Qualitative Inhaltsanalyse und quantitative Auswertungsmöglichkeiten: Ein Leitfaden zur praktischen Anwendung
Inhalt
1. Einführung 3
2. Beispielhafter Vorgehensüberblick 4
2.1 Definition der Rahmenbedingungen 4
2.2 Das Codebuch 6
2.3 Durchführung der Analyse 7
2.4 Durchführung von Kontrollschritten 8
3. Quantitative Auswertungsmöglichkeiten 9
3.1 Deskriptive Statistik 10
3.2 Inferenzstatistik 12
4. Gütekriterien 12
5. Literatur 15
Anhang A 19
Anhang B 20
Anhang C 24
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Qualitative Inhaltsanalyse und quantitative Auswertungsmöglichkeiten: Ein Leitfaden zur praktischen Anwendung
1. Einführung
In den vergangenen Jahren zeigte sich in der psychologischen und sozialwissenschaftlichen Forschung die Entwicklung hin zu einer verstärkten Anwendung qualitativer Forschungsmethoden. Das Pendel, das seit dem Aufkommen der quantitativen statistischen Methoden weit in Richtung selbiger ausschlug, scheint seinen äußersten Punkt überschritten zu haben und sich nun zurückzubewegen. Der mit der Metapher des ‚Pendels‘ visualisierte Gegensatz zwischen qualitativen und quantitativen Methoden wird der gegenwärtigen Realität jedoch keineswegs gerecht. Vielmehr scheint sich das Verhältnis quantitativer und qualitativer Forschung immer mehr zu einer partnerschaftlichen und komplementären Beziehung zu wandeln, in die jede Seite ihre eigenen methodischen Stärken einbringt (vgl. Mayring, 2001). Gerade die Kombination beider methodischen Ausrichtungen wird heute mehr und mehr als geeigneter Weg zu umfassendem Erkenntnisgewinn gesehen: “Combining both qualitative and quantitative methods can address both the ‘what and why’ […] more effectively” (Antonakis, Avolio & Sivasubramaniam, 2003, p. 286).
So finden sich in wissenschaftlichen Publikationen immer häufiger Beispiele methodischen Vorgehens unter Einbezug qualitativer Analyseschritte: Wofford, Goodwin & Whittington (1998) ließen Führungskräfte und Mitarbeiter innerhalb einer staatlichen Organisation Fragebögen zum Thema Mitarbeiterführung ausfüllen. Darin enthalten waren nicht nur ein quantitativer Teil sondern ebenso offene Fragen wie z.B. “What are the keys keeping your subordinates satisfied in their work?“ (Wofford, Goodwin & Whittington, 1998, p.64), welche qualitativ ausgewertet werden mussten. Schilling (2001) befragte in seiner Studie ausschließlich Führungskräfte und wählte als Erfassungsinstrument im Gegensatz zu Wofford et al. (1998) teilstandardisierte Leitfadeninterviews. Brennscheidt (2006) wiederum wählte dahingegen schriftliche Reaktionen auf die Darbietung akustischer Klangreize, die im Rahmen einer Musiktherapie entstanden, als Datenbasis ihrer qualitativen Analyseschritte. Die beachtliche Verschiedenheit dieser drei Beispiele vermag die große Einsatzbreite qualitativer Methoden zu veranschaulichen. Somit bildet gerade die leicht zu bildende, jedoch noch immer sehr selten verwendete Kombination aus qualitativen und quantitativen Methoden eine Möglichkeit, um die Erkenntnisgrenzen bisheriger Methodenanwendungen zu überwinden.
Dieser Leitfaden soll unter der existierenden Vielzahl an qualitativen Analysemöglichkeiten speziell die Methode der qualitativen Inhaltsanalyse (Mayring, 2003; Früh, 2001) vorstellen und ihre praktische Anwendung unterstützen. Anhand eines beispielhaften Vorgehensüberblicks wird die Methode erläutert. Im Anschluss daran werden
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Qualitative Inhaltsanalyse und quantitative Auswertungsmöglichkeiten: Ein Leitfaden zur praktischen Anwendung
quantitative Auswertungsmöglichkeiten vorgestellt, welche das Potenzial haben, die Ergebnisse der qualitativen Schritte zu vertiefen. Ausführungen zu den Gütekriterien im Bereich qualitativer Inhaltsanalyse schließen den Text ab.
