6.3 Das ideale Gemeinwesen als Ort einer
homogenen Gedankenkultur S. 30
6.4 Das ideale Gemeinwesen als sich selbst
6.5 Das ideale Gemeinwesen als „Gated Community“
7. Kritische Betrachtung S. 32
7.1 Werkimmanente Kritik: Stolpersteine S. 33
7.2 Wichern im Spiegel anderer zeitgenössischer
sozialer Utopien S. 35
8. Abschließende Würdigung S. 40
9. Ausblick S. 42
Literaturverzeichnis S. 44
2
1. Sozialräumliches Denken in der Sozialpädagogik Johann Hinrich Wicherns Der Theologe Johann Hinrich Wichern ist als Begründer der Inneren Mission und als Vater des Rauhen Hauses bekannt. Seine Sozialpädagogik und sein zentraler Gedanke der Familienbildung waren schon Inhalt einiger Publikationen. Dass seine Ausführungen jedoch auch sozialräumliche Gedanken beinhalten, wurde bisher von keinem Autor erkannt und explizit fokussiert.
Besonders in seiner Schrift zur möglichen Gründung eines Bürgerhofes nach dem Brand von Hamburg im Jahre 1842 und seine Schriften zur Begründung des Rauhen Hauses enthalten zentrale Aussagen zur baulichen und sozialen Umsetzung einer Umgebung, die ihre Bewohner zu einem gebildeten, christlichen und familienfreundlichen Leben inspirieren und dauerhaft ermutigen soll. Wicherns Denken fußt offensichtlich in der Position, dass die Lebensweise und die ethischen Maßstäbe der Bewohner eines Gemeinwesens maßgeblich durch sozialräumliche Konzeption und bauliche Umsetzung ihres Wohn- und Lebensraumes beeinflusst werden. Es geht in dieser Master-Thesis also nicht um Wirkungsforschung (die ohnehin schwer möglich ist, da der von Wichern geplante Bürgerhof niemals gebaut wurde) - Inhalt dieser Arbeit ist vielmehr die Darstellung und kritische Diskussion der von Wichern geplanten Sozialräume „Bürgerhof“ und „Rauhes Haus“. Da man die Ausführungen Wicherns auf der Basis einer Darstellung seiner Biographie und eines Exkurses zu Wicherns Familienbildung deutlicher nachvollziehen kann, werden diese beiden Elemente am Anfang der Arbeit stehen. Die biographischen Ausführungen werden sich allerdings auf Wicherns Leben vor der Gründung des Rauhen Hauses im Jahre 1833 beziehen. Dargestellt werden die Lebenserfahrungen Wicherns, die für sein späteres Ideal einer Familie und eines Gemeinwesens von besonderer Bedeutung sind.
Im Anschluss werden die sozialräumliche Planung des Bürgerhofes und des Rauhen Hauses dargestellt. In einem folgenden Abschnitt wird das
3
Gemeinsame beider Konzepte gesucht und in den fünf Dimensionen eines idealen Gemeinwesens zusammengeführt. Im vorletzten Kapitel dieser Arbeit werden die ausgeführten Gedanken Wicherns kritisch diskutiert und die sozialpädagogische Effektivität sowie die möglichen Stolpersteine in Wicherns Argumentation in den Blick genommen. Anschließend wird Wicherns Vorstellungen den Entwürfen sozialistischer Utopisten des 18./19. Jahrhunderts gegenüber gestellt. Diese kritische Betrachtung soll allerdings keineswegs die Tatsache verstellen, dass Wichern ein sozialpädagogisch, sozialräumlich denkender Pionier des 19. Jahrhunderts ist, der zu einer Gruppe von Visionären zu zählen ist, die mit vielen Gedanken ihrer Zeit weit voraus eilen. Es wäre töricht, Wichern mit gegenwärtigen pädagogischen Maßstäben zu erfassen. Vielmehr gilt es, ihn als Denker seiner Zeit zu sehen, der zahlreiche neue sozialpädagogische Ideen hervorgebracht hat, die es im letzten Kapitel dieser Arbeit zu würdigen gilt. Mir persönlich geht es darum, aufzuzeigen, dass das sozialräumliche Paradigma keine wissenschaftliche Neuentwicklung der Gegenwart ist, sondern vielmehr in den Gedanken Johann Hinrich Wicherns und in den Gedanken verschiedener sozialistischer Utopisten des 18. und 19. Jahrhunderts sein historisches Fundament hat. „Doch nun genug! - Vernehmen Sie jetzt aus anderem, befreundetem Munde, wie viel der Liebe uns schon im Stillen geworden, ein unabweisbar Zeugnis, daß der Gott mit uns ist, von dem die rettende Liebe stammt“ 1
1 Wichern, Johann Hinrich: Die öffentliche Begründung des Rauhen Hauses, In: Meinhold, Peter
