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EMINAR FÜR
P
OLITISCHE
W
ISSENSCHAFTEN
DER
U
NIVERSITÄT ZU
K
ÖLN
Hausarbeit zum Hauptseminar:
,,Vergleichende Analyse von Wohlfahrtsstaaten"
Wintersemester 2008/2009
Bildungspolitik im Wohlfahrtsstaat
Reproduzieren familialistische Wohlfahrtsstaaten
soziale Ungleichheit?
vorgelegt von:
Bernd Kramer
7. Fachsemester, Diplom (VWL sozialwissenschaftlicher Richtung)
Köln, 20. März 2009
2
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1. Bildungspolitik im Wohlfahrtsstaat
4
2. Familialistische Wohlfahrtsstaaten und ungleiche Bildungschancen
5
2.1 Familialismus als Unterscheidungsmerkmal von Wohlfahrtsstaaten
5
2.2 Familialismus als Ursache ungleicher Bildungschancen
8
2.2.1 Bildung im familialistischen Wohlfahrtsstaat: Das Beispiel Deutschland
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3. Hypothesen
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3. Empirische Analyse
13
3.1 Datengrundlage
13
3.2 Erwerbstätigkeit von Müttern, Lesekompetenz und Chancengleichheit
14
3.3 Einflüsse auf die Erwerbstätigkeit von Müttern
18
3.4 Einflüsse auf die soziale Durchlässigkeit des Bildungssystems
21
Fazit
24
Anhang 1: Erwerbsstatus der Mutter und durchschnittliche Leseleistung
25
Anhang 2: Verwendete Daten und Quellen
26
Anhang 3: Länderabkürzungen
29
Literatur 30
3
Einleitung
Spätestens seit dem schlechten Abschneiden deutscher Schüler in der Pisa-
Vergleichsstudie, ist Bildungspolitik wieder in aller Munde. Wie kaum eine Studie zu-
vor hat Pisa den Blick darauf gelenkt, wie stark der Bildungserfolg hierzulande von der
sozialen Herkunft abhängt. Parallel dazu wird Bildungspolitik in jüngster Zeit auffällig
häufig im Zusammenhang mit Reformen des Sozialstaates diskutiert: Seit den 90ern
Jahren avancierte Bildung europaweit zu einem Schlüsselbegriff in sozialdemokrati-
schen Parteiprogrammen (Busemeyer 2008). Die SPD formuliert es in ihrem aktuellen
Grundsatzprogramm so: ,,Der vorsorgende Sozialstaat begreift Bildung als zentrales
Element der Sozialpolitik." (SPD 2007: 56)
Bildung gehört offenbar irgendwie in den Wohlfahrtsstaat bloß wie? Warum hängt der
Bildungserfolg in einigen Ländern wie etwa in Deutschland besonders stark von der
sozialen Herkunft eines Schülers ab, in anderen dagegen kaum? Haben vielleicht be-
stimmte Merkmale des Wohlfahrtsstaates einen Einfluss darauf, wie durchlässig ihre
Bildungssysteme sind?
Im Zentrum dieser Hausarbeit soll die Frage stehen, ob so genannte familialistische
Wohlfahrtsstaaten durch ungleichere Bildungschancen nach sozialer Herkunft charakte-
risiert sind. In Wohlfahrtsstaaten dieser Art liegen viele Fürsorgeaufgaben typischerwei-
se in den Händen der Familie. Defamilialistische Wohlfahrtsstaaten dagegen so die
Vermutung sollten vor allem deswegen gleichere Bildungschancen produzieren, weil
Angebote öffentlicher Kinderbetreuung weit ausgebaut sind und herkunftsbedingte
Startnachteile früh ausgleichen können.
Zunächst gebe ich einen kurzen Überblick über die inzwischen klassische Wohlfahrts-
typologie von Esping-Andersen. Der zweite Block geht auf das Konzept des Familia-
lismus ein, das an Esping-Andersens Typologie ansetzt. Ein Literaturüberblick und das
Beispiel Deutschlands sollen deutlich machen, warum familialistische Wohlfahrtsstaa-
ten mit weniger durchlässigen Bildungssystemen verbunden sind. Im dritten Teil möch-
te ich diese Vermutung empirisch mit Daten der OECD-Länder testen: Sind Mütter mit
Kindern in Staaten, die viel in Kinderbetreuung investieren, wirtschaftlich unabhängiger
von ihrer Familie und vor allem: Hängen die Bildungschancen der Kinder dort weni-
ger von der sozialen Herkunft ab? Ein Fazit fasst die Ergebnisse zusammen.
