1. Einleitung
Nathan der Weise, das letzte Werk von Gotthold Ephraim Lessing, ist ein von vielen Forschern besprochenes Stück. Im Vordergrund steht hierbei zumeist die Ringparabel, die übereinstimmend als Aufforderung zur Toleranz zwischen den Religionen gedeutet wird.. Ich möchte in meiner Arbeit den Fokus auf eine andere Szene legen, die in ihrer ungewöhnlichen Anlegung den Rahmen für vielfältige Deutungen bietet: die Schachszene im zweiten Aufzug. Dem Schachspiel zwischen dem König Saladin und seiner Schwester Sittah ist auffallend viel Raum gegeben. Das wirft die Frage nach dem Grund für diese Konzeption auf. Die Vermutung, dass Lessing seiner Spielleidenschaft ein literarisches Denkmal setzen wollte 1 ist sicherlich ein erster Ansatz, doch wird man mit dieser Überlegung der außergewöhnlichen Szene wahrscheinlich noch nicht gerecht.
Im Folgenden möchte ich daher - nach einer inhaltichen Analyse der Schachspielszene - verschiedene Deutungsansätze vorstellen und diskutieren.
Da Lessing Nathan der Weise in Jerusalem zur Zeit der Kreuzzüge spielen lässt, halte ich es für sinnvoll, zu Beginn kurz den Ablauf zu skizzieren, wie das Schachspiel den Weg aus dem Orient zu uns nach Europa fand. Im Anschluss daran soll Lessings eigenes Verhältnis zum „Spiel der Könige“ beschrieben werden und zur Schachszene des Nathan überleiten.
1 vgl. Petzold, J: Das Schachspiel als Toleranzsymbbol in Lessings „Nathan der Weise“, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte Nr. 47, Leiden 1995, S. 37
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2. Weg des Schachspiels nach Europa
Die Forschung ist sich nicht ganz einig, in welchem Land das Schachspiel seinen Ursprung hat. Der überwiegende Teil der Wissenschaftler spricht sich für Indien aus; es gibt jedoch auch Forscher die die These vertreten, dass das Spiel in China erfunden worden sei. 2
Wo auch immer es seinen originären Ursprung hat: mit Sicherheit ist es von Indien aus in den Orient gelangt. „[...] die Übernahme des indischen Schachs durch die Perser wird sowohl von den alten persischen und arabischen Quellen als auch von allen namhaften früheren und heutigen Iranisten und Indologen unzweifelhaft angesehen.“ 3 Das Schach gelangte vermutlich auf mehreren Wegen nach Europa: zum einen über Spanien durch die Kämpfe zwischen Arabern und Franken in Nordspanien und Südfrankreich im 8. Jahrhundert; zum anderen ist auch der Weg über Italien wahrscheinlich, da Sizilien und Süditalien Mitte des 9. Jahrhunderts von den Arabern unterworfen wurden. 4 Wesentlich zur Verbreitung des Schach beigetragen haben dürften aber in erster Linie die Kreuzzüge, während derer die Ritter das Spiel in Palästina kennengelernt und anschließend mit in die Heimat gebracht haben. 5 „Schon um die Wende zum 12. Jahrhundert war das Schachspiel in Europa so weit verbreitet, dass seine Beherrschung ausdrücklich zu den Rittertugenden gezählt wurde“ 6
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war die Schachgeschichtsforschung noch nicht so weit fortgeschritten, den Ursprung in Indien anzusiedeln, denn so ist im 1732 erschienen Zedler-Universallexikon zu lesen: „[...] ist eines der edelsten und nachdenklichsten Spiele, so die Persianer erfunden haben
2 vgl. Petzold, J.: Das Königliche Spiel. Die Kulturgeschichte des Schach, Leipzig 1987, S. 18
3 Syed, R.: Kanauj, die Maukharis und das Caturanga. Der Ursprung des Schachspiels und sein Weg von Indien nach Persien, Kelkheim/Ts. 2001, S. 62
4 vgl. Petzold (s. Anm.2). S. 70
5 ebd.
