Der vorliegende Essay beschäftigt sich mit der Frage, ob es überhaupt eine Historiographie geben kann, die auf Charakteren basiert und welcher Art die Erkenntnisse sind, die eine solche aus vergangenen Versuchen, sich mittels der Definition oder Konstruktion gesellschaftlicher Charaktertypen ein Bild von Geschichte zu machen, gewinnen könnte. Einen derartigen Versuch finden wir z.B. bei dem Würzburger Archäologen Heinrich Bulle Anfang 1896, der sich in seinem Buch „Der schöne Mensch im Altertum. Eine Geschichte des Körperideals bei Ägyptern, Orientalen, Griechen“ auf der Grundlage der Analyse antiker Schönheitsvorstellungen ein Bild der Altertums zeichnet, das vermutlich mehr über Ideale der europäischen Aufklärung aussagt als über diejenigen von Ägyptern, Orientalen und Griechen. Bei Jacob Burckhardt erscheint der ideale Charakter des griechischen Menschen durch die harmonische Ganzheit seiner Anlagen definiert, deren Vervollkommnung er stets anzustreben bemüht ist. Wichtige Attribute dieses Menschen sind demzufolge Schönheit, Gesundheit, Begabung, Sprache usw. Ein vergleichbares Denken finden wir in den Völkerkunden des ausgehenden 19. Jh.: Hier wird ebenfalls durch die Untersuchung von Lebensumständen, Verhaltensweisen und Wertvorstellungen versucht, Rückschlüsse auf den Menschen zu ziehen, allerdings ausgehend von den gegenwärtigen Verhältnissen in unterschiedlichen Regionen und erst in zweiter Linie von deren vorangegangener historischer Entwicklung, wobei am Ende die Postulierung von nationalen Identitäten steht. Abseits von der Frage nach der Sinnhaftigkeit und methodischen Stichhaltigkeit solcher Versuche lässt sich aus ihnen doch zumindest erkennen, dass es scheinbar gewisse anthropologische Konstanten gibt, da ohne solche kein Verstehen möglich wäre. Die Tendenz einer charakterbasierten Historiographie wurde im 20. Jh. durchaus weiterverfolgt: Sie wurde insbesondere von der französischen Annales-Schule (seit 1929) aufgegriffen und artikuliert sich z.B. in Titeln wie „Der Mensch des Mittelalters“, hrsg. von Jaques LeGoff und „Der Mensch der griechischen Antike“, hrsg. von Jean-Pierre Vernant. Die Annales-Schule war damit einerseits modern, da sie Strukturen, Mentalitäten usw. gegen eine reine (politische und militärische) Ereignisgeschichte ins Feld führte, andererseits aber anachronistisch, da sie letztendlich doch wieder versucht, historische Charaktere ausfindig zu machen. Eine wichtige Errungenschaft des 20. Jh. ist sicher, dass der Begriff des Charakters differenzierter betrachtet wird, indem
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sich die Rede vom Verhalten durchsetzt, dessen Verhältnisses zum Individuum bestimmt werden müsse. Dieses Denken finden wird kaum anders bei Aristoteles, wenn er das bewusste Verhalten von demjenigen unterscheidet, dass durch Gewohnheiten bewirkt bzw. durch Erziehung erworben wird, unterscheidet. Es wird in der heutigen Kulturgeschichte aufgegriffen und zu einem Bild des Menschen modifiziert, welcher gewissermaßen mehrere Charaktere in sich vereint und sein habituelles Verhalten an die jeweilige Situation anzupassen imstande ist. Der Charakter ist somit kein unveränderliches „Sein“ sondern definiert durch habituelle Verhaltensweisen, in denen einerseits erworbene Schemata wirken, andererseits die bewusste Kontrolle und Entscheidungsfreiheit des Individuums zum Tragen kommt. An dieser Stelle erscheint es sinnvoll, einen kurzen Überblick über die ersten 18 Kapitel des 2. Buchs von Aristoteles´ Rhetorik zu geben, um zu verstehen, worauf alle Versuche, den „antiken Menschen“ zu charakterisieren, zwangsläufig rekurrieren müssen. Er geht an dieser Stelle auf die Möglichkeiten der Beeinflussung eines Urteilenden durch den Redner ein. Die Wirkung der Rede (und der in ihr verhandelten Sache) ist maßgeblich von dessen Auftreten und der daraus sprechenden Glaubwürdigkeit abhängig. Zum Zwecke der Beeinflussung müsse der Redner 1. Eindruck hinterlassen 2. seine eigene Stimmung vermitteln und 3. die Stimmung der Zuhörer steuern. Danach geht Aristoteles im Detail auf einzelne „Affekte“ auf der Grundlage dreier Aspekte ein: 1. In welcher Gemütsverfassung befinden sich die Betroffenen? 2. Wer bringt wem diesen Affekt entgegen? und 3. Aus welcher Ursache erwachsen die Affekte? Wichtig hervorzuheben ist an dieser Stelle, dass die Definition von Affekten als „das, durch dessen Wechselspiel sich die Menschen in ihren Urteilen unterscheiden“ eine Vorstellung von Bewegung zum tragen kommt, eine Beeinflussung durch den Redner daher in dieses Wechselspiel eingreifen kann und einzelnen ein Übergewicht verschaffen kann. Der Rhetor muss also über ein profundes Wissen um die sozialen und historischen Kontexte der Affekte verfügen, da sie das Denken beeinflussen und damit die Schlussfolgerungen, die sich schließlich in einem Urteil ausdrücken. Affekte sind nach Aristoteles stets entweder mit Lust oder Schmerz verbunden und zudem abhängig von der gesellschaftlichen Stellung der Beteiligten: So wird denn beispielsweise der Zorn nicht abstrakt definiert, sondern in einen gesellschaftlichen Kontext eingebettet: Er sei „ein von Schmerz begleitetes Trachten nach Vergeltung wegen einer zugefügten Geringschätzung“. Die Anwesenheit von Schmerz stellte z.B. vor Gericht ein Kriterium dar
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Arbeit zitieren:
Malte Sachsse, 2008, Kann und sollte sich Historiographie an gesellschaftlichen Charaktertypen orientieren?, München, GRIN Verlag GmbH
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