(Hg.): Johann Hinrich Wichern. Sämtliche Werke. Band IV / Teil 1: Schriften zur Sozialpädagogik,
Berlin 1958, S. 114
4
WICHERNS KINDHEIT UND JUGEND (1808 - 1827)
2.1 Wicherns Elternhaus
Johann Hinrich Wichern wird am 21. April 1808 in Hamburg geboren. Sein Vater ist zuerst Küfer, wird aber dann durch eine Krankheit dazu gezwungen, den Beruf des Schreibers auszuüben. In einer einzigartigen darauf folgenden Karriere arbeitet er sich zum Notar und Übersetzer hoch und erreicht damit für sich und seine Familie einen bescheidenen Wohlstand, der seinem Sohn Johann Hinrich den Besuch der höheren Schule ermöglicht. 2 Der Ehrgeiz des Vaters hinterlässt auch seine Spuren im Charakter Wicherns: Die Tatsache, dass es dieser mithilfe seiner sprachlichen Begabung, seiner Zielstrebigkeit und eiserner Disziplin so weit gebracht hat, hält sich sein Sohn lebenslang als Vorbild vor Augen. 3 Wicherns Mutter entstammt einem verarmten holländischen Adelsgeschlecht und hat nach Aussage Wicherns „von frühester Jugend hart arbeiten müssen“ - ihr verdankt er nach seiner eigenen Einschätzung den „Sinn für Pünktlichkeit und Ordnung“ 4 . „Noch im hohen Alter hat seine Mutter im Rauhen Haus unermüdlich Gemüse geputzt und Kartoffeln geschält.“ 5
Außer Johann Hinrich hat die Familie noch sechs weitere Kinder. Die Eltern sind bemüht, allen die nötige Sorge und Bildung angedeihen zu lassen und ihnen eine gute Grundlage für ihr späteres selbständiges Leben zu liefern. Doch die Förderung ist auch stets mit Erwartungen verbunden. Die Wicherns verbindet ein „überaus starker Leistungsgedanke“ 6 . In seiner Familie lernt Wichern auch, wie wichtig es ist, zusammenzuhalten und sich gegenseitig zu unterstützen - dieser Gedanke wird ihn sein gesamtes Leben als ein hohes Ideal begleiten. Beim Konzept des Bürgerhofes, das später dargestellt wird, findet sich genau dieses Bild der sich gegenseitig unterstützenden und
2 Vgl. Klein, Michael: Feuer der Nächstenliebe: Johann Hinrich Wichern. Der Gründer der Inneren
Mission in Texten und Bildern, Neukirchen-Vluyn 1998, S. 11
3 Vgl. Steinacker, Hans: Johann Hinrich Wichern. Ein Menschenfischer aus Passion, Neuhausen-
Stuttgart 1998, S. 11
4 Ebd., S. 11
5 Ebd., S. 11
6 Klein, Michael: Feuer der Nächstenliebe: Johann Hinrich Wichern. Der Gründer der Inneren Mission
in Texten und Bildern, Neukirchen-Vluyn 1998, S. 11
5
fördernden vorbildlichen Familie und auch bei der Konzeption des Rauhen Hauses ist es Wichern ein zentrales Anliegen, Analogien zu diesem Familientypus herzustellen, der ihm selbst zu seiner Persönlichkeit und seiner moralischen und christlichen Gesinnung verholfen hat.
2.2 Wicherns Schulzeit (1814-1823)
Wicherns Vater kümmert sich darum, dass sein Sohn eine solide Schulbildung erhält. 1814 wird er in eine Privatschule der „besseren Stände“ eingeschult. Der Schulleiter ist ein junger Theologe, der seinen Unterricht nach den Prinzipien der Pädagogik Pestalozzis durchführt und dem die Entwicklung jedes einzelnen Schülers am Herzen liegt. 7 Ein unerwarteter Vorfall beendet Wicherns Zeit an der Privatschule: „Der Herr Lehrer hat plötzlich, obwohl ich gar nichts besonders Böses getan habe, ganz furchtbar auf mich eingeschlagen!“ 8 Wicherns Vater reagiert sofort und meldet den 10jährigen 1818 in der Bürgerschule, dem Johanneum, an - die kommende Zeit wird für Johann Hinrich „qualvoll: zwar loben die Zeugnisse seinen Fleiß und daß der immer verschlossener werdende junge Schüler ordentlich mitkomme, aber die Mathematik-Schwächen“ 9 stellen eine große Hürde dar. Wichern erfährt die schulische Ausbildung als ein sehr hohes Gut, das ihm sein Vater ermöglicht. Bildung ist für ihn sozusagen das größte Geschenk, das eine Familie ihrem Nachwuchs machen kann. Vielleicht führt diese Einstellung dazu, dass er den Bürgerhof und das Rauhe Haus als Lerngemeinschaften konzipiert, in denen Familienbildung, auf die ich später gesondert eingehe, die dominante Zielsetzung ist.
