Inhaltsverzeichnis
A Priming in Fernsehdebatten am Beispiel des zweiten TV-Duells des
Bundestagswahlkampfes 2002 zwischen Schröder und Stoiber 3
1. Einleitung: Agenda Setting und Priming 3
2. Vorstellung der Studie 5
3. Kandidaten-Priming und das Ann-Arbor-Modell 6
4. Fernsehdebatten und die TV-Duelle 2002 9
5. Wahlkampfjahr 2002: Im Vorfeld der TV-Duelle 10
6. Methodik der Analyse 12
7. Ergebnisse der Analyse 15
8. Schlussfolgerung und Diskussion 22
B Anhang 25
1. Fragebogen 1 25
2. Fragebogen 2 38
3. Syntax 50
4. Wahlabsicht vor und nach dem Duell (in Prozent) 54
5. Korrelationen zwischen den Items der Persönlichkeitseigenschaften und Meinung für
Schröder und Stoiber vor und nach dem Duell 54
6. Korrelationen zwischen den Items der Sachkompetenzen und Meinung für Schröder und
Stoiber vor und nach dem Duell 59
7. Ausführliche Regressionsanalyse für Schröder vor dem Duell 64
8. Ausführliche Regressionsanalyse für Schröder nach dem Duell 65
9. Ausführliche Regressionsanalyse für Stoiber vor dem Duell 67
10. Ausführliche Regressionsanalyse für Stoiber nach dem Duell 69
C Bibliografie 71
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Visualisierung der Priming-Analyse 6
Abbildung 2: Ebenen des Kandidaten-Priming 7
Abbildung 3: Entwicklung der Wahlabsicht 2002 10
Abbildung 4: Parteiidentifikation 16
Abbildung 5: Meinung über Schröder vor und nach dem Duell 16
Abbildung 6: Meinung über Stoiber vor und nach dem Duell 17
Abbildung 7: Einschätzung der Sachkompetenz Schröders vor und nach dem Duell 17
Abbildung 8: Einschätzung der Sachkompetenz Stoibers vor und nach dem Duell 18
Abbildung 9: Einschätzung der Persönlichkeitseigenschaften Schröders vor und nach dem Duell 18
Abbildung 10: Einschätzung der Persönlichkeitseigenschaften Stoibers vor und nach dem Duell 19
Abbildung 11: Modelle der multiplen linearen Regression für Schröder und Stoiber vor und nach dem
Duell 21
2
A. Priming in Fernsehdebatten am Beispiel des zweiten TV-Duells des
Bundestagswahlkampfes 2002 zwischen Schröder und Stoiber
1. Einleitung: Agenda Setting und Priming
Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das erste Mal über das Agenda
Setting-Modell gesprochen. og
sich dabei auf die Hypothese, dass die Medien durch die Rahmung von Geschehnissen die
Tagesordnung, im speziellen die politische Medienagenda, bestimmen konnten. Es wurde
angenommen, dass durch eine Prioritätensetzung von Seiten der Medien bestimmte Themen
bevorzugt behandelt werden, wodurch ihnen eine höhere Wichtigkeit zugeschrieben wird, die
auch entsprechend von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird 1 . Nach weiterführenden
Studien zum Agenda Setting reifte die Vorstellung eines first level agenda setting und eines
second level agenda setting heran. Während das Erstere eine genauere Bezeichnung für das
Agenda Setting-Modell sein sollte, diente der zweite Begriff zur exakteren Beschreibung der
durch das Agenda Setting ausgelösten Prozesse. Die Fragestellung war hier
Es geht dabei um die Massenmedien, welche durch eine bestimmte Selektion und
Hervorhebung die Aufmerksamkeit der Rezipienten auf ausgewählte Themen lenken können 2 .
