Hauptseminar Mediävistik:
Erziehung und Ausbildung in der deutschen Literatur des Mittelalters SS 2001
Die Erziehung Tristans und Isoldes bei Gottfried von Straßburg
Evelyn Overhoff
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Zum Verhältnis von Bildung und Erziehung. 2
3 Höfische Erziehung im Hochmittelalter. 3
3.1 Zum Problem der Quellenlage 4
3.2 Erziehung zum ritter. 5
3.3 Erziehung zur frouwe 6
4 Die Erziehung als Thema bei Gottfried. 8
5 Die Erziehung Tristans. 8
5.1 Die Schwertleite als Abschluß der Ausbildung 11
5.2 Die Besonderheiten der Erziehung Tristans 13
5.3 Last durch Bildung 14
6 Die Erziehung Isoldes 15
6.1 Isoldes Ausbildung vor der Begegnung mit Tristan. 15
6.2 Erziehung durch den Spielmann Tantris 16
6.3 Die Rolle der morâliteit 18
6.4 Isoldes Ausbildung als Voraussetzung für ihre Exzeptionalität 20
7 Die Folgen der Erziehung für Isolde und für Tristan. 21
8 Die Rolle der Musik 22
8.1 Tristan und die Musik. 23
8.2 Isoldes musikalische Fähigkeiten. 26
8.3 Tristan und Isolde musizieren in der Minnegrotte 28
8.4 Bewertung der Rolle der Musik im Tristan 29
9 Fazit. 31
10 Literaturverzeichnis 33
1
1 Einleitung
In keinem anderen Werk der höfischen Literatur wird der Erziehung und Ausbildung des Protagonisten ein so breiter Raum eingeräumt, wie es Gottfried von Straßburg im Tristan tut, der um 1210 entstanden ist. 1 Allein diese Tatsache verlangt nach Erklärungen. Warum legt Gottfried so großen Wert nicht nur auf die Erziehung seines Helden, sondern auch auf die adäquate Bildung von dessen Geliebter? Der Tristan bildet im Blick auf die Beschreibung von Erziehung den Höhepunkt in der höfischen Literatur. Die Bildung, welche die beiden Protagonisten Tristan und Isolde aufgrund ihrer Erziehung erlangt haben, spielt für den gesamten Handlungsverlauf eine eminent wichtige Rolle.
Zunächst wird kurz der Bildungsbegriff des Mittelalters dargestellt, um von dem heutigen Bildungsbegriff, der sich in vielerlei Hinsicht von dem des Mittelalters unterscheidet, abzurücken. Denn die Übertragung der modernen Bildungsmaßstäbe auf das Mittelalter muß unweigerlich zu Mißverständnissen und Brüchen in der Deutung des zu untersuchenden Materials führen.
Um einen Eindruck von der Erziehung junger Adeliger im Hochmittelalter zu bekommen, wird diese zunächst kurz skizziert, wobei zwischen Jungen- und Mädchenerziehung unterschieden wird.
Es folgt die Erziehung Tristans, die mit seiner Schwertleite ihren Abschluß findet. Die Schwertleite findet hier nur unter dem Gesichtspunkt als Schlußpunkt einer adeligen Erziehung Beachtung. Die Besonderheiten der Beschreibung, die bei Gottfried zu finden sind, wie z.B. der Literaturexkurs, werden beiseite gelassen, da ihre Analyse im Rahmen dieser Arbeit zu weit führen würde.
Parallel zu der Schilderung der Ausbildung Tristans wird die Erziehung Isoldes beschrieben, um im Anschluß wieder die Besonderheiten des Ausbildungsganges aufzuzeigen.
Eine besondere Rolle im Rahmen der Erziehung der beiden Protagonisten spielt die Musik. Diese ist der Bereich, in dem Tristan und Isolde zu vollkommener Harmonie gelangen. Aus diesem Grund widmet sich ein breiter Teil der Arbeit zunächst den musikalischen Fähigkeiten der beiden, um dann detailliert die Rolle der Musik im Tristan Gottfrieds zu beschreiben.
