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1. Einleitung
Friedrich Schleiermachers Werke gehören unumstritten zu den Klassikern der Religionswissenschaft. Seine Ausführungen zu den Themen Dialektik, Ethik und Hermeneutik inspirierten zahlreiche andere Theologen und Philosophen, allen voran Rudolf Otto, zu ihren Analysen.
Sein besonderes Forschungsinteresse galt der Religion. Eine der wichtigsten Errungenschaften Schleiermachers war in diesem Zusammenhang die Neubewertung der Religionsgeschichte und die Abwertung der herrschenden Religionssysteme. Die vielfältigen Religionen sind daher Erzeugnisse der Zeit und der Geschichte. Neben dieser bedeutsamen Erkenntnis und der Kritik an veralteten Vorstellungen über die Religionen, die maßgeblich in seinem Hauptwerk Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern von 1799 zu finden sind, sowie den bereits erwähnten Forschungsthemen wird oft vergessen, dass Schleiermacher auch andere Themenkomplexe untersucht hat. Der Begriff der Bildung und dessen essentielle Bedeutung spielen ebenso eine große Rolle in seinen Arbeiten.
Weiterhin beschäftigte sich Schleiermacher mit dem Phänomen Erfahrung, die er zum einen frei von der Religion und zum anderen in Bezug auf diese betrachtete. Diese Untersuchungen und die Einsichten Schleiermachers werden in dieser Hausarbeit thematisiert. Der Fokus wird dabei insbesondere auf die Vielfältigkeit dessen Erfahrungsbegriffs gelegt und mit der Frage in Verbindung gebracht, wie vollkommene und wahre innere Erfahrung nach Friedrich Schleiermacher erlangt werden kann.
Bevor die Erkenntnisse jenes Philosophen jedoch analysiert werden, wird der Begriff der Erkenntnis erst einmal genauer erläutert. Es soll erklärt werden, was Erfahrung ist und wie sie - in recht unterschiedlicher Form - in die Wissenschaften eingegliedert und von ihr benutzt wird.
Dem folgt eine kurze Darstellung der Biographie Friedrich Schleiermachers um die Umstände seines Wirkens aufzeigen zu können und dem Leser nicht nur das Wirken sondern auch das Leben dieses Philosophen näher zu bringen.
Im Anschluss werden Schleiermachers Auffassungen bezüglich des Erfahrungsbegriffs ausführlicher untersucht. Dabei wird unterschieden zwischen der von ihm als „grammatische“ Erfahrung bezeichneten und der religiösen Erkenntnis. Des Weiteren wird auf die Verbindung von religiösen Themen mit künstlerischen Darstellungen eingegangen. Während zahlreiche theologische Wissenschaftler eine Veranschaulichung der christlichen Geschichte und Werte
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ablehnten, sah Schleiermacher in ihr eine Möglichkeit, religiöse Erfahrungen zu erleben. Es soll demnach aufgezeigt werden, wann Schleiermacher eine Darstellung von religiösen Elementen befürwortete und wann er dies für unpassend empfand sowie seine Begründung für diese Erkenntnisse.
Friedrich Schleiermachers Werke sind noch heute von großer Bedeutung auf dem Gebiet der Theologie, der Philosophie und der Pädagogik. In zahlreichen wissenschaftlichen Werkenbesonders über die Hermeneutik, die Ethik und die Dialektik - wird er oft rezitiert. Seine Arbeiten sind zu einem Großteil überliefert und erhältlich. Weiterhin existiert eine Vielzahl von Sekundärliteratur, die sich mit seinem Leben und Wirken beschäftigt. Dennoch gerät Friedrich Schleiermacher vermehrt in Vergessenheit und im Laufe des letzten Jahrhunderts nahm die Kritik an seinen Auffassungen stetig zu. Allerdings waren seine Erkenntnisse für das späte 18. bzw. das frühe 19. Jahrhundert sehr fortschrittlich und sind z.T. auch heutzutage noch aktuell.
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2. Der Begriff „Erfahrung“
Der Erfahrungsbegriff wird in der Literatur vielseitig beschrieben und verwendet. Zwar scheinen sich die Wissenschaftler in einigen allgemeinen Aspekten einig zu sein, dennoch unterscheiden sich ihre Ansichten auch in ebenso vielen Punkten.
Dieses Kapitel soll der Untersuchung der verschiedenen Definitionen des Begriffes Erfahrung dienen um schließlich einen Überblick darüber geben zu können, welch vielfältige Facetten ein einzelner Begriff umfassen kann. Dabei werden sowohl Artikel aus Nachschlagewerken sowie Auffassungen diverser bedeutender Sozialwissenschaftler gegenübergestellt und diskutiert.