Die Idee des Priming und Framing war geboren. Framing, als Meinungs-Transfer, umzeichnet
dabei das Hervorrufen bestimmter Bewertungs- und Interpretationsprozesse bei den
Rezipienten durch die Salienz des Themas, also seiner Hervorhebung 3 . Priming, als Attribute-
Transfer, diente besonders der Beschreibungen der Konsequenzen des Agenda Setting.
Schenk umschreibt Priming wie folgt:
Ideen, Konzepte etc. als Knoten des Netzwerkes gespeichert und mit anderen solchen
Ideen über semantische Pfade verknüpft sind, dann kann Priming als Aktivierung
solcher Knoten durch externe Stimuli verstanden werden. Ein auf diese Weise
aktivierter Knoten dient als eine Art Filter, interpretativer Rahmen oder als Prämisse
für die weitere Informationsverarbeitung und Urteilsbildung. Wird ein solcher Knoten
aktiviert, erhöht sich dadurch die Wahrscheinlichkeit, daß bestimmte, mit ihm
1 Schenk, Michael: Medienwirkungsforschung. 2. Auflage. Mohr Siebeck: Tübingen 2002. S. 399 ff.
2 Ebd.: S. 403 ff.
3 Ebd.: S. 298 ff.
3
verbundene, Gedanken und Vorstellungen bewusst werden. Substantielle
Medienberichterstattung über einen Gegenstand hebt diesen Gegenstand aus den
Medieninhalten insgesamt hervor und erleichtert es dem einzelnen, sich Gedanken
darüber zu machen. Gleichzeitig wird dadurch sowohl die Breite als auch die Tiefe
von entsprechenden Assoziationen beeinflusst. Wie Iyengar zeigt, können solche
herausgehobenen Themen die Gedanken und Vorstellungen der Rezipienten derart
4
Noch enger gefasst, kann man Medien-Priming als Sonderform des eben gegebenen
psychologischen Konzepts des Priming verstehen. Hierbei bezeichnet Peter Medien-Priming
als den Prozess, in welchem
massenmedial vermittelte Informationen (als >>Primes<<) im Gedächtnis des
Rezipienten verfügbare Wissenseinheiten (2) temporär leichter zugänglich machen.
Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, (3) dass die nunmehr leichter
zugänglichen Wissenseinheiten auch bei der Rezeption, Interpretation oder
Beurteilung nachfolgend angetroffener Umweltinformation (dem >>Zielstimulus<<)
eher aktiviert und benutzt werden als weniger leicht zugängliche Wissenseinheiten
5
Hierbei handelt es sich allerdings nicht um einen reflexhaften oder deterministischen Ablauf:
Die Aktivierung und Benutzung der entsprechenden Wissenseinheiten ist umso
wahrscheinlicher, je kürzer der Medien-Prime zeitlich zurückliegt beziehungsweise je öfter er
auftritt 6 . Hwang erkennt drei Kriterien für das Wirken eines Primes: Verfügbarkeit und Anwendbarkeit (availibility & applicability), Zugänglichkeit (accessibility) und
Verwendbarkeit (usability) 7 .
Iyengar und Kinder legten 1987 ihr Werk News That Matters 8 vor, in welchem sie den Priming-Effekt näher untersuchten. Ausgangspunkt war dabei vor allem die Erkenntnis, dass
dieser Effekt in der politischen Kommunikation eine entscheidende Rolle spielt. Priming
wurde auf Veränderungen in den Standards, in welchen die Menschen bestimmte politische
