Passiv und Medium in einigen Indogermanischen Sprachen 2
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Diathesen 3
3. Das Passiv und das Medium in älteren Indogermanischen Sprachen 10
3.1. Passiv und Medium im Altgriechischen 10
3.2. Passiv und Medium im Altindischen 11
3.3. Passiv und Medium im Lateinischen 12
3.4. Abschließende Feststellungen 13
4. Conclusio 13
5. Literaturangaben 15
2 S e i t e
1. Einleitung
In der vorliegenden Arbeit werden die beiden Diathesen Passiv und Medium der klassischen Indogermanischen Sprachen Altgriechisch, Altindisch und Latein einander gegenübergestellt. Dies erfolgt einerseits durch eine vorangehende kontrastive Syntaxanalyse der beiden Genera Verbi sowie andererseits durch einen anschließenden Vergleich der Formen und Funktionen dieser beiden Diathesen in älteren und ältesten Sprachen der Indogermania.
Zu Beginn wird kurz skizziert welche Diathesen unter besonderer Berücksichtigung des Neuhochdeutschen verbreitet sind. Daran schließt sich eine Gegenüberstellung der Genera Verbi der klassischen Indogermanischen Sprachen an, damit am Ende der Arbeit einige Gedanken gesammelt werden können, die sich auf das zugrundeliegende Muster der Diathesenbildung beziehen.
2. Diathesen
Für Diathesen gelten nach STEMPEL (1996) die folgenden sechs Leitsätze.
1. Mit „Diathese“ wird das Verhältnis zwischen dem Verbalinhalt und dem Subjekt des Satzes ausgedrückt. Es kann daher logisch nur zwei Diathesen geben: Entweder bezieht sich die Aussage des Verbums auf das Subjekt selbst oder nicht.
2. Alle Verbalinhalte, die sich von vornherein nur auf das Subjekt beziehen (intransitive Handlungen, Vorgänge, Zustände), sind - vom inhaltlichen Standpunkt aus betrachtet
- automatisch der subjektorientierten Diathese zuzurechnen.
3. Bei einer Handlung, die inhaltlich und/oder formal transitiv ist, ist es von Bedeutung, ob sie sich auf das Objekt oder auf das Subjekt bezieht. Da eine transitive Handlung ein Objekt per definitionem voraussetzt, ist die Objektbezogenheit unmarkiert, die Subjektbezogenheit aber markiert.
4. Der Unterschied zwischen Handlung einerseits und Vorgang und Zustand andererseits fällt nicht unter die Rubrik Diathese, weil nur bei Handlungen ein „Einstellungs“unterschied zwischen Objekt- und Subjektorientierung bestehen kann.
5. Aus 2., 3. und 4. Folgt, dass nur bei der transitiven Handlung eine Opposition zwischen objekt- und subjektbezogener Diathese besteht, die auch grammatisch relevant ist.
6. Der inhaltlich begründete Ansatz nur zweier Diathesen, die zueinander in bestimmten Fällen in grammatischer Opposition stehen, findet auf der formalen Seite seine Bestätigung darin, dass wir in Einzelsprachen in aller Regel unmarkierte aktive Verbalformen einerseits und markierte nichtaktive andererseits antreffen. Wenngleich nicht jede der oben getroffenen Aussagen in der vorliegenden Arbeit unterschrieben werden soll, so ist die obige Aufstellung doch ein grober Leitfaden, auf den 3 | S e i t e
im letzten Teil zurückgegriffen wird. In der folgenden Untersuchung wird unter Diathese vor allem ein Mittel zur Änderung der Verbvalenz verstanden. Da die aus eurozentrischer Perspektive typischen Diathesen die des Aktivs und des Passivs sind, wird teilweise - aus welchen linguistischen Gründen auch immer - der Begriff Diathese mit dem Begriff Genus Verbi gleichgesetzt (so z.B. in GLÜCK 2005 s. Diathese). Unter Diathesen sind aber Konstruktionen und morphologische Mittel zusammengefasst, die sich durch Form und Funktion von „Tatform“ (Aktiv) und „Leideform“ (Passiv) unterscheiden. Der folgende Abschnitt widmet sich den wichtigsten Diathesen. Sie werden aufgezählt und ihre Formen und Funktionen kurz beschrieben, um einen fachlichen Umriss und Hintergrund für die im nächsten Punkt angestellten Überlegungen zu bilden.
Zwei erste Diathesen wurden bereits angesprochen. Es handelt sich dabei zum einen um das Aktiv und zum anderen um das Passiv. Die folgenden Beispiele und ihre Erläuterung folgen der Syntax des Deutschen, wobei gelegentlich der Blick über den Tellerrand gewagt werden soll. (1) Peter gibt Claudia ein Buch.
(2) Claudia wird (von / ? durch Peter) ein Buch gegeben.