Weiterhin soll dieses Kapital als Einleitung für die noch folgende Darstellung des Erfahrungsbegriffes von Schleiermacher dienen.
Die Erfahrung entsteht maßgeblich durch das Abspeichern bestimmter Situationen im menschlichen Gehirn und dem daraus Gelernten (Vgl. Erfahrung 2002, 305). Diese Erfahrungsinhalte können sowohl psychischer als auch physischer Natur sein. Besonders wichtig dabei ist, dass der Begriff des Erfahrens auf der Annahme einer Wirklichkeit basiert, d.h. Erfahrungen können nur in reell existierenden und erlebten Situationen gemacht werden. Das Bertelsmann-Lexikon beispielsweise unterscheidet den Erfahrungsbegriff in innere und äußere Erfahrung, wobei dadurch ein ganzheitlicher Begriff entsteht. Daher bezieht sich die äußere Erfahrung auf „die Gesamtheit der Erlebnisse u. der daraus gewonnenen Erkenntnisse des Menschen in Auseinandersetzung mit der Welt“ (ebd. 305), während die innere Erfahrung der Beschäftigung mit der eigenen Person bedarf.
Erfahrungen können durch Beobachtungen, Experimente und Induktion gemacht werden und enthalten ein Denken (Vgl. Erfahrung 1904, 273). Somit umfasst der Begriff das Erlernen der Fähigkeit des Umgangs mit den Gegenstand oder mit gleichwertigen Lebenssituationen (Orientierungen, Praxis etc.) durch Kenntnis bzw.Lernen und Übung bzw. Kunstfertigkeit (Vgl. Erfahrung 2006, 271).
Besonders interessant sind die Ansichten von David Hume bezüglich des Erfahrungsbegriffes. Seiner Meinung nach stehen sinnlich vermittelte Erfahrungen am Anfang jeglicher Erkenntnisse (Vgl. Höltgen 1998, 10). Des Weiteren wird das Erfahren zu einem Moment der Unschärfe. Zum einen erklärt Hume diese Theorie mit dem Argument der Lückenhaftigkeit, das er mithilfe eines unbewussten, angeeigneten Know-hows begründet. Daher kann ein
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Individuum unbekannte Sachverhalte lösen ohne je zuvor mit gleichwertigen Problemen konfrontiert wurden zu sein; es lernt also im Verlauf dessen mithilfe seiner Sinne: „Nichts ist im Verstand, was nicht zuvor in den Sinnen war“ (Höltgen 1998, 10). Zum anderen begründet Hume seine Theorie der Lückenhaftigkeit mit der Behauptung, dass kausale Verknüpfungen nur durch Erfahrungen gestützt werden. Allerdings ist er auch der Ansicht, dass diese Erfahrungen beispielsweise durch Sinnestäuschungen oder die Möglichkeit sich eine gegenteilige Situation vorzustellen, sehr vage sind (Vgl. ebd., 10). Demnach wird der Mensch durch Erfahrung gleichsam dazu gebracht über diese nachzudenken bzw. verschiedene Situationen zu reflektieren und dadurch zu lernen, mögliche Probleme zu überwinden.
Außerdem sind auch andere Philosophen, wie beispielsweise Hegel, an einer Selbstbildung des Individuums interessiert, die schließlich durch das Begreifen der eigenen Stellung gegenüber eines Sachverhaltes, zum uneingeschränkten philosophischen Wissen führt (Vgl. Grünewald 1993, 156). Diese Selbstbildung des Subjektes beschreibt den Prozess, der zu einer Selbstveränderung in der Erfahrung führt und so ein wahres aufgeklärtes Bewusstsein fördert:
„Die dialektische Bewegung, welche das Bewusstsein an ihm selbst, sowohl an seinem Wissen als an seinem Gegenstand ausübt, insofern ihm der neue wahre Gegenstand daraus entspringt, ist eigentlich dasjenige, was Erfahrung genannt wird“ (Grünewald 1993, 155). Der Erfahrungsbegriff ist vor allem im Empirismus von besonderer Wichtigkeit. Die Erfahrung wird dabei als Grundlage allen Erkennens betrachtet (Vgl. Erfahrung. 2006, 272) und ist somit die Quelle allen wahren Wissens. Weiterhin wird sie als „unmittelbare Erprobung des tatsächlichen Verhaltens“ (Erfahrung 1904, 280) angesehen. Die zentrale Frage ist also: ‚Wie erwerben wir Wissen?’ und als Antwort darauf kann die Erfahrung genannt werden, die nach der Untersuchung des menschlichen Verstandes plausibel wirkt (Dieckmann 1994, 23).
