Inhaltsverzeichnis II
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis II
Tabellenverzeichnis VI
Abbildungsverzeichnis VII
Vorwort 9
Einleitung 12
I Gewalt und Aggression an Schulen 14
1 Begriffsbestimmungen 14
1.1 Der Gewaltbegriff aus Sicht der Etymologie 14
1.2 Gewalt und Aggression- was ist das eigentlich? 14
2 Formen der Gewalt nach Hurrelmann und Bründel 17
2.1 Individuelle Gewalt 17
2.2 Institutionelle Gewalt 19
3 Theorien der Gewaltentstehung und ihre Bedeutung für die Schule 19
3.1 Psychologische Theorien 20
3.1.1 Die Trieb- und Instinkttheorien 20
3.1.2 Die Emotionstheorien/Frustrationstheorie 21
3.1.3 Die Lerntheorie 22
3.2 Soziologische Theorien 23
3.2.1 Die Konflikt- und Spannungstheorien/Anomietheorie 23
3.2.2 Die Definitionstheorien/Etikettierungstheorie 24
3.2.3 Die sozialen Kontrolltheorien/Individualisierungstheorie 24
3.3 Zusammenfassung der Theorien 25
3.4 Familie - Ort der ersten Sozialisation und Gewalterfahrung 26
3.5 Gesellschaft und Gewaltentstehung bei Kindern und Jugendlichen 28
3.6 Medien und ihr Einfluss auf Gewaltentstehung 29
4 Schule als Verursacher und Austragungsort von Gewalt 30
4.1 Selektionscharakter der Schule 32
4.2 Fehlende Zukunftschancen der Schüler 33
4.3 Angst vor Schulversagen 33
4.4 Lehrerverhalten 34
4.5 Zusammenfassung 36
Inhaltsverzeichnis III
5 Charakteristika von Tätern und Opfern 37
5.1 Gewalttäter 37
5.1.1 Exkurs: Freiheit und Determinismus 38
5.2 Gewaltopfer 40
6 Schulische Strategien der Gewaltprävention 41
II Die Streitschlichtung 44
1 Allgemeines zur Streitschlichtung 44
2 Vom Konflikt zur Streitschlichtung 45
2.1 Welche Konfliktarten gibt es? 45
2.2 Konfliktverläufe 47
2.3 Konfliktausgänge 48
3 Das Streitschlichtungsprinzip im Überblick 48
4 Prinzipien der Streitschlichtung 50
4.1 Vermittlung durch ausgebildete Schlichter 50
4.2 Neutralität und Vertraulichkeit 50
4.3 Freiwilligkeit und Motivierung zur Schlichtung 51
4.4 Eigenverantwortlichkeit und Selbstbestimmung der Konfliktparteien 51
4.5 Einhaltung der Regeln 52
4.6 Akzeptanz und Anerkennung 52
5 Phasen einer Streitschlichtung 53
5.1 Phase I: Die Schlichtung einleiten 54
5.2 Phase II: Sachverhalt klären 54
5.3 Phase III: Erhellen des Konfliktes 54
5.4 Phase IV: Lösungen suchen und finden 55
5.5 Phase V: Der Vertragsabschluss 55
6 Grundtechniken der Streitschlichtung 55
6.1 Aktives Zuhören 56
6.2 Paraphrasieren 57
6.3 Ich- Botschaften formulieren 57
6.4 Lösungssuche mit Hilfe des Brainstorming 58
6.5 Getrennte Einzelgespräche 58
7 Ein Fallbeispiel 59
7.1 Fallbeschreibung 59
7.2 Das Schlichtungsgespräch 60
Inhaltsverzeichnis IV
7.3 Fazit 61
8 Ziele und Grenzen der Streitschlichtung in der Schule 62
8.1 Ziele 62
8.2 Grenzen 63
III Streitschlichtung und Online-Befragung an der Realschule XYZ 64
1 Die Realschule XYZ 64
2 Einführung bzw. Wiederaufnahme des Streitschlichterprogrammes 65
3 Die Streitschlichter an der RS XYZ 65
3.1 Die Organisation des Streitschlichterdienstes 68
4 Online-Befragung der Schüler 69
4.1 Die Methode der Online-Befragung 69
4.2 Erstellung des Onlinefragebogens 70
5 Ergebnisse und Auswertung der Schüler-Onlinebefragung 72
5.1 Gewalt durch Worte 72
5.1.1 Jemanden auslachen 72
5.1.2 Jemanden beschimpfen 74
5.1.3 Jemanden beleidigen 75
5.1.4 Jemandem drohen 76
5.1.5 Jemanden anbrüllen 77
5.1.6 Über jemanden lästern 78
5.1.7 Zusammenfassung erster Frageblock 79
5.2 Körperliche Gewalt 80
5.2.1 Jemanden schlagen. 80
5.2.2 Jemanden an der Haaren ziehen 81
5.2.3 Mit jemandem spielerisch kämpfen 82
5.2.4 Jemanden treten 83
5.2.5 Jemanden schubsen 84
5.2.6 Jemanden kratzen 85
5.2.7 Jemanden mit einem Gegenstand verletzen 86
5.2.8 Zusammenfassung zweiter Frageblock 87
5.3 Gewalt gegen Sachen 88
5.3.1 Wände bemalen 88
5.3.2 Tische und Stühle zerkratzen 89
5.3.3 Fahrräder beschädigen 90
5.3.4 Pflanzen abreißen 91
5.3.5 Schulsachen beschädigen 92
5.3.6 Kleidung anderer beschädigen 93
5.3.7 Zusammenfassung dritter Frageblock 94
V
5.4 Raub und Erpressung 95
5.4.1 Unter Gewaltandrohung Geld verlangen 95
5.4.2 Handy eines Mitschülers einstecken 96
5.4.3 Mitschüler erpressen 97
5.4.4 Zusammenfassung vierter Frageblock 98
5.5 Zusammenfassung der Gewaltempfindung. 99
5.6 Zusammenfassungen der Gewalthäufigkeit 100
5.7 An welchen Orten kannst du Gewalt beobachten? 101