4
1. Bildungspolitik im Wohlfahrtsstaat
Wer sich mit dem Vergleich von Wohlfahrtsstaaten beschäftigt, kommt an Esping-
Andersens Typologie der drei Welten nicht vorbei. Der zentrale Begriff, mit dem
Esping-Andersen liberale, konservative und sozialdemokratische Wohlfahrtsstaaten
unterscheidet, ist der der Dekommodifizierung. Dekommodifizierung bezeichnet das
Maß, in dem die Wohlfahrt der Bürger vom Arbeitsmarkt abgekoppelt ist. In den libera-
len Wohlfahrtsstaaten der angelsächsischen Welt ist der Grad der Dekommodifizierung
gering: Leistungen werden erst nach Bedarfsprüfung gewährt und fallen in der Regel
wenig üppig aus. Das andere Extrem bilden die sozialdemokratischen Regime, die einen
universalistischen Zugang zu sozialen Leistungen auf hohem Niveau bieten. Dazwi-
schen gruppieren sich die konservativen Wohlfahrtsstaaten wie etwa Deutschland, deren
Sozialleistungen vorrangig als Versicherungen konstruiert sind und dem Statuserhalt
während der Arbeitslosigkeit oder im Ruhestand dienen sollen (Esping-Andersen 1990:
48ff.).
Esping-Andersens Unterscheidung begreift den Wohlfahrtsstaat in erster Linie als Ant-
wort auf Arbeitsmarktrisiken. Das macht es schwierig, auch Bildungspolitik als Teil des
wohlfahrtsstaatlichen Aufgabenspektrums aufzufassen. Erst über Umwege schließt sich
Bildung an die anderen Sozialpolitiken an. In der Literatur finden sich verschiedene
Versuche, die drei Welten auch hinsichtlich ihrer Bildungspolitik zu unterscheiden.
Mutz (2006) etwa sieht hinter den drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus verschiedene
Wertvorstellungen, die sich auch im Bildungssystem niederschlagen: Die universalisti-
schen Wohlfahrtsstaaten Skandinaviens haben ein Einheitsschulsystem, während sich
der ständische Gedanke, der der Sozialpolitik konservativer Regime zugrunde liegt, in
einem statusdifferenzierenden, mehrgliedrigen Schulsystem seinen Ausdruck findet. Die
liberale Welt zeichnet sich durch einen hohen Anteil privater Schulen aus (Mutz 2006:
41). In Anlehnung an Esping-Andersen definiert Gottschall (2001) Bildungspolitik wie
folgt als Teil des wohlfahrtsstaatlichen Aufgabenspektrums: ,,Begreift man Sozialpolitik
in der Tradition von Esping-Andersen (1990) und Marshall (1992) in erster Linie als
Politik der Minderung von Lohnarbeitsrisiken (Dekommodifizierung), so unterscheiden
sich Bildungs- und Sozialpolitik vor allem darin, dass Bildung der Statuserzeugung in
der Jugendphase
dient, während Sozialpolitik die Funktion des Statuserhalts im Er-
werbsleben
erfüllt [Hervorhebung im Original, d.V.]" (Gottschall 2001: 7).
