1. Einleitung
Es gehört für die meisten Menschen zum morgendlichen Ritual, am Frühstückstisch bei Brötchen, Müsli und Kaffee die Tageszeitung zu studieren. Aus ihr entnehmen wir allerlei Informationen, bilden uns eine Meinung oder werden unterhalten. Doch die wenigsten fragen sich, wie das geschieht. Welche Mittel werden eingesetzt, damit wir auch wirklich diesen oder jenen Artikel lesen? Auf welche Art und Weise werden uns die Texte präsentiert? Diesen und anderen Fragen möchte ich mich in der vorliegenden Arbeit widmen. Unterschiedliche Textsorten informieren uns in der Tageszeitung jeden Tag aufs Neue. Doch alle Texte haben eins gemeinsam - Es sind Sachtexte. Denn wir entnehmen ihnen in jedem Fall Informationen und wenn es auch nur das Wissen darüber ist, was der Chef des Lokalteils von dem neuesten Beschluss des Stadtrates hält.
Mit Bildern, Grafiken, Infokästen und Interviews sollen wir einen schnellen Überblick über die Thematik bekommen. Wir entnehmen die Informationen nicht aus Fließ-, sondern aus Cluster-Texten. Dazu ist Lesekompetenz notwendig, damit man weiß, wie man mit einem vorliegenden Zeitungstext bzw. Sachtext umgeht. Aus diesem Grund fordert auch der Bildungsplan der Realschule für den Umgang mit Texten, dass die Schüler »journalistische Darstellungsformen hinsichtlich ihrer Intentionalität unterscheiden und bewerten« 1 sollen. Ein Sachtext hat immer die Aufgabe, dem Leser Fakten zu liefern. Dies kann er tun, indem er über einen Sachverhalt informiert (darstellender Text wie Nachricht oder Bericht), den Leser zu einem bestimmten Verhalten auffordert (appellativer Text wie Rede, Wahlprogramm, Kommentar) oder ihm eine Meinung präsentiert (kommentierender Text wie Kommentar, Leitartikel, Glosse). Ein Text kann aber auch Vorgänge oder Zustände, wie Gefühle, zum Ausdruck bringen wollen. Da das aber eine Form ist, die nur sehr selten in Zeitungen auftritt und nichts mit Sachtexten gemeinsam hat, werde ich auf diese Form in der vorliegenden Arbeit verzichten. Alle anderen Textsorten finden sich jedoch täglich in den Tageszeitungen und werden somit auch in dieser Abhandlung ihren Niederschlag finden. Aufgrund dieser obigen generellen Einteilung von Texten unterscheidet man auch im Journalismus drei Arten von Darstellungsformen (Vgl. dazu Kapitel 2).
Ich möchte in dieser Arbeit diese drei Gattungen unterscheiden, ihre gängigsten Darstellungsformen charakterisieren und dabei auf Ähnlichkeiten, Unterschiede aber auch Gemeinsamkeiten sowohl in Aufbau, Schreibstil, Thematik und Inhalt aufmerksam machen.
1 Bildungsplan Baden-Württemberg 2004, S. 53
2
Diese Theorien werde ich auch anhand von ausgewählten Beispielen aus drei Tageszeitungen (Süddeutsche Zeitung, Die Welt, Sächsische Zeitung), versuchen zu beweisen, indem ich textsortentypische Merkmale dieser Darstellungsformen an meinen Beispieltexten heraussuchen und erläutern werde.
2. Darstellungsformen in Tageszeitungen
Darstellungsformen in Zeitungen sind so unterschiedlich und vielseitig wie es auch die einzelnen Redakteure an ihren Rechnern sind. Aus diesem Grund existiert ein unterschiedliches Verständnis über die Merkmale der einzelnen Formen. Eine einheitliche Definition gibt es nicht und auch ich werde hier keine aufstellen können. Trotzdem möchte ich den Einblick wagen und die einheitlichen Punkte der Textsorten zusammenstellen, über die ein Konsens herrscht.
Grundsätzlich kann man die Darstellungsformen in drei große Gattungen einteilen. • Die informierende Darstellungsform • Die meinungsbetonte Darstellungsform • Die unterhaltende Darstellungsform
Doch auch hier sind die Grenzen fließend und nicht klar abzustecken. Nur eine Regel gilt und darf im Journalismus nicht gebrochen werden - die Trennung von Nachricht und Kommentar. Der Chefredakteur des »Manchester Guardian« hat es mit der journalistischen Faustregel »Facts are sacred, comment is free« auf den Punkt gebracht.