1 zum Problem der Datierung vgl.: Huber, Christoph: Gottfried von Straßburg: Tristan. Berlin 2000, S.
27-30.
2
2 Zum Verhältnis von Bildung und Erziehung
Erziehung geht im heutigen Verständnis immer einher mit Bildung, da diese das Ergebnis von Erziehung und Ausbildung ist. Auch für das Mittelalter ist die Bildung das Ergebnis der Ausbildung des Einzelnen. Es ist jedoch ein anderer Bildungsbegriff als der heute geläufige. Ein bedeutender Unterschied ist die Verengung des Bildungsbegriffes in der Gegenwart auf eine Kultur, die von Lese- und Schreibfähigkeit ihrer Mitglieder beherrscht wird. 2 Wer nicht lesen und schreiben kann, der kann auch nicht gebildet sein. Bildung setzt vermeintlich Literarizität voraus.
Diese Prämissen führen dazu, daß das im Mittelalter übliche Analphabetentum eines Großteils der Bevölkerung in der Gegenwart häufig mit ungebildet gleichgesetzt wird. Eine Gesellschaft, in der die Schrift auch zur Tradierung von Wissen nur eine unterge-ordnete Rolle spielt, kann kein hohes Bildungsniveau besitzen. Dies ist eine weit verbreitete Ansicht in der Gegenwart.
Es ist aber unbestritten, daß die Gesellschaft des Mittelalters keineswegs ungebildet war, sondern durchaus einen hohen Bildungsgrad besaß. Denn „illiterat“ war nicht gleichbedeutend mit ungebildet. Es hieß schlicht „schriftunkundig“, war also in diesem Sinne eher gleichbedeutend mit „Laie“ im Gegensatz zum lateinisch gebildeten Kleriker 3 . Literat oder illiterat waren im Mittelalter Alternativen, die nebeneinander existierten. Es war nicht „tadelnswert“, nicht lesen und schreiben zu können. Die Bezeichnung „illiterat“ stellte keine Abwertung dar, sondern sie war zeitweise eher eine Abgrenzung zu anderen Gesellschaftsschichten und Ständen, die aufgrund der Lese- und Schreibfähigkeit charakterisiert wurden. 4
So bezeichnet der Begriff „literat“ an heutigen Maßstäben gemessen ein Minimum an literarischen Fähigkeiten, das in der Gegenwart „jedem Schulkind“ und „erst recht jedem Erwachsenen“ zugemutet wird. 5 Dieses Mindestmaß war in der mittelalterlichen Gesellschaft nicht gefordert, gefordert wurde es lediglich von Klerikern und Mönchen. Die ständespezifische Differenzierung der Erziehung führte dazu, daß sich mit dem Adel auch eine Art illiterate Elite herausbildete, die sich auch in ihren Bildungsansprü- 2 Boehm,Laetitia: Art. „Erziehungs- und Bildungswesen. A. Westliches Europa.“ In: Lexikon des Mittel-
alters. Bd. III. München, Zürich 1986, Sp. 2196f.
3 vgl. hierzu. Grundmann, Herbert: Die Frauen und die Literatur im Mittelalter. In: Archiv für Kulturge-
schichte 26 (1936), S. 130f.
4 vgl. ausführlich zu der Entwicklung der beiden Begriffe: Grundmann, Herbert: Litteratus - Illitteratus.
Der Wandel einer Bildungsnorm von der Antike zum Mittelalter. In: Archiv für Kulturgeschichte 40
(1958), S. 1 - 65, hier S. 3.
5 Grundmann: Litteratus, S. 3.
3
chen deutlich von den niederen Ständen abgrenzen wollte. Obwohl ein Großteil des Adels nicht lesen konnte, sind viele ambitionierte Werke von „gebildeten“ Autoren überliefert, die für ein „gebildetes“ Publikum geschrieben haben. Es existierte in der Laienkultur eine mündliche Überlieferung in der Volkssprache, die bewahrt und später aufgeschrieben wurde und so ihre Überlieferung in die Gegenwart gefunden hat. 6 Literat und illiterat wurden im Mittelalter also nicht wertend oder abwertend verwendet, sondern die Begriffe beschreiben jeweils unterschiedliche Bildungswelten, die neben-einander existierten und sich gegenseitig respektierten.
