1. Einleitung
Nietzsche entwickelt seine philosophischen Thesen in verschiedenen Werken. Ein großer Teil davon stellen Aphorismus-Sammlungen wie die Fröhliche Wissenschaft und Also sprach Zarathustra. Diese Bücher gehören mit zu den Gründen, warum in heutiger Zeit Studenten Sprüche wie „Gott ist tot“ auf ihren Autoscheiben und Heftmappen kleben haben und somit immer noch von der Durchschlagskraft Nietzsches Philosophie zeugen.
Auf welche Art und Weise hat Nietzsche aber seine Philosophie überliefert und dargestellt? Die literarische Gattung des Aphorismus zeugt von verschiedenen Problemen der Definition - wie auch in der Namensgebung. So wurden Aphorismen in der Geschichte mit verschiedenen Namen bezeichnet und auch Nietzsche verwandte in seiner Frühzeit nicht den Begriff des Aphorismus. Im ersten Teil dieser Arbeit wird versucht Klarheit über den Aphorismus zu bekommen. Weiterhin werden verschiedene Merkmale des Aphorismus bei Nietzsche herausgearbeitet. Die Philosophie Nietzsches ist in Form literarischer Werke und nicht in Form
wissenschaftlicher Abhandlungen überliefert. Im zweiten Teil der Arbeit werden einzelne Aphorismen aus der Fröhlichen Wissenschaft im Hinblick auf die vorher erarbeiteten Merkmale untersucht. Hierbei wird auch die Wirkung des Aphorismus und dessen Merkmale betrachtet.
1 Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft. Stuttgart: Reclam 2006 (Reclams Universalbibliothek Nr. 7115), S. 19. Zitate aus diesem Buch werden im weiteren Verlauf mit Seitenzahl in Klammer im Text angegeben).
1
2. Der Aphorismus
2.1. Historische Entwicklung und Bedeutung
Um den Aphorismus als philosophische Form bei Nietzsche untersuchen zu können, muss man sich einen Begriff bilden und sich klar werden, was unter dem in der Geschichte sehr unterschiedlich und ungenau bestimmten Begriff Aphorismus zu verstehen ist. Das Metzler-Literaturlexikon bietet als Bestimmung des Aphorismus eine
prägnant knappe, geistreiche oder spitzfindige Formulierung eines Gedankens, eines Urteils, einer Lebensweisheit. Nach Inhalt und Stil anspruchsvoller als das Sprichwort; ausgezeichnet durch effektvolle Anwendung rhetor. Stilmittel (Antithese, Parallelismus, Chiasmus, Paradoxon). 2
Eine weitere kurze Definition des Aphorismus findet sich im Brockhaus wieder:
Aphorismus [grch. ‚Abgesondertes’], ein mit eindrucksvoller Schlagkraft geformter, in sich geschlossener Sinnspruch in Prosa. A. vermitteln überraschend eine Erkenntnis durch Vergleich, Gegensatz oder Widerspruch und regen zum Nachdenken an. 3
Wenn man diese knapp gefasste Bedeutung des Begriffs Aphorismus zugrunde legt, ist es hilfreich, sich über die Entstehung und Entwicklung des Aphorismus ein Bild zu machen. So wird allgemein Hippokrates als der erste genannt, der Aphorismen verfasste. Er war ein Mediziner und verwandte Aphorismen, um medizinische Einzelerkenntnisse zu beschreiben. Weiterhin wurde der Aphorismus in der Antike auch von Seneca oder Marc Aurel verwendet, um Lebenserfahrungen und Lehren sentenzenartig aufzuzeichnen. In der Renaissance wird der Aphorismus im englischen und französischen Raum verwendet, wo er durch Bacon als wissenschaftliche Mitteilungsform und von Larochefoucauld unter den Bezeichnungen „maximen, réflexions, sentences, penséres“ 4 verwandt wird. Der Aphorismus wird auch als „humorvolle und satirische Menschenbeurteilung“ 5 benutzt. 6
2 Günther und Irmgard Schweikle (Hg.): Metzler-Literatur-Lexikon: Stichwörter zur Weltliteratur. Stuttgart: Metzler 1984, S. 20.
