Nukleare Proliferation durch Brain-Drain ?
Das Emigrationspotential russischer Rüstungsexperten
Maximilian Spinner
Inhaltsverzeichnis:
I. Abstract
II. Einleitung
III.Hauptteil
Neue Gefahren nuklearer Proliferation
Der Militärisch-Industrielle Komplex in Russland und die Closed Cities
1. Die Struktur der Rüstungsindustrie
2. Die Situation der Rüstungsindustrie nach dem Systemwechsel
Die Situation der Beschäftigten
Das Emigrationspotential – Die Push-Pull-Faktoren
Intervenierende Faktoren – Warum findet keine Migration im großen Stil statt ?
1. Vorhandene strukturelle oder persönliche Hemmnisse
2. Interventionsmaßnahmen
IV. Resümee und Ausblick
V. Literatur
Abstract
During the last ten years after the end of the cold war the discussion about the threat of proliferation of nuclear weapons and missile technology has been put again on the agenda. Russia is blamed to be a possible source of fissile material and especially human brain drain for “rogue states” such as Iran, Irak or North Korea interested in becoming nuclear powers. This paper argues that there is quite some potential of nuclear and missile experts in Russia willing or at least interested in emigrating because of the worsening social and economical circumstances in the former “closed cities”. But nevertheless this potential does not pose a serious threat as most of the potential migrants are prevented from leaving Russia by their lack of resources or connections and administrative restrictions. As corresponding to classical migration theory, those persons overwhelmingly prefer going to higher developed countries, mainly to Western Europe, the USA or Israel.
Einleitung:
Ziel dieser Arbeit ist die Untersuchung des Abwanderungspotentials russischer Rüstungsspezialisten in sogenannte „rogue states“, zu denen etwa Nordkorea, Irak, Iran, Libyen u.a. gehören. Dieses Potential soll in Hinblick eines möglichen Beitrags zu nuklearer Proliferation betrachtet und bewertet werden.
Die Gruppe von Personen, auf die sich die Untersuchung bezieht, im folgenden auch synonym Rüstungsexperten, Spezialisten, Mitarbeiter im Rüstungskomplex o.ä. genannt, wird in Anlehnung an die Carnegie-Studie „Russian Nuclear and Missile Complex – The Human Factor in Proliferation“ wie folgt definiert: „A specialist is a person who has received a higher education and occupies an executive, administrative or scientific post in certain organizations.“ 1
Als Abwanderungspotential, die abhängige Variable, wird hier sowohl die Bereitschaft, als auch die Fähigkeit, dauerhaft ins Ausland zu emigrieren, definiert. Deswegen werden einerseits empirische Untersuchungen, vor allem Umfragen unter den Beteiligten verwendet, um die individuelle Bereitschaft zur Abwanderung auf der Akteursebene zu untersuchen, andererseits ist eine Kausalanalyse bezüglich des wirtschaftlichen und sozialen Umfeldes der betroffenen Gruppe und den darin liegenden Gründen für eine Migrationsbereitschaft, aber auch von möglichen Hindernissen für eine Emigration nötig. Die unabhängige Variable wäre also vor allem die wirtschaftliche und soziale Situation der in der Rüstungsindustrie Beschäftigten.
In der Migrationstheorie ergibt sich nach Everett S. Lee die effektive Migration aus dem Zusammenspiel von Migrationspotential und der Migrationsnachfrage. Dabei spielen die sogenannten Push-und Pullfaktoren die entscheidende Rolle. Hinzu kommen intervenierende Hindernisse, sowie persönliche Faktoren, die ebenfalls Einfluß haben.2
Die Untersuchung wird sich im Rahmen der Migrationstheorie hauptsächlich auf die Push- Faktoren beschränken, also auf Gründe, die das Migrationspotential beeinflussen. Die Analyse der Pull-Faktoren muss im gegebenen Rahmen eher knapp ausfallen, nicht zuletzt deshalb, weil sowohl der betroffenen Personengruppe selbst, als auch dem externen Beobachter nur wenige diesbezügliche Informationen zur Verfügung stehen. Intervenierende Variablen, die zum Teil auch Lösungsstrategien für die Unterbindung der Abwanderung als Policy-Strategien darstellen (in diesem Falle vor allem die Beschäftigungsprogramme von westlicher Seite oder andere Alternativen, wie berufliche Neuorientierung im privaten Wirtschaftssektor innerhalb Russlands) können nur in knapper Darstellung miteinbezogen werden. Das Vorhandensein einer Migrationsnachfrage kann in diesem Fall vorausgesetzt werden, d.h. dass Schwellenstaaten, die Atomwaffenbesitz anstreben, ein starkes Interesse an der genannten Personengruppe haben.3
Als Brain-Drain wird hier die dauerhafte Abwanderung und damit der unwiederbringliche Verlust geistiger Ressourcen, hier in Form von Wissenschaftlern und Technikern, verstanden. Brain-Drain ist also nicht nur eine Form der Migration von Arbeitskraft, sondern zusätzlich auch ein Verlust wertvoller geistiger Ressourcen.4
Die Untersuchung der Brain-Drain-Problematik im Kontext der Verhinderung nuklearer Proliferation gewinnt gerade durch die derzeitige Debatte um neue Defensivkonzepte (NMD bzw. MD) vor allem in den USA gegenüber aufrüstenden „rogue states“ an aktueller Bedeutung.