4 Siehe Anm. 1: S. 277.
5 Peter, Jochen: Medien-Priming Grundlagen, Befunde und Forschungstendenzen. In: Publizistik, Heft 1, März
2002. S. 22.
6 Ebd.: S. 23.
7 Hwang, Hyunseo et al.: Applying a Cognitive-Processing Model to Presidential Debate Effects: Postdebate
4
Einschätzungen treffen, bezogen. Dem einfachen Denken des Individuums im Vergleich zu
der komplexen Umwelt, die es umgibt, wurde die Idee unterstellt, dass es seine Vorstellungen
auf wenige zentrale Themen aufbaut. Wichtig ist hier, dass Priming nicht als Meinungs-
Transfer, sondern als Attribute-Transfer verstanden wurde. In ihrer Studie, die ursprünglich
zur Überprüfung der oben genannten Agenda Setting-Hypothese gedacht war, untersuchten
Iyengar und Kinder unter anderem die Zusammenhänge zwischen Priming und den Kriterien
beziehungsweise Themen, die auf die Einschätzung der Persönlichkeitseigenschaften und
Sachkompetenz des amerikanischen Präsidenten wirken. Sie konnten unter anderem
nachweisen, dass Priming sowohl bei negativer als auch positiver Konnotation eine Wirkung
erzielen kann und dass diese Wirkung ebenso wie das Agenda Setting sowohl von der
Nachricht als auch dem Publikum abhängt. Der Priming-Effekt ist dann am stärksten, wenn
ein bestimmtes Thema durch die Medien besonders betont wird und dieses Thema dem
Publikum besonders zugänglich ist. Iyengar und Kinder kamen zu dem Schluss, dass Priming
als Wirkungsfaktor durchaus bestimmen kann, welcher Kandidat als Sieger und welcher als
Verlierer aus einem Wahlkampf hervorgeht.
2. Vorstellung der Studie 9
Zur Untersuchung dieser Aspekte führten Maurer und Reinemann an der Universität Mainz
im Jahr 2002 eine Studie durch, welche 2003 veröffentlicht wurde. Dabei wurde die Wahrnehmung und Wirkung des zweiten TV-Duells in
einer quasi-experimentellen Untersuchung überprüft und zudem eine Inhaltsanalyse des
Duells als auch der Vor- und Nachberichterstattung durchgeführt. Die Panelbefragung wurde
vor dem zweiten Duell, direkt danach und mit einem zeitlichen Abstand von vier
beziehungsweise fünf Tagen ein drittes Mal durchgeführt.
Für die folgende Analyse waren die Befragungen direkt vor und direkt nach dem TV-Duell
von Bedeutung 10 . Beim zweiten Fragebogen war es also den Teilnehmern nicht möglich, sich durch interpersonale Kommunikation mit anderen Studienteilnehmern auszutauschen. Eine
Interpretation der nachfolgenden Ergebnisse im Sinne einer Priming-Wirkung durch das Duell
ohne externe Einflüsse ist somit möglich.
10 Siehe Anhang: 1. Fragebogen 1 und 2. Fragebogen 2.
5
Zum korrekten Verständnis der Ergebnisse ist zu sagen, dass es sich bei der Untersuchung nicht um eine repräsentative Stichprobe oder ein Aggregat der Gesamtbevölkerung handelt, da die Teilnehmer nicht zufällig ausgewählt wurden und die geringe Anzahl an Fällen die
Wahrscheinlichkeit von Zufallsschwankungen in den Berechnungen erhöht 11 .
In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, inwiefern sich die Wichtigkeit der unabhängigen Variablen Parteiidentifikation, Persönlichkeitseigenschaften-Index auf die Meinung (abhängige Variable) über Schröder beziehungsweise Stoiber durch das TV-Duell, dem Stimulus, veränderten (Abb. 1).
3. Kandidaten-Priming und das Ann-Arbor-Modell
Bei der Untersuchung des Priming-Effekts in dieser Arbeit wird von einem Modell des Kandidaten-Priming ausgegangen, in welchem die ursächliche Wirkung von der Medienberichterstattung, in diesem Fall vom TV-Duell ausgeht das Duell als Ganzes wird also als Stimulus gesehen (Abb. 2). Beim Modell des Kandidaten-Priming gibt es
verschiedene Ebenen der Wirkung 12 . Auf der ersten Ebene urteilt der Rezipient des Duells