5.8 Wenn dir Gewalt angetan wird, an wen wendest du dich? 102
5.9 Wodurch kommt es deiner Meinung nach zu Gewalt? 104
5.10 Körperliche Gewalt unter Mitschülern, wie reagierst du? 105
5.11 Verbale Gewalt unter Mitschülern, wie reagierst du? 106
5.12 Gibt es an deiner Schule Streitschlichter? 107
5.13 Weißt du, in welchem Raum du die Streitschlichter finden kannst? 108
5.14 Weißt du, in welcher Zeit die Streitschlichter für euch da sind? 108
5.15 Kennst du einen Mitschüler, der als Streitschlichter tätig ist? 109
5.16 Würdest du auch gerne als Streitschlichter tätig sein? 109
5.17 Hast du die Hilfe der Streitschlichter schon einmal in Anspruch
genommen ? 110
5.18 Mit Hilfe der Streitschlichter habe ich meinen Konflikt gelöst 111
5.19 Würdest du die Hilfe wieder in Anspruch nehmen? 111
6 Ergebnisse und Auswertung der Streitschlichter-Onlinebefragung 112
6.1 Gründe dafür, Streitschlichter zu werden 113
6.2 Hat dir das Streitschlichtertraining gefallen? 114
6.3 Welche Ausbildungsinhalte waren für dich wichtig? 114
6.4 Konntest du nach der Streitschlichterausbildung bei dir ein verändertes
Streitverhalten feststellen? 115
6.5 Weswegen haben die Mitschüler dich bereits bei der Streitschlichtung
aufgesucht und welche Schwierigkeiten treten dabei auf? 116
6.6 Die Streitschlichterbefragung im Rückblick. 117
Ausblick und Schlussbetrachtung. 118
Literaturverzeichnis 122
Tabellenverzeichnis VI
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Aufteilung Schüler w/m auf Klassenstufen 72
Tabelle 2: Aufteilung Schlichter w/m auf Klassenstufen 112
Abbildungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Formen der Gewalt
Abbildung 2: Psychologische Ansätze
Abbildung 3: Soziologische Ansätze
Abbildung 4: Gewaltverhalten an Schulen
Abbildung 5: Merkmale der Streitschlichtung
Abbildung 6: Phasen einer Schlichtung.
Abbildung 7: Überblick über die Grundtechniken der Streitschlichtung
Abbildung 8: Schülerplakat Konflikt
Abbildung 9: Schülerplakat Merkmale guten Zuhörens.
Abbildung 10: Schülerplakate Gefühle/Schlichtung/Schlichter
Abbildung 11: Auslachen Empfindung und Häufigkeit
Abbildung 12: Beschimpfen Empfindung und Häufigkeit
Abbildung 13: Beleidigen Empfindung und Häufigkeit
Abbildung 14: Drohen Empfindung und Häufigkeit
Abbildung 15: Anrbrüllen Empfindung und Häufigkeit
Abbildung 16: Lästern Empfindung und Häufikeit
Abbildung 17: Übersicht Gewalt durch Worte (relative Häufigkeit)
Abbildung 18: Schlagen Empfindung und Häufigkeit
Abbildung 19: Haare ziehen Empfindung und Häufigkeit
Abbildung 20: Spielerisch kämpfen Empfindung und Häufigkeit
Abbildung 21: Treten Empfindung und Häufigkeit
Abbildung 22: Schubsen Empfindung und Häufigkeit
Abbildung 23: Kratzen Empfindung und Häufigkeit
Abbildung 24: Mit Gegenstand verletzen Empfindung und Häufigkeit
Abbildung 25: Übersicht körperliche Gewalt (relative Häufigkeit)
Abbildung 26: Wände bemalen Empfindung und Häufigkeit
Abbildung 27: Tische und Stühle zerkratzen Empfindung und Häufigkeit
Abbildung 28: Fahrräder beschädigen Empfindung und Häufigkeit.
Abbildung 29: Pflanzen abreißen Empfindung und Häufigkeit
Abbildung 30: Schulsachen beschädigen Empfindung und Häufigkeit
Abbildung 31: Kleidung anderer beschädigen Haüfigkeit und Empfindung
Abbildung 32: Übersicht Gewalt gegen Sachen (relative Häufigkeit)
Abbildung 33: Unter Gewaltandrohung Geld verlangen Empfindung und Häufigkeit
Abbildung 34: Handy eines Mitschülers einstecken Empfindung und Häufigkeit
Abbildung 35: Mitschüler erpressen Empfindung und Häufigkeit
Abbildung 36: Übersicht Raub und Erpressung Empfindung und Häufigkeit
Abbildung 37: Übersicht Gewaltempfindung im Vergleich.
Abbildung 38: Gewaltvorkommen nach Häufigkeit der Beobachtung
Abbildung 39: Orte der Gewalt
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 40: Ansprechpartner bei eigenen Gewalterlebnissen
Abbildung 41: Gewaltursachen
Abbildung 42: Verhalten bei körperlicher Gewaltbeobachtung
Abbildung 43: Verhalten bei verbaler Gewaltbeobachtung
Abbildung 44: Streitschlichter an Schule?
Abbildung 45: Raum der Streitschlichter?
Abbildung 46: Zeit der Streitschlichter?
Abbildung 47: Kennst du einen Streitschlichter?
Abbildung 48: Wärst du auch gerne als Streitschlichter tätig?
Abbildung 49: Hast du die Hilfe bereits in Anspruch genommen?
