Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Essay und Essayismus 3
2.1 Kernmerkmale des Essays 3
2.2 Essayismus 5
2.3 Essayismus im Roman 6
3 Essayismus in Thomas Manns Zauberberg 8
3.1 Essayhafte Passagen im Zauberberg 9
3.2 Essayistische Passagen im Zauberberg 11
3.3 Essayistisches in der Anlage des Zauberberg 14
4 Fazit 15
Literaturverzeichnis 17
i
1 Einleitung
Thomas Mann ist nicht nur als Autor fiktionaler Texte bekannt, sondern auch als Verfasser zahlreicher Essays zu politischen und gesellschaftlichen Themen 1 . In dieser Arbeit soll die These vertreten werden, dass essayistische Schreibweisen sich auch im Roman „Der Zauberberg“ (Mann 2007) finden lassen.
Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“ war zur Zeit seines Erscheinens (1924) gerade aufgrund des von vielen Kritikern bemängelten diffusen „Essayismus“ so neuartig, dass er vom Publikum zunächst ablehnend aufgenommen wurde. Zu ungewohnt war die Zurückstellung der äußeren Handlung gegenüber den reflexiven Schilderungen geistiger Konflikte (vgl. Neumann, 2002, S. 112). Erstaunlicherweise gibt es in der Forschung zum Zauberberg aber kaum konkrete Nennungen dessen, was an dem Roman denn nun essayistisch sei. Zwar gelte „Thomas Mann seit dem Zauberberg“ als „prototypischer Repräsentant“ „der forcierten Verschränkung von epischer Fiktion und essayistischem Diskurs“ (Goltschnigg, 2006, S. 108), aber es verblüfft, dass nur sehr knapp und selten ausgeführt wird, wo genau sich das zeigt.
In dieser Arbeit wird es daher zunächst nötig sein, sich mit der Frage zu befassen, was ein Essay ist und was unter „Essayismus“ verstanden werden kann. Neben der Form des Essays gibt es auch ein Schreibverfahren des Essayismus, das auch in anderen Formen, Gattungen und Genres als dem Essay Verwendung finden kann. Nachdem typische Kennzeichen von Essay und Essayismus festgestellt worden sind, können diese Merkmale schließlich an Thomas Manns Zauberberg angelegt werden (Kapitel 3). Dabei soll geprüft werden, inwiefern und auf welche Weise im Zauberberg „Essayismus“ zu finden ist.
Es ist naheliegend, dabei eine Unterscheidung zu treffen: Gibt es Passagen, die essayartig sind? Gibt es essayistische Teile? Oder ist gar der ganze Roman essayistisch oder
1 beispielsweise „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918), „Goethe und Tolstoi“ (1923), „Von detuscher Republik“ (1923) u.v.m.
1
ein „Essayroman“? Aufgrund des beschränkten Umfangs einer Seminararbeit können hier nur exemplarisch einzelne Beispiele herausgegriffen werden, die die Bandbreite der essayistischen Anteile im Roman nicht abbilden können, aber eine Idee davon vermitteln, wie Thomas Mann wissenschaftliche und geistige Exkurse in den Roman einbettet.
2
2 Essay und Essayismus
Was ein Essay genau ist, ist nicht klar definiert 1 , bekannt ist aber die Geschichte dieser Form, und unzählige wissenschaftliche Arbeiten und Essays wurden zur Theorie des Essays verfasst.
Im Folgenden soll kurz auf die Geschichte des Essays sowie einige Definitionsversuche dessen, was ein Essay sei, eingegangen werden. Darauf aufbauend erfolgt anschließend eine Ausweitung der Merkmalssuche auf den Begriff des „Essayismus“ oder des „Essayistischen“.
Schließlich stellt sich die Frage, wie es um den Zusammenhang zwischen Essay und Roman steht. Welche Wechselbeziehungen gibt es, auf welche Weisen und in welchem Kontext kommt es zu einer Einbeziehung essayistischer Elemente in die epische Form des Romans?
