Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Inhaltliche Übersicht 3
2.1 Ende des Sommers und die mittlere Stadt 3
2.2 Später Herbst und die große Stadt 4
2.3 Sehr viel Winter und ein Wartesaal 4
3 Sozioökonomische Lage der Angestellten 6
3.1 Sonderrolle: Weibliche Angestellte 9
3.2 Das kunstseidene Mädchen als Angestellte 11
4 Kunst und Massenkultur in der Weimarer Republik 13
4.1 Siegfried Kracauer und die Zerstreuung der Massen 14
4.2 Siegfried Kracauer und das Kino 16
4.3 Siegfried Kracauer und die Entdeckung von Jugend und Sport 19
4.4 Massenkultur und Zerstreuung in Das kunstseidene Mädchen 21
4.5 Motiv des Glanzes 27
5 Geschlechterrolle und Sexualität 29
5.1 Die neue Frau 31
5.2 Erotik und Sexualität in Das kunstseidene Mädchen 33
5.3 Scheiternde Lebensentwürfe, Partnerschaft und Beruf 37
5.4 Prostitution 38
5.5 Prostitution und Das kunstseidene Mädchen 39
5.6 Motiv: das Kunstseidene und Textilien 43
6 Neue Sachlichkeit 46
6.1 Was ist Neue Sachlichkeit ? 46
6.2 Das kunstseidene Mädchen als neusachlicher Roman 48
7 Zusammenfassung 50
Literaturverzeichnis 52
I
Kapitel 1
Einleitung
Im Oktober 1931 erschien Irmgard Keuns Debutroman Gilgi — eine von uns 1 und bescherte der damals erst 26jährigen Autorin sofort großen Erfolg. 2 Ein Jahr später folgte ihr Roman Das kunstseidene Mädchen 3 . Der inhaltlich und stilistisch an ihren ersten Roman anknüpfende Bestseller 4 verarbeitete das Lebensgefühl einer Zeit, die zwischen der versiegenden Leichtigkeit der Goldenen Zwanziger Jahre und der katastrophalen Weltwirtschaftskrise mit ihren ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Nachbeben zerrissen war. Ihres Erfolgs ungeachtet, wurde die in der späten Weimarer Republik erfolgreiche Autorin recht schnell vergessen und erst in den späten 1970er Jahren im Zusammenhang mit Fragen nach der Vorgeschichte des Dritten Reiches und der damaligen gesellschaftlichen Realität wieder entdeckt. 5 Irmgard Keun schildert in Das kunstseidene Mädchen die Erlebnisse der achtzehnjährigen Büroangestellen Doris, die nach einer enttäuschten Liebe und dem Verlust ihres Arbeitsverhältnisses aus ihrem Lebensumfeld fliehen will, um „ein Glanz“ zu werden. Der Wunsch nach sozialem Aufstieg führt die Titelheldin von Köln nach Berlin und durch verschiedene Männerbekanntschaften; schließlich nimmt sie — obdachlos und beinahe prostituiert — im offenen Ende Abstand von ihrem Traum. Das Geschehen im Roman verläuft zwischen dem Spätsommer 1931 und dem Frühjahr 1932. Die erzählte Zeit ist also weitestgehend mit der geschichtlichen Zeit identisch und die dargestellten sozialen, kulturellen und politischen Phänomene machen
1 Irmgard Keun 1931/2002: Gilgi — eine von uns. Berlin: Ullstein Verlag.
2 Bis November 1932 wurden in sechs Auflagen 30 000 Exemplare gedruckt. (Vgl. Hiltrud Häntzschel 2001: Irmgard Keun. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, S. 31)
3 Irmgard Keun 1932/2004: Das kunstseidene Mädchen. Berlin: Ullstein Verlag.
4 Der Roman war 1932 eines der meistverkauften Bücher. (Vgl. Häntzschel 2001, S. 41)
5 Vgl. Doris Rosenstein 1991: Irmgard Keun: Das Erzählwerk der dreißiger Jahre. Frankfurt a. M.: Peter Lang, Forschungen zur Literatur- und Kulturgeschichte 28, S. 7 f.