Aus diesem Grund muss der Journalist immer neu entscheiden, mit welcher Darstellungsform er dem Leser seine Informationen am Besten vermitteln kann. Mast schlägt aus diesem Grund vor »die Darstellungsformen als Brückenschlag zwischen dem Thema, dem Medium, seinen persönlichen Intentionen und Fertigkeiten und den Lesererwartungen zu verstehen« 2 . Diesem »Brückenschlag« liegen nach Mast 3 vier Fragen zu Grunde, die sich der Journalist vor einem Artikel stellen sollte: • Eigenheiten des Mediums
2 Mast 1998, S. 222
3 Mast 1998, S. 222
3
• Eigenheiten des Themas
• Öffentlicher Auftrag des Journalisten
• Reflexion über publizistische Wirkungsabsichten:
Welche Darstellungsform spricht welches Publikum am ehesten an?
Wenn die Frage der passenden Textsorte geklärt wurde, kann sich der Redakteur an die Arbeit machen und die Nachricht, das Feature, die Glosse oder die Reportage schreiben.
3. Darstellungsformen in Tageszeitungen - die informierende Darstellungsform 3.1. Die Nachricht:
Eine klassisch gewordene Definition für die Nachricht soll 1880 der damalige »Sun«-Lokalredakteur John B. Bogart formuliert haben. »When a dog bite’s a man, that’s not news, but when a man bites a dog, that’s news«. Anhand dieser Aussage lässt sich das wesentliche Kennzeichen einer Nachricht festhalten: »Das Berichtete muss sich vom Alltäglichen unterscheiden, muss in irgendeiner Hinsicht ungewöhnlich sein« 4 . Der Amerikaner sagt dazu auch »News is what’s different«. Niemanden interessiert eine Nachricht zu alltäglichen Vorgängen.
»Auch heute fuhren die Kinder von A-, B- und C-Dorf mit dem Schulbus nach D-Dorf zum Unterricht.« 5
Das ist keine Nachricht - es ist Routine, ein immer wiederkehrender Ablauf. Aber daraus wird eine Nachricht, wenn die Routine unterbrochen wird. Zum Beispiel, wenn der Fahrer des Schulbusses mit Alkohol am Steuer erwischt wurde, es einen Unfall gab, der Schulbusverkehr aus Gründen von Finanzkürzungen eingestellt werden musste oder die
4 La Roche 1999, S. 64
5 La Roche 1999, S. 64
4
Kinder ihren alten Schulbus im Rahmen eines Schulprojektes wieder attraktiver gestaltet haben.
Bei Schneider heißt es zu der Nachricht im Anhang: »Eine Information über Tatsachen, die für die Adressaten vermutlich neu und interessant sind und unter diesem Aspekt aus möglichen Zusammenhängen gerissen werden.« 6
Schulze hingegen definiert die Nachricht als »objektive Mitteilung eines allgemeinen interessierenden, aktuellen Sachverhalts in einem bestimmten formalen Aufbau« 7 . Sowohl Schneider als auch Schulze vergessen in ihren Definitionen die Nachricht um den Aspekt der »Wichtigkeit« zu ergänzen, der die tragende Rolle spielt, wenn eine Nachricht mal nicht interessant, dafür aber von großem Belang ist.
Mast nimmt aus diesem Grund die Unterteilung in »harte Nachrichten (hard news)« und »weiche Nachrichten (soft news)« vor. Bei Ersterem steht die Bedeutung im Vordergrund, wohingegen bei den weichen Nachrichten »der Nachrichtenwert durch das Publikumsinteresse bestimmt wird« 8 .
Doch wann ist eine Nachricht von Bedeutung oder interessant für die Leser? La Roche hat dafür einen Katalog von elf Faktoren zusammengestellt, die bei dem Leser Interesse erzeugen. Sie heißen:
»Prominenz, Nähe, Gefühl, Sex, Fortschritt, Folgenschwere, Konflikt, Kampf, Dramatik, Kuriosität« 9 und Nutzen.
Auf La Roches Faktoren kann aus Gründen der Knappheit nicht genauer eingegangen werden, da dieser Punkt sonst ausufern würde. Es muss bei der Benennung bleiben. Der in Schulzes Definition (siehe oben) erwähnte formale Aufbau bezieht sich auf die so genannten „sechs W’s“ - Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum?