3 Der grosse Brockhaus. Erster Band A-Beo. 16. völlig neubearb. Aufl. in 12 Bd., Wiesbaden 1952, S. 333.
4 Werner Kohlschmidt und Wolfgang Mohr (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte. 2. Aufl. Berlin: de Gruyter 1958, S. 95.
5 Ebd., S. 95.
2
Der deutsche Aphorismus beginnt bei Georg Christoph Lichtenberg und wendet sich „nach innen und außen“ 7 ; er sucht die Selbsterkenntnis und die Abgründe in der menschlichen Natur. Schlegel und Novalis führen die Tradition in die Romantik und reflektieren über „Philosophie, Bildung, Kunst und Poesie“ 8 , wobei diese Fragmente vom Stil her als eine eigenständige Art gesehen werden könnten. Goethe schließlich verwendet seine Maximen und Reflexionen für Feststellungen über „die Ordnungen des Seins und des Handelns“ 9 . Im 19. Jahrhundert schließlich wird der Aphorismus von Schopenhauer, Hebbel und Nietzsche als Vehikel für philosophische Betrachtungen und Erkenntnisse verwendet: „Unter dem Einfluß Nietzsches tritt der A. in eine tiefere literar. Schicht und verbreitet sich als ‚Gedankensplitter’ in Zeitungen und Zeitschriften“ 10 . Betrachtet man diese Entwicklung in der Geschichte, so stellt man fest, dass der Aphorismus stets zum pointierten Festhalten eines Gedankens oder einer Ideeohne jeglichen größeren Zusammenhang - verwendet wurde.
2.2. Der Aphorismus bei Nietzsche
Welche Bedeutung hat nun der Aphorismus bei Nietzsche selbst? Laut Nietzsche-Wörterbuch stammt der Begriff Aphorismus aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie „‚begrenzen’, ‚abgrenzen’ und [...] besonders in medizinischen Kontexten auch ‚umschreiben’, ‚definieren’“ 11 . Man kann den Aphorismus also als eine Art Diagnose über einen Zustand ansehen; der Aphorismus beschreibt „durch seine Kürze, Tiefe und Plötzlichkeit“ 12 einen Zusammenhang, der „das Resultat einer langen Entwicklung, in der der Denker riskante Wege gegangen ist, experimentiert hat und sich furchtlos mit dem eingelassen hat, was verboten ist und was als Tabu verborgen bleiben muss“ 13 ist. Wie bei einer medizinischen Diagnose, wird der Leser zwar über den Zusammenhang,
6 Vgl. Reallexikon, S. 94 f.
7 Ebd. S. 95.
8 Ebd., S. 95.
9 Ebd., S. 95.
10 Ebd., S. 96.
11 Paul van Tongeren u.a. (Hg.): Nietzsche-Wörterbuch. Band 1: Abbreviatur - einfach. Berlin, New York: de Gruyter 2004, S. 77.
12 Ebd., S. 76.
13 Nietzsche-Wörterbuch., S. 76.
3
wie er schließlich erkannt wurde, unterrichtet, doch ist für den Laien eine medizinische Diagnose ohne weitere Erläuterung und ohne sein eigenes Handeln, ohne dass er sich selbst weiter informiert, unverständlich. So bleiben auch bei den Aphorismen die zuvor gegangenen Wege im Dunkeln und Nietzsche erreicht sein Ziel:
Der Leser, dem sich die Aphorismen um so besser einprägen, je mehr sie sein aktives Mit- und Selbstdenken erfordern, wird auf diese Weise in ein Verweisungsspiel einbezogen, das ihm die Arbeit der „Auslegung“ aufbürdet, „zu der es einer Kunst der Auslegung bedarf“. 14
Zwei weitere Momente sind bei Nietzsches Wahl des Aphorismus zu erkennen. Laut Ottmanns Handbuch sprengt die „Gestaltungskraft und vermeintliche Geschlossenheit [der Gattung des Aphorismus] experimentell und spielerisch das Korsett des Systemzwangs“ 15 . Diese Widersprüchlichkeit deutet auf die Bedeutung des Denkens in Nietzsches Aphorismen hin:
Mit der Reflexion seiner formalen, d. h. bei N. genauer sprachlichen, tropischen und grammatikalischen, Bedingtheit wendet das Denken sich kritisch gegen sich selbst und begibt sich dabei in eine Reihe von Aporien [...] denen das Paradoxe des Aphorismus sprachkritisch korrespondiert. 16
