Eine Reaktion seitens der Ägypter ließ nicht lange auf sich warten. Sethos I. mobilisierte ein großes Heer und gewann die Oberherrschaft über Kadesch. Jedoch geriet die Stadt nach seinem Rückzug erneut unter den hethitischen Einfluss. Die Hethiter rückten dennoch nicht gegen Ägypten vor, was einem stillschweigenden Konsens gleichkam. Sethos I. hatte de facto mehrere Feldzüge zur Rückeroberung ägyptischer Besitzungen im vorderasiatischen Raum geführt, er starb etwa zeitgleich mit dem Hethiterkönig Murschilis, wodurch die Frage nach der Hegemonie ungelöst blieb. Nun stellte sich der neue Pharao -Ramses II. (1279-1213) - der Lösung dieses Problems. Er sah sich folgenden Tatsachen gegenüber: Sein Reich konkurrierte im Vorderen Orient mit Großmächten wie den Babyloniern, Assyrern und insbesondere den Hethitern, die das Mitanni-Reich zerschlagen hatten, wodurch ein Entscheidungskrieg über die Machtfrage hinfällig wurde. Pharao Ramses II. forderte nun den neuen hethitischen König Muwatalli II. (Sohn von Mursilli II.) heraus, um die vorderasiatische Frage defintiv zu klären. Der Sohn von Sethos I. führte ein Heer an der Küste Palästinas entlang nach Norden. Er ließ nördlich von Beirut eine Grenzstele anbringen, die den Erfolg des Feldzuges und die Macht Ägyptens dokumentierte, dadurch wurden die Herrscher der palästinensischen Kleinstaaten wesentlich beeindruckt. Der Fürst Bentesina von Amurru, der bisher unter der Protektion der Hethiter gestanden hatte, wechselte nun das Lager und lief zu den Ägyptern über; möglicherweise waren auch Gold und die Aussicht auf Beute ein wesentlicher Anreiz für diese Tat. Das Land Amurru, das ungefähr auf dem Areal des heutigen Nordlibanon und Syrien lag, besaß eine besondere strategische Relevanz. Es war die Pufferzone zwischen dem ägyptischen und dem hethitischen Einflussgebiet. Der Seitenwechsel des Fürsten Bentesina veranlasste den Hethiterkönig Muwatalli II. zur Mobilmachung seiner Truppen und die Inmarschsetzung seiner Heere. Der Überlauf Bentesinas brachte nämlich Gefahren für das hethitische Großreich: den Verlust der Pufferzone zwischen Ägypten und den Hethitern, sowie die Verkleinerung und Schwächung an einer entscheidenden Stelle des hethitischen Einfluss- und Staatsgebiets. Die Reaktion des Pharao bestand in einer Offensive, die innerhalb nur eines Monats vor die Tore der Stadt Kadesch führen und die Eroberung ganz Syriens mit sich bringen sollte. Die ägyptische Armee umfasste 20.000 Mann und legte täglich eine Distanz von 15 bis 20 km zurück. Dieses Aufgebot war bis dato die größte Heeresmacht, die es jemals in Ägypten gegeben hatte.
Ramses ließ seine Armee (laut Birgit Brandau und Hartmut Schickert geschah dies Mitte April 1274 v.u.Z.; Johannes Lehmann nennt folgendes Datum: Mai 1285 v. Chr.) durch die Wüste in Richtung Totes Meer marschieren, am Oberlauf des Flusses Orontes sollte die
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Festungsstadt Kadesch angegriffen werden. Außerdem fand eine Verladung einer zweiten Armee auf Schiffe statt, welche nördlich von Byblos landen und landeinwärts ebenfalls nach Kadesch vorstoßen sollte, wobei diese Landeeinheit als Sicherung des Nachschubs für die Hauptmacht fungierte. Dadurch sollten die Hethiter in eine Zangenbewegung geraten und vernichtet werden.
Hic et nunc handelte Ramses taktisch unklug, er ließ seine Truppen in einem Abstand von 10 km marschieren, was auf Grund der geringen Beweglichkeit der ägyptischen Truppen im Wüstensand einem vollen Tagesmarsch entsprach. Auch überquerten die unterschiedlichen Einheiten den Orontes zu verschiedenen Zeitpunkten, allerdings wurde die Entsendung von Aufklärungstruppen zur Geländeüberprüfung versäumt; dies sollte sich später sträflich rächen. Die Vorhut bildeten Kundschafter, gefolgt vom Pharao im Streitwagen und seiner Leibgarde. Dahinter kam das Gros der Streitkampfwagen, die zweirädrig und mit einem Kämpfer und Lenker ausgestattet waren. Danach marschierten vier Einheiten (Gefechtseinheiten, aus gemischten Truppen bestehend) Fußtruppen, die nach den Hauptgottheiten Ägyptens benannt waren: Amun, Re, Ptah und Seth. Die Waffen wurden während des Marsches im Tross mitgeführt, um den Marsch zu erleichtern. Die Hauptbewaffnung bestand aus Kompositbögen 1 und Hiebwaffen aus Bronze. Außerdem begleiteten den Pharao ausgesuchte Familienmitglieder, er wollte seinen Söhnen vorführen wie ein wahrer Herrscher eine Schlacht erfolgreich durchführt und den Feind dauerhaft vernichtet, so wie es sein Vater Sethos I. einst mit ihm getan hatte.
