Seite 2 von 8 Einleitung
Am Ende des Mittelalters galt die römische Kirche vielen Zeitgenossen als reformbedürftig. Es schien der kirchliche Materialismus, unvereinbar mit dem göttlichen Gebot. Martin Luther zweifelte an, dass die göttliche Gnade mit irdischen Gütern erkauft werden könnte. So schlug er seine Fundamentalkritik an den jahrhundertealten Kirchentraditionen, in Form von 95 Thesen, am 31.10.1517 an die Schlosskirche zu Wittenberg und entfachte einen Jahrzehnte andauernden Glaubenskrieg. Doch war dieser Krieg nicht nur von kämpferischen Auseinandersetzungen auf dem Schlachtfeld, sondern ebenso von publizistischen und propagandistischen Flugschriftenkämpfen gekennzeichnet.
Welche Rolle also haben die Medien bei der „konfessionellen Revolte“ gespielt? In welchem Verhältnis standen die damaligen Medien zueinander und warum konnten sich die Protestanten gegenüber dem etablierten Machtapparat des Papstes und der römischen Kirche durchsetzen? Im Folgenden widme ich mich diesen zentralen Fragestellungen und werde die wichtigsten Publikationsformen und Gattungen der Glaubenspropa-ganda der Reformationszeit gesondert vorstellen.
Johannes Gutenberg (1397-1468) gilt als Erfinder der Buchdruckerkunst mit beweglichen, auswechselbaren Lettern. Die Etablierung dieses Letterndrucks Mitte des 15. Jh. bildet einen bedeutenden kulturhistorischen Einschnitt. Der Buchdruck ermöglichte die exakte Reproduktion von Wissen in einem nie zuvor gewesenen Ausmaß. Das Wissen wurde allgemein zugänglicher, da gedruckte Bücher preiswerter als die handschriftlich kopierten waren. Schrieben die Autoren im Mittelalter noch weitestgehend anonym, wuchs nun ihre Bedeutung. Es wurde wichtig, wer etwas gesagt bzw. geschrieben hatte und wann dieses zu datieren war. Eine allgemeine Alphabetisierung begann und leitete eine Bildungsrevolution ein. Doch vollzog sich die Wende in der Mediengeschichte (von der oralen zur literalen Kultur) nicht bereits durch Gutenberg, sondern erst mit und durch Martin Luther (1483-1546), der als erster mit dem massenhaften Einsatz des gedruckten Wortes begann und den Buchdruck erstmals gezielt für agitatorische Zwecke einzusetzen wusste.
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Seine Flugschrift „An den christlichen Adel deutscher Nation“ erschien beispielsweise in einer Auflage von 4.000 Exemplaren, die nach wenigen Tagen vergriffen waren. „Sermon von Ablass und Gnade“, die erste gedruckte Schrift in deutscher Sprache, erschien in den Jahren 1518-1520 in 22 Auflagen. 1 Der so genannte „Flugschriftenkrieg“ (1520-25) nahm damit seinen Anfang, denn nach Luthers Vorbild folgten Philipp Melanchton, Heinrich Kettenbach, Ulrich von Hutten und Thomas Müntzer. Der Buchdruck, besonders in Form von Flugschrift und Flugblatt, verhalf demnach der Reformation zum Durchbruch.
Als Schlüsselmerkmal für die Geschichte der Medien zwischen 1400 bis 1700, gilt aber der Umschwung von der Dominanz der sakralen Menschmedien (Priester, Redner, Prediger), hin zu den neuen Druckmedien (Buch, Flugschrift, Brief). Wenn man es noch schärfer fassen will, könnte man sagen, dass ein gesellschaftlicher Wandel durch die Medien nicht nur unterstützt, sondern erst dadurch erzeugt wurde. Demgemäß hat sich die Reformation durchgesetzt, weil sie sich der neuen Druckmedien bediente, während die Kirche weiterhin auf ihre traditionellen Menschmedien vertraute.