11 Siehe Anm. 9: S. 61.
12 Ebd.: S. 32 f.
6
über die Sachkompetenzen und die Persönlichkeitseigenschaften des Kandidaten. Je nach Bedeutung einzelner Kriterien erzielen ganz bestimmte Kompetenzen oder Eigenschaften beziehungsweise eher die Sachkompetenzen oder die Persönlichkeitseigenschaften einen stärkeren Priming-Effekt. Auf der zweiten Ebene werden diese beiden Elemente zusammengenommen und der Rezipient entwirft sich ein Gesamtbild vom Kandidaten. Auf einer dritten Ebene werden außer diesem Gesamtbild auch die Parteiidentifikation und themenbezogene Vorstellungen betrachtet, die zusammen zu einer Wahlentscheidung führen können.
Für die folgende Untersuchung ist vor allem die zweite Ebene von Bedeutung. Es soll analysiert werden, inwiefern die Sachkompetenzen und die Persönlichkeitseigenschaften, die während des Duells transportiert wurden, die Meinung über den Kandidaten beeinflusst haben. Als drittes Element wird die Parteiidentifikation hinzugenommen, da diese vorgelagerte, über einen längeren Zeitraum gebildete Neigung das Urteil mit beeinflusst haben dürfte.
Hierbei kann auf das Standardmodell der Wahlforschung, dem sozialpsychologischen Ansatz, zurückgegriffen werden. In diesem Sinne ist konkret das Ann-Arbor-Modell des
7
Wählerverhaltens zu betrachten 13 . Das von Campbell, Converse, Miller und Stokes in den 1950er
politisch-institutioneller, sozioökonomischer und psychischer Bedingungsfaktoren
14 . Einflussfaktoren sind, wie auch in der folgenden Untersuchung, die
Parteiidentifikation, die Einstellung zu den Kandidaten selbst (Persönlichkeitseigenschaften)
und ihrer Problemlösungsfähigkeiten (Sachkompetenzen). Somit werden direkte Effekte
durch einen Stimulus wie das Duell mit vorgelagerten Erfahrungen beziehungsweise
Einstellungen verbunden. Diese Vergangenheitsfaktoren führen zu einer subjektiven
Wahrnehmung und somit auch Selektion der Inhalte des Duells und müssen daher auch in der
nachfolgenden Analyse beinhaltet sein.
Der Einfluss von kurzfristigen beziehungsweise variablen Urteilen über die Kandidaten und
Themen wird dabei nicht ausgenommen, aber es wird davon ausgegangen, dass sich die
Parteiidentifikation als stabile, affektive Bindung an eine politische Partei 15 auf die Beurteilung der Kandidaten in Form einer selektiven Wahrnehmung, Verarbeitung und
Erinnerung 16 . Die Parteiidentifikation ist quasi wie ein Mechanismus der Komplexitätsreduktion, welcher die Verarbeitung politischer Informationen
und die Meinungsbildung erleichtert. Der steigende Anteil an unentschlossenen Wählern in
der deutschen Bevölkerung und die jüngeren Wahlkämpfe mit ihrer sehr intensiven
politischen Kommunikation steigern nun aber die Bedeutung von TV-Duellen und machen
somit die Untersuchung der zugrundeliegenden Studie überaus lohnenswert 17 .
Da längerfristige und kurzfristige Einflussfaktoren im Ann-Arbor-Modell zusammen gedacht
werden, ermöglicht es bei den individuellen Einschätzungen in der Studie zu vergleichen,
inwiefern sich Einstellungen vor und direkt nach dem Duell unterscheiden und wie stark die
Wirkung der Sachkompetenzen, Persönlichkeitseigenschaften und der Parteiidentifikation auf
die Meinung über die Kandidaten tatsächlich ist.
8 ff.