6 ebd., S. 95
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sollen.“ 7 In den folgenden Jahrzehnten muss diesbezüglich die Wissenschaft einen Fortschritt erzielt haben, denn in Adelungs „Grammatisch-kritischem Wörterbuch“ aus dem Jahre 1811 wurde notiert: „Dieses Spiel ist in ganz Asien gewöhnlich, und ist dem übereinstimmenden Zeugnisse aller Morgenländer zu Folge in ganz Indien [...]. Es ist ein Kriegsspiel, und bildet die alte indianische Art zu kriegen sehr deutlich ab.“ 8
3. Lessings Beziehung zum Schach
Im Folgenden soll Lessings Beziehung zum Schach herausgearbeitet werden. Die gewonnen Erkenntnisse sollen dann später- soweit möglichmit der Konzeption der Schachspielszene in Nathan der Weise in Beziehung gesetzt werden.
„Für den Ernst zu viel Spiel, für das Spiel zu viel Ernst“, diese Aussage wird Lessing zugeschrieben. 9 Isoliert gesehen scheint die Äußerung eher eine negative Einstellung zum Spiel zu bezeugen. Lessings Zeitgenossen jedoch rühmen ihn als einen guten Schachspieler, so auch bezeugt von seinem Stiefsohn Vicarius König. 10 Demnach zählten in Hamburg bevorzugt Klopstock und in Berlin Moses Mendelssohn zu seinen Schachgegnern. Und nach Aussage seiner Tochter Amalie stand ihm in Wolfenbüttel sein Hausarzt namens Topp als Spieler zur Verfügung. 11 Wo und wann er mit dem Spiel zum ersten Mal in Kontakt gekommen ist, ist nicht bekannt. Fehr vermutet, dass er es in der Fürstenschule zu St. Afra
7 Zedler, J.H. (Hrsg.): Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste, 1732, S. 674
8 Adelung, J.H. (Hrsg.): Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart, 1811, S. 1313
9 Maßmann, H. F.: Geschichte des mittelalterlichen, vorzugsweise des deutschen Schachspiels, Leipzig 1839, S. 10
10 vgl. Fehr, A.: Gotthold Ephraim Lessing, seine Beziehungen zum Schachspiel, in: Deutsche Schachzeitung Nr. 4, Leipzig 1881, S. 97
11 vgl. Petzold (s. Anm. 1), S. 37
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bei Meissen gelernt haben könnte, „da in den klösterlichen Erziehungsanstalten jener Zeit bekanntlich das Schach als das allein zu gestattende Unterhaltungsspiel gegolten hat.“ 12 Belegbar auf das Schachspiel thematisch aufmerksam geworden ist der junge Lessing, als er 1751 als 22jähriger das Werk „Examen de ingenios para las ciencias“ von Juan Huarte aus dem Spanischen übersetzt hat. Huarte legt in seiner Abhandlung dar, in wie weit sich bestimmte menschliche Charaktere für die verschiedenen Wissenschaften eignen. Demnach könne man aus dem Schachspiel die Einbildungskraft eines Menschen am besten erkennen. 13
Während seiner Tätigkeit als Bibliothekar in Wolfenbüttel verwaltete er die umfangreiche Schachliteratur des Gründers Herzog August dem Jüngeren von Braunschweig-Lüneburg, ergänzte diese Aufzeichnungen und war auch im Besitz von eigenen Schachbüchern. 14
Nicht weit von dort entfernt befindet sich das Dorf Ströbeck, bekannt durch die von seinen Bauern seit Jahrhunderten gepflegte Schachspielkunst. Während Lessing in Wolfenbüttel an Nathan der Weise schrieb, erregte ein sogenannter „Schachautomat“ des ungarischen Barons von Kempelen europaweit großes Aufsehen. 15
