1. Einleitung
Das Thema Bildung ist besonders nach den Veröffentlichungen der Pisa Studie im Jahre 2000 populär geworden. Seitdem verstärkt sich die Debatte vor allem im Bezug auf die Frühförderung von Kindern vor Schulbeginn. Mitunter wird ein besonderes Augenmerk auf den Bereich der Sprachförderung gerichtet. Dieser Fokus soll vor allem Migranten und Kindern aus bildungsfernen Milieus dazu befähigen, bessere schulische Leistungen zu erbringen: „Gute Deutschkenntnisse sind nun einmal unersetzlich für den Schul- und damit für den Lernerfolg“ (Köhler 2006: 6). Im Zuge dieser Überlegungen schossen Programme zur Sprachförderung, wie z.B. das Projekt „Sprachförderung in Kindertagesstätten und Grundschulen - ein integrierendes Fortbildungskonzept“ des Niedersächsischen Kultusministeriums, ebenso aus dem Boden wie Evaluationskonzepte, z.B. das Programm SEIS der Bertelsmann Stiftung, mit deren Hilfe Lernerfolge in unterschiedlichen Bereichen für deutsche Schulen messbar gemacht werden sollen.
Während meines halbjährigen Praktikums in einer Vorschulklasse kam ich mit dem Würzburger Trainingsprogramm, das auf den Erwerb der Schriftsprache zielt, in praktischen Kontakt. Aus diesem Grund wird sich die vorliegende Arbeit der Frage nach dem theoretischen Konzept des Programms und der Kritik an ihm beschäftigen. Um sich der Fragestellung anzunähren, wird erst einmal auf die kindliche Sprachentwicklung eingegangen. Es folgt die Darstellung des Schriftspracherwerbs, und zwar - stellvertretend für die Vielzahl vorhandener Entwicklungsmodelle - mit dem Stufenmodell von Klaus B.Günther. Im Hauptteil geht es um die Vorstellung des Würzburger Trainingsprogramms sowie dessen kritische Beleuchtung. Den Abschluss bildet ein Fazit.
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2. Sprachentwicklung
Die Voraussetzungen eines erfolgreichen Spracherwerbs gliedern sich in vier verschiedene Bereiche: N biologischen Voraussetzungen N sensomotorischen Voraussetzungen N kognitive Voraussetzungen N sozialemotionale und interaktive Voraussetzungen I. Aus biologischer Sicht ist die Hirnreifung die zentrale Voraussetzung für den
II. Zu den sensomotorischen Voraussetzungen gehört neben der Wahrnehmung mit
III. Der Spracherwerb und die kognitive Entwicklung stehen in wechselseitiger
IV. Sozialemotional gesehen ist Kontakt zu anderen Menschen ein wichtiger
Die Sprachentwicklung beginnt nicht mit dem ersten Wort des Kindes. Sie fängt schon im Mutterleib mit der Wahrnehmung der Stimme der Mutter, mit dem ersten Schrei oder den Reaktionen des Säuglings auf Ansprache an.
Der erste Schrei entsteht durch die Umstellung des Organismus auf eigene Sauerstoffaufnahme. Aber bereits wenig später bekommen die Schreie Bedeutung. Das Kind kann so seine Bedürfnisse äußern. Da Mutter oder Vater regelmäßig darauf reagieren, verbindet das Kind seine Schreie mit der Hilfeleistung. Somit teilt das Kind seiner Umwelt Bedürfnisse mit, bevor es sprechen kann.
Ab dem zweiten Monat finden erste Vokalisationen statt. Das Kind beginnt zu lallen. „Lallwörter sind durchaus sinnvoll - es handelt sich nicht um eine verzärtelnde Babysprache, da sie es dem Kind ermöglichen, die Nennfunktion zu üben, bevor es noch in der Lage ist, schwierige Wörter zu artikulieren“ (Schenk-Danzinger 1991: 133). Zu Beginn treten Vokale, dann Konsonanten auf. Den Zeitraum von der ersten Vokalisation bis zum ersten Wort nennt man vorsprachliche Phase. Bis zum zehnten Monat befindet sich das Kind in dem Abschnitt des nachahmenden Lallens. Es antwortet lallend, fordert aber auch lallend zum Kontakt auf. Abgelöst wird die vorsprachliche Phase von den Einwortsätzen, die je nach Mimik, Gestik oder Betonung Fragen oder Bitten sein können, und später den Zweiwortsätzen. Auf der Sprachstufe der Mehrwortsätze benutzt das Kind einfache Satzkonstruktionen. Anfangs überwiegen wichtige Inhaltswörter. Nach und nach kommen aber Präpositionen und Artikel hinzu. „Ein Kind findet beim Sprechen durch endloses Versuch- und Irrtum-Lernen heraus, wie ein Satz gebaut werden muß“ (Rita Kohnstamm 1990: 177). Im Alter von drei bis vier Jahren hat das Kind die elementaren Grundstrukturen seiner Muttersprache erlernt. Es spricht vollständige Sätze und benutzt Mehrzahlbildungen sowie Vergangenheitsformen. Abgeschlossen ist der Spracherwerb in den Grundzügen bis etwa im Alter von sechs Jahren. Bei der Sprachentwicklung unterscheidet man den phonetischen, semantischen, syntaktischen und den morphologischen Aspekt.