Eine Nachricht, die diese Fragen nicht beantwortet, kann und darf nicht als solche bezeichnet werden, da sie dann nicht vollständig wäre.
Schneider und Raue gehen sogar noch weiter: Sie fordern das „Woher?“ als Form der Quellenangabe, wenn der Journalist selbst nicht vor Ort war und das achte W für »Was
6 Schneider 2003, S. 372
7 Schulze 2001, S. 199
8 Mast 1998, S. 227
9 La Roche 1999, S. 73
5
bedeutet das? Was folgt daraus?« Denn das würde, so Schneider und Raue, »die Nachricht zur Analyse steigern« 10 .
Doch egal, ob man acht W-Fragen oder nur sechs benutzt, die Informationen müssen in der Reihenfolge ihrer Bedeutung aufgeführt werden. Das heißt, dass die Nachricht nach dem »Trichteraufbau« gestaltet ist. Man beginnt mit den wichtigsten Informationen, die im Vorspann (Lead) stehen und erst zum Schluss kommen Zusatz- und Hintergrundinformationen. Damit versteht es sich von selbst, dass die zeitliche Ordnung keine wichtige Rolle in der Nachricht besitzt. So kann bei einem Flugzeugabsturz die Nachricht beispielsweise nicht mit dem gelungenen Start auf dem Flughafen beginnen. Die Welt druckte die folgende dreispaltige Nachricht, die aus 49 Zeilen bestand und somit zu lang ist, um als Meldung betitelt zu werden und zu kurz, um sie einen Bericht zu nennen. Der Einstieg zeigt exemplarisch den typischen Nachrichteneinstieg: »Berlin/Warschau - Ein hochrangiger polnischer Regierungsvertreter [Wer 1] hat die die Vertriebenen-Ausstellung „Erzwungene Wege“ in Berlin [Wo 1] schon vor der Eröffnung kritisiert [Was]. Der stellvertretende polnische Kulturminister [Wer 2] sagte gestern [Wann] in Warschau [Wo 2], die Ausstellung präsentiere eine einseitige Sicht auf die Vergangenheit und schiebe „die Verantwortung für die vom deutschen Staat während des zweiten Weltkrieges begangenen Verbrechen ab“ [Warum].« 11
Diese Nachricht gehört in die Gattung »interessant«, da sie nicht von besonders großer Bedeutung für die Politik, den Einzelnen oder die Entwicklung in der Welt ist, aber sie sticht heraus und es ist kein alltägliches Ereignis, denn deutsche Ausstellungen werden selten von hohen Regierungsvertretern aus dem Nachbarland kritisiert. Natürlich befinden sich auch die wichtigsten Informationen in den hier zitierten ersten zwei Sätzen bzw. in dem »Nachrichtenkopf« (Lead), der in der Nachricht dem ersten Absatz entspricht. Nach La Roche lässt sich hier der Interessenkreis hauptsächlich auf die Punkte »Konflikt« und »Prominenz« festlegen. Der letzte Punkt wird besonders noch einmal am Ende verstärkt, in dem gesagt wird, dass die Verantwortliche »auf die Unterstützung von Bundeskanzlerin Angela Merkel« setzt.
Das zeigt, wie sehr auch die objektiven Nachrichten durch Inhalt und noch mehr durch ihre Überschriften versuchen Leser zu werben. Besonders begehrt sind dabei Überschriften und Thematiken, die entweder die Weltöffentlichkeit betreffen wie »Israel verschärft Luftkrieg
10 Schneider 2003, S. 74
11 Die Welt 185, S. 1
6
gegen Libanon« 12 oder die den einzelnen Menschen betreffen. So lautete eine Überschrift in der Sächsischen Zeitung »Energie wird zum Winter wieder teurer« 13 . Der letzte wichtige Aspekt einer Nachricht ist der Gesichtspunkt der Objektivität. »Die oft gehörte Forderung, Nachrichten müssten ‚objektiv’ sein, ist jedoch eine Fiktion. Es kann deshalb nur darum gehen, die möglichst wahrheitsgetreue Nachricht zu fordern.« 14
Ganz so einfach, wie es sich Schulze da macht, ist es dann doch nicht und trotzdem hat er Recht. Eine Nachricht kann niemals objektiv sein. Schon allein durch die Trennung von Wichtigem und Unwichtigem nimmt der Redakteur eine subjektive Entscheidung vor. »Was ist von der Bundestagsdebatte interessant für unsere Leser und was nicht?« Redakteur A würde sich vielleicht ganz anders entscheiden als Redakteur B. Der Punkt der Objektivität ist auch nicht gegeben, wenn der Redakteur »ein Omnibus-Unglück in Deutschland wichtiger findet als ein ebenso schweres in Thailand« 15 .
