FU Berlin - Friedrich Meinecke- Institut SoSe 2001
HS Hitler als biographisches Problem Hausarbeit von Maximilian Spinner
Die Pläne zur Besiedelung des „Lebensraums im Osten“ in Hitlers Tischgesprächen
Inhalt
1. Einleitung: Die Tischgespräche im Führerhauptquartier
2. Hitlers Vorstellungen vom Lebensraum im Osten
2.1. Englands Kolonialreich in Indien als Vorbild
2.2. Hitlers Geschichtsbild im Zusammenhang mit der Expansion nach Osten
2.3. Die Größe und Sicherung des deutschen Siedlungsraums im Osten
2.4. Die deutschen Siedlungen im Osten
2.5. Der Umgang mit den Einheimischen
2.6. Die Ausbeutung von Rohstoffen
2.7. Die verkehrstechnische Erschließung
3. Anmerkungen, Widersprüche und offene Fragen
4. Hitlers Biographen zu den Lebensraum-Plänen in den Tischgesprächen
5. Resümee
6. Literatur
3
1. Einleitung: Die Tischgespräche im Führerhauptquartier
Henry Picker, geboren 1912 in Wilhelmshafen, von Adolf Hitler im März 1942 als Jurist ins Führerhauptquartier befohlen, liefert mit seinen Mitschriften der Tischgespräche zwischen 21.7.1941 und 31.7.1942 1 bis zu seinem Ausscheiden eine der umfassendsten Quellen von Äußerungen des Führers in engster Runde.
Während der Tischgespräche im Kreise seiner wichtigsten Mitarbeiter in den verschiedenen Führerhauptquartieren spricht Hitler über die verschiedensten Themen aus Politik, Verwaltung, gesellschaftlichen Fragen, aber auch zu Kunst und Kultur, Religion und Kirchen, der Rolle der Frau und gibt Einblicke in sein Geschichts- und Weltbild. Einer der zentralen Punkte in seinen Monologen ist die Frage nach der Erschließung und Besiedelung der gerade eroberten oder noch umkämpften Gebiete im Osten.
Den Begriff „Lebensraum“ verwendet Hitler kontinuierlich während seiner politischen Laufbahn. In „Mein Kampf“ fordert er die nationalsozialistische Bewegung auf, „unser Volk und unsere Kraft zu sammeln zum Vormarsch auf jener Straße, die aus der heutigen Beengtheit des Lebensraums dieses Volk hinausführt zu neuem Grund und Boden und damit auch für immer von der Gefahr befreit, auf dieser Erde zu vergehen oder als Sklavenvolk die Dienste anderer besorgen zu müssen...“. 2
Vor allem die relativ ungezwungene, private Atmosphäre in der Hitler, ohne Rücksicht auf eine Öffentlichkeit nehmen zu müssen, seinen Einfällen und Gedanken freien Lauf lässt, machen das Zeugnis der Tischgespräche aus erster Hand so bedeutsam, da sie einen viel tieferen Einblick in die Hitlersche Gedankenwelt zulässt, als öffentliche Dokumente oder Reden. Für den Führer waren die meist abendlichen täglichen Tischgespräche, treffender eher als Monologe zu bezeichnen, eine der wenigen Gelegenheiten zu Entspannung und Geselligkeit. Der Leser lernt Hitler auch von seiner privaten Seite kennen, erfährt ihn prägende Erfahrungen, Wünsche, Zielvorstellungen, verschiedene Facetten seiner Persönlichkeit und Wertewelt, lernt aber über Angewohnheiten und Abneigungen, sowie gewinnt Einblicke in seine Lebensphilosophie und sein Selbstbild.
1 Die Tischgespräche bis zum 21.3.1942 wurden anhand der Stenogramme von Pickers Vorgänger als FHQ-Juristen, Heinrich Heim, von Picker niedergeschrieben.
2 Vgl. Kammer/Bartsch, 1992, S.119 und „Mein Kampf“ S.731f.
4
Neben den Tischgesprächen veröffentlicht Picker auch noch zwei Geheimreden Hitlers, eine vom 23.11.1937 vor dem politischen Führernachwuchs, eine vom 30.5.1942 vor dem militärischen Führernachwuchs, die weitere Aufschlüsse und Interpretationshilfen liefern. 3 Gerade diese nicht für die breite Öffentlichkeit gedachten Äußerungen Hitlers zu seinen Plänen für den Lebensraum im Osten für die Zeit nach dem Krieg geben Aufschluß über Hitlers menschenverachtende Ideen und die Grundlage seines Handelns. Im folgenden sollen die vielfältigen Aspekte seiner Überlegungen in einem systematischen Zusammenhang zunächst unbewertet dargestellt und anschließend analysiert werden. Dabei steht vor allem die Frage im Mittelpunkt des Interesses, inwieweit diese Äußerungen reine Utopien oder Tagträumereien auf dem Höhepunkt der Kriegserfolge sind oder ob es Hinweise auf konkrete und realisierbare Pläne gibt.