1
Das kunstseidene Mädchen zu einem aktuellen Zeitdokument, das zum Literaturprogramm der ‚Neuen Sachlichkeit‘ gezählt wird.
Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, den Roman mit der gesellschaftlichen Realität zu kontrastieren und ihn unter den Gesichtspunkten Sozioökonomie, Massenkultur und Geschlechterverhältnisse zu untersuchen. Eine herausragende Rolle werden dabei die Essays und Reportagen des deutschen Soziologen und Filmkritikers Siegfried Kracauer spielen, die einen besonderen Beitrag zum Verständnis der Angestelltenschicht und der aufkommenden Massenkultur leisten. Ihnen werden Doris’ Eindrücke der Vergnügungs- und Freizeitindustrie gegenübergestellt, um Wirklichkeitsbezüge nachzuweisen. Der von den Medien massenhaft präsentierte Typus ‚neue Frau‘ findet in der Konzeption der Protagonistin seine literarische Entsprechung. Die Gegenüberstellung von realen Geschlechterverhältnissen und ihre fiktionale Ausgestaltung im Roman kann dabei an die Forschungsergebnisse von Ute Frevert, Doris Rosenstein und Irene Lorisika anknüpfen. Abschließend soll die Nähe des Textes zur künstlerischen Periode der ‚Neuen Sachlichkeit‘ nachgewiesen werden.
2
Kapitel 2
Inhaltliche Übersicht
2.1 Ende des Sommers und die mittlere Stadt
Das ‚kunstseidene Mädchen‘ Doris arbeitet als Sekretärin in einem Kölner Rechtsanwaltsbüro und wohnt bei seinen Eltern, die im unteren Kleinbürgertum angesiedelt sind. Doris’ Vater ist arbeitslos, ihre Mutter als Garderobiere am Theater tätig. Doris repräsentiert den Typus der modernen Frau der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, der von Magazinen, Kinofilmen und der Werbung massenmedial präsentiert und verbreitet wurde. Ihre mangelnde Bildung kompensiert sie im Beruf durch den pragmatischen Einsatz ihrer körperlichen Reize. Noch im ersten Romanteil verliert sie aber in einer solchen Situation die Kontrolle und wird — nach Zahlung einer kargen Abfindung — fristlos entlassen.
Durch die Beziehungen ihrer Mutter bekommt Doris eine Stelle als Komparsin am Theater und beginnt eine Ausbildung zur Schauspielerin. Um Ansehen unter den Kolleginnen zu gewinnen, erfindet sie ein Liebesverhältnis mit dem Direktor des Theaters und fasst in dem Milieu, das ihr „ein Glanz“ zu werden ermöglichen soll, Fuß. Doch schon wenig später kann Doris ihr Lügengebäude nicht mehr aufrechterhalten und entschließt sich dazu, das Theater fluchtartig zu verlassen. Dabei stiehlt sie aus der unbewachten Garderobe einen Pelzmantel, der sie im weiteren Verlauf des Romans begleiten wird. Nach einem Treffen mit ihrer Jugendliebe Hubert, der sie wegen einer Geldheirat verließ, leiht sie sich Geld und geht nach Berlin.
