1 Einleitung
In der vorliegenden Arbeit geht es um die Suizidalität, die eine besondere Problematik des Alters darstellt, insbesondere auch dadurch, dass sich in jüngster Zeit eine bedenkliche Entwicklung bei der Suizidhäufigkeit von alten Menschen abgezeichnet hat. Das gehäufte Vorkommen von Alterssuiziden ist m. E. ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft. Immer mehr alte Menschen entscheiden sich aus unterschiedlichen Gründen dafür sich selbst das Leben zu nehmen. Doch scheint dies kaum ein Thema von gesellschaftlicher Relevanz zu sein. Liegt es daran, dass alte und pflegebedürftige Menschen in unsere Leistungsgesellschaft in erster Linie als Belastung und Kostenfaktor bewertet werden und ein „sozialverträgliches Frühableben“ im Grunde begrüßt wird oder zumindest ohne eine ausreichende Hinterfragung eher akzeptiert wird, als der Suizid eines jungen Menschen. Nicht die alten Menschen sind jedoch das Problem, sondern das suizidale Verhalten ist es, dass ein großes gesellschaftliches und
gesundheitspolitisches Problem darstellt, nicht nur wegen des individuellen Leides, sondern auch wegen der erheblichen Gesundheitskosten, die damit verbunden sind. Suizidales Verhalten sollte deshalb sowohl auf nationaler als auch auf kommunaler Ebene präventiv entgegengewirkt werden.
Während in anderen europäischen Ländern, wie etwa in England, schon unterschiedliche nationale und regionale Suchtpräventionsprogramme bereits zu einer positiven Beeinflussung der Suizidraten geführt haben, besteht in Deutschland hier noch dringender Handlungsbedarf.
In der vorliegenden Hausarbeit wird zunächst im zweiten Kapitel der Begriff Alterssuizid näher beleuchtet. Das zweite Kapitel widmet sich der Häufigkeit von Alterssuizid in unserer Gesellschaft. Im dritten Kapitel werden die unterschiedlichen möglichen Ursachen, warum sich alte Menschen das Leben nehmen näher dargestellt. Im Anschluss daran werden im vierten Kapitel verschiedene Methoden zur Prävention von Alterssuizid aufgezeigt. Das fünfte Kapitel widmet sich der Prävention von Alterssuizid und den Methoden Sozialer Arbeit, die dabei eine Rolle spielen. Daran schließt sich im sechsten Kapitel eine Darstellung modellhafter Konzeptionen in einer deutschen Großstadt an, mit denen Suizidprävention im Alter erfolgreich umgesetzt werden soll. Die Arbeit endet im 7 Kapitel mit einem Fazit
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2 Zum Begriff Alterssuizid
Der aus dem Lateinischen sua manu cadere kommende Begriff „Suizid“ bedeutet von eigener Hand fallen also sich selber fällen. Im medizinischen Sprachgebrauch wird unter „Alterssuizid“ eine gegen das eigene Leben gerichtete Handlung einer Person, die älter als 60 Jahre ist, mit tödlichem Ausgang verstanden (Höwler 2000, S. 305). Hiervon abzugrenzen ist der Suizidversuch, unter dem eine absichtliche Selbstschädigung mit einer mehr oder weniger ausgeprägten Tötungstendenz, die aber zu keinem tödlichen Ende geführt hat, verstanden wird. Der Suizidversuch stellt häufig ein Appell an die Mitwelt dar, endlich Hilfe in Form von Zuwendung, Sicherheit und Akzeptanz zu erhalten, während der Suizid als perfekte Lösung betrachtet wird, mit einem Schlag von allen Problemen und Sorgen befreit zu sein, wobei allerdings nicht nur die Probleme unwiederbringlich beseitigt werden, sondern auch positive Erlebnisse, die möglicherweise noch erlebt worden wären (Höwler 2000, S. 305). An dieser Stelle ist anzumerken, dass die Gefahr besteht Suizidversuche mit der sogenannten Appellabsicht bagatellisiert werden, da hier suggeriert wird, es handele sich nicht wirklich um eine ernsthafte Tötungsabsicht. Menschen, die Suizidversuche unternehmen, befinden sich jedoch ebenso in einer tiefen seelischen Notlage, die sehr ernst genommen werden sollte, nicht zuletzt deshalb, weil bei Personen, in deren Biografie es bereits zu Suizidversuchen gekommen ist, ein erhöhtes Risiko für einen tatsächlichen Suizid aufweisen.
Aus psychoanalytischer Sichtweise wird davon ausgegangen, dass die tödlichen Aggressionen in Form der Selbsttötung sich im Grunde gegen andere Personen richten. In der Regel zeigen alte Menschen, die einen Suizid begehen wollen, ihrer Umwelt in den Tagen und Stunden vor dem geplanten Vorhaben direkte oder indirekte Anzeichen, die ihre Absicht signalisieren und nur selten ist ein Suizid ein spontaner Entschluss. Zu oft jedoch werden die Hilferufe vorab nicht rechtzeitig gehört. Da die Früherkennung und die Einschätzung von suizidalem Verhalten unabdingbare Voraussetzung für die Prävention bei einer suizidalen Gefährdung sind, werden die Anzeichen hierfür im sich anschließenden Kapitel näher erläutert.
