Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Fachbereich Erziehungswissenschaften
Wahlpflichtfach: Verhaltensgestörtenpädagogik
9. Fachsemester, DEW
HAUSARBEIT IM FACH
VERHALTENSGESTÖRTENPÄDAGOGIK
BINDUNGSTHEORIE UND BINDUNGSSTÖRUNGEN
von
Mirjam Günther
Abgabetermin: 17.10.2006
1
Inhaltverzeichnis
1 Einleitung ... 2
2
Grundlagen der Bindungstheorie ... 3
2.1
Die Wurzeln der Bindungstheorie... 3
2.2
Grundannahmen der Bindungstheorie... 3
2.2.1
Bindung und Bindungsverhalten... 3
2.2.2
Merkmale von Bindungsverhalten ... 5
2.2.3 Innere
Arbeitsmodelle ... 5
2.2.4
Das Konzept der Sicheren Basis ... 6
3 Kategorien
von
Bindungsmustern ... 7
3.1 Entdeckung
der
Bindungskategorien
in der Fremden Situation... 7
3.1.1 Vorüberlegungen... 7
3.1.2 Die
fremde
Situation ... 7
3.1.3
Die 3 Hauptbindungskategorien... 8
3.1.4
Ursachen und Folgen der Bindungskategorien ... 10
3.2
Desorganisation im Bindungsverhalten ... 11
3.3
Folgen von Desorganisation... 13
4 Bindungsstörungen... 13
4.1 Theorie
der
Bindungsstörung ... 13
4.2
Diagnostik und Typologie von Bindungsstörungen im ICD-10 ... 14
4.3
Diagnostik und Typologie von Bindungsstörungen nach Brisch... 15
4.4
Anwendungsgebiete in der Pädagogik ... 18
5 Schlussbemerkungen... 20
6 Literaturverzeichnis... 21
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1
Einleitung
,,Bindung kann definiert werden als das gefühlsmäßige Band, welches eine Person oder ein
Tier zwischen sich selbst und einem bestimmten anderen knüpft ein Band, das sie räumlich
verbindet und das zeitlich andauert."
(Ainsworth u.a. 1974, zit. n. Grossmann/Grossmann 2003, S. 243)
Die Bindungstheorie ist ein ebenso faszinierendes wie weit reichendes Thema. Sie findet
Beachtung und Anwendung in diversen Gebieten der Pädagogik, wie zum Beispiel in der
Kleinkindforschung, in der Entwicklungspsychologie, aber auch in dem Bemühen, die
Ursachen und Gründe von Störungen im Sozialverhalten von Kindern und Jungendlichen zu
erkennen und zu verstehen und auch diesen entgegenzuwirken.
In dieser Hausarbeit werde ich zunächst die Bindungstheorie in ihren Grundlagen
beschreiben. Dabei werde ich mich vorrangig auf die Beiträge von John Bowlby und Mary
Ainsworth als Begründer der Bindungstheorie und der Bindungsforschung beziehen.
Weiterhin werde ich besonders auf die von Mary Ainsworth entdeckten und von Mary Main
erweiterten verschiedenen Bindungsmuster und deren Folgen für die Entwicklung eingehen,
sowie auf die Einflussfaktoren für die Ausbildung bestimmter Bindungsmuster.
Danach werde ich mich mit Bindungsstörungen befassen, diese von den unsicheren
Bindungsmustern abgrenzen, die verschiedenen Arten von Bindungsstörungen beschreiben
und mich anschließend zu den Möglichkeiten äußern, welche die Kenntnis über
Bindungsstörungen für die Pädagogik und verwandte Gebiete eröffnet. Hierbei beziehe ich
mich auf Karl Heinz Brisch, der in seinem Buch ,,Bindungsstörungen" sehr ausführlich und
anschaulich über Bindungsstörungen und besonders über die Anwendung der
Bindungstheorie in der Psychotherapie schreibt.
Den in der Literatur sehr häufig gebrauchten Begriff der ,,primären Bindungsperson" werde
ich im Folgenden in den meisten Fällen durch die Mutter ersetzen, um eine bessere Lesbarkeit
der Arbeit zu erreichen. Ich möchte aber dennoch darauf hinweisen, dass die primäre
Bindungsperson eines Kindes keinesfalls unbedingt die Mutter sein muss, sondern dass
durchaus auch der Vater, eine Tagesmutter oder auch eine andere Person, die viel Kontakt zu
dem Kind hat die Rolle der primären Bindungsperson einnehmen kann.
3
2
Grundlagen der Bindungstheorie
2.1
Die Wurzeln der Bindungstheorie
Die Bindungstheorie wurde Mitte des 20.Jahrhunderts von John Bowlby und Mary
Ainsworth entwickelt, wobei Bowlbys Beiträge dazu eher die tatsächliche Theorie betrafen
und Ainsworth, die erst später seinem Team betrat, mit ihren Forschungen versuchte,
Bowlbys Theorie zu belegen und zu beweisen.
