1. Einleitung
Leibniz wird allgemein als einer der letzten Universalgelehrten der Geschichte angesehen. Er war nicht nur auf dem Gebiet der Mathematik ein Genie: sein „Hauptbemühen [...] war, in jeder Religion und Weltanschauung etwas Wahres zu finden und diese Wahrheit in eine große Harmonie einzuordnen“ 1 . Er beschäftigte sich also mit Mathematik, Philosophie, Geschichte und Politik. In der Philosophie wirkte er in der Logik, der Metaphysik, der Erkenntnistheorie und der Theodizee. Wobei man bei diesen Bereichen darauf achten muss, dass die Grenzen fließen: so kommt man, wenn man sich mit der Frage, wie man eine Erkenntnis bekommt, auf die Frage auf Gott. Und diese Frage legt die Frage nach der Rechtfertigung - einen Beweis - nahe. 2 Dieser Beweis durchzog sein ganzes Schaffen und er arbeitete seit seinen frühen Schriften an einem schlüssigen System, um diesen Beweis auf stablie Grundlagen zu stellen. 3
Im folgenden wird ein grober Überblick über Leibnizens Philosophie und seine grundlegenden Thesen geliefert, der versucht, einen Bezug zu dem Problem des Gottesbeweises bei Leibniz und seine Antworten auf die Theodizee herzustellen. Hierbei liegt ein besonderes Augenmerk auf den Grundprinzipien von Leibnizens Philosophie und auf den Monaden, seiner wichtigsten philosophischen Theorie. Anschließend werden die Gottesbeweise und Leibnizens Antworten auf die drei Übel der Welt auf dem Hintergrund der vorher untersuchten Bereiche seiner philosophischen Theorie betrachtet.
1 Engasser, Qu. u.a. (redaktionelle Mitarbeiter): Grosse Männer der Weltgeschichte. Tausend Biographien in Wort und Bild. Murnau u.a.,kein Jahr, S. 265.
2 Vgl. Kunzmann, Peter, Franz-Peter Burkard und Franz Wiedmann: dtv-Atlas Philosophie. 11. aktual. Aufl., München 2003, S. 113f.
3 Vgl. Herring, Herbert: Die Problematik der Leibnizschen Gottesbeweise und Kants Kritik der spekulativen Theologie. In: Studia Leibnitiana Supplementa. Volumen IV. Akten des internationalen Leibniz-Kongresses Hannover, 14.-19. November 1966. Band IV. Theologie. Ethik. Pädagogik. Ästhetik. Geschichte. Politik. Recht. Hg. Von Kurt Müller und Wilhelm Totok. Wiesbaden 1969, S. 21.
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2. Die Grundprinzipien
2.1. Der Satz vom Grund
Leibniz legt seinem Schaffen verschiedene Prinzipien zugrunde: So geht er davon aus, dass alles Existierende eine durchgängige Rationalität besitzt - dass nichts ohne Grund geschieht, da alles Existierende in Beziehung zu allem steht und somit ein Kausalitätsprinzip in der Welt zur Wirkung kommt. 4
Als Erkenntnisprinzip bedeutet das, dass das Subjekt das Prädikat schon enthält. Also hat man einen Begriff und diesem Begriff können verschiedene Eigenschaften zugeordnet werden - der Satz ergibt nur mit diesen bereits in dem Begriff enthaltenen Prädikaten einen Sinn. Liske gibt zur Erläuterung das Beispiel, dass man „die Aussage ‚Der Mensch ist sterblich’ dadurch als Identität und mithin als wahr erweisen [kann], daß ich ‚Mensch’ (traditionell) als vernunftbegabtes Lebewesen analysiere und weiter zeige, daß ‚Lebewesen’ als eines seiner Merkmale ‚sterblich’ enthält“ 5 . Im Hinblick auf die Existenz der Dinge besagt das Prinzip vom Grund, dass alles, was geschieht, eine vorhergehende Ursache hat - es ist also ein Kausalitätsprinzip. Laut Finster und Van Den Heuvel besagt der Satz vom Grund, „daß nichts geschehen könne, ohne daß es eine vorgängig bestimmende Ursache hat. Alles, was ist, muß einen Grund seines Seins und seines So-Seins haben“ 6 .