14 Ebd.: S. 8.
15 Siehe Anm. 9: S. 16.
16 Ebd.: S. 16.
17 Ebd.: S. 17.
8
4. Fernsehdebatten und die TV-Duelle 2002
Die Untersuchung ist dabei in den geschichtlichen Kontext der TV-Duelle zu stellen 18 . Dabei
gelten die Vereinigten Staaten von Amerika als Vorreiter der Fernsehdebatten, wobei es auch in Deutschland bereits vor dem ersten TV-Duell 2002 so genannte Elefantenrunden gab, in welchen die Spitzenkandidaten der Parteien in Fernsehdebatten auftraten. Gerhard Schröder (SPD) trat in einem TV-Duell auf Länderebene bereits 1998 gegen Christian Wulff (CDU) in Niedersachsen an. Da er schließlich Helmut Kohl (CDU) zu einem ersten TV-Duell auf Bundesebene herausforderte, dieser aber ablehnte, konnte sich Schröder der Herausforderung seines Gegenkandidaten 2002, Edmund Stoiber (CSU), nicht entziehen.
Die Thematik des TV-Duells gewann schließlich innerhalb kürzester Zeit eine enorme Eigendynamik und täglich wurden neue Stellungnahmen zu allen denkbaren Details eines Duells veröffentlicht. Schlussendlich einigten sich die Kontrahenten auf zwei Duelle. Am 25.08.2002 fand um 20.30 Uhr das erste 75-minütige TV-Duell im Privatfernsehen RTL zusammen mit SAT.1 statt und am 08.09.2002 folgte das zweite Duell, zur selben Uhrzeit und ebenso 75 Minuten lang, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen der ARD und des ZDF. Beide Duelle wurden aus dem Studio Adlershof (Berlin) übertragen. Dabei wurden jeweils die sieben gleichen Themen besprochen. Nachdem das erste Duell sehr steril wirkte, weil aufgrund des engen Regelkatalogs keine Diskussionen vorgesehen waren, wurde das Reglement im zweiten Duell lockerer ausgelegt und bewirkte so eine lebhaftere
Auseinandersetzung 19 .
Allgemein geben Fernsehdebatten mit ihrem konfrontativen Charakter dem Zuschauer die seltene Gelegenheit, den Kandidaten ohne den Selektionsfilter der Massenmedien zu erleben und seine Standpunkte und sein Auftreten in einem längeren zeitlichen Rahmen terminiert wahrzunehmen. TV-Duelle können dabei unter den verschiedensten Bedingungen ablaufen,
wobei immer von ausgesprochen komplexen Wirkungsprozessen auszugehen ist 20 . In der
folgenden Untersuchung liegt der Fokus darum auf dem Nachweis eines Priming-Effektes.
18 Siehe Anm. 9: S. 10 ff.
19 Weitere Ausführungen zu den Details des Duells: Ebd.: S. 40 ff.
20 Ebd.: S. 25 f.
9
5. Wahlkampfjahr 2002: Im Vorfeld der TV-Duelle 21
Zum besseren Verständnis ist es notwendig auf die besonderen Umstände im Wahljahr 2002 hinzuweisen: Die TV-Duelle des Bundestagswahlkampfes 2002 fanden in einem Umfeld wirtschaftlichen Abschwungs statt. Nach der Nominierung Edmund Stoibers zum Kanzlerkandidaten der CDU/CSU verzeichnete die Union einen Anstieg bei der Sonntagsfrage und konnte bis einen Monat vor der Wahl mit einem klaren Vorsprung rechnen. Mit ungünstigen Schlagzeilen zur Bonusmeilenaffäre und dem Rücktritt des damaligen Verteidigungsministers, Rudolf Scharping, stellte sich die Ausgangslage für die
SPD überaus schwierig dar und die Wahl schien im August bereits entschieden zu sein (Abb.
3).