Man kommt nicht umhin, diese Definitionen der Bildung als wohlfahrtsstaatliches Poli-
tikfeld im Sinne Esping-Andersens als etwas bemüht zu empfinden. Ich würde daher
vorschlagen, drei Funktionen zu unterscheiden, die Bildung als Teil des Wohlfahrtsstaa-
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tes einnehmen kann. So kann Bildung, wie Gottschall schreibt, der Statuserzeugung
dienen und die Kommodifizierung vorbereiten: Anders als die klassischen Sozialpoliti-
ken erscheint Bildung nicht etwa als ein Mittel, das die Abhängigkeit von Erwerbsarbeit
lockert, sondern ihr vielmehr geschuldet ist. Weil die Wohlfahrt des Einzelnen vom
Markt abhängt, bedarf es einer Ausbildung. Bildung hat allerdings auch dekommodifi-
zierende
Funktionen insofern, als dass sie Kinder aus dem Arbeitsmarkt herauslöst. Die-
ser Aspekt dürfte heutzutage freilich weniger bedeutend sein. Als drittes kann die Bil-
dungspolitik defamiliarisierende Funktionen ausüben, indem sie Familien von ihren
Aufgaben entlastet. Das Konzept der Defamiliarisierung wird von Esping-Andersen erst
später entwickelt, um das Verständnis des Wohlfahrtsstaates zu verfeinern. Die defami-
liarisierende Wohlfahrtsfunktion der Bildung soll im Zentrum dieser Arbeit stehen.
Wohlfahrtsstaaten, die ihre Bildungspolitik stark an defamiliarisierenden Zielen ausrich-
ten, sollten so die Vermutung ein chancengerechteres Bildungssystem haben.
2. Familialistische Wohlfahrtsstaaten und ungleiche Bildungschancen
2.1 Familialismus als Unterscheidungsmerkmal von Wohlfahrtsstaaten
Esping-Andersens Typologie der Wohlfahrtsregime orientiert sich vorrangig am Ar-
beitsmarkt. Dieser Ansatz ist nicht ohne Kritik geblieben. Insbesondere von feministi-
scher Seite wurde die Typologie der drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus als ge-
schlechtsblind kritisiert, was Esping-Andersen zu einer Revision seines Ansatzes veran-
lasst hat.
In ,,Social Foundations of Postindustrial Societies" (1999) erweitert er die Wohlfahrts-
dyade aus Staat und Markt um die Familie als Wohlfahrtsproduzenten. Wohlfahrtsre-
gime unterscheiden sich dadurch, wie die Produktion von Wohlfahrt innerhalb dieser
Triade verteilt und organisiert ist. Zentral für die Bestimmung eines Wohlfahrtstypus ist
damit nicht mehr allein das Ausmaß der Dekommodifizierung, sondern das Manage-
ment sozialer Risiken im Allgemeinen. Arbeitsmarktrisiken sind nur ein Teil davon
daneben unterscheidet Esping-Andersen nun Risiken, die an Klassenzugehörigkeit ge-
knüpft sind, Lebenslaufrisiken wie Armut im Alter oder in der Kindheit und schließlich
intergenerationale Risiken wie etwa die Verknüpfung des Bildungserfolgs mit der sozia-
len Herkunft. Das Risikomanagement der einzelnen Bereiche der Wohlfahrtstriade folgt
unterschiedlichen Logiken: Das Risikomanagement der Familie orientiert sich am Re-
ziprozitätsprinzip, Risikomanagement am Markt gehorcht ökonomischen Imperativen
und staatlich organisiertes Risikomanagement folgt den Regeln autoritativer Umvertei-
lung. Der Begriff der Dekommodifizierung, wie Esping-Andersen ihn anfangs ge-
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brauchte, erfasst wohlfahrtsstaatliche Arrangements nur unvollständig. Dekommodifi-
zierung setzt in vielen Wohlfahrtsstaaten Kommodifizierung voraus: Zugang zu mark-
tunabhängigen, öffentlichen Sozialleistungen hat in dem meisten Staaten nur, wer über-
haupt erwerbstätig ist. Die Kopplung von Arbeitslosenunterstützung oder Rentenzah-