Abbildung 50: Wurde der Konflikt mit Hilfe der Streitschlichter gelöst?
Abbildung 51: Wiederinanspruchnahme der Streitschlichter?
Abbildung 52: Welche Gründe hattest du, Streitschlichter zu werden?
Abbildung 53: Welche Ausbildungsinhalte waren für dich wichtig?
Abbildung 54: Verändertes Streitverhalten feststellbar?
Abbildung 55: Gründe für Inanspruchnahme der Streitschlichtung / Schwierigkeiten?
Vorwort
Ohne jeglichen Zweifel hat die Problematik des Themas „Gewalt an Schulen“ in Rund- funk,Fernsehen, Zeitungen und Internet Hochkonjunktur. Sucht man in Google nach den Begriffen „Gewalt in Schule“ erhält man eine beachtliche Trefferanzahl von knapp 2,5 Millionen Ergebnissen - für mich ein Zeichen dafür, welche Brisanz das Thema in unserer heutigen Gesellschaft aufweist.
Das wird auch durch den am 17.03.2009 vorgelegten Forschungsbericht Nr. 107 des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen E.V., in dem unter anderem der renommierte Kriminologe Christian Pfeiffer mitarbeitete, unterstrichen. In der Berliner Bundespressekonferenz betonte er, dass viele Dinge bezüglich der Jugendgewalt nicht so schlimm seien, wie sie in den Medien manchmal übertrieben dargestellt werden, nach dem Motto „Bad News are good News“. Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung sei die Jugendgewalt, einschließlich der Gewalt an Schulen stabil oder gar rückläufig. Er spricht von einer veränderten Gewaltakzeptanz in der Gesellschaft, betont die verstärkte „Kultur des Hinschauens“ an deutschen Schulen und deren Präventionsarbeit. Der Bericht soll aber beileibe keine Entwarnung sein, sondern gibt lediglich den aktuellen Er-kenntnisstand wieder und unterstreicht die Virulenz des Themas für jetzt und die Zukunft. Die Gesellschaft ist und bleibt aufgerufen, wachsam zu sein, hin- und nicht wegzuschauen und Gewalt in jeglicher Form zu ächten.
Dass das Thema Gewalt an Schulen aber schon länger ein brisantes und die Öffentlichkeit immer wieder berührendes Thema und „zweifellos ein sehr altes Phänomen“ 1 ist, beschreibt der schwedische Psychologe und Professor für Persönlichkeitspsychologie Dan Olweus in seinem bereits 1993 erschienen Buch „Gewalt in der Schule. Was Lehrer und Eltern wissen sollten - und tun können“.
Anfang der 90er Jahre wurde in Deutschland eine Welle der intensiven Medienberichterstattung über die Gewaltdiskussion losgetreten, welche vermutlich auch eine Folge der ausländerfeindlichen Übergriffe in Solingen, Rostock und Hoyerswerda ist. Spätestens nach dem Amoklauf des Schülers Robert S. am Gutenberggymnasium in Erfurt und der unbegreiflichen Tat von Tim K. in Winnenden im März 2009 wurde der Allgemein-
1 Olweus, 1996, S. 15.
heit klar, dass Gewalt an Schulen kein rein amerikanisches Problem mehr ist, sondern die Bundesrepublik Deutschland ebenso betrifft, wie viele andere europäische und nicht europäische Länder auch.
Es ist mir wichtig , klarzustellen, dass ich in dieser Arbeit nicht näher auf solche Ausnahmefälle wie die Taten von Robert S. und Tim K. eingehen möchte, sondern auf die Formen der Gewalt, die Lehrer und Schüler 2 alltäglich auf den Pausenhöfen und in den Schulklassen erleben und ihr teilweise hilflos ausgesetzt sind. Gewalt- und Konfliktprävention gehört unter anderem zu den zentralen Aufgaben der Schule 3 , in der die Schüler lernen sollen, möglichst gewaltfrei miteinander umzugehen. 4
„[…] Lernfeld für die Beziehungen der jungen Menschen untereinander und zwischen ihnen und Personen aus anderen Kulturen, mit anderen Biografien, Wertvorstellungen, Lern- und Denkgewohnheiten - mit andren Stärken und Schwächen, Erwartungen und Erschwernissen. Die Schule hat darum immer auch einen Erziehungsauftrag, so wie das Elternhaus selbstverständlich nicht
aufhört, an der Bildung der Schülerinnen und Schüler mitzuwirken.“ 5
Dass die Schule, wie aus dem Zitat des aktuell gültigen Bildungsplans hervorgeht, nicht nur einen Bildungsauftrag, sondern auch einen Erziehungsauftrag hat, ist mit ein Grund dafür, mich ausführlicher mit dem Thema Gewalt, Mobbing, Aggression und speziell Auseinandersetzungen und Gewalt unter Schülern zu beschäftigen, um Konflikten vorzubeugen bzw. Strategien zu finden, wie Streitereien und Konflikte gewaltfrei gelöst werden können.
Unerlässlich dabei ist, dass auch die Schule als Institution daran mitwirkt, das alltägliche Gewaltgeschehen in ihr einzudämmen. Die Lehrkräfte müssen zusammen mit den Familien versuchen, der Gewaltentstehung vorzubeugen, Gewaltdelikte zu unterbinden und den Schülern die Folgen von Gewalt und Aggression deutlich zu machen. Das ganze Erziehungsgeschehen muss von gegenseitigem Respekt und aufrichtiger Toleranz
2 In der vorliegenden Arbeit wird der Verständlichkeit halber die einfache männliche Ausdrucksform
gewählt. So wird in der Regel von Lehrern und Schülern gesprochen, wobei in der Regel beide
Geschlechter gleichermaßen gemeint sind. Eine Abweichung findet nur dann statt, wenn die bei-den Geschlechter nicht in derselben Weise angesprochen werden.
