaden, der einem Opfer zugefügt wurde, und dem Schaden, der dem Täter zugefügt werden soll, ein Gleichgewicht angestrebt wird, siehe hierzu: Hengstl, Joachim: Talion, in: DNP 11, 2001, Sp. 1231f.
7 Vgl. Gehrke: Die Griechen und die Rache, S. 129f.
8 Vgl. ebd., S. 131.
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Gleiches mit Gleichem vergolten, sondern über das Erlittene hinausgegangen. Überschießende Rache war besonders in Krisenzeiten zu bemerken, was die Gemeinschaft nicht unerheblich belasten konnte. Die Gleichheit des Vergeltungsanspruchs, die symmetrische Rache, war somit „nur ideel, nicht faktisch gewahrt“ und führte in der Praxis oft zur asymmetrischen und agonalen Rache, um Unrecht zu vergelten. 9
Allgemein ist die Rache „Antwort auf eine wie auch immer geartete Beschädigung“, die den Schädiger unvermeidlich zum Feind macht. Der zugefügte Schaden kann erlittenes Unrecht durch eine kriminelle Handlung oder ein Verbrechen sein, aber durchaus auch durch eine Anzeige oder eine Aussage vor Gericht hervorgerufen werden. Das begangene Unrecht musste somit nicht unbedingt ein kriminelles Vergehen im strafrechtlichen Sinne sein, sondern auch nur subjektiv als Kränkung oder Verletzung empfunden werden. Denn Rache war nicht nur eine „Antwort auf Verlust durch Unrecht“, sondern auch und gerade auf den „Verlust an Ehre“. Nicht der Schaden selbst, sondern vielmehr der Ehrverlust war treibendes Motiv. Rache wurde folglich ausgeübt, wenn durch ein Unrecht oder ein Verbrechen die Ehre verletzt wurde. Der Akt der Kränkung rief Emotionen wie Zorn und Wut hervor, die nur durch Rache zu überwinden waren. Durch sie konnte die Ehre, sei es die eigene oder die von anderen, wiederhergestellt werden. Rache galt daher als „Zeichen von Tapferkeit und Männlichkeit“, als ehrenwerte Handlung, ihr Verzicht brachte Schande mit sich, Spott und Hohn waren die Folge - kein unbedeutender Aspekt in einer Gesellschaft, in der die soziale Stellung fast ausschließlich auf Ruhm und Ehre aufbaute. Unrecht und Kränkungen wurden somit als Ehrbeleidigung aufgefasst und riefen die Reaktion hervor, durch Rache einen Ausgleich für das Leiden und die Wiederherstellung der Ehre zu bewirken. 10
Die zunehmende Verschriftlichung und Institutionalisierung des Rechts seit dem 7. Jh. v. Chr. bewirkte jedoch eine wachsende Reglementierung der Rache, sowohl in der Begrenzung als auch der Formalisierung der Racheausübung. Der Rechtsweg, der Prozess, sollte nun als legitimer Weg eingeschlagen werden, um Selbsthilfe einzudämmen und private Forderungen nach Genugtuung an staatliche Instanzen zu verweisen. Das Rachebedürfnis sollte demnach dem Staatsinteresse der polis untergeordnet und Rache nur noch mittelbar ausgeübt werden. Entscheidend ist
9 Vgl. ebd., S. 131ff.
10 Vgl. Gehrke: Die Griechen und die Rache, S. 133ff. und ders.: Rache, in: DNP 10, 2001, Sp. 745-
747.
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Quote paper:
Jochen Engelhorn, 2008, "Medea und die Rache", Munich, GRIN Publishing GmbH
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