12 s. Fehr a.a.O., S. 98
13 Huart, J.: Prüfung der Köpfe zu den Wissenschaften, übers. v. G. E. Lessing, Zerbst 1952, S. 147
14 vgl. Petzold (s. Anm. 1), S. 42
15 ebd., S. 45
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4. Analyse der Schachszene
Im II. Aufzug, 1. Auftritt sitzen Saladin und Sittah beim gemeinsamen Schachspiel, Szene ist der Palast des Saladin. Es folgt eine Diskussion über die sich entwickelnden Züge und Strategien des Spiels, die sich über beinahe die Hälfte der Szene ausdehnt. 16
Direkt zu Beginn erfährt der Leser, dass Saladin nicht auf das Spiel konzentriert ist, denn Sittah fragt: „Wo bist Du Saladin? Wie spielst du heut?“ 17 Die Tatsache, dass Saladin eigentlich ein guter Spieler ist, ist den folgenden Äußerungen Sittahs zu entnehmen, die von ihm ausgeführten Züge beweisen für diesen Moment jedoch das Gegenteil. 18 Im Folgenden macht sie ihn auf Fehler aufmerksam und schlägt taktisch günstige Züge für seine Figuren vor. Er geht zunächst auf diese Ratschläge ein, um diese im weiteren Verlauf jedoch nicht mehr anzunehmen. Graeber vermutet in seinem Ende des 19. Jahrhunderts erschienen Aufsatz, dass Saladin lieber die Folgen seines Fehlzuges auf sich nehmen, als mit großmütiger Schonung behandelt werden wolle. „Dadurch entsteht eine Wetteifer zwischen den Geschwistern, wer den andern an Großmut überbietet.“ 19
Kuno Fischer hingegen deutet das Geschehen anders. Zwar hält auch er Saladin für zerstreut, vermutet aber hinter seinen unbedachten Zügen die Absicht, Sittah gewinnen zu lassen: „[...] ihr jeden Vorteil lassend, halb aus Zerstreuung, halb aus Gefallen, von ihr besiegt zu werden, aus dem Wunsch, an sie zu verlieren.“ 20
In diesem Wunsch zu verlieren sieht er eine Parallele zu Saladins Freigebigkeit, die für die desolate Haushaltssituation verantwortlich ist.
16 vgl. Suesse-Fiedler, S.: Lessings „Nathan der Weise“ und sein Leser: Eine wirkungsästhetische Studie, Stuttgart 1980, S. 148
17 Lessing, G. E.: Nathan der Weise, S. 36
18 vgl. Graeber, Fr.: Über die Schachszene in Lessings Nathan, in: Zeitschrift für den deutschen Unterricht, Leipzig 1889, S. 70
19 ebd.
20 G. E.: Nathan der Weise; ein dramatisches Gesicht in 5 Aufzügen. Mit einer Abhandlung von Kuno Fischer, Oberursel 1947, S. 213
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Da Sittah jedoch schon mehrere Male ihren Bruder besiegt hat und somit nicht auf seine „Großzügigkeit“ angewiesen ist, erscheint Fischers Einschätzung an dieser Stelle nicht ganz zutreffend.
Den Höhepunkt erreicht die verbale und spielerische Auseinandersetzung mit: 21 „Schach! - Schach! [...] Schach! und Schach! und Schach!- und matt!“ (II, 1, 833-836)
5. Werkimmanente Funktion
Fragt man nach der Funktion des Schachspiels, so ist es auch naheliegend, die Bedeutung der Szene für das Drama zu betrachten. Wird durch sie das weitere Geschehen beeinflusst? Oder wäre sie sogar entbehrlich gewesen? Diesen Fragen soll im Weiteren nachgegangen werden.