Die zitierte Carnegie-Studie dient als Hauptgrundlage für die empirische Analyse. Ansonsten werden weitere jüngere Monographien und Aufsätze zum Thema verwendet. Die vorhandene Literatur zum Thema ist eher übersichtlich. Obwohl das Thema, vor allem Anfang der 90er Jahre, in zahlreichen spektakulären und meist auch nur spekulativen Medienberichten eine Rolle gespielt hat, fand es in der akademischen Debatte bisher relativ wenig Beachtung. Als Hypothese wird davon ausgegangen, dass zwar eine gewisse Anzahl an Rüstungsspezialisten eine Emigration in Erwägung zieht, um den schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen in Russland und der beruflichen Perspektivlosigkeit zu entkommen. Jedoch dürfte sich dieses Ziel aufgrund wirtschaftlicher und persönlicher Hindernisse, sowie administrativer Beschränkungen nur in wenigen Fällen realisieren lassen. Zudem dürften auch eher andere Staaten als die sogenannten „rogue states“ attraktive Ziele bieten. Trotzdem wird von einen gewissen Restrisiko auszugehen sein.
Neue Gefahren nuklearer Proliferation
Nach dem Ende des Kalten Krieges und dem damit verbundenen Gleichgewicht des Schreckens zwischen der USA und der UdSSR besteht ein erhöhtes Risiko nuklearer Proliferation. Während die USA und Russland ihre Atomwaffenarsenale abbauen, unternehmen zahlreiche Schwellenstaaten große Anstrengungen, Massenvernichtungswaffen (Weapons of Mass Destruction - WMD) zu erwerben oder selbst zu produzieren. Dazu zählen oft verdeckte oder offene Ambitionen nach dem Besitz von Atomwaffen. Diese Staaten sind aufgrund der offiziellen Ächtung vor allem von horizontaler Proliferation durch internationale Verträge, wie dem Vertrag über die Nichtverbreitung von Atomwaffen von 19685, und den politischen Bestrebungen vor allem von Seiten der USA, weitere Proliferation, besonders in die sogenannten „rogue states“ mit allen Mitteln zu verhindern, auf eigene Bemühungen, also auf sogenannte vertikale Proliferation angewiesen. Vertikale Proliferation wird auch durch den Nichtverbreitungsvertrag verboten, jedoch arbeiten viele Schwellenstaaten, oft unter dem Vorwand, zivile Nuklearforschung zu betreiben, an Atomwaffenprogrammen.6
Indien und Pakistan konnten bereits erfolgreiche Nukleartests durchführen, China strebt den Ausbau seiner vorhandenen Nuklearstreitkräfte an, andere Staaten wie der Irak, der Iran, Nordkorea oder Libyen arbeiten mehr oder weniger intensiv an eigenen Programmen. Der Erfolg derartiger Programme hängt vor allem von zwei Faktoren ab: einerseits dem Zugang zu waffenfähigen Spaltstoffen wie angereichertem Uran oder Plutonium, andererseits dem notwendigen Know-How. Die Frage der Erlangung spaltbarer Materialien soll in dieser Untersuchung keine weitere Beachtung finden, sie ist jedoch oft in enger Weise mit dem Humanfaktor verbunden. Letzterer beinhaltet sowohl die Fähigkeit, einsatzfähige Sprengköpfe zu herzustellen, als auch die notwendige Trägertechnologie zu entwickeln und beides zu warten. Dafür sind die entsprechenden Länder auf hochspezialisierte Ingenieure, Naturwissenschaftler und Techniker angewiesen. Während bis Anfang der neunziger Jahre vor allem in Russland einschlägige Studiengänge von Bewerbern aus diesen Ländern absolviert werden konnten, wird dies inzwischen weitestgehend unterbunden.7 Deswegen ist nun vor allem die gezielte Abwerbung ausländischer Spezialisten von stark gestiegenen Interesse für Nuklearaspiranten. Dabei steht vor allem das große Potential an technischen Know-How aus dem Militärisch-Industriellen Komplex (MIK) der ehemaligen Sowjetunion im Zentrum des Interesses.
1. Die Struktur der Rüstungsindustrie
[...]
1 Zitat nach Tikhonov 2001, 2.
2 Lee 1972, 118ff.
3 Dazu exemplarisch Strobl 1997, 36ff.
4 Auf die sich daraus ergebenen erheblichen Konsequenzen für das Abwanderungsland, hier Russland, kann hier nicht weiter eingegangen werden. Exemplarisch dazu: Vitkovskaya / Panarin 2001, 113ff.
5 Fundstelle: Bundesgesetzblatt 1974 Teil II S.786. Der Vertrag wurde bisher von rund 170 Staaten ratifiziert, jedoch nicht von Indien, Pakistan und Israel.
6 Hierbei wird das Problemfeld der sogenannten Dual-Use-Technologien deutlich, d.h. die oft schwierige Abgrenzung von erlaubter ziviler Nutzung bestimmter Technologien (Kernkraft, Raketentechnologie) und deren mögliche Umstellung auf militärische Nutzung.
7 So wurde z.B. erst 1998 ein Trainingsprogramm für iranische Studenten an der Petersburger Technischen Universität aus „Gründen nationaler Sicherheit“ abgebrochen – Vgl. Parrish/Robinson, S.112.
Die Autoren sehen jedoch weiterhin ein erhöhtes Risiko für Proliferation durch “brain drain through training“. Der Militärisch-Industrielle Komplex in Russland und die Closed Cities
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Maximilian Spinner, 2001, Nukleare Proliferation durch Brain-Drain? Das Emigrationspotential russischer Rüstungsexperten, Munich, GRIN Publishing GmbH
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