3 vgl. Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit dem Lan-
desinstitut für Erziehung und Unterricht Stuttgart, 2004, S.18.
4 vgl. Ebd., S.11.
5 Ebd., S.10.
geprägt sein, damit Schule auch als Ort des „Wohlfühlens“ und als ein angstfreier Raum erlebt wird.
Das bedeutet, dass die Auseinandersetzung mit diesem Thema kein Selbstzweck ist, sondern mir für meine spätere schulische Arbeit Hilfen an die Hand gibt, wenn es darum geht, Ursachen von schulischen Konflikten zu erkennen und mit diesen Erkenntnissen zu versuchen, Gewalt und Aggressionsbereitschaft mit Hilfe eines Bausteines, näm- lich dem der Streitschlichtung im schulischen Alltag zu vermindern.
Einleitung
Im ersten Teil meiner wissenschaftlichen Hausarbeit werde ich das Thema Gewalt und Aggression, ihre verschiedenen Formen und die Frage nach den Ursachen von Gewalt und Aggression in den Mittelpunkt stellen. Um Konflikte und Gewaltsituationen in der Schule zu erkennen und dann intervenieren zu können, müssen wir als Lehrer typische Anzeichen von Gewalt bzw. Merkmale von Tätern und Opfern rechtzeitig wahrnehmen, denn wie sollen wir agieren und intervenieren, wenn wir nicht in der Lage sind, diese rechtzeitig zu erkennen? Zudem werde ich versuchen, die Rolle der Erziehung im Elternhaus zu beleuchten, weil in ihm vermutlich Grundlagen dafür gelegt werden, wie man in Konfliktsituationen miteinander umgeht und versucht diese zu lösen.
Durch das Einführen sogenannter Streitschlichterprogramme seit Beginn der 90er Jahre, die zunächst nur an Haupt- und Gesamtschulen in das Schulprogramm aufgenommen wurden, sollte der immer größer werdenden Aggressions- und Gewaltbereitschaft vorgebeugt bzw. entgegengewirkt werden. Immer mehr Anklang finden diese Programme nun auch an Realschulen, Gymnasien und Grundschulen, mit dem Ziel, das Schulklima zu verbessern, den Schülern durch die Anwendung von Streitschlichtung soziale Kompetenzen zu vermitteln, um ihnen den Umgang mit Gleichaltrigen zu erleichtern, aber auch die Lehrkräfte von Alltagskonflikten zu entlasten. In dem zweiten Teil meiner Arbeit werde ich konkret auf die Thematik der Streitschlichtung eingehen und unter anderem die Geschichte der Streitschlichtung, deren Einsatzbereiche, Ziele und auch Grenzen aufzeigen.
Der dritte Teil der Arbeit stellt den praktischen, empirischen Teil dar. Hier werde ich an der Realschule XYZ, einer Schule, die das Streitschlichterprogramm schon eingeführt hat und Schülerinnen und Schüler darin ausbildet, den Fragen nachgehen, wie das Programm speziell an dieser Schule umgesetzt wird, inwieweit sie der Konfliktlösung dient, nach welchen Kriterien die Auswahl der Streitschlichter stattfindet, wie die Ausbildungsinhalte aussehen und wie die Organisationsstruktur des Streitschlichterdienstes geregelt ist.
Das Hauptaugenmerk im empirischen Teil wird jedoch auf der Auswertung, der graphischen Darstellung und Interpretationsversuchen der durchgeführten Online-Befragung 6 der Schüler und der Streitschlichter der Realschule XYZ liegen, um so Rückschlüsse auf deren Gewaltempfinden, Gewalterfahrungen und Streitverhalten ziehen zu können. Hierzu werden die Schüler der Klassenstufe 5 bis 9 befragt. Die Klassenstufe 10 wird auf Grund der Prüfungsvorbereitung nicht in die Befragung miteinbezogen.
Da diese Arbeit ohne die Zustimmung des Schulleiters Herr XXX und ohne die beiden Betreuungslehrerinnen Frau Xxx und Frau XXX nicht in dieser Form möglich gewesen wäre, möchte ich mich an dieser Stelle herzlich für die Unterstützung und Kooperation bedanken! Ein weiterer Dank gilt allen Lehrern und Schülern der Realschule XYZ, die sich an der Befragung beteiligt haben.
6 Der Online-Fragekatalog ist unter den zwei folgenden Webadressen zu erreichen:
I Gewalt und Aggression an Schulen
1 Begriffsbestimmungen
1.1 Der Gewaltbegriff aus Sicht der Etymologie
Betrachtet man den Gewaltbegriff von seiner etymologischen Grundbedeutung her, stellt man erstaunlicherweise fest, dass er nicht nur negativ geprägt ist, sondern durchaus auch positiv besetzt sein kann. Der Begriff stammt aus dem althochdeutschen waltan und bedeutet verwalten, was wiederum gleichzusetzen ist mit den Verben „stark sein“ und „herrschen“. 7 Zum einen kann hier die Manifestation von Durchsetzungsvermögen gemeint sein (lat. potestas) oder die Ausübung roher Gewalt gegen Personen oder Objekte (lat. violentia). Im Englischen wird der Unterschied zwischen der positiven und der negativen Besetzung des Begriffes noch deutlicher zum Ausdruck gebracht, indem man unterscheidet zwischen power, was den Aspekt einer positiven Lebensgestaltung umfasst, und violence, was den Gewaltbegriff im Sinne eines repressiven Instrumentes versteht, das die Persönlichkeitsentfaltung einengt und beschneidet.