3
2.2 Später Herbst und die große Stadt
Der Großstadt Berlin begegnet Doris mit hohen Erwartungen und voller Spannung. Anfangs wohnt sie bei einer hochschwangeren, verheirateten Freundin, die mit ihrem verbitterten Ehemann in ärmlichen Verhältnissen lebt. Nach der Entbindung verlässt Doris die Kleinfamilie und zieht bei der neuen Freundin Tilli Scherer ein. Die beiden verbindet das Ziel, „ein Glanz“ zu werden. Doris kann kostenlos bei Tilli wohnen und leiht ihr dafür im Gegenzug regelmäßig ihren Pelzmantel für Vorsprechtermine an der Filmbörse, denn Tilli möchte ein Kinostar werden. Die Romanheldin indes sichert ihre Existenz über wechselnde Männerbekanntschaften, von denen sie sich aushalten und einkleiden lässt. Diese Art des Nebenverdienstes praktizierte sie bereits in Köln, jedoch hat sie in Berlin keine Papiere und fürchtet, wegen des Diebstahls am Theater strafrechtlich verfolgt zu werden. Daher kann sie nicht arbeiten und ist allein auf den Einsatz ihres Körpers angewiesen. Ungeachtet ihrer eigenen subtilen Prostitution fürchtet sie, eine Hure zu werden. Im Haus, in dem sie bei Tilli wohnt — dort lebt auch ein Zuhälter — wird sie mit der Härte und Brutalität dieses Milieus konfrontiert.
Ein anderer Nachbar, zu dem sie Kontakt hält, ist der blinde Elsässer Brenner. Ihm beschreibt sie die Großstadt Berlin. Eines Abends streifen sie gemeinsam durch die kulturellen Scheinwelten und Lokale. Brenner öffnet Doris dabei die Augen für die Schattenseiten der Stadt: Armut, Schmutz und Verzweiflung sind die Begleiterscheinungen der ökonomischen Krise.
Doris muss bei Tilli ausziehen und bezieht ein kleines möbliertes Zimmer, bis ihre kläglichen Ersparnisse aufgebraucht sind. Danach wohnt sie einige Tage bei einer ihrer Männerbekanntschaften, bis sie sich sexuell ausgebeutet fühlt und — vor Zudringlichkeiten fliehend — die Weihnachtsnacht auf einer Parkbank verbringt.
2.3 Sehr viel Winter und ein Wartesaal
Doris ist an einem Tiefpunkt ihres Lebens angekommen. Statt „ein Glanz“ zu werden, sitzt sie kraftlos im Wartesaal des Bahnhofs Zoo und wird sogar von den Kellnern verachtet. Sie geht mit jedem Mann, der ihr Essen oder Getränke zahlt. Nur sehr selten bekommt sie etwas ohne eine Gegenleistung, wie zum Beispiel den Schlafplatz im Taxi. Die Grenzen zur offenen Prostitution verschwimmen zusehends, bis sie auf Ernst trifft. Dieser sanftmütige Mann wurde von seiner Frau verlassen und kann
4
nicht mehr alleine in seiner Wohnung sein. Er nimmt Doris bei sich auf, ohne Gegenleistungen zu erwarten. Anfangs verachtet sie seine zurückhaltende Art, später verliebt sie sich in ihn.
Seine Fürsorge lässt Doris regenerieren und sich zusehends in die Rolle der liebenden Ehefrau entwickeln. Einen Brief seiner früheren Frau Hanne verheimlicht sie Ernst anfangs, muss aber wenig später einsehen, dass er Hanne noch immer liebt. Daraufhin arrangiert Doris eine Kontaktaufnahme des früheren Paares und verlässt ohne Abschied Ernst und die Wohnung. Ihr Verzicht auf Ernst führt sie an den selben Ort zurück, wo sie ihren Berlinaufenthalt begann — Doris sitzt dort allein, nur umgeben von ihrem geliebten Pelzmantel, am Bahnhof und relativiert den gescheiterten Lebensentwurf:
Auf den Glanz kommt es vielleicht gar nicht so furchtbar an.
