1. Einleitung 3
2. Die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt für benachteiligte Jugendliche 5
3. Erwerbsarbeit für benachteiligte Jugendliche? 10
2.1. Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) 13
2.2. Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen (BvB) 13
2.3. Betriebliche Berufsausbildung mit ausbildungsbegleitenden Hilfen (abH) 15
2.4. Berufsausbildung in einer außerbetriebliche Einrichtung (BaE) 16
2.5. Übergangshilfen (Übh) 18
2.6. Ausblick 19
3. Realitätsnahe Schule 21
3.1. Netzwerke fördern 22
3.1.1. Alltagsbegleitung 22
3.1.2. Freizeit und soziale Orte 23
3.1.3. Partnerschaft 25
3.2. Leben auf finanziell ungesicherter Basis 26
3.3. Bewerbung, Ausbildung, Arbeit, Erwerbslosigkeit 27
3.4. Selbständiges Wohnen alternative Wohnformen 30
4. Schlussbetrachtung 33
5. Literaturverzeichnis 35
2
»Über die Aufnahme an Berliner Gymnasien soll künftig nicht die Leistung, sondern die Herkunft entscheiden. So plant es die Fraktion der Linken im Abgeordnetenhaus. Einige Schulen sollen demnach gezwungen werden, Kinder aus sozial schwachen Familien aufzunehmen. Eine Idee, die nicht allen gefällt. Kinder, deren Eltern Hartz-IV-Leistungen oder Wohngeld beziehen, sollen künftig bevorzugt auf Berliner Gymnasien kommen. Eine Sozialquote soll die Oberschulen
1 verpflichten, Schüler aus armen Familien aufzunehmen.«
Mit diesen Worten umschreibt Welt Online das Vorhaben der Linken im Berliner Abgeordnetenhaus. In der Literatur ist man sich darüber einig, dass Schüler aus sozial schwachen Elternhäusern auf dem Arbeitsmarkt schlechtere Chancen haben, als Schüler, die aus der sozialen Mittel- bzw. Oberschicht stammen 2 , da »Kinder aus sozial schwächeren Schichten […] geringere Zugangschancen zu höheren Bildungsgruppen« haben. 3 Klafki spricht von einer »schichtspezifische[n] Ungleichheit der Bildungschancen und damit weitgehend auch der Berufs- und Sozialchancen« 4 .
Um diesen ›angeborenen‹ Nachteil auszugleichen, fordert die Linke eine ›Armenquote‹ an Berliner Gymnasien, um einigen Schülern die Möglichkeit zu eröffnen, sich mit dem Abitur aus ihrer sozialen Schicht zu ›befreien‹.
Ob dieser Ansatz die Lösung dafür sein kann, dass auch sozial benachteiligte Jugendliche wieder in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden, soll hier nicht diskutiert werden. Doch dieses aktuelle Thema zeigt, dass die Politik sich langsam mit der Problematik der ›zertifikatslosen‹ Schulabgänger auseinandersetzt und sie den Versuch unternimmt das Schulwesen neu zu strukturieren. Die Planungen für das Berliner Schulsystem mit der Abschaffung von Haupt-, Real- und Gesamtschulen zu einer Sekundarschule, die das Abitur ermöglicht sowie die Gemeinschaftsschulen, »in denen Klassen für die gesamte Schulzeit zusammenbleiben, also von der ersten bis zur zehnten Klasse« 5 sind daher äußerst begrüßenswerte Ansätze. Vor allem, weil dadurch die Marginalisierung auf dem Arbeitsmarkt durch den Stempel ›Hauptschulabschluss‹ oder ›Schulpflichterfüllung‹ entfällt und es vielleicht ein erster Weg ist, diese Schulformen gegenüber den Gymnasien und Realschulen wieder ein wenig aufzuwerten. Wünschenswert wäre es natürlich, wenn man in dieses neue Konzept auch die Förderschule einbände, um deren Abgängern nicht das Stigma ›zertifikatslos‹ aufzubürden. Vor allem weil es das Ziel dieser Reform ist, »jedem Schüler den bestmöglichen Abschluss zu eröffnen« 6
1 Haas 2009, Welt Online
2 Vgl. Solga 2005, Burgert 2001, Hiller 1997
3 Solga 2005, S. 138
4 Klafki 1996, S. 224
5 Trenkamp 2009, Spiegel Online
6 Ebd.
3
In der vorliegenden Arbeit soll es um den Übergang in die Erwerbsarbeit bei benachteiligten Jugendlichen gehen. Der Bereich der benachteiligten Jugendlichen umfasst für mich Hauptschüler teilweise mit, aber vor allem diejenigen ohne Hauptschulabschluss und natürlich Förderschüler, besonders der Schulen für Lernförderung und Erziehungshilfe.