1.2 Gewalt und Aggression- was ist das eigentlich?
Um eine begriffliche Präzisierung von Gewalt vornehmen zu können, muss im Folgenden zwischen einer engeren und einer erweiterten Definition unterschieden werden. Bei der engeren Definition wird von einem körperlichen Zwang und einer physischen Schädigung ausgegangen.
Wenn Schüler einen Mitschüler zusammenschlagen, ein Ehemann seine Frau verprügelt oder Jugendliche auf Ausländer losgehen, ist das unumstritten Gewalt, die ausgeübt wird. In allen drei Fällen haben wir es mit Konflikten zu tun, die mindestens zwischen zwei oder mehreren Personen stattfinden. 8 Hierbei übt die eine Seite körperliche Gewalt aus, mit dem Ziel, die andere Seite zu schädigen, zu unterdrücken, zu dominieren. Dieser engere Gewaltbegriff bietet der Wissenschaft den Vorteil, „[…] daß er sich auf be-
7 vgl.Reinert & Wehr, 1999, S. 69.
8 vgl. Tillmann, 2000, S. 18.
obachtbare Elemente bezieht, so daß eine objektive, wissenschaftliche Gewaltbeobach- tungund Messung möglich wird.“ 9
Dieser rein physische Gewaltbegriff reicht für die Beschreibung von Gewalt an Schulen jedoch nicht aus, da verbale Gewalt, emotionale Erpressung, Beleidigungen und Erniedrigungen im Schulalltag eine große Rolle spielen und in vielen Fällen verletzlicher und bedrückender sein können als ein Fußtritt oder eine Ohrfeige. Deshalb muss der eng gefasste physische Gewaltbegriff um die psychische Komponente erweitert werden. Zu diesem erweiterten Begriff der Gewalt gehören Ausprägungsformen, die sowohl physische als auch psychische Gewalthandlungen über einen länger anhaltenden Zeitraum umfassen und als Bullying bzw. Mobbing bezeichnet werden.
Außerdem wird der Gewaltbegriff von einigen Wissenschaftlern als eine spezifische Form der Aggression gesehen, andere gehen dazu über, die Begriffe Gewalt und Aggression nicht mehr zu trennen, sie werden somit also immer häufiger synonym verwendet. 10 Aggression und Gewalt sind also wissenschaftliche Begriffe, die dieselben Vorgänge bezeichnen, wobei der Begriff Gewalt den der Aggression wegen der größeren Anschaulichkeit mehr und mehr verdrängt. 11
Die Begrifflichkeiten Gewalt und Aggression werden im Folgenden somit gleichberechtigt behandelt.
Der Begriff Gewalt soll jedoch nach Olweus nur dann verwendet werden, wenn „ ein Ungleichgewicht der Kräfte“ 12 vorliegt.
„ Der Schüler oder die Schülerin, der oder die der negativen Handlung ausge- setztist, hat Mühe, sich selbst zu verteidigen, und ist in irgendeiner Weise hilflos gegenüber dem Schüler oder der Schülerin oder den Schülern und Schülerinnen,
die ihn drangsalieren.“ 13
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Gewaltbegriff nicht immer klar und eindeutig zu bestimmen ist, dass es fließende Grenzen zwischen physischer und psychischer Gewalt gibt, und dass es von der jeweiligen konkreten Situation abhängt, wie man Gewalt bewertet und einordnet.
9 Tillmann, 2000, S. 19.
10 vgl. Bäuerle, 1999, S. 8.
11 vgl. Ebd., S.17.
12 Olweus, 1996, S. 23.
13 Ebd., S.23.
In der Literatur wird der Gewaltbegriff deshalb als vielschichtig bezeichnet, was wiederum eine Vielzahl von Definitionen und Auslegungen zur Folge hat. Eine der aussagekräftigsten Definitionen von Gewalt bringt der Experte der Kriminalprävention Prof. Dr. Melzer zum Ausdruck, die ich meiner Arbeit zu Grunde legen will:
“Insgesamt kann Gewalt als eine zielgerichtete direkte Schädigung begriffen werden, die unter körperlichem Einsatz und/oder mit psychischen und verbalen
Mitteln erfolgt und sich gegen Personen und Sachen richten kann.“ 14
14 Melzer, 2006, S. 14.
2 Formen der Gewalt nach Hurrelmann und Bründel
Wie bereits eingangs erwähnt ist Gewalt kein neues, sondern ein sehr altes Phänomen, das immer einen Teil unserer Gesellschaft und von jeher das Zusammenleben in ihr widerspiegelt. Dass sich im Laufe der Menschheit die Gewalt und deren Erscheinungs-formen ohne Zweifel veränderten, hängt laut dem Sozialwissenschaftler Hurrelmann, und der Psychotherapeutin Bründel, die auf dem Gebiet der Klinischen Psychologie tätig ist, jeweils von dem „aktuellen technischen und medialen“ 15 Entwicklungsstand ab, und um nur eine moderne Erscheinungsform von Gewalt aufzuzeigen, verweise ich auf das Filmen von Gewalttaten und ihr Einstellen ins Internet.
Gewalt ist also in allen gesellschaftlichen Bereichen verankert und so bezeichnen Hurrelmann und Bründel die Gewalt sogar als eine „chronische Sozialkrankheit“ 16 , deren Ursachen aufgeklärt und verstanden werden müssen, um sie zurückzudrängen oder ihre Auswirkungen zu mindern.