5.1. Einführung von Saladin und Sittah
Im 2. Aufzug werden Saladin und Sittah schachspielend im Palast gezeigt. Der Sultan ist aus dem vorherigen Aufzug schon von mehreren Personen erwähnt worden: „Ihn kennt er (der Leser - A.H.) bereits, wenn auch nur indirekt und höchst unvollkommen, als strengen Herrscher durch die im Zusammenhang mit der (überraschenden) Begnadigung des Tempelherrn gemachten Äußerungen verschiedener Personen und als gleichzeitig mildtätigen und ausbeuterischen Landesherrn durch Al-Hafis kritische Charakterisierung.“ 22
Nun wird er in privater, familiärer Situation gezeigt. Der zuvor widersprüchlich und rücksichtslos wirkende Herrscher erscheint im fortschreitenden Dialog über die Schachzüge - und anschließend seiner Sorgen - in anderem Licht. Seine mangelnde Konzentration auf das Spiel
21 Batley, E.M: Ambivilence and Anachronism in Lessing´s Use of Chess Terminologie, in: Lessing Yearbook [Vol. 5], 1973, S. 72 (Batley zieht bzgl. der Konzeption Vergleiche zur Schachszene in der Fortsetzung von „Tristan und Isolde“ durch Heinrich v. Freiberg)
22 Suesse-Fiedler, a.a.O., S. 149
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und sein herzliches Verhältnis zur seiner Schwester lassen die „menschliche“ Seite hinter der Herrscherfassade sichtbar werden. Sittah erscheint durch ihre Überlegenheit im Spiel und ihre spitzfindigen Bemerkungen als intelligent und wortgewandt: 23 „Ich seh´nun schon: ich soll heut meine tausend Dinar´, kein Naserinchen mehr gewinnen. [...] Weil du mit Fleiß, mit allen Gewalt verlieren willst. -Doch dabei find´ich meine Rechnung nicht. [...] gewann ich immer nicht am meisten, wenn ich verlor?“(II/1, 806-811)
Die intime Situation während des Schachspiels bot Lessing eine gute Möglichkeit, die Figuren von Saladin und Sittah frei von ideologischen oder politischen Positionen einzuführen und damit „den Leser für die Meinungen, die beiden im weiteren Verlauf der Szenen und des Dramas überhaupt äußern, aufnahmebereit zu machen“ 24 Denn sind die Protagonisten auf persönlicher Ebene sympathisch, so ist der Rezipient eher geneigt, die später vertretenen Argumente und Positionen anzuerkennen.
Damit würde der bewusste Einsatz dieser Szene zu Beginn des 2. Aufzuges den Versuch bedeuten, die Einstellung des Lesers zu steuern. Lessing konnte bei der Verfassung des Dramas davon ausgehen, dass es wegen der grundlegenden Religionsthematik im Kreuzfeuer der Kritik stehen würde. Vielleicht wollte er auf diesem Wege die Akzeptanz der Leserschaft erhöhen.
Ist diese Einschätzung zutreffend, so würde der Einsatz des Schachspiels an dieser Stelle weit über die werkimmanente Funktion - die Einführung der Personen Saladins und Sittahs, sowie deren Charaktere - hinausgehen.
5.2. Vorbereitung der Hauptszene
Graeber unterscheidet in seinem Aufsatz zwischen Haupthandlung und Episode: Mit Haupthandlung ist der Auftritt Nathans vor Saladin gemeint, als Episode bezeichnet er den daran anschließenden Verlauf des Dramas mit
23 ebd.
24 ebd.
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dem Tempelherrn als Hauptperson. Da Lessing diese Einteilung selbst so vorgenommen haben soll 25 (in einem Brief an seinen Bruder Karl vom 11. August 1778), wird sie hier übernommen.
Die Ringparabel als Haupthandlung zu bezeichnen ist auch in so fern sinnvoll, da Lessing das Drama um den aus Boaccacios „Decamerone“ entnommenen Erzählstoff gelegt hat und sie somit als die „Essenz“ des Stückes gilt.
Die drückende Geldnot Saladins wird bereits im 1. Aufzug von Al Hafi im Gespräch mit Nathan thematisiert: „Denn sein Schatz ist jeden Tag mit Sonnenuntergang viel leerer noch, als leer“ (I/2, 411-413) In der Schachszene wird die Geldthematik wieder aufgegriffen und führt schließlich dazu, dass Nathan in den Palast bestellt wird um von ihm Geld zu leihen; die Haupthandlung kann sich anschließen. Somit hätte das Schachspiel im weiteren Sinn auch die Funktion, den Weg für die entschiedene Begegnung von Saladin und Nathan zu bereiten.