Im ersten Teil der Arbeit möchte ich mich mit der derzeitigen Situation benachteiligter Jugendlicher auf dem Arbeitsmarkt beschäftigen und erörtern, warum sich der Weg in die Erwerbsarbeit für dieses Klientel so schwierig darstellt, welche Entwicklungen sich in Deutschland diesbezüglich vollzogen haben und warum es für benachteiligte Jugendliche so schwer ist, einen Anschluss an den Arbeitsmarkt zu finden.
Im zweiten Teil soll es mir darum gehen, welche Möglichkeiten Förder- und Hauptschüler haben, um eine Ausbildung zu erhalten und welche gesetzlichen Grundlagen ihnen Helfen einen Platz auf dem Ausbildungsmarkt zu bekommen. Außerdem soll es darum gehen diese Vorbereitungsmaßnahmen kritisch zu beleuchten und zu prüfen, inwiefern ihnen diese für ihren weiteren Weg tatsächlich dienlich sein können.
Der dritte und umfänglichste Teil konzentriert sich auf die Pflicht, in der die Schule bei der Vorbereitung auf die Erwerbsarbeit steht. Es soll geklärt werden, welche Aufgaben die Schule hat, inwiefern sie dabei vorgehen kann und was sich - im Vergleich zu der jetzigen Situation - verändern muss. Auf mögliche Themengebiete soll dabei eingegangen werden, um diese nötigen Entwicklungen beispielhaft aufzuzeigen.
4
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Der Zugang zur Erwerbsarbeit wird über Abschlüsse ermöglicht. Diese Zertifikate sind Symbol für die individuelle Leistungsfähigkeit einzelner Personen. Benachteiligte Jugendliche besitzen allerdings nicht immer diese Abschlüsse und wenn sie welche besitzen, so sind es jene, die von Arbeitgebern oft als ungenügend empfunden werden.
»[…] fehlende Bildungszertifikate gelten als Indikator dafür, dass sie [die gering qualifizierten Personen, Anm. A.W.] geringere Bildungsanstrengungen unternommen haben und höhere Einarbeitungskosten verursachen als jene Personen, die die Bildungsinstitutionen erfolgreich durchlaufen haben. Aus diesem Grund bevorzugen
7 Arbeitgeber Zertifikatsträger«
Da in den meisten Branchen ein ausreichendes Angebot an höher qualifizierten Personen vorhanden ist, werden diese bevorzugt von Arbeitgebern ausgewählt. Dadurch kommt es zu einer Neuorganisation auf dem Arbeitsmarkt. Das heißt überqualifizierte Arbeitssuchende verdrängen die qualifizierten Arbeitssuchenden aus dem Bewerberfeld. Durch diese Verschiebung bei den Einstellungsverfahren werden viele gering qualifizierten Bewerber in die Arbeitslosigkeit gedrängt. Das bedeutet aber auch, dass höher ausgebildete Zertifikatsträger einfachere Arbeiten annehmen müssen, entsprechend dem Bild des taxifahrenden Philosophieabsolventen.
Doch es ist nicht nur so, dass die höher Qualifizierten die anderen Bewerber verdrängen, in dem Sinne, dass sich die Zertifikatsträger positiv von ihren Konkurrenten absetzen. Sondern die Personalchefs betreiben auch eine Negativselektion, durch die alle ›Versager‹ und ›Unwilligen‹ 8 aussortiert werden. Nach dieser Diskreditierungsthese 9 sinkt die Erwartung an gering qualifizierte Personen hinsichtlich der zu erwartenden Leistungsfähigkeit. Personalchefs sind nicht nur daran interessiert, »die besten Bewerber einzustellen. Sie versuchen auch zu vermeiden, von ihnen als unfähig eingeschätzte Personen einzustellen« 10 .
Ein anderer Grund für die negative Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt für Benachteiligte ergibt sich durch den Wandel von einer Industrie- in eine Dienstleistungsgesellschaft; vom Arbeiter hin zum Angestellten.