Abbildung 1: Formen der Gewalt 17
2.1 Individuelle Gewalt
Bei der individuellen Gewalt wird immer von einzelnen Akteuren ausgegangen, wobei sie sich gegen einzelne oder mehrere Personen richten kann. Zur individuellen Gewalt
15 Hurrelmann & Bründel, 2007, S. 16.
16 Ebd., S.16.
17 Ebd., S.17.
zählt auch die Sachbeschädigung, die gemeinhin als Vandalismus bezeichnet wird. Sie vollzieht sich vornehmlich in Familien und Freundeskreisen und hat häufig mit Machtausübung bzw. Kontroll- und Besitzverlust zu tun. Sie geschieht also häufig unbemerkt von der Öffentlichkeit und ist erst in jüngster Zeit in deren Bewusstsein gelangt. 18
Wenn wir nun eine Differenzierung der verschiedenen Formen der individuellen Gewalt vornehmen, kann man folgende Unterscheidungen treffen:
Physische Gewalt manifestiert sich in der „Schädigung oder Verletzung eines oder mehrerer Menschen durch körperliche Kraft und/oder andere Zwangsmittel.“ 19
Psychische Gewalt zeigt sich vor allem in verbaler Aggression, wie Beleidigungen, ironischen Bemerkungen und Bloßstellungen, aber auch in Drohungen, um den, gegen den sie gerichtet ist, zu erpressen oder zu nötigen. 20 Die psychische Gewalt kann außerdem auch auf nonverbalem Wege stattfinden, zum Beispiel durch Fratzenscheiden oder bestimmte Gesten. Hier wird der Unterschied zur physischen Gewalt deutlich, denn Verletzungen oder Schädigungen, die die Betroffenen erleiden, bleiben oft im Verborgenen und somit unerkannt, was es für den Außenstehenden wiederum schwer macht, gegen diese Form der Gewalt zu intervenieren bzw. einzugreifen.
Sexuelle Gewalt ist meist eine Kombination von physischer und psychischer Gewalt, mit dem Ziel, als Täter sexuelle Befriedigung zu erlangen, Macht über andere auszuüben, das Opfer zu demütigen, zu entwürdigen und zu erniedrigen. 21
Geschlechterfeindliche Gewalt kombiniert physische, psychische, verbale und sexuelle Gewalt gegen Frauen oder Männer mit der Absicht, das Opfer zu erniedrigen und zu diskriminieren. 22
18 vgl. Hurrelmann & Bründel, 2007, S. 17-18.
19 Ebd., S.18.
20 vgl. Bäuerle, 1999, S. 9.
21 vgl. Hurrelmann & Bründel, 2007, S. 19.
22 vgl. Ebd., S.19.
Fremdenfeindliche Gewalt, oft auch ethnienfeindliche Gewalt genannt, richtet sich gegen bestimmte Religions- und Herkunftsgruppen. 23
Setzt man diese unterschiedlichen Ausprägungen der Gewalt in den Kontext Schule, lässt sich somit sagen, dass Schule ein Sammelbecken für Formen der individuellen Gewalt sein kann, da in ihr von körperlicher über psychische hin zu rassistischer Gewalt alle Ausprägungen auftreten können.
2.2 Institutionelle Gewalt
Neben den bereits angeführten individuellen Formen von Gewalt gibt es noch eine weitere, die institutionelle Form der Gewalt. In ihr werden durch „Vertreter des Staates oder einer Organisation wie der Schule physische und psychische Zwangseingriffe durchgeführt oder angedroht […]“ 24 , mit dem Ziel, ein Abhängigkeits- oder Unterwerfungsverhältnis zu schaffen.
Die als legitim empfundene Ordnungsgewalt wird normalerweise als notwendig, unproblematisch und gerecht angesehen, um z. B. in der Schule ein geregeltes Miteinander zu verwirklichen, die Schüler zu fördern und sie durch Unterricht und Bildung zur Selbstbestimmung zu führen. Hierbei kann also die Lehrkraft durch bestimmte Sanktionen Schüler zu einem gewünschten Verhalten anhalten, letztlich sogar dazu zwingen. 25
Die als illegitim empfundene strukturelle Gewalt dient nicht der Förderung der Persönlichkeitsentwicklung, sondern zielt durch die Ausübung von Macht auf die Unterdrückung der Organisationsmitglieder. 26
3 Theorien der Gewaltentstehung und ihre Bedeutung für die Schule
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Gewalt- und Aggressionsforschung gibt es kein einheitliches Theoriemodell, sondern einen multifaktoriellen Bedingungsansatz, der Ag-
23 vgl.Hurrelmann & Bründel, 2007, S.20.
24 Ebd., S.20.
25 vgl. Ebd., S.20-21.
26 vgl. Ebd., S.21.
gression und Gewalt von Kindern und Jugendlichen auf vielfältige Ursachen zurückführt.
Im folgenden Abschnitt möchte ich einen kurzen Überblick über die wichtigsten Ge-walttheorien geben. Dabei soll zwischen den psychologisch und den stärker soziologisch akzentuierten Theorien unterschieden und untersucht werden, was für eine Bedeutung diese Theorien im Kontext Schule haben.
3.1 Psychologische Theorien
Abbildung 2: Psychologische Ansätze 27
3.1.1 Die Trieb- und Instinkttheorien
Die Psychoanalyse geht davon aus, dass jeder Mensch einen angeborenen Instinkt zur Aggression hat, der der Selbsterhaltung und der Verteidigung des Lebens gilt. Freud forderte den „mystischen Todestrieb“ 28 , der als Gegenspieler des Lebenstriebes den Menschen zu zerstörerischem Handeln treibe. Diese Theorie wurde jedoch durch die biologische Triebtheorie von Konrad Lorenz abgelöst, der annimmt, dass die „innerartliche Aggression ein echter „Instinkt“ mit eigener endogener Erregungsproduktion sei, also eine triebhafte Grundlage habe.“ 29
27 vgl. Unfallkasse Hessen, 2000, S. 18.