Zwei Kernereignisse bewirkten aber einen
Deutschland nahezu [beispiellosen] Stimmungs 22 . Außenpolitisch bestimmte der
Irakkonflikt die politische Debatte. Die deutschen Parteien und demzufolge auch ihre Spitzenkandidaten mussten immer wieder erläutern, wie sie ihre Politik gestalten würden, wenn die USA gegen den Irak ohne UNO-Mandat, also unilateral, vorgehen würden. Innenpolitisch wurde die inhaltliche Diskussion über die fallenden Wirtschaftsindikatoren und
21 Siehe Anm. 9: S. 45-48.
22 Ebd.: S. 46.
10
die steigende Arbeitslosigkeit durch die Jahrhundertflut verdrängt. Diese Umweltkatastrophe bestimmte maßgeblich die Medienberichterstattung im Spätsommer.
Schröder gelang es dabei, mit seiner klaren Haltung gegen einen möglichen Irakkrieg, als auch mit seinem tatkräftigen Auftreten während der Flutkatastrophe Pluspunkte zu sammeln. In Sympathie-Umfragen lag er stets vor Stoiber, auch wenn die SPD ihren Rückstand bei der Sonntagsfrage bis zur Wahl nicht vollständig aufholen konnte. Die SPD hatte mit Schröder als Bundeskanzler einen Kandidaten aufgestellt, der als Medienprofi beziehungsweise Medienkanzler geschickt mit den Medien umgehen konnte. Diese Kompetenzen nutzte die
SPD durch einen sehr stark personalisierten Wahlkampf. Schröders Rolle im Duell bestand
hauptsächlich in der Verteidigung der Regierungsarbeit und dem Werben um eine Fortsetzung des rot-grünen Projekts.
Die Union stützte sich im Wahlkampf besonders auf die Wirtschaftskompetenz ihres Spitzenkandidaten. Dieser wollte nach dem Platzen der New Economy-Blase vor allem mit dem Thema der steigenden Arbeitslosigkeit Wählerstimmen sammeln. Mit diesem Single- Issue-Wahlkampf und Arbeitslosigkeit als roten Faden in den TV-Duellen konnten die Union und Stoiber aber nicht immer punkten. Zuweilen wirkte die Erwähnung der hohen Arbeitslosigkeit als Folge der Politik der Bundesregierung im TV-Duell sogar krampfhaft und unpassend. Bezüglich des Irakkonfliktes verwies die Union immer wieder auf die notwendige Sicherung der deutsch-amerikanischen Beziehungen und bezog keine konkrete Haltung zu einem möglichen Krieg. Dadurch entwickelte sich das Bild einer Union, die einen Schlingerkurs verfolgte, während Schröder einen populären Ablehnungskurs fuhr. Ein weiteres Problem war auch Stoibers eher unattraktives Auftreten in der Öffentlichkeit.
Auftritte wie bei Christiansen 23 verstärkten den Eindruck, dass die CDU/CSU einen
Kandidaten aufgestellt hatte, der zwar kompetent war, aber doch als trockener und komplizierter Redner auftrat. Sein schwacher Umgang mit den Medien und seine polarisierende bayerische beziehungsweise konservative Art konnten hierbei nicht von seiner Wirtschaftkompetenz ausgeglichen werden. Aufgabe Stoibers im Duell war entsprechend seiner Rolle als Herausforderer vor allem das Attackieren der bisherigen Regierungspolitik und das Werben für einen Wechsel hin zu einer schwarz-gelben Koalition.
23 Hammerstein, Konstantin von/ Palmer, Hartmut: Der Kandidat und der Profi. In: Spiegel 5, 2002. S.110. In:
http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=21304105&top=SPIEGEL. Letzter Zugriff:
20.03.2009.
11
6. Methodik der Analyse Zur Untersuchung des Datensatzes der Studie von Maurer und Reinemann wurde die Analyse- und Statistiksoftware SPSS verwendet. Um die Daten im SPSS-Programm
entsprechend nutzen zu können, mussten verschiedene Arbeitsschritte durchgeführt werden 24 . Im Folgenden werden die wesentlichen Schritte beschrieben.