6. Symbolische Bedeutung
Wie zuvor in Kapitel 2 angesprochen, war das Schachspiel bereits im 12. Jahrhundert weit verbreitet. Schon zu damaligen Zeit fand das Spiel auch Eingang in die Literatur. Ein frühes Zeugnis aus der Ritterdichtung stammt aus dem altfranzösischen Rolandslied: „[...] beim Schach sitzen die ältesten und die weisen [...]“ 26 ; ein anderes Beispiel entstammt dem ersten deutschen, zwischen 1030-1050 in lateinischer Sprache verfassten Roman „Ruodlieb“. In ihm wird berichtet, wie sich ein Jäger der Aufforderung eines Königs zum Schachspiel mit den Worten: „Gefährlich ist für den kleinen Mann mit einem König zu spielen“ zu entziehen versucht. 27 Die ambivalente Äußerung zeigt, dass schon hier das Schachspiel als Metapher für das menschliche Leben eingesetzt wurde.
25 vgl. Graeber, a.a.O., S. 72
26 zitiert nach Petzold, (s. Anm. 2), S. 96
27 ebd.
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Petzold bemerkt hierzu, dass der Einsatz von Schachszenen in die Literatur zu einem Standardmotiv wurde, das sich als Traditionslinie von Shakespeare, Goethe bis zu Brecht erhalten habe. „Die Könige der Dichtkunst wollten in ihren Werken das königliche Spiel nicht missen und benutzen es oftmals als Gleichnis.“ 28
Auch Lessing scheint mit der Verwendung der Schachszene in dieser Tradition zu stehen, wie die anschließende Betrachtung zeigen möchte.
6.1. Metapher für die politische Situation
Die wohl naheliegendste Vermutung für die Szenengestaltung rund um das Schachspiel ist, die bedrängte Lage von Saladins Spielfiguren auf dem Schachbrett als Symbol für die prekäre Situation des Herrschers, sowohl im Hinblick auf seine Finanzen, als auch auf den bevorstehenden Krieg zu deuten.
„So wie er im Laufe des Spiels sich von allen Seiten angegriffen sieht [...] so ergeht es ihm auch im Leben.“ 29 In der Tat ist Saladin in großer finanzieller Not: seine Geldvorräte sind erschöpft, lang erwartete Gelder aus Ägypten sind noch nicht eingetroffen. Die politische Lage Saladins gestaltet sich wie folgt: Nicht nur die Privatkasse Saladins, sondern auch die Geldvorräte der Staatskasse unter Leitung des Vaters im Libanon sind fast verbraucht: somit fehlt auch das Geld für die Finanzierung des unmittelbar bevorstehenden Krieges: Der mit den Christen abgeschlossene Waffenstillstand neigt sich dem Ende; eine Doppelheirat zur Sicherung des Friedens ist nicht mehr möglich, da die Tempelherren die Kämpfe um die Stadt Acca bereits wieder aufgenommen haben.
Direkt im Anschluss an die scheinbar auswegslose Situation für Saladins Spielfiguren auf dem Schachbrett ergibt sich durch das Gespräch zwischen den Geschwistern ein Blick auf die Lage Saladins. Somit könnte durchaus
28 ebd., S. 106
29 Graeber, a.a.O., S. 71
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mit der Schachfigur des Königs die augenblickliche Position des „tatsächlichen“ Königs (des Sultans) verbildlicht sein.
Verweisen möchte in an dieser Stelle auf den Aufsatz von Batley, der sich eingehend mit Lessings Schachterminologie und den einzelnen Spielfiguren beschäftigt.
6.2. Das Schachspiel als Toleranzsymbol
Ist neben der Ringparabel ebenfalls die Schachszene als Aufruf zur Toleranz (zwischen Christen, Juden und Moslems) zu deuten? Und darüber hinaus zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlecht? Dieser Frage soll im folgenden nachgegangen werden.
6.2.1. Das Verhältnis der Religionen
Das Schachspiel wurde, wie bereits in Kapitel 2 ausgeführt, von den Kreuzzugsrittern aus dem Orient „exportiert“. Der (gebildete) Leser wird sich bei der Schilderung der Szene daran erinnern, dass das in Europa so beliebte Spiel aus dem Land der Muslime, der Andersdenkenden, übernommen wurde.