Deutlich war jedoch die Verteilung der unterschiedlichen Bildungsformen auf die verschiedenen Stände: Ein lateinkundiger „Litteratus“ war Mönch oder Kleriker, also ein Mann der Kirche, der auch Verwaltungsaufgaben in der Kanzlei übernahm. Die schrift-und lateinunkundige „Illitterati“ waren Laien aller Gesellschaftsschichten. Ein bestimmtes Maß an literarischer Bildung wurde bei den Laien von Königssöhnen und Frauen des Hofes gefordert, „bei anderen Laien ist es ungewöhnlich und auffällig, wenn sie litterati sind“. 7
Wenn in dieser Arbeit von Bildung gesprochen wird, liegt immer der mittelalterliche Bildungsbegriff zugrunde.
3 Höfische Erziehung im Hochmittelalter
Die Erziehung an den Adelshöfen des Mittelalters unterscheidet sich in wesentlichen Punkten von der scholastischen Ausbildung, die angehende Kleriker an den Schulen der Klöster erhalten.
Bei der in den Klöstern vermittelten Bildung handelt es sich um eine „schriftliche, lateinische Klosterkultur“ 8 , deren Grundlage die aus der Antike überlieferten septem artes liberales sind. Lesen und Schreiben und das Beherrschen der lateinischen Sprache sind die Grundvoraussetzungen für die nachfolgenden wissenschaftlichen Studien. Den Gegensatz zu dieser Kloster- oder Gelehrtenbildung bildet die an den Adelshöfen vermittelte volkssprachliche und schriftlose Laienkultur. Folgt die scholastische Ausbildung einem Lehrplan, so gründet sich die Adelserziehung im wesentlichen auf altgermanische Gewohnheiten, die volkssprachlich überliefert worden sind. Die schriftlose
6 Weddige, Hilkert: Einführung in die germanistische Mediävistik. 3., durchges. u. erw. Aufl. München
1997, S. 55.
7 Grundmann: Litteratus, S. 14.
8 Weddige: Einführung in die germanistische Mediävistik, S. 45.
4
Bildung wird nicht als Makel empfunden, sondern mit einem gewissen Standesstolz und dem Bewußtsein getragen, sich von anderen Ständen abzugrenzen. 9
3.1 Zum Problem der Quellenlage
Für die Erforschung der Erziehung der adeligen Jugend im Mittelalter liegen im Prinzip zwei Quellentypen vor, in denen diese Ausbildung geschildert wird. Dies sind zum einen die literarischen Texte, wie z.B. der Tristan Gottfrieds von Straßburg, andere höfische Epen oder auch Lehrdichtungen, wie z.B. der Wälsche Gast des Thomasin von Zerkl#re. Es ist mit ziemlicher Sicherheit davon auszugehen, daß die in diesen Werken geschilderte oder geforderte Erziehung einem Idealbild entspricht, das in der Realität nicht eingehalten werden konnte.
Auf der anderen Seite stehen die historischen Quellen, die - so sollte man vermuteneinen realistischeren Blick auf die Erziehung ermöglichen sollten. Nur ist auch hier die Quellenlage, wie für einen großen Teil des Mittelalters, sehr dürftig, so daß es schwierig ist, von den vorhandenen Bruchstücken auf allgemeine Tendenzen zu schließen. Erschwerend für den deutschen Sprachraum kommt noch hinzu, daß es nur wenige deutsche Quellen gibt, die über die Erziehung von Fürsten an fremden Höfen berichten. Aus diesem Grund führt L. Fenske seine ausführliche Untersuchung zur Knappenerziehung auf der Grundlage von anglo-normannischen und französischen Quellen. 10 Das Fehlen der deutschen Quellen zu diesem Themenkomplex ist für Fenske bereits bezeichnend. Trotz der prekären Quellenlage unternimmt Fenske den Versuch, Grundzüge einer Knappenerziehung im Mittelalter darzulegen und die Ergebnisse, die er aus einzelnen Quellen gewinnt, vorsichtig zu verallgemeinern, auch wenn sich dieses als recht schwierig herausstellt.