28 Eibel-Eibesfelfdt, 1997, S. 525.
29 Eibel-Eibesfelfdt, 1997, S. 525.
Nach dieser Theorie ist nicht das Vorhandensein von Aggressivität problematisch, sondern der Umgang damit. Im Bezug auf Schule lässt sich sagen, dass im normalen Schulalltag aggressive Verhaltensweisen unvermeidlich und wohl auch selbstverständlich sind. Nicht jeder Handlung muss eine beabsichtigte Verletzung zu Grunde liegen. Ag- gressivitätwird hier in spielerischem Umgang ausgelebt, es geht häufig um „Dampf ablassen“, um Kräfte messen, um Rangeleien - all dies im Sinne von „aggressionsentladenden Tätigkeiten unter Mitschülern“ 30
Die Trieb- und Instinkttheorie ist insofern für die Schule wichtig, als sie die Lehrkräfte dafür sensibilisiert, was einerseits natürliches Ausprobieren von Kräften ist und aber andererseits zu Aggressionshandlungen führt mit der böswilligen Absicht, andere zu verletzen, zu demütigen und zu unterdrücken; und dann die Lehrkräfte dazu veranlasst, die Beachtung von Regeln einzufordern, Grenzsetzungen vorzunehmen und Sanktionen zu erlassen.
3.1.2 Die Emotionstheorien/Frustrationstheorie
Bei den Emotionstheorien wird davon ausgegangen, dass sich Aggression und Gewalt auf das subjektive Befinden eines Menschen und dessen Gefühlszustand zurückführen lassen. Die bekannteste innerhalb der Emotionstheorien ist die Frustrations-Aggressions-Theorie nach dem Psychologen und Sozialwissenschaftler J. Dollard.
J. Dollard beschreibt diese so, dass sich bei einem zielstrebigen Verhalten, z. B. bei dem Erreichen eines bestimmten Zieles, eine Barriere auftut und das Hindernis nur mit Hilfe von Aggression überwunden werden kann. Je höher die eigene Motivation ist, dieses Ziel erreichen zu wollen, desto höher ist die Enttäuschung, wenn man an einer Blockade auf dem Weg zum Ziel in irgendeiner Art und Weise scheitert bzw. diese nicht überwinden kann. Es wird davon ausgegangen, dass die zu erwartende Aggression somit auch stärker ausfällt. 31
Erlebt z. B. ein Schüler, wie er vom Lehrer seiner Meinung nach ungerecht und unfair behandelt wird, schreibt er schlechte Zensuren und kann er möglicherweise im Sportunterricht nicht mit seinen Mitschülern mithalten, fühlt er sich in seinem Selbstwertgefühl verletzt, gedemütigt und beschämt, was zu aggressiven Verhaltensweisen und Frustrationsaufbau führen kann.
30 vgl. Hurrelmann & Bründel, 2007, S. 35.
31 vgl. Eibel-Eibesfelfdt, 1997, S. 524.
Die Erkenntnisse aus dieser Theorie können Lehrkräften helfen, auslösende Faktoren für aggressives Verhalten und Gründe für Frustrationserlebnisse rechtzeitig zu erkennen und darauf situationsgerecht zu reagieren, um Kettenreaktionen und Aufschaukelungsmechanismen zu verhindern. 32
3.1.3 Die Lerntheorie
1963 führten die Psychologen A. Bandura und R. H. Walters folgende Versuche durch: Eine Gruppe von Kindern sah zu, wie ein Erwachsener eine Gummipuppe misshandelte. Einer zweiten Gruppe wurde dieser Vorfall über den Fernseher vorgeführt. Eine dritte Gruppe sah, wie eine Katze eine Puppe in einem Zeichentrickfilm misshandelte. Die vierte Kontrollgruppe sah in der Vorführung keinerlei aggressive Handlungen.
Die Kinder aller vier Gruppen wurden nach der Vorführung auf gleiche Art frustriert und danach von den Versuchsleitern beim Spiel mit Puppen beobachtet. Das Ergebnis war, dass alle Kinder, die ein aggressives Modell erlebt hatten, sich ihren Puppen gegenüber aggressiver verhielten als die Kinder der Kontrollgruppe ohne aggressives Modell. Auch bei einer sechs Monate später stattfindenden Nachuntersuchung wurde das obige Ergebnis verifiziert. 33
Hier zeigt sich eindeutig, dass Kinder Verhaltensmuster übernehmen, um bestimmte Ziele zu erreichen, dass Erfolg ein Handeln bekräftigt und sich Kinder am „Vorbild“ orientieren, sei es positiv oder negativ.
Die Lerntheorie nach Bandura u. a. hat für den Schulalltag eine herausragende Bedeu- tung,da in der Schule tagtäglich Interaktionen stattfinden, die „Modellwirkung“ für andere Schüler haben können. Ich möchte dies anhand eines Beispiels verdeutlichen: Schüler, die in der Klasse ständig stören und aus diesem Grund mehr Aufmerksamkeit von der Lehrkraft erfahren als zurückhaltende Schüler, können als „Vorbild“ wahrge- nommenwerden und zu einer Nachahmung anregen. Führt dieses Verhalten zu einem Erfolg, verfestigt sich dieses Muster und wiederholt sich. Je nachdem, wie die Lehrkraft auf die vorhandene Situation reagiert, besonnen oder aggressiv, orientieren sich die Schüler am Lehrerverhalten und lernen in bestimmten Situationen Aggressionen zu zü-
32 vgl.Hurrelmann & Bründel, 2007, S. 39-40.