2. Beispielhafter Vorgehensüberblick
Um den Leitfaden möglichst handlich zu halten, soll an dieser Stelle davon ausgegangen werden, dass die zu analysierenden qualitativen Daten bereits vorliegen, d.h. es wurden zuvor eine theoretische Basis gelegt, Hypothesen/Fragestellungen generiert, die Art der Datenerfassung (z.B. Fragebogen, Interview etc.) festgelegt, diese entsprechend durchgeführt, und es hat eine erste, grundlegende Datenaufbereitung stattgefunden (z.B. Digitalisierung zur weiterführenden Bearbeitung innerhalb der EDV, Transkription auditiver, visueller oder audiovisueller Daten etc.). Von besonderer Wichtigkeit ist auch die Situation, in der die Daten erhoben wurden: Zeitpunkt, Umstände, Teilnehmergruppe(n) etc. sollten schon während des Prozesses der Datenerhebung detailliert notiert und im Forschungsbericht ausgiebig beschrieben werden (Schilling, 2006). Bei tiefergehendem Interesse bzgl. grundlegender Themen zur Vorbereitung der qualitativen Inhaltsanalyse sei auf Mayring (2003) verwiesen.
2.1 Definition der Rahmenbedingungen
Früh (2001, S. 119) definiert die qualitative Inhaltsanalyse als „eine empirische Methode zur systematischen und intersubjektiv nachvollziehbaren Beschreibung inhaltlicher und formaler Merkmale von Mitteilungen“. Gerade in den Wörtern „empirisch“, „systematisch“ sowie „intersubjektiv nachvollziehbar“ zeigt sich das Bemühen heutiger Vertreter der qualitativen Inhaltsanalyse, diese Methode durch ihre konsequente Weiterentwicklung von den Stigmata zu befreien, sie sei unwissenschaftlich, beliebig und subjektiv (Schilling, 2006). Aus diesem Grund wird ein theoriebasiertes und regelgeleitetes Vorgehen obligatorisch. Zunächst muss eine Definition der Rahmenbedingungen erfolgen: Welche Bestandteile der zu analysierenden Daten werden als zusammengehörig betrachtet und zusammen ausgewertet? Inwiefern dürfen weitere Informationen zur Auswertung herangezogen werden? Zu diesem Zweck nennt Früh (2001) die Begriffe Codiereinheit, Analyseeinheit und Kontexteinheit. Codiereinheiten stellen einzeln codierbare Zähl- bzw. Sinneinheiten dar, die für das Forschungsvorhaben von Interesse sind und nicht in weitere Codiereinheiten zerlegt werden können. Bildlich beschrieben sind sie die Atome des zu analysierenden Datensatzes,
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bzw. die Einheiten, auf die es dem Forscher ankommt. Mit ihnen werden ggf. in der weiterführenden Analyse Kategoriensysteme erstellt und/oder gefüllt. Je nach Forschungsziel können Codiereinheiten nur aus einzelnen Wörtern oder gar Buchstabenfolgen bestehen (etwa zum Auszählen der Kürzel von Parteiennamen in Zeitungsartikeln), oder nach Bortz & Döring (1995) auch ganze Texte umfassen (sofern jeder Text als eine einzige Einheit verstanden wird, die in ihrer Gesamtheit genau einmal codiert wird). Analyseeinheiten bilden laut Früh (2001) die Einheiten des Untersuchungsgegenstands, über den man anhand der Forschungsergebnisse eine oder mehrere Aussagen treffen möchte. Liegt zur Untersuchung eine Reihe von Zeitungsartikeln vor und möchte man über diese eine Aussage treffen, so bildet jeder einzelne Artikel eine Analyseeinheit. Üblicherweise besteht eine Analyseeinheit aus mehreren Codiereinheiten; je nachdem, wie die Untersuchung angelegt ist, kann es jedoch vorkommen, dass Analyseeinheit und Codiereinheit identisch sind. Durch das Festlegen von Kontexteinheiten wird bestimmt, welche weiteren Informationen des Datenbestands ein Codierer zum Verständnis der momentan zu behandelnden Codiereinheit hinzuziehen darf. Zusätzlich muss die Reihenfolge festgelegt werden, in der die Bestandteile des Datenmaterials behandelt werden. Im Kontext qualitativer Interviewstudien unterscheidet Schilling (2006) diesbezüglich die beiden Methoden cross-question und cross-interview (bei Fragebogenstudien wäre für letztere die Benennung cross-questionnaire adäquat): Bei ‚cross-question‘ werden die Fragebögen/Interview-Transkriptionen der Teilnehmer 1 nacheinander jeweils komplett vom ersten bis zum letzten Textbestandteil