Für die abhängige Variable Meinung wurden zuerst die Frage 23 für Schröder und die Frage
24 für Stoiber im ersten Fragebogen sowie die Frage 20 für Schröder und die Frage 21 für
Stoiber im zweiten Fragebogen umkodiert, um die einzelnen Fälle in drei Wertebereichen
umkodiert. Diese drei Werte wurden auch bei den folgenden Umkodierungen genutzt, sodass der Wert 1 immer eine eher negative, der Wert 2 eine eher neutrale und der Wert 3 eine eher positive Einschätzung repräsentiert.
Die nominalskalierte Variable der Parteineigung (Frage 31) wurde für jeden der Kandidaten zu jeweils einer neuen Dummy-Variable umkodiert, um diese dann dichotome Variable in der Regressionsanalyse nutzen zu können. Da bereits frühzeitig im Wahlkampf klare
Regressionsanalyse der Ergebnisse vor dem Duell und nach dem Duell verwendet also diachron während die anderen unabhängigen Variablen alle synchron getestet wurden. Dies lässt sich damit begründen, dass sich eine Parteineigung über einen längeren Zeitraum bildet und sich somit durch ein Ereignis wie das Duell nicht kurzfristig ändern dürfte. Vergleichbar mit der Frage 12 im ersten Fragebogen beziehungsweise der Frage 24 im zweiten Fragebogen
nach der Wahlabsicht wird diese Annahme durch die deskriptiven Statistiken bestätigt 25 . Die Einschätzung der Persönlichkeitseigenschaften der Kandidaten findet sich in der Frage 3 im ersten Fragebogen beziehungsweise in der Frage 9 im zweiten Fragebogen für Schröder und in der Frage 15 im ersten Fragebogen beziehungsweise in der Frage 16 im zweiten
24 Siehe Anhang: 3. Syntax.
25 Siehe Anhang: 4. Wahlabsicht vor und nach dem Duell.
12
Fragebogen für Stoiber wieder. Zuerst wurden die negativ konnotierten Items
mit steigendem Wert auch eine positivere Einschätzung des Kandidaten bezüglich dieses
Items repräsentieren.
Eine solche Umkodierung war bei der Frage nach den Sachkompetenzen (Frage 7 im ersten
Fragebogen und Frage 11 im zweiten Fragebogen für Schröder sowie Frage 20 im ersten
Fragebogen und Frage 18 im zweiten Fragebogen für Stoiber) nicht notwendig. Die einzelnen
Items vervollständigten theoretisch den Satz Gerhard Schröder/ Edmund Stoiber kann die
verwendet.
Danach wurde über Kreuztabellen die Korrelation, also die Stärke des Zusammenhangs, der
einzelnen Items der Persönlichkeitseigenschaften beziehungsweise Sachkompetenzen und der
abhängigen Variable Meinung sowie untereinander für die beiden Fragebögen kontrolliert 26 . Bezüglich der Items der Persönlichkeitseigenschaften ergab sich dabei für Schröder bei einem
signifikanten Korrelationskoeffizienten von mindestens 0,378 folgendes Ergebnis: Die
(bereits umkodierten) Items
fielen heraus. Bei Stoiber gab es ähnliche Ergebnisse. Hier wurde derselbe Mindest-
Korrelationskoeffizient angenommen und folgende (bereits umkodierte) Items nicht
aufgenommen:
Bei den Items der Sachkompetenz sollte ursprünglich entsprechend vorgegangen werden. Die
Kreuztabellen brachten allerdings keine Ergebnisse, die in einem logischen Zusammenhang
mit den tatsächlich geäußerten Inhalten des Duells standen 27
26 Siehe Anhang: 5. Korrelationen zwischen den Items der Persönlichkeitseigenschaften und Meinung für
Schröder und Stoiber vor und nach dem Duell.
27 Siehe Anhang: 6. Korrelationen zwischen den Items der Sachkompetenzen und Meinung für Schröder und
Stoiber vor und nach dem Duell.