Das folgende Kapitel über die Erziehung zum Ritter stützt sich dann auch im wesentlichen auf die Ergebnisse von Fenske, die auf den vorhandenen historischen Quellen beruhen. Diese sind deshalb für die literarischen Texte wichtig, weil auch fiktionale Texte ein gewisses Maß an Realität widerspiegeln müssen, um bei den Rezipienten auf Akzeptanz zu stoßen. So bleiben für sie die geschilderten Vorgänge auf der einen Seite
9 Boehm: Erziehungs- und Bildungswesen, Sp. 2199.
10 vgl. zu diesem Problem: Fenske, Lutz: Der Knappe: Erziehung und Funktion. In: Josef Fleckenstein
(Hg.): Curialitas. Studien zu Grundfragen der höfisch-ritterlichen Kultur. Göttingen 1990, S. 59.
5
nachvollziehbar und auf der anderen Seite können sie eventuelle Besonderheiten erkennen und bewerten.
3.2 Erziehung zum ritter
Die Ausbildung der jungen Adeligen teilt sich sowohl in den literarischen Zeugnissen als auch in den historischen Quellen in zwei unterschiedliche Bereiche: auf der einen Seite steht das körperliche Training für die männlichen Adeligen, die für eine Ritterlaufbahn vorgesehen sind und auf der anderen Seite steht die geistige Bildung, die auch die Vermittlung höfischer Verhaltensweisen und Umgangsformen umfaßt. Beide Bereiche sind in jeder Hinsicht eng an den Hof geknüpft. 11
Auf eine gewisse Systematik in der ritterlichen Erziehung lassen die sieben probitates schließen, die seit dem 12. Jahrhundert immer wieder als „Grundstock“ der Ausbildung begegnen. Bereits der Name läßt die Anlehnung an die septem artes liberales aus der scholastischen Ausbildung erkennen. Petrus Alfonsi nennt sieben ritterliche Künste: Reiten, Schwimmen, Pfeilschießen, Fechten, Jagen, Schachspiel und Versemachen. 12 Die Aufzählung dieser probitates zeigt, daß die physische Ausbildung zwar im Vorder-grund steht, jedoch von den Jungen auch die Kunst höfischen Verhaltens gefordert wird. Die körperlichen Übungen beinhalten in erster Linie Training im Umgang mit Waffen und das Reiten im ritterlichen Kampf. Obwohl es zunächst plausibel erscheint, diesen Teil der Erziehung von der Einübung des höfischen Verhaltens streng zu trennen, ist eine solche Trennung nicht möglich, da auch im ritterlichen Kampf von den Teilnehmern höfisches Verhalten gefordert wird. Zumal sich die vornehme und adelige Gesinnung in der Vorstellung des Mittelalters auch in der körperlichen Haltung ausdrückt und diese beiden Bereiche somit nicht voneinander zu trennen sind. Neben der körperlichen Ertüchtigung spielen die gesellschaftlichen Umgangsformen eine sehr wichtige Rolle bei der Erziehung. In diesen Bereich gehören auch für den Mann musische Fähigkeiten wie das erwähnte Versemachen oder auch die Kenntnis von Heldenliedern, „Spruchweisheit mit Saitenspiel“ 13 und Schachspiel. Letzteres nimmt in der mittelalterlichen Adelskultur eine herausragende Stellung ein, da es als das Spiel der
11 Bumke, Joachim: Höfischer Körper - Höfische Kultur. In: Joachim Heinzle (Hg.): Modernes Mittelal-
ter. Neue Bilder einer populären Epoche. Frankfurt/Main, Leipzig 1994, S. 68.
12 Feilzer, Heinrich: Jugend in der mittelalterlichen Ständegesellschaft. Ein Beitrag zum Problem der
Generationen. Wien 1971, S. 168.
13 Boehm: Erziehungs- und Bildungswesen, Sp. 2199.
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Evelyn Overhoff, 2001, Die Erziehung Tristans und Isoldes bei Gottfried von Straßburg, München, GRIN Verlag GmbH
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