Kapitel 3
Sozioökonomische Lage der
Angestellten
Keun macht eine Angestellte — die im weiteren Handlungsverlauf zur Ex-Angestellten wird — zur Heldin ihres Romans und greift damit den regen zeitgenössischen Diskurs über jene sozialen Gruppen und Schichten auf, die von „ökonomischer Rationalisierung, massenmedialer Öffentlichkeit, urbanen Milieus und einer prosperierenden Kulturindustrie nachhaltig geprägt werden.“ 6 Die Entwicklung und das Wachstum der modernen Angestelltenschaft begann ursprünglich in staatlichen Behörden und der Industrie, zwei zentralen Bereichen der Gesellschaft. Die massive Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahr-hunderts erzeugte einen kontinuierlich wachsenden Bedarf an technischen Hilfskräften, Projektanten, technischen Zeichnern, wissenschaftlichen Mitarbeitern und kaufmännischem Personal. Erste Rationalisierungsversuche führten zu technologischen Umstrukturierungen und zu einem engeren Verhältnis von Wissenschaft und Produktion. Dadurch wurden immer mehr produktionsvorbereitende Tätigkeiten aus den Fabriken und Werkstätten in die Büros verlagert. Das Wachstum der Unternehmen wie der Märkte brachte einen stetig größer werdenden Organisations- und Verwaltungsaufwand mit sich, der schließlich im Entstehen einer neuen Unter- und Mittelschicht von Büroarbeitern mündete.
Den Entwicklungen in der Industrie vergleichbar, führte der Ausbau des Verwaltungs-, Versicherungs- und Verkehrswesens zu einem wachsenden Bedarf an niederen
6 Henri Band 1999: Mittelschichten und Massenkultur. Siegfried Kracauers publizistische Aus-einandersetzung mit der populären Kultur und der Kultur der Mittelschichten in der Weimarer Republik. Berlin: Lukas Verlag, S. 125.
6
Bürokräften, deren Arbeit sich häufig auf untergeordnete verwaltende und organisa-torische Tätigkeiten beschränkte. Die zunehmende Angleichung dieser Tätigkeiten in den verschiedenen Verwaltungs- und Industriebereichen führte zu stetig wachsender Mobilität und Austauschbarkeit der Büroarbeiter.
Der Begriff des ‚Angestellten‘ — als Substantivierung des Partizips ‚angestellt sein‘ — setzte sich im öffentlichen Sprachgebrauch und in den Dienst- und Ge-schäftsordnungen seit 1890 durch. 7 Dieser Begriff suggeriert nicht nur ein festes Arbeitsverhältnis, das relativ unabhängig von Markt- und Leistungsfaktoren ist und sich dadurch von dem des Lohnarbeiters unterscheidet, sondern er betont darüber hinaus auch die Stellung des Arbeitnehmers gegenüber seiner Berufszugehörigkeit. 8 Seit den 1880er Jahren entstanden Angestelltenverbände und schufen öffentliche Repräsentanz; im Angestelltengesetz von 1911 wurden die Angestellten erstmals versicherungsrechtlich anerkannt und gegenüber den Arbeitern bevorzugt. 9 Der Kampf um eine versicherungsrechtliche Privilegierung gegenüber den Arbeitern war auch vor allem deswegen erfolgreich, weil bürgerliche Politiker und Unternehmer das Interesse verfolgten, die neue Schicht der Angestellten als Puffer zwischen Arbeitern und Unternehmern in das Klassengefüge einzureihen. Arbeiterbewegung, Sozialdemokratie und Klassenkampf sollten so Einhalt geboten werden. 10,11 Die Zahl der Angestellten wuchs stürmisch und sie entwickelten sich zur am schnellsten wachsenden Gruppe der Erwerbstätigen. 12
Neben den vermeintlichen Aufstiegschancen wirkten die häufig unterstellte Leichtigkeit der nicht-körperlichen Arbeit und die Sauberkeit der white collar -Tätigkeit sehr attraktiv. Anfänglich rekrutierte sich die Schicht der Angestellten hauptsächlich aus dem Mittelstand, jedoch stieg nach dem Ersten Weltkrieg der Anteil der white collar workers, die aus dem Arbeitermilieu stammten, enorm an. 13
7 Vgl. Band 1999, S. 129.
8 Vgl. ebd., S. 130.
9 Vgl. Hans Speier 1977: Die Angestellten vor dem Nationalsozialismus. Ein Beitrag zum Verständnis der deutschen Sozialstruktur 1918 - 1933. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 26, S. 124. 10 Vgl. Band 1999, S. 132.