2.1 Anzeichen für Suizidgefährdung bei alten Menschen
Große Bedeutung für die Beurteilung der Suizidgefährdung im Alter kommt dem sogenannten „präsuizidalem Syndrom“, das der Suizidforscher E. Ringel herausgefunden hat, zu. Zum präsuizidalen Syndrom gehören die situative Einengung, bei der sich der betroffene Mensch von seiner Umwelt bedrängt und in seiner persönlichen Handlungs- und Entscheidungsfreiheit eingeschränkt fühlt, wie es beispielsweise durch einen
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bevorstehenden Heimeinzug der Fall sein kann. Gefühle der Bedrohung und der Hilflosigkeit können dazu führen, dass der Alte Mensch den einzigen Weg, sich aus dieser Situation zu befreien nur noch im Suizid sieht (Höwler 2000, S. 308).
Ein weiterer Aspekt ist die dynamische Einengung, die durch zunehmende Passivität, Mistrauen und eine einseitige pessimistischen Sichtweise gekennzeichnet ist. Zudem kommt es auch zu einer Einengung der Wertewelt. Es kommt zu einer Entwertung der Werte, die zuvor für die betroffene Person von Bedeutung waren, was letztendlich zu einem Wertverlust des eigenen Lebens führt (Höwler 2000, S.309). Gerde dieser Aspekt wird durch die gesellschaftliche Diskriminierung und Exklusion von alten Menschen noch verstärkt.
Des weiteren ist das präsuizidale Syndrom bei alten Menschen besonders durch die Einengung der zwischenmenschlichen Beziehungen gekennzeichnet. Das soziale Beziehungsgefüge reduziert sich immer mehr und neue Kontakte werden nicht mehr aufgenommen.
Auch ohnmächtige Aggressionen und Vorwürfe gegen andere könne ein Hinweis für ein Suizidrisiko bedeuten. Die betreffende Person kann durch ihren Suizid die Absicht verfolgen, diejenigen Personen, welche die Aggressionen hervorgerufen haben, auf diese Art und Weise unwiederbringlich zu belasten (Höwler 200, S. 309). Das letzte Kriterium des präsuizidalen Syndroms nach Riegel ist die Flucht in die Suizidphantasien, die sich in die drei Stufen von der Vorstellung tot zu sein, über die Überlegung sich selbst das Leben zu nehmen, bis hin zur Konkretisierung des Suizidversuches, einteilen. Spätestens, wenn es zur konkreten Planung von Einzelheiten für die Durchführung des Suizids kommt, ist dies als ein Alarmzeichen zu bewerten und es müssen unverzüglich Hilfemaßnahmen getroffen werden.
Zur Einschätzung des Bedarfs an präventiven Hilfeangeboten für alte Menschen, die suizidgefährdet sind, wird nun anschließend auf statistische Erhebungen über die Häufigkeit von Altersuizid eingegangen.
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3 Suizidhäufigkeit im Alter
Der Anteil der über 60jährigen Personen, die sich suizidiert haben, ist im Vergleich mit der Gesamtbevölkerung überproportional erhöht und in Prognosen wird im Hinblick auf die Veränderungen der Bevölkerungsstruktur eine steigende Suizidrate bei alten Menschen erwartet. Die Suizidzahlen steigen kontinuierlich mit dem Alter an. In einer Studie zur Suizidalität im Alter vom Bundesministerium für Familie und Senioren aus dem Jahr 1992, zeigt sich besonders in der altersbezogenen Differenzierung in der Häufigkeit der Suizide ein sprunghafter Anstieg bei den über 75jährigen Männern, aber auch bei den Frauen, die zwar doppelt so häufig unter Depressionen leiden wie Männer, aber ansonsten im Durchschnitt eine um die hälfte niedrigere Suizidrate aufweisen, ist eine steigende Tendenz im Alter festzustellen (Erlenmeier 1992, S. 13).
Das Wissen um die Ursachen für eine nachhaltige Suizidprävention bei alten Menschen ist von großer Bedeutung, deshalb werden die zentralen Suizidursachen nun im nachfolgenden Kapitel nur kurz skizziert, da eine Darstellung der zahlreichen in der Literatur beschriebenen theoretischen Ansätze den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.
4 Suizidursachen im Alter
Was sind nun die Gefährdungspotentiale, die alte Menschen dazu bringen sich umzubringen oder dies zu versuchen?
Die Ursachen für einen Suizid oder Suizidversuch resultieren sowohl aus psychischen und physischen als auch aus sozialen Faktoren.
Nach dem mit dem Alter verbundenen zunehmenden Verlusterlebnissen, wirkt sich insbesondere die soziale Isolation als eine der Hauptursachen für den Alterssuizid aus. Entscheidend ist hierbei nicht die Quantität, sondern die Qualität der Beziehungen. Das suizidale Risiko steigt besonders an, wenn gleich mehrere ungünstige Faktoren zusammen kommen, wie der Verlust des Ehepartners, der Verlust der vertrauten Wohnung, der Umzug in ein Pflegeheim und die Angst vor der neuen Situation. Ein weiterer zentraler Aspekt, der die Suizidgefahr begünstigt, ist die negative Selbstachtung, die zu einer negativen Wahrnehmung der Gegenwart und folglich zu einer negativen Zukunftserwartung führt. In unserer heutigen Leistungsgesellschaft fühlen sich alte Menschen oft nutzlos, wenn sie nichts mehr für die Gesellschaft leisten können. Zudem ist Alterssuizid besonders bei denjenigen Menschen zu beobachten, die an einer chronischen Krankheit und an den damit verbundenen Beschwerden und
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Arbeit zitieren:
Astrid Zwanzig, 2008, Prävention von Alterssuizid, München, GRIN Verlag GmbH
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