Eines der bekanntesten Druckmedien der Reformationszeit war die Flugschrift. Sie gilt seit Hans Joachim Köhler (1976) als ein eigenständiges Kommunikationsmedium. Zuvor wurde sie oft mit dem Flugblatt unter der Bezeichnung „Pamphlet“ zusammengefasst oder galt als Form des Mediums Buch. Heute versteht man die Flugschrift als eine nicht regelmäßig erscheinende Druckschrift, die aus mehreren Blättern besteht, meist un-gebunden ist, nur Text enthält, sich als Mittel der Massenkommunikation an die gesamte Öffentlichkeit richtet und offen agitiert oder beeinflussen will. Bei der Flugschrift handelt es sich bezogen auf den Umfang, um eine Zwischenform der seit Jahrhunderten ausgebildeten Medien Blatt und Buch. Die Gestalt der Publikationsform Heft war entstanden, das uns bis heute in Form von Gebrauchsanweisungen, Romanheftchen oder Broschüren erhalten geblieben ist. In der deutschen Sprache erschien im 18. Jahrhundert zunächst der Begriff "fliegende Schrift", der sich wohl auf den
1 Faulstich, Werner (1998): Medien zwischen Herrschaft und Revolte, Die Geschichte der Medien
(Bd. 3), Göttingen.
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losen, nicht gehefteten Zustand bezieht. Gleichzeitig illustrierte diese Metapher aber auch die Reichweite und Beweglichkeit dieser Publikati-onsform. Ab Ende des 18. Jahrhunderts ist der Begriff "Flugschrift" nachweisbar. 2
Die Flugschrift hatte gleichzeitig die Funktion eines Printspeichermediums und eines offenen Briefes inne d. h. sie stellte inhaltlich eine Mischung aus einer objektiven Zustandsbeschreibung und einer appellativen Belehrung dar. Bis zu 98 % der Flugschriften beschäftigten sich primär mit den Themen Theologie und Kirche (Köhler, 1986). Eine Flugschrift ohne Bibelzitate war kaum denkbar.
Da man mit den theologischen Flugschriften das Volk erreichen wollte, begann man auch damit, die Flugschriften in der Volkssprache Deutsch zu verfassen. Die meist gebrauchten stilistischen Mittel einer Flugschrift waren die Wiederholung, die Aufzählung, die logische Aufreihung der Argumente, die Angabe leicht verständlicher Beispiele und das bewusst volkstümliche Schreiben. Der Stil war lebendig, er glich einer Predigt oder eine Rede.
Eines der bekanntesten Flugschriften der Epoche der Reformation, ist Luthers Traktat „von der Freyheyt eyniß Christen menschen“. In diesem gelungenen Bespiel der Traktat-Literatur, die ein einzelnes Thema zu einem bestimmten Zweck behandelt und sich durch Überschaubarkeit, Klarheit, Verständlichkeit und eine strikte Durchführung des Themas auszeichnet, entwirft Luther sein Konzept „des gläubigen Christen, der nicht Erlösung in der `Werkgerechtigkeit` suchen soll, sondern im direkten Kontakt mit Gott sein Heil finde.“ 3 Indem er sich hierbei an die punktmäßige Aufteilung eines traditionellen Preditschemas hält, erläutert und wiederholt, gelingt es ihm, revolutionäre theologische Gedankengänge, in einer allgemein verständlichen Form darzustellen.
Luther erreicht mit dieser theologischen Flugschrift das Volk, er teilt ihm neue Erkenntnisse mit und stellt sie erstmals öffentlich vor. Eben dieser Neuschöpfungscharakter der Flugschrift, unterscheidet sie in ihrem Ausgangspunkt von einem Flugblatt.
2 http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/washeisst/flugblatt.htm
3 Die deutsche Literatur. Ein Abriß in Text und Darstellung, Band 3: Renaissance, Humanismus,
Reformation. Hrsg.: Schmidt, Josef., Stuttgart, Reclam, 1978.
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Sarah Böhme, 2008, Publikationsformen und Gattungen der Glaubenspropaganda in der Reformationszeit, München, GRIN Verlag GmbH
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Möglichkeiten und Grenzen des Totalitarismus-Modells für den Vergleich...
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