»Auf dem Arbeitsmarkt gehen in den Städten die Erwerbsmöglichkeiten für unqualifizierte Arbeiter verloren, weil Industriearbeitsplätze in großer Zahl abgebaut wurden; der wachsende Dienstleistungsbereich nimmt nicht genug bzw. nicht die
11 auf, die infolge der Deindustrialisierung arbeitslos geworden sind.«
7 Solga 2005, S. 103
8 Solga 2005, S. 110
9 Vgl. Solga, S. 108 ff.
10 Solga, S. 110 11 Häußermann 2000, S. 14
5
Das bedeutet, dass einfache Arbeiten am Fließband und in Fabrikhallen verschwanden, die früher so reichlich vorhanden waren und gering Qualifizierten ein sicheres Einkommen ermöglichten. Heute, in der Dienstleitungsgesellschaft, sind andere Qualitäten als handwerkliches Geschick von Nöten. Höhere Kenntnisse in Schrift und Sprache werden erwartet und gewisse soziale Kompetenzen wie Teamfähigkeit vorausgesetzt, die in einer Fabrikhalle nur eine sekundäre Rolle spielen. Doch neben der Entwicklung hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft sanken auch die Gehälter vieler Arbeiter, während die Einkommen in modernen Bereichen wie Marketing, EDV, Kommunikationsdiensten und Werbung stiegen 12 . »Wir haben es also mit einer Spreizung der Einkommensverteilung und
- weil die mittleren Segmente quantitativ an Bedeutung verlieren - mit einer Polarisierung der Einkommensstruktur zu tun.« 13
Doch wer sind diese ›Verlierer‹ auf dem Arbeitsmarkt? Nach Rützel 14 kann man durch folgende Merkmale als benachteiligt gelten:
• soziale Herkunft • Religion
• (schulische) Vorbildung • Generationszugehörigkeit
• Geschlecht • Nationalität
Zum hauptsächlichen Ausschlusskriterium wird aber das Nichterreichen eines mittleren Bildungsabschlusses. Das bedeutet, dass die Abgänger der ›Restschulen‹, also der Förder-und Hauptschulen, auf dem Arbeitsmarkt durch das Schulsystem benachteiligt werden. Der Realschulabschluss bildet die Grundlage auf dem Ausbildungsmarkt, wenn man einen Beruf erlernen möchte, der den eigenen Wünschen entspricht. Insgesamt ließ sich in den letzten Jahren eine Verschiebung zwischen Abschluss und erlerntem Beruf in Deutschland erkennen. Viele Abiturienten bewerben sich nach ihrer Schullaufbahn auf eine Lehrstelle, weil sie befürchten den Anforderungen auf einer Hochschule nicht gewachsen zu sein. Die höher qualifizierten Abiturienten bewegen sich demzufolge in dem Kampf um Ausbildungsplätze allerdings auf dem Territorium der Real-, Haupt- und Förderschüler. Die Personalchefs bevorzugen aus ökonomischen und oben bereits genannten Gründen jedoch oftmals die Abgänger der Gymnasien, wodurch ein Missverhältnis auf dem Lehrstellenmarkt entstanden ist, durch das sich auch Realschüler manchmal mit den ›einfachen‹ Berufen wie Maler oder Maurer zufrieden geben müssen, wenn ihr Abschluss lediglich befriedigend oder schlechter ausfällt. Verstärkt wird dieses Problem dadurch, dass die Orientierung auf immer höhere Bildungsabschlüsse abzielt (Vgl. Abbildung 1 und 2). Die Realschüler, die dazu in der Lage sind, holen ihr Abitur oder die Fachhochschulreife nach um auf dem Arbeitsmarkt mit
12 Vgl. Häußermann 2000, S. 15
13 Ebd.
14 Rützel zit. n. Burgert 2001, S. 20
6
anderen konkurrieren zu könn nen. Diejenigen Eltern, die auch nur die klei Kind auf dem Gymnasium seh hen, werden nicht davor zurück scheuen, es s ›zumindest einmal probeweise‹ auf ein Gymnasiu um zu schicken. Durch diese zunehmende ›Au usschüttung‹ von Realschülern und Abiturien ten im Vergleich zu früheren Jahrzehnten, wird di e Bedeutung der Haupt- und Förderschule a als ›Verwahranstalt mer größer. für die sozial Schwachen‹ imm
Abb. 1.1: Schulentlassene aus allge mein bildenden Schulen nach Abschlussart, Westdeut tschland, 1965 bis 1998 (in Prozent)
Quelle: Solga 2005, S. 178.
Quelle: Solga 2005, S. 179.
Dass Kinder aus statushö öheren Schichten, wahrscheinlich auch die statushöheren Abschlüsse erreichen, wurde bereits festgestellt. Ebenso, dass sie aufgru und dieser höheren Abschlüsse auch die status shöheren Berufe ausüben können. Doch angenommen ein Schüler aus einer sozial ben nachteiligten Familie erlangt den Realschula abschluss oder gar
7
Arbeit zitieren:
Alexander Willrich, 2009, Übergänge in die Erwerbsarbeit für benachteiligte Jugendliche, München, GRIN Verlag GmbH
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