33 vgl. Eibel-Eibesfelfdt, 1997, S. 523-524.
geln oder sie auszuleben. Deshalb ist der Umgangston der Lehrer für die Schüler von großer und modellhafter Bedeutung. 34
3.2 Soziologische Theorien
Abbildung 3: Soziologische Ansätze 35
3.2.1 Die Konflikt- und Spannungstheorien/Anomietheorie
In den folgenden Theorien werden die sozialen Komponenten betont, indem nicht nur die Merkmale einer Person beleuchtet werden, sondern auch die Merkmale der sozialen Umwelt, in der sich die jeweilige Person bewegt. Es wird also zusätzlich nach gesellschaftlichen Einflussfaktoren gesucht, die mit Gewalt und Aggression von Menschen zusammenhängen, d. h. die Gewalthandlungen einer Person werden in einen Zusammenhang mit ihrem sozialen Umfeld gebracht.
Stellvertretend für die Konflikt- und Spannungstheorien sei die Anomie-Theorie von Merton genannt, nach der Aggressionen und Gewalt entstehen, wenn dem Menschen Chancen zur sozialen Anerkennung, zum Erleben von Erfolg und zur Integration verwehrt bleiben. 36
34 vgl. Hurrelmann & Bründel, 2007, S. 40-42.
35 vgl. Unfallkasse Hessen, 2000, S. 18.
36 vgl. Hurrelmann & Bründel, 2007, S. 42-44.
Wenn Schüler ständige Misserfolge, schlechte Leistungen und Nichtanerkennung erleben, fühlen sie sich an den Rand gedrängt und nehmen ihr Ich im sozialen Umfeld als minderwertig wahr, fühlen sich als Versager und reagieren darauf häufig aus Enttäuschung und Frustration aggressiv, missachten und verstoßen gegen Regeln und versuchen durch Ersatzhandlungen Anerkennung zu erreichen.
Daher sollten die Lehrkräfte immer auch bedenken, dass für die Beurteilung der Schüler die in den einzelnen Fächern erzielten Leistungen und Noten nicht ausreichen, sondern dass in die Leistungsbeurteilung auch personenbezogene soziale und emotionale Fähigkeiten wie etwa Hilfsbereitschaft, Anstrengungsbereitschaft und Einfühlungsvermögen mit einfließen sollten.
3.2.2 Die Definitionstheorien/Etikettierungstheorie
Alle bisherigen Theorien suchen nach einem oder mehreren auslösenden Faktoren für die Entstehung von Aggression und Gewalt. Die in diesem Abschnitt behandelte Theorie jedoch richtet ihr Augenmerk darauf, wie bestimmte Handlungen von dem sozialen Umfeld und der Gesellschaft bewertet und eingeordnet werden. Handlungen, die als störend oder schlecht empfunden werden, erhalten das Etikett Gewalthandlung und Menschen, die diese Verhaltensweisen zeigen, werden oft diskriminiert und von der Gesellschaft bzw. ihrem sozialen Umfeld ausgeschlossen und stigmatisiert. 37
Diese Theorie ist in der Schule von Bedeutung, weil Schüler, die durch bestimmte Verhaltensweisen in der Klasse auffallen, sei es durch aggressives Verhalten oder durch Zuschreibung der Rolle des Klassenclowns, mit einem bestimmten Etikett versehen werden und dieses Etikett sich im Laufe ihrer Schulzeit verselbstständigen und verfestigen kann. Deshalb müssen die Lehrkräfte darauf achten, solche stereotypen Fremdzuschreibungen und Stigmatisierungen zu vermeiden.
3.2.3 Die sozialen Kontrolltheorien/Individualisierungstheorie
Es ist grundlegend wichtig, die multifaktoriellen Ursachen für die Entstehung von Gewalt und Aggression zu erkennen, einzuordnen und zu bewerten, um spezielle Gegenstrategien zu entwickeln, die die Prozesse der Stigmatisierung und der Verfestigung von Verhaltensweisen unterbrechen oder auflösen können.
37 vgl. Ebd., S. 45.
Eben diesem Ziel verpflichten sich die sozialen Kontrolltheorien, die die eminente Bedeutung sozialer Bindungen hervorheben und Reaktionen auf aggressives Verhalten entwickeln. 38
Je tiefer die Bindungen an eine Person oder an ein soziales System wie Familie und Schule sind, je stärker man sich mit den Zielen dieses Systems identifiziert, desto geringer ist die Neigung, sich gegen das System aufzulehnen und sich zum Beispiel gegen Mitschüler und Lehrer aggressiv zu verhalten.
Wenn Schüler sich mit ihrer Schule identifizieren, wenn sie stolz darauf sind, in eben dieser Schule von eben diesen Lehrern unterrichtet zu werden, dann kann das wie ein „Schutzschild“ gegen gewalttätiges Verhalten wirken und die Bereitschaft der Schüler erhöhen, Gewalt zu ächten und sich für eine möglichst gewaltfreie Schule einzusetzen.
3.3 Zusammenfassung der Theorien
Jede dieser aufgeführten psychologischen und soziologischen Theorien hat ihren eigenen Schwerpunkt und Ansatz. Keine ist alleine für sich richtig oder falsch, sondern muss im Gesamtzusammenhang gesehen werden, wodurch dann deutlich wird, dass einzelne Theorien sich gegenseitig erweitern und ergänzen. Je nach Fall und Situation ist es jedoch notwendig, eine einzelne Theorie heranzuziehen, um angemessen zu diagnostizieren und zu handeln, denn für die Ausbildung von Gewalt gibt es nicht „die“ Be- dingung,sondern erst die Kombination von Persönlichkeitsfaktoren, jeweiligem sozialen Umfeld und bestimmten Auslösungsmechanismen lässt Ursachen der Gewaltentstehung erkennen, um angemessen auf aggressive Handlungen jeglicher Art reagieren zu können.
38 vgl. Hurrelmann & Bründel, 2007, S. 47-48.
Arbeit zitieren:
Christian Fischer, 2009, Gewalt an Schulen - Das Konzept der Streitschlichtung aufgezeigt am Beispiel der Realschule XYZ, München, GRIN Verlag GmbH
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