bearbeitet, während bei ‚crossinterview/questionnnaire‘ zuerst die Antworten auf die erste Frage innerhalb der Fragebögen/Interview-Transkriptionen aller Teilnehmer analysiert wird, dann die Antworten auf die zweite Frage usw. ‚Cross-question‘ eignet sich insbesondere dann, wenn sich die gestellten Fragen inhaltlich überlappen und der Forscher auf diese Art die Gelegenheit erhält, die gesamte Komplexität eines Themas aus Sicht des Teilnehmers zu ergründen. ‚Crossinterview/questionnaire‘ hingegen ist dann angebracht, wenn die gestellten Fragen jeweils voneinander verschiedene Themen behandeln. Auf diese Weise erhält der Forscher eine Vorstellung von der Unterschiedlichkeit, die die einzelnen Antworten der Teilnehmer auf die jeweils gleiche Frage aufweisen können. Zur weiteren Bestimmung der Rahmenbedingungen zählt die genaue Festlegung einer Form der qualitativen Inhaltsanalyse. Mayring (2003) unterscheidet insgesamt drei verschiedene Grundformen:
1 Im Interesse einer besseren Lesbarkeit wird in diesem Text zur Bezeichnung von Personengruppen ausschließlich die maskuline Sprachform verwendet. Selbstverständlich sind an den entsprechenden Textstellen stets weibliche und männliche Personen gleichermaßen gemeint.
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x Zusammenfassende Inhaltsanalyse: Das qualitative Datenmaterial wird so reduziert und abstrahiert, dass das Ergebnis überschaubar ist, jedoch noch immer sämtliche wesentlichen Inhalte enthält und auf diese Weise das Grundmaterial zuverlässig abbildet. Ein anschauliches Beispiel ist diesem Leitfaden beigefügt (Anhang A). x Explizierende Inhaltsanalyse: Mit dem Ziel, ein eindeutigeres Verständnis des Datenmaterials zu erlangen, wird dessen einzelnen Bestandteilen innerhalb der Analyse weiteres Material aus externen Quellen hinzugefügt, das den jeweiligen Sachverhalt beschreibt und erläutert.
x Strukturierende Inhaltsanalyse: In der Analyse wird das Datenmaterial auf bestimmte Aspekte hin untersucht. Bei der Unterart der inhaltlichen Strukturierung teilt man die Daten induktiv oder deduktiv in Kategorien ein (vgl. Spannagel, Gläser-Zikuda & Schroeder, 2005). In den meisten Fällen sollte das für dieses Vorgehen verwendete Kategoriensystem dem mece-Prinzip (mutually exclusive,
collectively exhaustive, d.h. sinngemäß übersetzt disjunkt und erschöpfend 2 , vgl. Inoue & Nakamura, 2006) entsprechen. Der wissenschaftliche Zweck einer strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse kann jedoch durchaus auch gerade in dem Ziel der Prüfung begründet sein, inwiefern ein bereits bestehendes Kategoriensystem dem mece-Prinzip entspricht. Die Unterart der skalierenden Strukturierung ermöglicht die Einschätzung des Datenmaterials auf einer Skala. Auf diese Weise können Tendenzen bzw. Intensitäten codiert werden.
2.2 Das Codebuch
Es ist durchaus möglich, mehrere qualitative Inhaltsanalysen gleicher oder verschiedener Form innerhalb einer Studie zu kombinieren. Es muss jedoch beachtet werden, dass sie ggf. unterschiedliche Definitionen der Rahmenbedingungen erfordern. Diese sollten somit für jede einzelne Inhaltsanalyse individuell festgelegt werden. Am besten geschieht dies in einem sogenannten Codebuch, einer Codieranleitung, die im Vorfeld einer jeden Inhaltsanalyse erstellt werden sollte (Früh, 2001). Das Codebuch fördert einen systematischen Ablauf der Analyse und macht diese zudem auch für Unbeteiligte nachvollziehbar. Es beschreibt die einzelnen erlaubten Schritte, die genaue Schrittabfolge sowie ggf. das verwendete Kategoriensystem und schützt auf diese Weise die Durchführung der Analyse vor Beliebigkeit. Gerade im Hinblick auf die Zusammenarbeit einer Auswertergruppe erscheint
2 Die Kategorien sollen klar voneinander abgrenzbar sein und zusammen den gesamten
Untersuchungsgegenstand abdecken.
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Arbeit zitieren:
Heiko Verlage, 2009, Qualitative Inhaltsanalyse und quantitative Auswertungsmöglichkeiten, München, GRIN Verlag GmbH
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