Nietzsche sieht also die Stärken des Aphorismus darin, den Leser zu verstören. Der Leser soll zum Denken gebracht werden und dies geschieht durch Widersprüche und dem Vorbehalten von Informationen. Somit ist der Aphorismus in seiner ungewöhnlichen Art ein ausgezeichnetes Medium für Nietzsches Gedanken. In seiner Eigenschaft als Philologe kann man auch einen Grund für die Verwendung der Aphorismen sehen:
Die Sprache ist logisch und dieselbe mit der auch Systeme gebaut werden, aber die Denkform, die darin zum Ausdruck kommt, ist der des Systgemdenkens entgegengesetzt. Der Aphorismus erscheint als eine Parodie der Sprache mit dem Ziel, sich darüber zu erheben. Vorbedingung ist ein enger Kontakt mit der Sprache, der gleichzeitig eine gewisse Distanz einschließt. 17
Im Gegensatz zu traditionellen, studierten Philosophen wie Kant oder Aristoteles verwendet der „Laie“ Nietzsche den Aphorismus, um sein Denken von dem
14 Henning Ottmann (Hg.): Nietzsche-Handbuch: Leben, Werk, Wirkung. Stuttgart, Weimar: Metzler, 2000, S. 186.
15 Ebd., S. 186.
16 Ebd., S. 186.
17 Nietzsche-Wörterbuch, S. 80.
4
hergebrachten Akademischen zu befreien. Man kann also den Aphorismus als eine Art Geistesblitz sehen - in dem Sinne, dass ein plötzlicher Gedanke aufgeschrieben wurde; aber auch in dem Sinne, dass der Blitz im Leser ein Feuer entfacht. Nietzsches Werk ist von Widersprüchlichkeit und Schwankungen durchdrungen. Nicht nur seine Einstellungen zu verschiedenen Personen und Meinungen ändern sich, sondern seine philosophischen Ansichten ändern sich auch während seines Lebens und somit auch während seines Schaffens und in seinem Werk. Wo er zu Beginn seiner Arbeit noch ein Verehrer Schopenhauers und Wagners war, wandte er sich schließlich nach den Unzeitgemäßen Betrachtungen von ihnen ab. 18 Diese Inkonsistenz in seinem Leben ist auch in seinen Schriften und Aussagen zu finden. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass in einem Werk wie der Fröhlichen Wissenschaft scheinbar gänzlich unterschiedliche Meinungen vertreten werden; dabei können diese scheinbar unterschiedlichen Standpunkte auch so gesehen werden, dass sie dem Leser mögliche Standpunkte aufzeigen und somit das Ziel zum Denken anzuregen noch verstärken. Diese Vielheit seiner Philosophie kann man auch in den Erscheinungsformen seiner Schriften, die „teils als längere oder kürzere Essays, zum großen Teil als Sammlungen von Aphorismen abgefaßt“ 19 sind, erkennen. Nietzsches Werk ist somit von Gedankensplittern übersät - aber er komponierte seine Werke und sammelte seine Aphorismen nicht ziellos in ungeordneten Bänden, sondern er ordnete sie nach Themenkreisen, wie zum Beispiel in der Fröhlichen Wissenschaft. 20
2.3. Stilmittel und Sprache
Man findet verschiedene Stilmittel in seinen Aphorismen. Nietzsche verwendet in seinen Aphorismen häufig den Gegensatz als ein Stilmittel, dass nur schwierig zu durchdringen ist, wie Häntzschel-Schlotke am Beispiel einer Definition, die zwei Antithesen beinhaltet, zeigt:
18 Vgl. Michael Tanner: Nietzsche. Freiburg u.a.: Herder k.J. (=Herder / Spektrum Meisterdenker), S. 32.
19 Der grosse Brockhaus. Achter Band Mik-Par. 16. völlig neubearb. Aufl. in 12 Bd., Wiesbaden 1955, S. 410.
20 Vgl. Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 5. verbesserte und erweiterte Aufl. Stuttgart: Kröner 1969, S. 36
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Arbeit zitieren:
Christoph Höbel, 2007, Der Aphorismus als philosophische Form in Nietzsches 'Fröhlicher Wissenschaft', München, GRIN Verlag GmbH
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