Als Kinderpsychiater und Psychoanalytiker entwickelte Bowlby während des Krieges ein
zunehmendes Interesse an den nachteiligen Auswirkungen von unterbrochenen und
fehlerhaften Eltern-Kind-Beziehungen und begann nach Kriegsende damit, Störungen zu
erforschen, die aus einer längeren Mutter-Kind-Trennung resultierten. Mit seinem ersten
Forschungsassistenten James Robertson begann er 1948 Kinder zu beobachten, die einen
längeren Krankenhausaufenthalt vor sich hatten. Die Reaktionen auf die Trennung von den
Eltern, die er bei den Kindern beobachtete gingen über Protest, Verzweiflung, Depression bis
hin zur emotionalen Ablösung und starker Trennungsangst der Kinder (vgl.
Grossmann/Grossmann 2003, S.38/39).
Bowlby konnte sich diese Verhaltensweisen auf Grundlage der Psychoanalyse nicht zu
seiner Zufriedenheit erklären. Daher versuchte er die Psychoanalyse durch die
Verhaltensbiologie und ihre Erkenntnisse zu ergänzen, die zu dieser Zeit durch Charles
Darwin, Konrad Lorenz und H. F. Harlow große Popularität erreicht hatten. Aus der
Psychoanalyse übernahm Bowlby die große Bedeutung von frühkindlichen Erfahrungen für
seine Bindungstheorie. Durch die Arbeiten der Verhaltensbiologen inspiriert war er aber der
Ansicht, dass die Verhaltenssysteme, die ein Mensch ausbildet, sich evolutionsgeschichtlich
entwickelt haben und daher in ihrer Funktion phylogenetisch verstanden werden müssen. Es
ging also vor allem um den Überlebenswert, den bestimmte Verhaltenssysteme wie das von
ihm formulierte Bindungsverhaltenssystem haben, indem zum Beispiel die dadurch erreichte
Nähe zur Mutter gleichzeitig Schutz vor Gefahren bot. Bowlbys Bindungstheorie hat daher
also ihre Wurzeln sowohl in der Psychoanalyse, als auch in der Beobachtung von Kindern
und Praktiken der Kindererziehung und in der Verhaltensbiologie (vgl. ebd., S.30f).
2.2
Grundannahmen der Bindungstheorie
2.2.1
Bindung und Bindungsverhalten
Bowlbys Absicht war es, mit seiner Bindungstheorie die starke gefühlsmäßige Verbindung
zwischen Mutter und Kind zu untersuchen und zu erklären, die zwar auch schon die
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Psychoanalyse erkannt hatte, die sie aber seiner Ansicht nach durch die Triebtheorie nicht
ausreichend erklären konnte. Er entwickelte daher ein komplexes bindungstheoretisches
Konzept, welches er sowohl auf seinen Kenntnissen aus der Psychoanalyse, wie auch auf
eigenen Beobachtungen und auf den Erkenntnissen der Verhaltensbiologie aufbaute. Nach
Bowlbys Konzept sind Mutter und Kind ,,Teilnehmer in einem sich wechselseitig
bedingenden und selbstregulierenden System" (Brisch 2003, S.35), wobei er die Bindung
zwischen Mutter und Kind als einen Teil dieses Systems der Beziehung darstellt. Dabei
betrachtet er Bindung als ,,ein hypothetisches Konstrukt [...], das nicht unmittelbar
beobachtet werden kann" (Grossmann/Grossmann 2003, S.33), sondern das ,,die innere
Organisation des Bindungsverhaltenssystems und der zugehörigen Gefühle" (ebd.) darstellt.
Kennzeichnend für die Bindung des Säuglings an seine Mutter ist das Bindungsverhalten,
welches vielfältige Verhaltensweisen und/oder Signale umfasst, die das Kind mit seiner
Mutter in Verbindung bringen oder halten sollen. Diese umfassen sowohl ,,aktive nähe- und
kontaktsuchende Verhaltensweisen wie Annäherung, Nachfolgen und Anklammern sowie
Signalverhalten wie Lächeln, Weinen und Rufen" (Ainsworth u.a. 1974, zit. n.
Grossmann/Grossmann 2003, S. 243). Wichtig ist dabei aber, dass das Kind nicht
ununterbrochen Bindungsverhalten zeigt, sondern dass das Bindungsverhalten nur dann
aktiviert wird, wenn das Kind allein gelassen wird oder wenn es sich in einer
Gefahrensituation befindet (vgl. Grossmann/Grossmann 2003, S.23). Auch wenn es sich dabei
nicht unbedingt um eine reale Gefahr für das Kind handeln muss, sondern entscheidend ist,
dass eine Situation von Kind als bedrohlich oder beängstigend wahrgenommen wird.