2.1 Kernmerkmale des Essays
Im Wesentlichen geht die literarische Form des Essays zurück auf 2 Michel de Montaigne (1533-1592), der unter dem Titel „Essais“ (frz. für „Versuche“) kurze Abhandlungen, inhaltlich meist persönliche Beobachtungen und Kommentare, niederschrieb. Schärf (1999, S. 40) zufolge gelte Montaigne „als derjenige, der den Essay als schriftstellerisches Verfahren installiert“ habe, der Engländer Francis Bacon (1561-1626), der in Kenntnis von Montaignes Texten eine ganz ähnliche Form für (philosophisch) wissenschaftliche und politische Abhandlungen wählte, „jedoch als derjenige, der ihn zu einer literarischen Form ausgestaltet habe“. Wichtig seien beide Begründer des
1 Es ist möglicherweise auch nicht klar definierbar; dies soll aber nicht das zentrale Thema dieser Arbeit sein.
2 Dieser Abschnitt orientiert sich inhaltlich weitgehend an Schärf 1999
3
Essay, zumal die beiden unterschiedlichen Urformen des Essays zwei verschiedene Richtungen darstellten. Vom Tenor des Inhalts her habe sich vor allem „der lebensbejahende Relativismus Montaignes“ durchgesetzt (ebd.), aber man müsse Bacon „in stilistischer Hinsicht [. . . ] eine innovative Dimension bescheinigen.“ (Schärf, 1999, S. 41)
Die freie Form des Essays wird sowohl von Schriftstellern wie auch Wissenschaftlern gewählt, was eine Einordnung als „vierte Gattung“ neben Prosa, Lyrik und Dramatik, wie sie gelegentlich vorgeschlagen wird, schwierig macht.
Nicht nur lässt sich der Essay nicht klar den Disziplinen Wissenschaft oder Literatur zuordnen, er ist auch inhaltlich nicht auf spezielle Themengebiete festgelegt und zudem nicht an besondere formale Anforderungen gebunden. Er ist im Allgemeinen kurz, kann aber auch verhältnismäßig lang sein 3 , er kann einen Gedanken geordnet entwickeln oder ihn unter Verwendung von Dialogen, Brief-Elementen, Zitaten und allen erdenklichen weiteren Stilmitteln umkreisen.
Ludwig Rohner versucht in seinem 1966 erschienenen (vielkritisierten) Buch „Der deutsche Essay“ (Rohner, 1966) eine „synthetische Definition des Essays“: „Der (deutsche) Essay, eine eigenständige literarische Gattung, ist ein kürzeres, geschlossenes, verhältnismäßig locker komponiertes Stück betrachtsamer Prosa, das in ästhetisch anspruchsvoller Form einen einzigen, inkommensurablen Gegen-stand meist kritisch deutend umspielt, dabei am liebsten synthetisch, assoziativ, anschauungsbildend verfährt, den fiktiven Partner im geistigen Gespräch virtuos unterhält und dessen Bildung, kombinatorisches Denken, Phantasie erlebnishaft einsetzt.“ (Rohner, 1966, S. 672)
In dieser Definition ist vieles enthalten, was für viele Essays tatsächlich zutrifft, durch die Wörter „meist“ und „am liebsten“ wird aber schon deutlich, dass der Essay eine Form ist, die ihren Autoren sehr viele Freiheiten lässt.
Dies zeigt sich auch in einer häufig persönlichen Sichtweise, die keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt. Anstatt ein Thema wie in einer wissenschaftlichen Arbeit systematisch und analytisch zu behandeln, nähert sich der Essay ihm, indem er das Thema oder Einzelaspekte des Themas aus mehreren Perspektiven betrachtet, kann sich aber auch wieder entfernen und seine Gedanken aus der Distanz, aus einem größeren und oft auch unerwarteten oder untypischen Zusammenhang neu einordnen
3 wie etwa die Essays Thomas Manns
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Arbeit zitieren:
Stefan Großmann, 2009, Essayismus in Thomas Manns Roman "Der Zauberberg", München, GRIN Verlag GmbH
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