11 „Dieses Zusammenspiel zwischen dem ständischen Absetzungsstreben der Angestellten und ihrer Repräsentanten und dem Interesse von bürgerlichen Parteien und Unternehmern, die neuen kapitalistischen Zwischenschichten als dritte, die Klassengegensätze dämpfende, staatstragende Kraft im politischen Raum dauerhaft zu etablieren, führte zu einer rechtlichen und sozialen Privilegierung der Angestellten in Deutschland, die es in der Form in anderen führenden Industriestaaten nicht gab.“ (Band 1999, S. 133)
12 Zwischen 1907 und 1925 stieg die Zahl der Angestellten um ca. 133 % von 1,5 Millionen auf 3,5 Millionen an. (Vgl. Speier 1977, S. 159 - 162)
13 Eine statistische Erhebung des GdA (Gewerkschaftsbund der Angestellten) über die soziale
7
In der Weimarer Republik entwickelte sich das Arbeitermilieu zur wichtigsten Ergänzung der Angestelltenschicht. Allerdings waren die Aufstiegsmöglichkeiten der Arbeiter sehr begrenzt, so dass vorwiegend qualifiziertere Arbeiter in die unteren Ebenen der Angestelltenhierarchie aufstiegen. Besonders unter den unteren, jüngeren und weiblichen Angestellten war ihr Anteil sehr hoch. Proletarische Herkunft und schlechtere Schulbildung korrelierten dabei. Das Bildungsmonopol des Bürgertums war weiterhin ungebrochen und blieb ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor der weniger gebildeten Arbeiter, deren Aufstiegschancen sehr begrenzt waren. Noch Jahrzehnte nach der Schulzeit wirkte die Art des Schulbesuches sich auf die Chancen aus, in eine verantwortungsvollere Tätigkeit aufzusteigen. 14
Je mehr die mechanische Tätigkeit zunahm, desto mehr Angestellte gingen aus der Arbeiterschaft hervor. Von dieser aus gesehen bedeutete dies: Je größer die Chance für die Arbeiterschaft wurde, den Kindern einen Aufstieg in die Angestelltenschicht zu ermöglichen, desto mehr verlor dieser Wechsel aus einer Schicht in die andere den Charakter des Aufstiegs. Der massenhafte Aufstieg in die höhere Schicht wurde der Arbeiterschaft in dem Stadium der Entwicklung leichter, in dem das Ziel dieses Aufstiegs an Wert verlor. (Speier 1977, S. 44)
Siegfried Kracauer erkennt zwischen 1925 und 1928 eine Rationalisierungsperiode, in der nach amerikanischem Muster Maschinen und die Methoden des Fließbandes in die Angestelltensäle der Großbetriebe einzogen. Die Folge war eine herabgeminderte Funktion der Arbeitnehmer im Arbeitsprozess. Man kann diese Entwicklung auch als Proletarisierung der Angestelltenschicht begreifen, denn die Bürokratisierung der großen Betriebe und die Vermassung der Angestelltenschicht entsprachen keinem Aufstieg — ihre soziale Situation war ähnlich wie die des eigentlichen Proletariats. 15 Trotzdem stellte sich diese Berufsgruppe in ihrer Selbstdefinition — ungeachtet der oft niedrigeren Einkünfte — über die Arbeiter und grenzte sich zum Teil sogar aggressiv gegen diese ab.