2.3 Ein tiefer Einschnitt: der Tod des Vaters
Der unerwartete Tod des Vaters ist für Wichern ein harter Schicksalsschlag. 10 Er schreibt später im Gedenken an ihn: „Mein Vater war
7 Vgl. Steinacker, Hans: Johann Hinrich Wichern. Ein Menschenfischer aus Passion, Neuhausen-
Stuttgart 1998, S. 11-12
8 Zit. n. ebd., S. 12
9 Zit. n. ebd., S. 14
10 Vgl. Klein, Michael: Feuer der Nächstenliebe: Johann Hinrich Wichern. Der Gründer der Inneren
Mission in Texten und Bildern, Neukirchen-Vluyn 1998, S. 11
6
der einzige, der mich ganz verstand, mit allen meinen Gebrechen und auch mit allem, was in mir zum Licht emporstrebte [...] Es gehörte zu den Erquickungen nach des Tages Last und Hitze, den Vater am Kontor abzuholen, mit ihm eingehend sich über alles auszutauschen, die Arbeit, die den Abend fortgesetzt wurde, durch eine Stunde gemeinsamen Klavierspiels zu unterbrechen, bis die Mutter ans Bett gemahnte.“ 11 Diese Geborgenheit, die Wichern bei seinem Vater erleben durfte, wird ihm auch später bei der Konzeption des Rauhen Hauses vor seinem inneren Auge sein, wenn er in Form der Brüder jedem Wohnhaus eine „Vaterfigur“ zuordnet. Und auch bei seiner Vision vom Bürgerhof spielt der Vater eine große Rolle, der die Zeit jenseits seines Arbeitslebens bei seiner Frau und seinen Kindern verbringt, um diesen Vorbild zu sein und ihnen seine christlichen und bürgerlichen Werte zu vermitteln.
Nun beginnt eine schwere Zeit für die Familie Wichern: Um ihre Familie durchzubringen, baut sich Wicherns Mutter einen kleinen Laden auf. Auch Johann Hinrich, ihr Ältester, trägt umfassend zum Unterhalt der Familie bei, indem er Klavierunterricht und Hausunterricht bei den gehobenen Familien der Stadt erteilt. 12 Schließlich muss Wichern seine Schulausbildung aus finanziellen Gründen vorzeitig beenden und wird Erziehungsgehilfe an einer christlichen Privatschule - diese Aufgabe versieht er zwei Jahre lang (1824 -1825). Hier erkennt er den Wert ehrlicher Arbeit und die Wichtigkeit, dass jeder Mensch für sein tägliches Brot sorgen kann. Bei der Konzeption des Bürgerhofes und des Rauhen Hauses ist es ihm später wichtig, dass Kinder schon von klein auf für einen Teil ihres Unterhalts selbst sorgen können und früh das Fertigen von Kleidung und das Anpflanzen von Lebensmitteln erlernen.
11 Zit. n. Steinacker, Hans: Johann Hinrich Wichern. Ein Menschenfischer aus Passion, Neuhausen-
Stuttgart 1998, S. 14 - 15
12 Vgl. Klein, Michael: Feuer der Nächstenliebe: Johann Hinrich Wichern. Der Gründer der Inneren
Mission in Texten und Bildern, Neukirchen-Vluyn 1998, S. 11
7
2.4 Wicherns Gymnasialzeit (1826 - 1827)
Als sich Wichern 1826 am akademischen Gymnasium der Hansestadt immatrikuliert, erfährt er selbstlose Unterstützung: Wohlhabende Kreise Hamburgs helfen ihm und seiner Familie mit Geld- und Sachspenden. Die Gönner gehören zu den überzeugten Christen der Stadt, denen wohltätige und fürsorgende Armenpflege besonders wichtig ist. 13 Der Gedanke, dass wohlhabende Menschen eines Gemeinwesens Benachteiligte unterstützen und fördern sollten, damit auch diese eine Chance in ihrem Leben haben und Bildung erlangen, lässt Wichern nicht mehr los. Er spiegelt sich auch in der bürgerhofinternen solidarischen Orientierung wider. Außerdem appelliert Wichern bei all seinen Projekten an den Geist der Nächstenliebe wohlhabender Kreise der Stadt Hamburg und ganz Deutschlands und es gelingt ihm so, immense Spendengelder und sonstige Unterstützungen zu aktivieren. WICHERNS STUDIENZEIT (1828 - 1831)
2.5 Die Göttinger Jahre (1828 - 1829)