Den Hinweis auf Indien als Ursprungsland gibt es in I, 3, in dem Al Hafi als guter Schachspieler vorgestellt wird. Im Gespräch mit Nathan äußert er: „ [...] ich bin am Ganges, wo ich [...] Sand mit meinen Lehrern trete. [...] Und Schach mit ihnen spiele“ (450-453)
Indem das Spiel für einen Moment ganz allein im Mittelpunkt steht, wird dem Leser oder Zuschauer bewusst, dass auch die ihm so fremden Orientalen kultiviert leben; im Verlauf der folgenden Dialoge zwischen Sittah und Saladin, sowie Al-Hafi und Saladin gelingt es Lessing, das Menschliche im Islam vor Augen zu führen und - neben Nathan - als besser und einsichtiger als die Mitglieder der christlichen Religionsgemeinschaft darzustellen. 30
30 vgl. Petzold (s. Anm. 2), S. 53
-12-
Saladin verteidigt nicht blind die Gebote seiner Religion, zu der das Verbot von Abbildungen gehört. Aus diesem Grunde spielen er und Sittah mit Steinen: „wer gibt uns denn die glatten Steine beständig? Die an nichts erinnern, nichts bezeichnen. Hab ich mit dem Iman denn gespielt?“ (II, 1, 839-842)
Graeber vermutet durch diese Anlage eine Vorbereitung auf die spätere Reaktion Saladins auf die Ringparabel, da er die Lehre von der Verhältnismäßigkeit der Religionen ohne langes Zögern anzunehmen scheint.
6.2.2. Das Verhältnis der Geschlechter
Laut Petzold galt das Schachspiel im 18. Jahrhundert ausschließlich als Beschäftigung für Männer; er ist daher der Überzeugung, dass die gegen ihren Bruder schachspielende Sittah Verwunderung auf Seiten der Leser erzeugt hat. Zumal es Lessing nicht beim gemeinsamen Spiel beließ und Sittah über ihren Bruder triumphieren ließ. „So etwas kam bei Lessing nicht von ungefähr. Er hat in seinem gesamten literarischen Werk eine Lanze für den toleranten Umgang der Geschlechter gebrochen.“ 31 In den vorangegangenen Dramen „Miß Sarah Sampson“, „Emilia Galotti“ und „Minna von Barnhelm“ waren jeweils Frauen die Hauptpersonen und gaben den Werken auch ihren Namen.
Lessing könnte - da er eine Frau als Schachpartner für Saladin auswähltezum Ziel gehabt haben, bestehende Vorurteile bzgl. der Intellektualität von Frauen aufzubrechen und sie als durchaus selbstbewusste Individuen darzustellen.
6.3. Spekulationen bzgl. der Personengestaltung
Der sogenannte „Fragmentenstreit“ mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze führte zu dem vom Braunschweiger Herzog
31 Petzold (s. Anm.1), S. 47
-13-
ausgesprochenen Verbot, weitere Schriften gegen den Geistlichen zu publizieren.
Nichts lag näher, als Nathan der Weise als Fortsetzung dieser Auseinandersetzung mit anderen Mitteln zu deuten. Daran angeschlossen hat sich die Vermutung, dass Personen aus Lessings Umfeld - allen voran Goeze - als Charakterzeichnungen im Drama wiederzufinden sind. So entspricht seiner Natur der Jerusalemer Patriarch, von dem ebenfalls kein Einlenken, kein Gesinnungswandel zu erwarten war. Auch wenn die Figur des Patriarchen nicht in der Schachszene vorkommt, so sollte doch zur besseren Einsicht in die Verflechtung von Lessings Umgebung mit dem Drama der Vergleich gezogen werden. Für das behandelte Thema wesentlich interessanter ist sein langjähriger Freund Moses Mendelssohn, der die jüdische Tradition mit der Aufklärung verband 32 und dem Lessing als Schachpartner vermittelt wurde; aus dieser Begegnung entwickelte sich eine langjährige Freundschaft. „Mendelssohn sah die Anhänger der verschiedenen Religionen zuerst und vor allem als Menschen, so daß die Konfession am Ende nebensächlich wurde“, so charakterisiert ihn Petzold. So kann der um Toleranz werbende Nathan als Denkmal für den Freund - und damit als „Bild seines Charakters“ - angesehen werden, der dieselbe Spielleidenschaft mit dem Autor teilte.