Da es in der verfügbaren Literatur praktisch keinen umfassenden Kommentar zu den Tischgesprächen im allgemeinen bzw. den Äußerungen zu diesem Thema im speziellen gibt, hat sich der Autor darauf konzentriert, die relevanten Äußerungen zusammenzustellen, sie einer Bewertung zu unterziehen und sie den (relativ knappen) Ausführungen der Hitlerbiographen Fest, Bullock und Kershaw zu diesem Thema gegenüberzustellen. Die Textbelege beziehen sich auf die 3. Auflage der Tischgespräche, die sich, abgesehen von leicht veränderten Kommentaren und Einführungen, sowie der erst seit der 2.Auflage erfolgten chronologischen Anordnung von den anderen Auflagen nicht unterscheidet.
2. Hitlers Vorstellungen vom Lebensraum im Osten
Adolf Hitler verstand den Kampf gegen die slawischen Völker des Ostens, vor allem gegen die Sowjetunion, einerseits als einen Weltanschauungskampf gegen Juden / Bolschewisten. Andererseits sprach er von einen Kampf des deutschen Volkes, bzw. Germanischen Volkstums um Lebensraum in Abwehr gegen eine neue Invasion von asiatischen Völkern (ähnlich dem Hunnensturm 4 ). Zum Germanischen Volkstum zählten für ihn auch u.a. Norweger, Dänen, Schweden, Deutschschweizer, Holländer und die deutschen Minderheiten in Osteuropa. 5 Sie alle sollten im „Germanischen Reich Deutscher Nation“ unter deutscher Vorherrschaft, ähnlich wie 1870/71 die deutschen Gliedstaaten unter Führung Preußens, vereinigt werden 6 und über die unterworfenen Völker des Ostens herrschen.
3 Eben zu diesem Zweck waren sie Picker von Bormann übergeben worden.
4 Vgl. Picker, 1999, S. 131.
5 Vgl. ders., S.94., Zahlen nach ders., S.248.
6 Vgl. ders., S.275.
5
2.1. Englands Kolonialreich in Indien als Vorbild
Des öfteren äußerte der Führer seine Bewunderung für die Kolonisationsleistung der Engländer in Indien. Vor allem die Beherrschung riesiger Räume und Menschenmassen (300 Millionen) durch eine äußerst geringe Anzahl an Soldaten und Verwaltungsbeamten (60000) imponierte ihm. 7 Genauso bewunderte er Härte und den Herrschaftswillen, denn „wer Blut vergossen hat, hat auch das Recht, die Herrschaft auszuüben“ 8 . Die Absichten seiner Eroberungspolitik werden klar, wenn er meint: „Was für England Indien war, wird für uns der Ostraum sein.“ 9
2.2. Hitlers Geschichtsbild im Zusammenhang mit der Expansion nach Osten
In Hitlers Geschichtsbild konnte nur der stärkere die Herrschaft erringen und erhalten. Einen Dualismus (sei es mit England als zweiter Weltmacht, sei es mit der Sowjetunion) könnte es nicht geben. 10 Bezeichnend ist das berühmte Zitat, „ die Erde sei eben wie ein Wanderpokal und habe deshalb das Bestreben, immer in die Hand des Stärksten zu kommen.“ 11 Deswegen müsste auch das deutsche Volk, wenn es sich auf Dauer durchsetzen soll, ein Soldatenvolk bleiben. 12
Die Gründe für die notwendige Besiedelung des Ostens sah er in der hohen Bevölkerungsdichte Deutschlands, seiner Armut an weiterem Siedlungsland, etwa für zweit-und drittgeborene Bauernsöhne, die keinen eigenen Hof bekommen können. 13 Seiner Meinung nach würde im Osten das Volk auch seine „Bewegungsfreiheit“ wiedergewinnen und die Geburtenrate steigen. 14 Die Geburt vieler Kinder würde den Drang nach Osten zusätzlich rechtfertigen. 15
Vorbild in der Geschichte waren ihm die Deutschordensritter, die als „Glaubenskämpfer“ mit Schwert und Bibel Härte und Durchsetzungswillen zeigten. 16 Das Großdeutsche Reich 17 mit
7 Vgl. ders., S. 93.
8 Zit. nach ders., S. 164.
9 Vgl. ders., S.93.
10 Vgl. ders., S.257 f.
11 Zit. nach ders., S.387.
12 Vgl. ders., S.332 f.
13 Vgl. ders., S. 406.
14 Vgl. ders., S.142.
15 Vgl. ders., S.137f.
16 Vgl. ders., S. 405.
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Arbeit zitieren:
Maximilian Spinner, 2001, Der Lebensraum im Osten in Hitlers Tischgesprächen, München, GRIN Verlag GmbH
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