Durch die Gaben wohlhabender Gönner wird Wichern nach gut bestandenem Abitur auch sein Studium der Theologie in Göttingen ermöglicht. Im ersten Jahr verfügt er durch großzügig bemessene Spenden über ein Jahresbudget von 1000 Mark - „eine ausreichende Summe, wenn man bedenkt, dass zu der Zeit ein Paar Schuhe schon für 12 Mark zu kaufen und ein einfach möbilisiertes Zimmer mit Frühstück schon für 12 bis 15 Mark zu mieten waren.“ 14 Wichern legt bereits während seines ersten Semesters einen ungeheuren Eifer an den Tag: „Nur am Sonntagnachmittag gewährt er sich Freizeit. Sonntags morgens liest er die lateinischen Kirchenväter, da ihm die Universitätsgottesdienste nicht zusagen.“ 15 Neben seinen Studien gibt
13 Vgl. Vgl. Klein, Michael: Feuer der Nächstenliebe: Johann Hinrich Wichern. Der Gründer der
Inneren Mission in Texten und Bildern, Neukirchen-Vluyn 1998, S. 13
14 Steinacker, Hans: Johann Hinrich Wichern. Ein Menschenfischer aus Passion, Neuhausen-Stuttgart
1998, S. 22
15 Klein, Michael: Feuer der Nächstenliebe: Johann Hinrich Wichern. Der Gründer der Inneren
Mission in Texten und Bildern, Neukirchen-Vluyn 1998, S. 24
8
Wichern Privatunterricht, unter anderem im Haus des Barons von Leukam, des Schwiegervaters des österreichischen Staatskanzlers Metternich.
2.6 Die Berliner Studienzeit (1830 - 1831)
1830 verlässt Wichern Göttingen, um sein Studium in Berlin fortzusetzen. Auf der Hinreise macht er Halt in Halle, wo August Hermann Francke (1663 -1727) „ein weltbekanntes Liebeswerk geschaffen [hatte], das eine weit gefächerte Waisenhausarbeit, aber auch medizinische Versorgung, Welt-und Schriftenmission sowie Bibelverbreitung gleichermaßen zum Ziel hatte.“ 16 Wichern berichtet seiner Mutter in einem Brief: „Das ganze ungeheure Werk des frommen Hermann Francke, der es gegründet hat, macht für den, der weiß, was er an dem Halleschen Waisenhaus sieht, einen ebenso stärkenden wie erhebenden Eindruck.“ 17 Eventuell ist diese Begegnung mit Franckes diakonischem Wirken der Auslöser für Wicherns Wunsch, selbst eine solche Einrichtung bzw. ein ganzes Gemeinwesen im Geiste christlicher Nächstenliebe zu konzipieren.
Zum Wintersemester 1830/31 kehrt Wichern nach Hamburg zurück, um dort sein Examen vorzubereiten, das er 1832 abschließt. Da keine Pfarrstelle in Aussicht ist, arbeitet Wichern nach dem Examen als Hauslehrer. Zusätzlich übernimmt er die Aufgabe eines Oberlehrers in der Sonntagsschule des Pastors Rautenberg. Ergänzt wird die Arbeit in der Sonntagsschule durch einen Besuchsverein. Das sind ehrenamtliche Helfer, die arme Familien zu Hause aufsuchen. „Wichern trifft hier auf total verwahrloste Menschen. Am meisten leiden naturgemäß die Kinder unter den Zuständen.“ 18 Der Theologe wird sich der begrenzten Wirkkraft des Besuchsvereins bewusst. Er empfindet diesen Ansatz als zu punktuell und oberflächlich. „Um den Kindern wirklich eine Zukunft zu eröffnen, müssen sie aus den bedrückenden Lebensumständen herausgeholt werden. Wichern denkt immer mehr an die Gründung eines Rettungshauses.“ 19
16 Steinacker, Hans: Johann Hinrich Wichern. Ein Menschenfischer aus Passion, Neuhausen-Stuttgart
1998, S. 23 - 24
17 Zit. n. ebd., S. 24
18 Ebd., S. 31
19 Klein, Michael: Feuer der Nächstenliebe: Johann Hinrich Wichern. Der Gründer der Inneren
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Arbeit zitieren:
Master of Arts, Diplom-Diakoniewissenschaftler, Diplom-Religionspädagoge, Diplom-Sozialpädagoge Marco Schäfer, 2008, Sozialräumliches Denken in der Sozialpädagogik Johann Hinrich Wicherns, München, GRIN Verlag GmbH
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