Bezieht man nun diese Bestimmung des Satzes vom Grund auf Gott, so wird ersichtlich, dass Leibniz die Existenz Gottes als gegeben erkennen kann: da Gott allmächtig und gütig ist, kann man aufgrund des Verständnisses als Subjekt und Prädikat sehen, dass die Prädikate allmächtig und gütig in Gott als dem höchsten Wesen als seine Merkmale enthalten sind. In Bezug auf das Kausalitätsprinzip kann man die Ursachen der Seins-Zustände bis auf Gott, die Ursache für alles, zurückführen.
4 Vgl. Finster, Reinhard und Gerd van den Heuvel: Gottfried Wilhelm Leibniz. (rowohlts monographien. Hg. von Wolfgang Müller und Uwe Neumann).5. Aufl. Reinbeck bei Hamburg 2005, S. 58.
5 Liske, Michael-Thomas: Gottfried Wilhelm Leibniz. (becksche reihe. denker. Hg. Von Otfried Höffe). München 2000, S. 50.
6 Finster: Gottfried Wilhelm Leibniz, S. 58.
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2.2. Das Prinzip von Identität und Widerspruch
Das zweite Grundprinzip ist das Prinzip der Identität und des Widerspruchs. Leibniz fasst zwei Ausformulierungen dieses Prinzips zu einem Axiom zusammen:
Alles was ist, ist, und es kann unmöglich zugleich sein und nicht sein, lautet die eine, eine Ausssage kann nicht zugleich wahr oder falsch sein die andere Ausformulierung dieses Prinzips. Das Moment der Identität zielt auf das Seins-, das des Widerspruchs auf das Erkenntnisprinzip ab. 7
Wenn man diese beiden Formulierugen betrachtet, so sieht man, dass Leibniz weiter an seiner soliden Basis für Gott baut: Die erste Formulierung zeigt, dass Gott existiert -Gott beinhaltet als allmächtiges und vollkommenes Wesen, dass er existiert, sonst wäre die Vollkommenheit unvollkommen und somit wäre der ersten Formulierung widersprochen. Dasselbe gilt für die zweite Formulierung - Gott muss existieren, sonst wäre die Aussage, Gott ist allmächtig und vollkommen gleichzeitig wahr und falsch.
2.3. Absolute und hypothetische Wahrheiten
Es gibt Wahrheiten, denen kann logisch nicht widersprochen werden. So hat ein Dreieck immer drei Seiten, die drei Winkel einschließen. Diese Wahrheiten nennt man absolut oder notwendig; sie werden „zuweilen auch logisch, metaphysisch oder geometrisch genannt“ 8 . Dies gilt im Bereich der Essenzen - also der Grundlagen. Es bedeutet, dass sie immer geltende Wahrheiten darstellen und die Grundlage für schwierigere, komplexere Ideen und Wahrheiten bilden. 9
Im Bereich der Existenz kann man nur davon ausgehen, dass Gott notwendig existiert und die Existenz aller anderen Wesen zufällig ist. 10 Zufällig bedeutet hier, dass etwas zwar ist, aber auch nicht sein könnte (so könnte man etwas verstehen, oder aber nicht verstehen). Wie oben gesehen, kann Gott nicht gleichzeitig sein und nicht sein, weshalb man der Existenz des allmächtigen Gottes nicht widersprechen kann.
7 Finster: Gottfried Wilhelm Leibniz, S. 58.
8 Ebd., S. 60.
9 Vgl. ebd., S. 60.
10 Vgl. ebd., S. 61.
3
Es gibt aber auch Wahrheiten, denen widersprochen werden kann, ohne dass man logische Probleme bekommt. Dies sind Tatsachenwahrheiten, die Leibniz hypothetisch nennt. Sie sind „nicht aus logischen, sondern aus faktischen Gründen wahr“ 11 . Sie gelten nur in unserer Welt. Liske sagt, dass „die kontingenten Tatsachenwahrheiten, zu denen auch die Gesetze der Physik zählen, [...] hingegen etwas [behaupten], das faktisch zwar gilt (vielleicht sogar als ausnahmsloses Gesetz), was aber bei einem alternativen Ereignisablauf (in einer anderen möglichen Welt) nicht hätte zu gelten brauchen“ 12 . Wir können zwar feststellen, dass in unserer Welt ein bestimmtes Gesetz gilt, aber in einer anderen Welt wäre dieses Gesetz vielleicht ungültig. Man stelle sich nur vor, man lebt in einem Land, in dem Polygamie verboten ist, und in einem anderen Land ist sie gang und gäbe. Wenn man nun als Besucher in dieses Land und dessen Lebenswelt käme, so schienen die Gegebenheiten in der besuchten Welt einem fremd und unwirklich und man könnte keinen Bezug zu ihnen herstellen, da sie dem eigenen Weltbild vielleicht widersprächen oder sogar widerstrebten. Dieses Beispiel zeigt jedoch, dass es mehrere Welten geben kann und dass man diesen Umstand auch auf andere Bereiche übertragen kann: Wenn etwas physikalisch in unserer Welt gilt, es jedoch die Möglichkeit mehrerer Welten gibt, so können auch andere physikalische Gesetze in der anderen Welt herrschen.