Die phonetische Entwicklung umfasst die Laute, die das Kind bilden kann. „ Zwischen dem 10. und dem 14. Lebensmonat mündet die phonologische Entwicklung in die Produktion der ersten Wörter ein“ (Oerter/Montada 2002: 525). Die Semantik meint die Bedeutung des Gesagten, und die syntaktische Entwicklung bezieht sich auf den Satzbau. Bei dem morphologischen Aspekt geht es um das Konjugieren der Verben und Deklinieren der Substantive (vgl. Kohnstamm 1990: 175).
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3. Schriftspracherwerb
Unter Schriftspracherwerb versteht man den Erwerb von Lese- und Schreibfähigkeiten. Da die Schriftsprache auf die Lautsprache aufbaut, ist eine gute Lautsprache Bedingung für den Schriftspracherwerb. Im Gegensatz zur Sprachentwicklung haben die Kinder unterschiedliche Lernvoraussetzungen und Erfahrungen. Selbst wenn die kognitiven Bedingungen gegeben sind, vollzieht sich der Schriftspracherwerb nicht immer erfolgreich. Faktoren wie Selbstvertrauen, Freude am Lernen, Konzentrationsfähigkeit oder auch Motivation können positiv oder negativ beeinflussen. (vgl. Sander/Spanier 2006: 5) Durch verschiedene Verfahren, wie beispielsweise das Bielefelder Screening, können sogenannte „Risikokinder“ bereits vor Schulbeginn ermittelt werden. Anhand von Vorläufermerkmalen lässt sich der Erfolg beim Schriftspracherwerb einschätzen. Im Einzelnen sind das:
N spezifische vorschulische visuelle Fertigkeiten N Gedächtnisfertigkeiten N Intelligenz N sprachliche Fertigkeiten N phonologische Informationsverarbeitung I. Spezifische vorschulische visuelle Fertigkeiten bilden, nach Küspert und
II. Gedächtnisfertigkeiten sind zuverlässige Merkmale, da „beim Lesen- und
III. Die Intelligenz trägt zwar zum Erfolg beim Lesen- und Schreibenlernen bei, aber ein hoher IQ liefert keine Garantie für einen reibungslosen Verlauf. IV. Ein zuverlässiges Vorhersagemerkmal stellt die allgemeine sprachliche
V. Unter dem Begriff phonologische Informationsverarbeitung werden drei
„Eine Reihe neuerer Ergebnisse aus der Schriftspracherwerbs- und Störungsforschung lassen die bislang quasi selbstverständlich vertretene Auffassung obsolet erscheinen, dass Lesenlernen ein geschlossener, ungegliederter und zeitlich begrenzter Vorgang ist“ (Günther 1995: 98).
Exemplarisch für zahlreiche andere Entwicklungsmodelle wird das Stufenmodell der Entwicklung kindlicher Lese- und Schreibstrategien von Günther vorgestellt, „das sich als Weiterentwicklung und Spezifizierung eines im Englischen etablierten und empirisch gut überprüften Modells von Frith (1986) versteht“ (Küspert/Schneider 2003: 10). Es zeigt auf, wie sich die Lese- und die Schreibkompetenz in enger Verbindung miteinander entwickeln, auch wenn ein Kind sich in einem der beiden Bereiche auf einer höheren Stufe befindet. „So ist es möglich, daß ein Kind schon einfache Wörter gemäß der alphabetischen Strategie analysiert und Buchstabe für Buchstabe niederschreibt, während es diese Strategie noch nicht auf das Lesen anwenden kann und nur wenige Wörter anhand visueller Details des Schriftbildes er-liest“ (Küspert/Schneider 2003: 10).
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3.1 Stufenmodell
Quelle: Günther, Klaus B. (1995): „Ein Stufenmodell der Entwicklung kindlicher Lese- und Schreibstrategien“ in Balhorn, Heiko/Brügelmann, Hans (Hrsg.): Rätsel des Schriftspracherwerbs. Konstanz.
Nach Klaus B. Günther (1995) ist der Schriftspracherwerb ein fünfstufiger Prozess, der jeweils in zwei Phasen, dem Lesen (Rezeption) und dem Schreiben (Produktion), unterteilt ist. Er führt von der präliterarisch-symbolischen Phase, der Phase null, bis hin zur vierten Phase, der integrativ-automatisierten Phase. „In jeder dieser Phasen wird alternierend zwischen den beiden Modalitäten eine neue Strategie angewandt, die den Erwerbsprozeß einem höheren Niveau zuführt“ (Günther 1995: 100). Die vorherige Strategie wird in der jeweils anderen Modalität, also dem Lesen oder dem Schreiben, bis zum Erlangen der folgenden Phase aufrechterhalten (vgl. Günther 1995: 100). „Dieses Modell verdeutlicht, daß sich die Fertigkeiten im Lesen und Rechtschreiben in enger Verschränkung entwickeln, wenngleich sich ein Kind in einem der beiden Fertigkeitsbereiche durchaus schon auf einer höheren Stufe befinden kann, während es im jeweils anderen Bereich noch auf der vorangehenden Stufe verweilt“ (Küspert/Schneider 2003: 10). Phase 0) Präliterarisch-symbolische Phase
Zur präliterarisch-symbolischen Phase zählt K.B. Günther Bilderbetrachtungen, komplexe Nachahmung und grafisches Gestalten bei Kindern, die wesentliche Vorbedingungen für das Lesen- und Schreibenlernen sind (vgl. Küspert/Schneider 2003: 10).
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Arbeit zitieren:
Anne Peter, 2006, Sprachförderung am Beispiel des „Würzburger Trainingsprogramm zur Vorbereitung auf den Erwerb der Schriftsprache“, München, GRIN Verlag GmbH
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