Aufgrund des Arbeitsplatzangebotes waren Angestellte vor allem in Großstädten konzentriert. Die geregelte Arbeitszeit — die eine spärlich bemessene, aber frei
Herkunft von 1929 bilanziert, dass 25 % der Angestellten aus dem Arbeitermilieu, 71,7 % aus mittleren Schichten und lediglich 3,3 % aus höheren Kreisen stammten. (Vgl. Speier 1977, S. 57)
14 Vgl. ebd.
15 Kracauer sieht sogar eine „industrielle Reservearmee“ (Siegfried Kracauer 1929/1971: Die Angestellten. Aus dem neuesten Deutschland. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag, S. 13) der Angestellten.
8
gestaltbare Freizeit mit sich brachte — förderte die Entwicklung einer neuen industriellen Freizeit- und Konsumkultur, an der die Angestellten intensiv teilnahmen.
3.1 Sonderrolle: Weibliche Angestellte
Ein Drittel aller Angestellten waren Frauen. Ihre Zahl war seit dem Ersten Weltkrieg noch schneller gestiegen als die der männlichen Angestellten. 16 Kracauer versucht, diese Entwicklung mit den demographischen und wirtschaftlichen Folgen von Krieg und Inflation sowie dem Bedürfnis der neuen Frauengeneration nach Selbstständigkeit zu erklären. 17 Junge Mädchen und Frauen wurden vor allem deshalb bevorzugt eingestellt, weil sie billiger, gefügiger und — aufgrund ihrer Geschicklichkeit — besonders als Stenotypistinnen und Maschinenarbeiterinnen begehrt waren. 18 Hans Speier kommt in seiner sozial-historischen Untersuchung zur sozialen Schichtung einzelner Tätigkeitsgruppen zu dem Ergebnis, dass 80 % bis 85 % der weiblichen Angestellten untergeordnete Tätigkeiten leisteten und ihre Aufstiegschancen daher noch geringer waren, als die männlicher Angestellten. 19 So entsprach die geschlechtliche Schichtung auch der sozialen: Männern blieb die Rolle der Vorgesetzten vorbehalten, Frauen die der Untergebenen.
Außerdem gab es ein Gefälle im tariflichen Lohnniveau: das Einkommen weiblicher Angestellter lag im Durchschnitt — je nach ihrer Position — 10 % bis 20 % unter dem der Männer. Selten betrug es mehr als 150 Reichsmark und reichte kaum für eine eigene Wohnung, so dass die meisten angestellten Frauen notwendigerweise bei Eltern oder Verwandten wohnten. Hinzu kam, dass viele dieser Frauen einen überproportional großen Anteil ihres Gehaltes für Kleidung und Kosmetik ausgeben mussten, da eine attraktive, modische und jugendliche Erscheinung für ihre Tätigkeit unabdingbar war und im Zweifelsfall schwerer wog als Zeugnisse. 20 Um das Budget für diese Ausgaben zu gewährleisten, wurden gegebenenfalls auch bei der Ernährung Abstriche gemacht. Oft konnten die Lebenshaltungskosten bzw. Aufwendungen für
16
Von den 3,5 Millionen Angestellten, die es 1925 in Deutschland gab (Vgl. Speier 1977, S. 159 -162), waren 1,2 Millionen Frauen; seit 1907 war ihr Anteil um 224 % gewachsen, der der Männer dagegen lediglich um 104 %. (Vgl. Band 1999, S. 135)
17 Vgl. Kracauer 1929/1971, S. 12.
18 Vgl. Band 1999, S. 136.
19 Vgl. Speier 1977, S. 62.
20 „Außerordentlich lehrreich ist eine Auskunft, die ich in einem bekannten Berliner Warenhaus erhalte. ‚Wir achten bei Engagements von Verkaufs- und Büropersonal‘, sagt ein maßgebender Herr der Personalabteilung, ‚vorwiegend auf ein angenehmes Aussehen.‘ “ (Kracauer 1929/1971, S. 24)
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Joachim Schmidt, 2009, Neue Sachlichkeit, Angestelltenkultur und Geschlecht, München, GRIN Verlag GmbH
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