Liske zeigt auf, dass aus dieser Unterscheidung zwischen notwendigen Wahrheiten und kontingenten Tatsachenwahrheiten sich eine Frage in Bezug auf die Unterscheidung zwischen dem Prinzip des zureichenden Grundes und dem Prinzip der Identität und des Widerspruchs ergibt:
Das Prinzip, dass notwendige Wahrheiten begründet, muß selber als notwendig gelten; das Prinzip hingegen für das Kontingente, welches das bloß faktisch Vorliegende, das nicht hätte zu sein brauchen, begründet, gilt selsbt bloß kontingent, hätte also nicht zu gelten brauchen. 13
Man könnte somit sagen, dass die beiden Prinzipien eindeutig unterschieden sind. Im Gegensatz dazu kann aber argumentiert werden, dass die beiden Wahrheiten durch unterschiedlich komplexe Analyseverfahren aufgezeigt werden und somit keineswegs
11 Finster: Gottfried Wilhelm Leibniz, S. 61.
12 Liske: Gottfried Wilhelm Leibniz, S. 50.
13 Ebd., S. 50.
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unterschieden sind, sondern lediglich verschiedene Ausführungen ein und desselben Prinzips - eines „selbstverständlich notwendigen - obersten Prinzip, der begriffsanalytischen Wahrheitsdefinition“ 14 . Leibniz selbst gibt jedoch die Antwort auf dieses Problem, indem er zeigt, dass notwendige Prinzipien auch auf kontingente Wahrheiten angewandt werden können:
Beim Beweisen gebrauche ich zwei Prinzipien [, das Prinzip des zureichenden Grundes und das Prinzip der Identität und des Widerspruchs,] und dies hat nicht weniger bei extrinsischen als bei intrinsischen bestimmungen, nicht weniger bei kontingenten als bei notwendigen Wahrheiten statt . 15
2.4. Logisches Argumentieren
Nach Leibniz „sollen sich möglichst einfache, allg. Ideen in universellen Symbolen ausdrücken lassen, die wiederum zu Vernunftwörtern verknüpft werden“ 16 . Leibniz versucht in seiner Logik diese Verknüpfungen nach dem Vorbild mathematischer Rechenregeln zu ermöglichen. Dies hat zur Folge, dass Irrtümer in der Logik als „Rechenfehler“ betrachtet werden können und Streitfragen aufgrund von Rechnungen gelöst werden können. 17 Wenn man eine These in einem logischen System darstellt, so kann man mögliche Fehler in der Argumentation anhand des Systems analysieren, erkennen und gegebenfalls ausmerzen.
Leibniz hat „der modernen Logik und der philos. Semantik vorgearbeitet“ 18 und wurde somit zu deren Vorläufer. In der Mathematik werden Vorgänge durch Symbole in einem System ausgedrückt. Dies versuchte Leibniz nun auch auf seine formale Logik zu übertragen und somit die Möglichkeit von Irrtümern als Rechenfehler bereit zu stellen. So führte er das Kalkül ein: „Ein Kalkül ist in einem vom Menschen geschaffenen Symbolismus ausgedrückt. Die inhaltliche Leistungsfähigkeit eines interpretierten Kalküls hängt mithin wesentlich davon ab, in welcher Weise die Symbole eingeführt werden.“ 19
14 Liske: Gottfried Wilhelm Leibniz, S. 51.
15 Ebd., S. 52.
16 Kunzmann: dtv-Atlas Philosophie, S. 113.
17 Vgl. ebd., S. 113.
18 Hügli, Anton und Poul Lübcke (Hg.): Philosophielexkikon: Personen und Begriffe der abendländischen Philosophe von der Antike bis zur Gegenwart. Reinbeck bei Hamburg 1995, S. 345.
19 Liske: Gottfried Wilhelm Leibniz, S. 177.
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Arbeit zitieren:
Christoph Höbel, 2007, Gottfried Wilhelm Leibniz und die Theodizee, München, GRIN Verlag GmbH
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