Bowlby postuliert weiterhin, dass es nicht nur das Bindungsverhaltenssystem gibt, sondern
dass der Mensch eine Vielzahl von Verhaltenssystemen ausbildet, die zum Teil miteinander
interagieren. So ist zum Beispiel das mütterliche Fürsorgesystem prä-adaptiv an das kindliche
Bindungsverhaltenssystem angepasst, während das Explorationsverhalten des Kindes sich in
der Regel mit seinem Bindungsverhalten ablöst, da die beiden Systeme eine gleichzeitige
Aktivierung ausschließen (vgl. ebd., S.85). Die Gründe dafür liegen in der Funktion dieser
Verhaltenssysteme, die evolutionsbiologisch gesehen einen bestimmten Überlebenswert für
das Individuum haben müssen
.
So war es zum Beispiel zur Zeit der menschlichen Evolution
die größte Gefahr für den Menschen zur Beute zu werden. Die unmittelbare Nähe des Kindes
zur Mutter, welche durch das Zusammenspiel von mütterlichem Fürsorgeverhalten und
kindlichem Bindungsverhalten erreicht wurde, stellte damit für das Kind den optimalen
Schutz vor den meisten Gefahren der Umwelt dar. Gleichzeitig führt aber das
Explorationsverhalten das Kind zunehmen von der Mutter weg, so dass es nötig ist, dass das
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Bindungsverhalten bei drohender Gefahr jederzeit das Explorationsverhalten deaktivieren und
ablösen kann, um wieder die schützende Nähe zur Mutter herzustellen.
2.2.2
Merkmale von Bindungsverhalten
Bowlby ordnet dem Bindungsverhalten verschiedene Merkmale zu, um damit die
Besonderheiten seiner Bindungstheorie hervorzuheben und um sie von der
Abhängigkeitstheorie der Psychoanalyse abzugrenzen. Die Merkmale, die ich bisher noch
nicht genannt und erklärt habe, möchte ich hier kurz zusammenfassen.
Bindungsverhalten ist in der Regel auf eine oder einige wenige Personen gerichtet. Unter
diesen Personen besteht eine klar definierte Rangfolge. Bindungen sind meist lang andauernd.
Frühe Bindungen können bis ins Erwachsenenalter erhalten bleiben, oder aber sie können sich
ändern oder ersetzt werden. Prozesse, die mit Bindung zusammenhängen, wie Trennung oder
Wiedervereinigung sind meist mit starken Gefühlen wie Trauer, Wut oder Freude verbunden.
Bindungen können in allen möglichen Umgebungen ausgebildet werden und sie sind relativ
unabhängig von Belohnung oder Bestrafung. Im Laufe des Lebens verändert sich das
Bindungsverhalten einer Person vom einfachen Antwortsystem zu Beginn des Lebens bis hin
zu einem komplexen Verhaltenssystem mit zunehmendem Alter, welches bestimmte
Arbeitsmodelle der eigenen Person und auch der Bindungsperson(en) beinhaltet.
Bindungsverhaltenssysteme werden durch bestimmte Umweltbedingungen, wie Hunger,
Angst oder Müdigkeit aktiviert und können durch Kontakt zur Mutter und/oder durch
Interaktion mit ihr wieder beendet werden (vgl. Grossmann/Grossmann 2003, S. 23ff).
2.2.3
Innere Arbeitsmodelle
Bowlby geht in seiner Theorie davon aus, dass das Kind mit der genetischen Veranlagung
auf die Welt kommt, Bindungsverhalten zu entwickeln und diese Verhaltensweisen in einem
Bindungsverhaltenssystem zu organisieren. Zu diesem Verhaltenssystem gehört weiterhin das
Vorhandensein von ,,Inneren Arbeitsmodellen" (Ainsworth/Bowlby 1991, zit. n.
Grossmann/Grossmann 2003, S.88), die das Kind sowohl von sich selbst entwickelt, als auch
von den Personen, zu denen es eine Bindung aufgebaut hat. Diese inneren Arbeitsmodelle des
Kindes enthalten zum Beispiel Informationen über die Fähigkeiten und den Aufenthaltsort der
Bindungsperson, sowie über die wahrscheinliche Reaktion der Bindungsperson bei sich
ändernden Umweltbedingungen. Auch über sich selbst hat das Kind ein Arbeitsmodell mit
Informationen darüber, was es selbst für Fähigkeiten hat und wie es durch bestimmte
Verhaltensweisen seine Umwelt verändern und beeinflussen kann. Diese Arbeitsmodelle sind
von entscheidender Bedeutung für die effektive Nutzung von Bindung, denn sie ermöglichen
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