Doch das soll kein Argument gegen die Verantwortung eines Journalisten sein, so objektiv und wahrheitsgetreu wie möglich zu berichten. Das heißt im Konkreten, dass jeder Nachrichtenschreiber um eine möglichst sachliche Darstellung bemüht sein sollte, die auf Fakten basiert und alle Wertungen vermeidet. Wertungen werden auch durch Adjektive vorgenommen, die vielleicht unbeabsichtigt eine Meinung vorgeben. Diese sind zu vermeiden.
Das Bemühen um Richtigkeit und Genauigkeit gilt auch für den Fall, daß sich der Rechercheur trotz aller Sorgfalt keine Sicherheit über einen Sachverhalt verschaffen konnte. Dann muß er im Text oder Beitrag in aller Offenheit auf diese Ungewissheit hinweisen.« 16
Die Kriterien für eine Nachricht sind also sehr eng und die Freiheit des Redakteurs relativ eingeschränkt. Noch enger muss man sich bei einer Meldung an die Regeln einer Nachricht halten, da sie die Länge von 25 Zeitungszeilen nicht überschreitet. Wer mehr Platz benötigt, verfasst einen Bericht. Das ist der anspruchsvollere Bruder einer Nachricht, der »größer und
12 Die Welt 183, S. 1
13 SZ 190, S. 1
14 Schulze 2001, S. 200
15 Schneider 2003, S. 106
16 Mast 1998, S. 229
7
ein wenig reifer 17 ist. Die Grenzen zwischen Nachricht und Bericht sind jedoch nicht klar
definiert. Manche Begriffe existieren in einer Redaktion gar nicht, in der anderen werden sie
inhaltlich klar voneinander abgegrenzt oder sie unterscheiden sich in ihrer Benutzung von
Redaktion zu Redaktion. Hier ein Beispiel für die Auffassungen bei dem Begriff Meldung
nach Schneider 18 :
1. Kurzmeldung (im Unterschied zum Ein- oder Zweispalter)
2. einspaltige Nachricht (im Unterschied zum mehrspaltigen Bericht)
3. nüchterne Nachricht (im Unterschied zur lebhaften Reportage oder Feature)
Auch der Begriff Bericht wird ähnlich vielfältig behandelt und doch gibt es in den
Auffassungen Gemeinsamkeiten. Diese Ähnlichkeiten zusammenzustellen soll mein nächstes
Anliegen sein.
3.2. Der Bericht:
Da der Bericht, wie La Roche festgehalten hat, mit der Nachricht verwandt ist, muss es
zwischen den beiden Textsorten folglich auch Gemeinsamkeiten geben und so taucht der
Begriff Nachricht auch direkt in der Definition von Schulze auf. Der Bericht ist demnach
eine :
Journalistische Mitteilungsform (Textsorte), die über die knappe Nachricht hinaus
detaillierte Informationen und gegebenenfalls auch kommentierende Elemente enthält
Er kann also mehr Informationen liefern als die Nachricht. Doch worin besteht dieses
mehr ?
Beim Berichten dürfe zum Beispiel, so Mast 19 das Thema ausführlicher behandelt werden.
Weiterhin können Zusammenhänge, Hintergründe, Vorgeschichte und Konsequenzen darin
ihren Niederschlag finden.
Einordnen kann man den Bericht zwischen der Reportage und der Nachricht, da er Elemente
aus beiden Gattungen vereint. So beantwortet er sämtliche W-Fragen, bietet eine präzise und
m öglichst knappe Darstellung des Geschehenen. Der Leser wird informiert. Aber auch wenn
17 La Roche 1999, 129
18 Schneider 2003, 66
19 Mast 1998, 233
8
Arbeit zitieren:
Alexander Willrich, 2007, Darstellungsformen in Tageszeitungen, München, GRIN Verlag GmbH
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