lungen an vorher geleistete Beiträge in konservativen Wohlfahrtsstaaten wie Deutsch-
land ist ein Beispiel dafür. Für Frauen, die vom Erwerbsleben ausgeschlossen sind, ver-
liert der Begriff der Dekommodifizierung seinen Sinn. Esping-Andersen stellt daher
dem Konzept der Dekommodifizierung das der Defamiliarisierung zur Seite. Defamilia-
risierung beschreibt den Grad der Unabhängigkeit von der Familie als Wohlfahrtspro-
duzent in Esping-Andersens Worten:
,,A famialistic system, [...] is one which public policy assumes indeed insists
that households must carry the principal responsibility for their members' wel-
fare. A de-familiazing system is one which seeks to unburden the household di-
minish individuals' welfare dependence on kinship." (Esping-Andersen, zitiert
nach Leitner 2003: 356)
Defamiliarisierung ist laut Esping-Andersen allerdings weit schwieriger zu messen als
Dekommodifizierung. Der Grund dafür ist, dass die vom Haushalt bereitgestellten
Dienste nicht monetarisiert sind: Unbezahlte Arbeit taucht in volkwirtschaftlichen Bi-
lanzen in der Regel nicht auf. Entsprechend lässt sich der Begriff nur in einem ,,eclectic
methodological approach" fassen (Esping-Andersen 1999: 52). Esping-Andersen
schlägt vier Indikatoren vor:
- der Anteil der Ausgaben für familienbezogene Dienstleistungen am Bruttoin-
landsprodukt
- Subventionen für Familien mit Kindern, gemessen an Freibeträgen und Steu-
ernachlässen
- die Verbreitung öffentlicher Kinderbetreuung für Unter-Drei-Jährige sowie
- die Verbreitung von Pflegeangeboten für Ältere.
Im Ergebnis gruppieren sich die betrachteten Staaten entsprechend der Drei-Welten-
Typologie. Die sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaaten des Nordens erreichen ein ho-
hes Maß an Defamiliarisierung. Ihnen folgen die liberalen Staaten. Im unteren Feld
gruppieren sich die konservativen, kontinentaleuropäischen Regime, die südeuropäi-
schen Staaten rangieren am untersten Ende der Skala (Esping-Andersen 1999: 61).
Esping-Andersens Vorschlag zur Unterscheidung von Wohlfahrtsstaaten aufgrund der
Arbeitsteilung von Markt, Staat und Familie hat Widerhall in der Literatur gefunden,
blieb aber nicht ohne Ergänzungen und kritische Anmerkungen. Die Vorstellung, wo-
7
nach die öffentliche oder privatwirtschaftliche Bereitstellung von Betreuungsangeboten
für Kinder und Pflegeeinrichtungen für ältere Familienangehörige, automatisch zur De-
familiarisierung führe, wird beispielsweise von Leitner und Lessenich (2007) als ver-
kürzt kritisiert. So seien etwa durchaus Grenzfälle denkbar, in denen Frauen trotz Ent-
lastung von familialen Fürsorgepflichten weiterhin wirtschaftlich abhängig von ihrer
Familie bleiben, oder umgekehrt, trotz Familienarbeit wirtschaftlich unabhängig sind.
(Leitner/Lessenich 2007: 246ff.). Die Autoren schlagen daher vor, Familialismus je-
weils auf einer sozialen und einer ökonomischen Dimension zu messen: Die soziale
Dimension beinhaltet die Beziehung zwischen Kind und Elternteil: Wie stark ist die
Betreuung kleiner Kinder
innerhalb der Familie
geregelt, inwieweit wird
sie von Akteuren außer-
halb der Familie über-
nommen? Die ökonomi-
sche Dimension bestimmt
den Grad wirtschaftlicher
Unabhängigkeit der El-
ternteile. Erhalten sie eigene Einkünfte oder sind sie von den Verdiensten des Ehepart-
ners abhängig? Die Kombination beider Dimensionen ergibt eine Matrix, in der sich
vier Fälle unterscheiden lassen (Tabelle 1).