32 ebd., S. 40
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Schlussbemerkung
Zu Beginn dieser Arbeit stand die Frage nach den Gründen für die Konzeption der Schachspielszene am Anfang des 2. Aufzuges. Viele mögliche Funktionen wurden herausgearbeitet. Auf der Dramenebene die Einführung der Personen Saladins und Sittahs ebenso wie die Vorbereitung der späteren Hauptszene. Überraschend war für mich an dieser Stelle die Einsicht, dass der Leser durch die private Situation der schachspielenden Geschwister positiv für sie eingenommen wird, und dass diese Wirkung eventuell auch gezielt von Lessing erreicht werden wollte. Damit führte die ursprüngliche Überlegung bzgl. der „werkimmanenten“ Funktion im Ansatz zu einer wirkungsästhetischen Analyse. Die symbolische Bedeutung des Schachspiels als Gleichnis für Saladins augenblickliche Situtation war die für mich im Vorfeld naheliegenste Interpretation dieser Szene. Die Erwartung, dass diesbezüglich noch weitere Erkenntnisse gewonnen werden könnten, hat sich jedoch nicht erfüllt. Der Ansatz von Petzold, die schachspielende Sittah als Lessings Aufforderung zur Gleichberechtigung unter den Geschlechtern zu deuten, war ebenfalls unerwartet, scheint aber durchaus im Bereich des Möglichen zu liegen.
Mit der Übersicht über Lessings Beziehung zum Schachspiel und die Verwendung ihm persönlich bekannter Charaktere im Stück wollte ich zeigen, wie stark sich seine eigene Spielleidenschaft und sein Verhältnis zu seinen Zeitgenossen - positiver wie auch negativer Art - im Nathan sichtbar werden.
Ob nun wirklich alle erläuterten Funktionsweisen der Szene von Lessing beabsichtigt waren, lässt sich wohl kaum abschließend beantworten. Sicherlich aber verändern sie den Blick auf den Beginn des 2. Aufzuges, dessen Komplexität auch für mich nicht sofort ersichtlich war.
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Literaturverzeichnis
Adelung, J.H. (Hrsg.): Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart, 1811
Batley, E.M.: Ambivalence and Anachronism in Lessing´s Use of Chess Terminology, in: Lessing Yearbook [Vol. V], 1973, S. 61-78
Fehr, A.: Gotthold Ephraim Lessing, seine Beziehungen zum Schachspiel, in: Deutsche Schachzeitung Nr. 4, 1881, S. 97-102
Graeber, F.: Über die Schachszene in Lessings Nathan, in: Zeitschrift für den deutschen Unterricht, 3. Jg., 1889, S. 68-73
Huarte, J.: Prüfung der Köpfe zu den Wissenschaften, übers. von G. E. Lessing, Nachdruck der Ausgabe Zerbst 1752 mit einer kritischen Einleitung und Bibliographie von Martin Franzbach, München 1968
Kiefer, A.: Das Schachspiel in Literatur und Kunst, München 1958
Lessing, G. E.: Nathan der Weise, Ein Dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen, Stuttgart 2002
Lessing, G. E.: Nathan der Weise; ein dramatisches Gedicht in 5 Aufzügen. Mit einer Abhandlung von Kuno Fischer, Oberursel 1947
Maßmann, J.F.: Geschichte des mittelalterlichen, vorzugsweise des Deutschen Schachspiels, Leipzig 1839
Petzold, J.: Das Schachspiel als Toleranzsymbol in Lessings "Nathan der Weise", in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte, 1995
Petzold, J.: Das königliche Spiel. Die Kulturgeschichte des Schach, Leipzig 1987
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Suesse-Fiedler, S.: Lessings "Nathan der Weise" und sein Leser: Eine wirkungsästhetische Studie, Stuttgart 1980
Zedler, J.H. (Hrsg.): Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste, 1732
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Arbeit zitieren:
Andrea Honcia, 2003, Die Rolle des Schachspiels in Lessings "Nathan der Weise", München, GRIN Verlag GmbH
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