In (1) ist ein Beispiel für einen Aktivsatz gegeben. Die semantischen Rollen, die an der Verbalhandlung partizipieren sind vollends realisiert. Das dreistellige Verb geben fordert ein nominativisches Agens in Form von Peter, ein akkusativisches Patiens (oder bei unbelebten Partizipanten besser mit dem englischen Begriff „undergoer“ zu bezeichnen) in Form von ein Buch und ein dativisches Benefaktiv (je nach Terminologie auch mit „Rezipient“ bezeichnet), das in (1) mit Claudia realisiert ist.
Der Passivsatz aus (2) unterscheidet sich in mehrerer Hinsicht von dem Aktivsatz aus (1). Erstens wird das Agens zurückgestuft, das aber durch eine fakultative Angabe in Form einer
Präpositionalphrase mit von oder unter Umständen auch ? durch wieder zum Vorschein kommen kann, zweitens übernimmt das Akkusativobjekt Claudia des Aktivsatzes (1) im Passivsatz (2) die Rolle des Subjekts und kongruiert daher mit dem finiten Hilfsverb in Numerus und Persona, wobei das Dativobjekt hingegen von der Diathesebildung unberührt bleibt 1 , und drittens weist der Verbalkomplex eine passivische Morphologie auf. Im Deutschen weist das Passiv in der Regel die Form werden + PARTIZIP PRÄTERITUM auf. Das Deutsche unterscheidet jedoch ein Vorgangs- und ein Zustandspassiv (oder je nach Terminologie auch „Resultativum“ beispielsweise in LEISS (1992)). (3) Claudia ist ein Buch gegeben.
1 Das gilt auch für ein Dativobjekt eines Satzes mit einem zweistelligen Verb wie Peter hilft mir. Das Dativobjekt mir bleibt bei der Bildung des Passivs unverändert, behält seine Dativmorphologie und kongruiert nicht in
Numerus und Persona mit dem finiten Hilfsverb. Mir wird (von Peter) geholfen. 4 | S e i t e
In (3) ist die Form sein + PARTIZIP PRÄTERITUM zu sehen. Diese Form überschneidet sich mit der Bildungsweise des Perfekts der imperfektiven Verben im Deutschen, wie das Beispiel (4) zeigt. In (5) ist hingegen ein Perfekt eines perfektiven Verbs zu sehen. (4) Claudia ist geschwommen. (5) Claudia hat gegessen.
Es lässt sich daraus folgern, dass das Deutsche aspektsensitiv ist, da der inhärente Aspekt des eingebetteten Verbs die Wahl des Hilfsverbs bedingt. Soll ein Perfekt aus einem perfektiven Verb gebildet werden, so wird das Hilfsverb haben benötigt. Soll jedoch ein Perfekt aus einem imperfektiven Verb gebildet werden, so ist ein Hilfsverb sein von Nöten. Ob eine Konstruktion bestehend aus sein + PARTIZIP PRÄTERITUM als Perfekt oder als Resultativum interpretiert wird, ist also abhängig vom Aspekt des eingebetteten Vollverbs. (6) Der Apfel ist gegessen. (= perfektiv, = Resultativum) (7) Der Apfel ist (auf den Boden) gefallen. (= imperfektiv, = Perfekt)
Nur in ganz besonders markierten Kontexten kann eine Konstruktion sein + PARTIZIP PRÄTERITUM mit eingebettetem imperfektiven Vollverb als Resultativ interpretiert werden. (8) Nun ist der Salto endlich gesprungen.
Eine Interpretation als Perfekt wird hier vermutlich deshalb abgelehnt, weil das Subjekt Salto das semantische Merkmal [-BELEBT] besitzt und das Vollverb springen als Fortbewegungsverb ein Agens fordert, das das semantische Merkmal [+BELEBT] besitzt. Da Salto unbelebt ist, kann es nicht Agens sein, weshalb die gesamte Konstruktion nicht als Perfekt-Aktiv, sondern als Präsens-Passiv bzw. Resultativum interpretiert wird. In Sprachen wie beispielsweise dem Englischen stellt sich eine solche Frage nicht. Im Englischen sind das Vorgangspassiv und das Resultativum homonym. Die in (2) und (3) gegebenen Beispiele der deutschen Varianten des Passivs haben im Englischen nur eine einzige Form (9). (9) Claudia is given a book (by Peter).
Sowohl im Deutschen als auch im Englischen ist das Passiv eine aus dem Aktiv abgeleitete Diathese, was daran ersichtlich ist, dass das Passiv stets eine markierte Form ist, die sich aus einem Aktiv konstruieren lässt.
Eine weitere Diathese ist das Medium, das seinen Namen aus der antiken Grammatikschreibung aufgrund seiner mutmaßlichen Mittelstellung zwischen Aktiv und Passiv erhalten hat und eng mit den Phänomenen des Mittelverbs und der Mittelkonstruktion ist. Sind diese Erscheinungen auch von Grund auf verschieden, so lassen sie sich gerade im Deutschen schwer voneinander trennen. Dies liegt vor allem an ihrer äußerlichen Form und ihrer Bildungsweise mit dem Reflexivpronomen sich. Um auf das
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Arbeit zitieren:
Jesse Lehmann, 2009, Passiv und Medium in einigen indogermanischen Sprachen, München, GRIN Verlag GmbH
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