Die symmetrischen Kombinationen aus ökonomischem und sozialem Familialismus und
ökonomischer und sozialer Defamiliarisierung dürften die Regelfälle darstellen und
stehen für die beiden Enden der von Esping-Andersen vorgeschlagenen Skala. Ein aus-
gebautes Betreuungssystem dürfte die Vorraussetzungen schaffen für eine eigene Er-
werbstätigkeit von Frauen. Dennoch sind auch Fälle denkbar, bei denen die Betreuung
von Kindern der Familie obliegt, die betreuenden Elternteile aber ökonomisch von ihrer
Familie sind. Eine solche Situation liegt vor, wenn Mütter (oder Väter) ein individuelles
Erziehungsgehalt vom Staat bekommen. Luxemburg ist nach Leitner und Lessenich
allerdings das einzige Beispiel für diese Kombination. Ebenso denkbar ist der Grenzfall,
in dem entgegen der Erwartung ein ausgebautes Betreuungssystem für Kinder nicht zu
einer höheren Erwerbsbeteiligung von Frauen führt, so dass diese nach wie vor auf die
finanzielle Unterstützung durch ihren Ehepartner angewiesen sind. Eine angespannte
sozial
Tabelle1: Sozialer und ökonomischer Familialismus
(eigene Darstellung nach Leitner/Lessenich 2007)
Familialismus
Defamilialismus
Familialismus
Defamilialismus
ökonomisch
fehlende
Betreuungsmöglichkeiten,
kein individualisiertes,
familienunabhängiges
Einkommen
ausgebautes
Betreuungsangebot, aber
fehlende Erwerbschancen
fehlende
Betreuungsmöglichkeiten, aber
individualisierte
Transferzahlungen an
Erziehende (Beispiel
Luxemburg)
ausgebautes Betreuungssystem
ermöglicht hohe
Erwerbsbeteiligung
8
Lage auf dem Arbeitsmarkt kann beispielsweise dazu führen, dass trotz ausgebautem
Betreuungsangebot für Kinder weniger Mütter berufstätig sind.
Die verschiedenen Kombinationen aus Geld- und Dienstleistungen für Familien bilden
auch den Hintergrund der ,,varieties of familialism", die Leitner (2003) unterscheidet.
Laut Leitner können Esping-Andersens Familialismus-Indikatoren nur klar die nordi-
schen Staaten auf der einen und die südeuropäischen auf der anderen Seite unterschei-
den. Für Varianten und Spielarten dazwischen sind sie untauglich (Leitner 2003: 357).
Anhand der Kombination von Transferzahlungen für Kinderbetreuung und öffentlichen
Betreuungsangeboten unterscheidet Leitner expliziten, impliziten und optionalen Fami-
lialismus sowie Defamilialismus. Die einzelnen Familialismen stellen jeweils spezifi-
sche Kombinationen aus Transferzahlung und der Bereitstellung familiennaher Dienste
dar, hinter denen unterschiedliche politische Leitbilder stehen. Die einzelnen Varianten
sind nach Leitner folgende:
- expliziter Familialismus: Die Fürsorgeleistung der Familie wird durch staat-
liche Transfers gestärkt, gleichzeitig fehlt ein ausgebautes Betreuungssys-
tem. Die ausschließliche Betreuung und Erziehung von Kindern innerhalb
der Familie ist politisch gewollt und wird forciert.
- impliziter Familialismus: Es fehlt sowohl an Transferleistungen an Familien
als auch an Betreuungsangeboten. Der Staat legt kein Erziehungsmodell na-
he, faktisch dürfte die Familie aber die Hauptlast der Betreuungsaufgaben
schultern.
- optionaler Familialismus: Die Fürsorgeleistung der Familie wird durch
Transferzahlungen gefördert, gleichzeitig steht aber ein ausgebautes Betreu-
ungssystem zur Verfügung. Eltern steht es frei, für welche Alternative sie
sich entscheiden.
- Defamilialismus: Die familiale Fürsorge wird nicht durch staatliche Trans-
fers unterstützt. Die Familienpolitik konzentriert sich auf die Bereitstellung
von Dienstleistungen wie Kinderkrippen.
Die EU-Mitgliedsstaaten finden sich in diesen Spielarten mehr oder weniger eindeutig
wieder, nimmt man etwa Transferzahlungen während der Elternzeit und den Anteil Un-
ter-Drei-Jähriger in formeller Kinderbetreuung als Indikatoren.
2.2 Familialismus als Ursache ungleicher Bildungschancen
In allen OECD-Staaten hängt der Bildungserfolg von der sozialen Herkunft eines Schü-
lers ab. Das Ausmaß variiert allerdings beträchtlich. Eine Möglichkeit, ungleiche Bil-
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