Nach Ostwald ist der wesentliche Aspekt der Erfahrung die Fähigkeit, durch Vergleiche in der Zukunft zweckmäßig zu handeln, d.h. das Individuum kann und sollte aus seinen Fehlern lernen und bei einer erneuten Konfrontation mit ähnlichen Problemen lösungsorientiert handeln (Vgl. ebd.).
Weiterhin ist das Erfahren ein variabler Prozess. Sowohl die Form als auch der Inhalt von Erfahrungen kann sich daher von Person zu Person oder situationsbedingt ändern. Aus diesem Grund ist die Erfahrung keine kulturinvariante Instanz (Vgl. Dieckmann 1994, 13).
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Neben diesen eher allgemein gehaltenen Definitionen des Erfahrungsbegriffs gibt es auch jene, die sich direkt auf einen Fachbereich beziehen. An dieser Stelle wird daher an den Beispielen der dialektischen Hermeneutik und der Pädagogik gezeigt, wie der Begriff Erfahrung spezifisiert werden kann.
Das Beispiel der dialektischen Hermeneutik soll sich hier direkt auf die Ansichten von Hans Georg Gadamer beziehen. Bevor dessen Auffassungen näher erläutert werden, muss allerdings genannt werden, dass Gadamer mit hermeneutischer Erfahrung an vielen Stellen eigentlich ein subjektiv-hermeneutisches Erfahren beschreibt, auch wenn er es nicht konkrat als solches benennt (Vgl. Grünewald 1993, 170f.).
Seiner Ansicht nach geht die hermeneutische Erfahrung über ein reines Verstehen von Texten hinaus und beinhaltet eine Einsicht bzw. das Erkennen von Wahrheiten, d.h. es handelt sich um eine Erfahrung von Wahrheiten (Vgl. ebd., 153). Beim Lesen von Texten ist es aber wichtig, dass man ‚zwischen den Zeilen liest’ um so den Sinn hinter der nicht immer explizit erwähnten Gesamtaussage erfassen zu können. Als Leser wird man auch jederzeit versuchen, einen Text nicht nur vom eigenen Standpunkt aus zu betrachten sondern - in einem zweiten Schritt - das von Autor Gemeinte zu erfassen. Daher folgte dem elementaren Verstehen bzw. der subjektiv-hermeneutischen Erfahrung in der Regel eine obektiv-hermeneutische Erfahrung (Vgl. ebd., 180f.).
In Anlehnung an Hegel hebt Gadamer hervor, dass die reine Erfahrung von Wissen nicht so bedeutsam ist wie der Prozess, der zu ihr führt. Als Vorraussetzung dafür nennt er die Bereitschaft für neue Erfahrungen offen zu sein (Vgl. ebd., 156). Ein weiterer bedeutsamer Aspekt ist das Lernen aus dem Vergangenen. Dabei soll die Andersheit der Vergangenheit anerkannt werden, wobei das Individuum erkennen soll, was sie zu vermitteln versucht. Auf Grundlage dessen wird es möglich, der Vergangenheit Herr zu werden, d.h. aus eigenen Fehlern und denen anderer zu lernen (Vgl. ebd. 158f.). Gadamer setzt weiterhin die Begriffe Erfahrung und Erleben auf eine Ebene. Demnach macht ein Individuum eine Erfahrung, indem es eine Wirkung spürt oder erlebt. Allerdings müssen diese Erlebnisse in einem weiteren Schritt verarbeitet bzw. verstanden werden (Vgl. ebd. 168f.). Findest dieser Prozess nicht statt, ist auch die Erfahrung nur unvollständig. In der Pädagogik wird ebenfalls versucht den Erfahrungsbegriff für den eigenen Fachbereich fassbar zu machen. Demnach hat der Erzieher in vielen Fällen die Aufgabe Hilfestellungen bei der Bewältigung der Erfahrungen zu geben. Im Allgemeinen übernimmt Erfahrung in diesem Fachbereich die Funktion die Natur zu konnotieren, d.h. sie ist einerseits das
Arbeit zitieren:
B.A. Constanze Roscher, 2009, Der Erfahrungsbegriff in den Werken von Friedrich Schleiermacher, München, GRIN Verlag GmbH
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Constanze Roscher's Text Der Erfahrungsbegriff in den Werken von Friedrich Schleiermacher ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
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