13
ähnlich hohen, signifikanten Korrelationskoeffizienten wie das Item obwohl im Duell das Thema Umweltschutz im Gegensatz zu dem deutlich diskutierten Thema der
Außenpolitik nicht explizit aufgegriffen beziehungsweise erwähnt wurde 28 . Darum muss
angenommen werden, dass die Kandidaten durch bestimmte Äußerungen auch implizite Aussagen zu solchen Themen getroffen haben. Demzufolge scheinen hier Spill-Over-Effekte zu bestehen, weshalb alle Sachkompetenz-Items für beide Kandidaten für vor als auch nach dem Duell aufgenommen wurden.
Nach diesem Test wurden ein Persönlichkeitseigenschaften-Index und ein Sachkompetenzen- Index aus den aufgenommenen Items jeweils für die Kandidaten vor und nach dem Duell gebildet es wurden also die Items in die Indizes aufgenommen, die eine starke Beziehung zur Beurteilung über die Kandidaten aufwiesen. Nach diesen Indexbildungen wurden noch Umkodierungen vorgenommen, indem die Indizes drei Wertebereiche erhielten, wodurch also die Fälle zusammengefasst wurden. Das heißt, eher negative Einschätzungen, also die Werte
0 bis 2 wurden unter dem Wert 1 zusammengefasst. Eher neutrale Einschätzungen zwischen 2
und 4 wurden unter dem Wert 2 und eher positive Einschätzungen von 4 bis 6 unter dem Wert
3 zusammengefasst. Wie bereits erwähnt repräsentieren hier die drei Werte von 1 bis 3 eine
zunehmend positivere Einschätzung bei einem höheren Wert.
Die Frage 4 für Schröder und die Frage 6 für Stoiber im zweiten Fragebogen sind in der hier vorgestellten Untersuchung nicht enthalten, weil sie nach den Persönlichkeitseigenschaften der Kandidaten im (!) Duell fragen. Für die Prüfung der These sind aber die Veränderungen der Einschätzung der Persönlichkeitseigenschaften der Kandidaten vor und nach dem Duell entscheidend. Sollte ein Kandidat bei einer der ausgeschlossenen Fragen besonders gepunktet oder verloren haben, müsste ein solches Ergebnis wenn es über das Duell hinaus die Einschätzung der Meinung über den Kandidaten geändert hat in der Frage 9 für Schröder beziehungsweise der Frage 16 für Stoiber zu finden sein, welche in die Analyse einbezogen wurden.
Zur Überprüfung der These wurde eine Regressionsanalyse angewendet, in welcher die Art eines Zusammenhangs beziehungsweise die Vorhersage eines Wertes einer abhängigen Variablen aus den Werten anderer, unabhängiger Variablen errechnet werden kann. Dabei
Politikwissenschaft, Nr. II-17, 2003. S. 9-70.
14
Quote paper:
Renard Teipelke, 2009, Priming in Fernsehdebatten am Beispiel des zweiten TV-Duells des Bundestagswahlkampfes 2002 zwischen Schröder und Stoiber, Munich, GRIN Publishing GmbH
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DOI
Die Wirkung der TV-Duelle 2002...
Politics - Political Systems - General and Comparisons
Termpaper, 25 Pages
Twitter in der politischen Kommunikation
Analyse von Twitteraktivitäten...
Communications - Media and Politics, Politic Communications
Bachelor Thesis, 122 Pages
Renard Teipelke's text Priming in Fernsehdebatten am Beispiel des zweiten TV-Duells des Bundestagswahlkampfes 2002 zwischen Schröder und Stoiber is now available as a printed book
Renard Teipelke has published the text Priming in Fernsehdebatten am Beispiel des zweiten TV-Duells des Bundestagswahlkampfes 2002 zwischen Schröder und Stoiber
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Analyse der Wirkung des technischen Wandels auf die Politik am Beispie...
Klaus-Peter Saalbach
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