Das hethitische Heer sammelte sich in Nordsyrien und bestand aus 37.000 Mann 2 , wobei Fußtruppen dominierten. Ergänzt wurde dieses Aufgebot durch 2.500 bis 3.500 Streitwagen, welche im Vergleich zu den ägyptischen eine genauso leichte Bauweise besaßen. Dies wird darin ersichtlich, dass die Wagen mit drei Mann besetzt waren. Des Weiteren verwendeten die Hethiter erste Hiebwaffen aus Eisen. Auch kamen auf beiden Seiten viele Söldnertruppen zum Einsatz. Die hethitische Armee glich in Ausrüstung und Waffengattungen den anderen Streitkräften der Bronzezeit, jedoch hatte dieses Volk drei entscheidende Faktoren perfektioniert: Schnelligkeit, Effizienz und Taktik. Der Streitwagen war die am meisten gefürchtete Waffe, der spätestens seit dem Ende des 18. Jahrhundert v. Chr. in Gebrauch kam. Eine wesentliche Neuerung kam schon in der Schlacht bei Kadesch zur Anwendung, die Wagen wurden mit drei Mann besetzt, sodass der Wagenlenker sich vollständig auf die Fahrt konzentrieren konnte, wobei der dritte zusätzliche Mann mit einem Schild für die Abwehr sorgte. Er konnte aber auch als Verstärkung dienen, falls es nach der ersten Angriffswelle
1 effektive Reichweite: 90 m
2 laut Birgit Brandau und Hartmut Schickert
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zum Nahkampf kommen sollte, weshalb auch lange Lanzen auf dem Wagen mitgeführt wurden. Johannes Lehmann schildert sehr anschaulich die überlegene Kampfkraft der Kampfwagen:
Der Vorteil lag bei den Hethitern. Sie griffen unerwartet an mit ihren schnellen Kampfwagen, die sie mit drei Mann - zwei Kämpfern und einem Wagenlenkerbesetzt hatten, während die ägyptischen Wagen nur mit je einem Lenker und einem Soldaten ausgerüstet waren. Das gab den Hethitern von vornherein eine taktische Überlegenheit; sie konnten auf ihren schnellen Wagen doppelt soviel Soldaten in die Schlacht fahren wie die Ägypter. 3
Genauso wie bei den Ägyptern bestand die hethitische Streitkraft im Kern aus einer Gardeden Elitetruppen, die ständig im Dienst waren. Auch kommandierte der Großkönig als Oberbefehlshaber alle Truppen, gewöhnlich führte er sie persönlich in die Schlacht; bei Verhinderung durch Krankheit oder kultische Verpflichtungen konnte er sein Amt an Mitglieder der königlichen Familie delegieren.
Am 8. Tag des dritten Sommermonats (Anfang / Mitte Mai) erreichte Ramses II. die Ortschaft Schabtuna - südlich gelegen von Kadesch - und gab den Befehl zur Errichtung eines Nachtlagers. Kurz zuvor hatte sich eine kleine Elitetruppe - die Naruna - vom Hauptteil des Heeres getrennt, um weiter an der Küste nach Norden vorzustoßen und die Bewohner von Amurru zu verängstigen. Der Hethiterkönig zog unterdessen mit einer großen Armee, bestehend aus hethitischen, unterworfenen und verbündeten Truppen Richtung Süden. Am Morgen des 9. Tages im dritten Monat der Sommerzeit ließ Ramses II. zum unverzüglichen Aufbruch blasen. Sein Heer rückte weiter am Ostufer des Orontes vor. Die Spitze dieser Heeresmacht bildete der Pharao und sein Stab, dahinter marschierte die Einheit Amun. Nun beging der ägyptische König seinen ersten strategischen Fehler: er überquerte mit einer Heeresgruppe (Amun) den Fluss Orontes, ohne jedoch auf die drei restlichen Einheiten zu warten. Daraufhin erfolgte sogleich der zweite entscheidende Fehler: in einem nahegelegenen Wäldchen zerrten die ägyptischen Späher zwei Männer aus einem Versteck und brachten sie zum Pharao und stellten fest, dass sie Überläufer waren und zum Stamm der Scha-su-Beduinen gehörten. Die beiden Gefangenen taten dem ägyptischen König kund, dass der hethitische Herrscher sich in Aleppo, nördlich von Tunip aufhalte und sich sehr fürchten würde und deshalb nicht nach Süden ziehe, da er erfuhr, dass Ramses II. nach Norden
3 Lehmann, Johannes: Die Hethiter. Volk der tausend Götter, München 1975.
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Stefan Rudolf, 2007, Die Schlacht von Kadesch 1274 v. Chr., München, GRIN Verlag GmbH
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