In der vorliegenden Arbeit soll ein Abriss der Erkenntnisse über den Stand bezüglich Suizid und Suizidprävention im Allgemeinen, aber vorwiegend in den österreichischen Justizanstalten, gegeben werden. Es soll mittels Beleuchtung von speziellen soziologischen, psychologischen und medizinischen Erklärungsmodellen in einem umfassenderen Sinn theoretische Grundlagen und relevantes Hintergrundwissen zur Genese von Suizidalität gegeben werden. Ein weiteres Ziel ist die theoretische Darstellung einzelner Theorien zur Dynamik des Lebens in Justizanstalten, um ein besseres Verständnis der Problematik zu ermöglichen. Durch den Einblick in Daten und Fakten soll die Relevanz dieses Themas verdeutlicht werden und die Dringlichkeit der Erarbeitung geeigneter Maßnahmen aufgezeigt werden. Anhand von einer umfangreichen Literaturrecherche und Interviews mit Experten wurden die relevanten Resultate erhoben. Das Forschungsinteresse lag darin, zu ermitteln, inwiefern der Soziale Dienst der österreichischen Justizanstalten in Suizidprävention eingebunden ist, welche Maßnahmen zur Anwendung kommen und was die Sozialarbeit auf diesem Gebiet zu leisten im Stande ist.
Die Conclusio der durchgeführten Recherchen und Erhebungen ergab, dass durch die hohe Prävalenz der psychischen Erkrankungen in österreichischen Haftanstalten einerseits durch den Überbelag andererseits sowie durch die extreme Kumulierung an Stressfaktoren, die eine Haft darstellt, die Suizidzahlen kontinuierlich im Steigen sind. Es ist von höchster Dringlichkeit, sich dessen bewusst zu werden, dass die Population unserer Gefängnisse eine klassische Risikogruppe für Suizide darstellt und es unumgänglich ist, sich intensiv mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. Solchartige Maßnahmen stellen nicht nur die sozialarbeiterische, psychologische oder medizinische Versorgung dar, sondern vor allem Maßnahmen, die der Isolierung entgegenwirken, Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten für InsassInnen schaffen und natürlich auch Überbelag entgegenwirken, dar. Es galt, den aktuellen Istzustand dem Sollzustand gegenüberzustellen und daraus Anstöße für mögliche Innovationen abzuleiten.
The aim of this study was to reflect the state of knowledge concerning suicide and suicide prevention, in general as well as in Austrian penitentiaries. Its intention is to impart fundamentals and relevant background knowledge by using special medical, sociological and psychological explanatory models. Another ambition is to establish an understanding of this complex problem. To achieve this, several theories of the dynamic of life in penitentiaries are part of this study. It is indispensable to provide an insight into data and facts in order to point out the necessity of elaborating preventive measures.
On the basis of personal research and interviews all the relevant results had been gathered in this thesis. The main question was: In which way are social services involved in suicide prevention and which action is usually taken. The conclusion of this research is that suicide, especially in Austria’s penitentiaries, is a typical result of overcrowding and the comparatively high density of mental disorder. The number of committed suicides is increasing, caused by stress and a mixture of both factors named above.
It is very important to become aware of this issue and learn how to deal with this subject. Not only medical care, psychological and sociological support needs to be ensured and enhanced but measures to prevent isolation, offer education and engagement and to avoid overcrowding in general. The further intention was to compare the present situation with the target state and to deduce possible improvements.
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1. . E Ei in nl le ei it tu un ng g 1
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Frage, welche Gesichtspunkte des Strafvollzuges suizidfördernd wirken können und welche Möglichkeiten innerhalb der gesetzlichen und strukturellen Rahmenbedingungen zur Verfügung stehen, suizidverhütende Maßnahmen zu setzen. Es wird auf Vorkehrungen und Techniken, die im allgemeinen Bereich ihre Anwendung finden, sowie auf jene, die speziell für den Justizvollzug erarbeitet wurden, eingegangen und deren Wirkungsweise und Effizienz beleuchtet.
Nur wenigen ist bekannt, dass die Zahl der Suizide die der Verkehrstoten übersteigt. Darüber wird auch nicht in den Medien berichtet, was sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich bringt. Einerseits hat die Einschränkung der Berichterstattung eine eindeutig präventive Wirkung, worauf im Kapitel 3.1. näher eingegangen wird, andererseits wird das Ausmaß der Problematik der Normalbevölkerung dadurch auch nicht zugänglich gemacht. Zahlen, Problemkonstellationen und ähnliches blieben oft nur Interessierten vorbehalten. Noch zäher ist der Informationsfluss über die Suizidzahlen in Anstalten. Auch über Psychiatrie, Haftanstalten und Vergleichbares sind dem Normalbürger praktisch kaum Zahlen und Fakten bekannt. Dies bedeutet nicht, dass zu diesem Thema nicht geforscht wird. Wissenschaftlich stellt der Suizid seit sehr langer Zeit ein zentrales Forschungsgebiet dar. Allerdings befassen sich die ForscherInnen mit dem Suizid des Normalbürgers. Nur wenige richteten ihr Augenmerk auf die Randgruppe der StraftäterInnen. Erst in den letzten zwanzig Jahren begann man sich auch für diese Gruppe zu interessieren und auf diesem Gebiet Untersuchungen durchzuführen.
Zahlreiche internationale Studien belegen, dass Selbsttötungen die häufigste Todesursache in Haftanstalten darstellt. InsassInnen haben ein bis zu zwölfmal erhöhtes Risiko im Vergleich zur Normalbevölkerung.
In dieser Arbeit soll der Problematik des Suizidgeschehens in Strafanstalten nachgegangen und die Relevanz der Sozialarbeit als suizidpräventive Maßnahme geklärt werden. Sie beleuchtet primär die Situation von männlichen Inhaftierten, wobei viele Übereinstimmungen bei der weiblichen Häftlingspopulation zu verzeichnen sind. Durch den Einblick in Zahlen und Fakten wird versucht, den Suizid als Forschungsgebiet ins Blickfeld zu rücken. Als Hauptreferenzen dienten hier die Erkenntnisse aus jahrelanger Arbeit in diesem Feld und Forschungsergebnisse von Dr. Wolfgang Gratz, der auf eine
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jahrelange Tätigkeit in der Justiz zurückblickt. Dr. Patrick Frottier, ärztlicher Leiter der Justizanstalt Mittersteig, Autor zahlreicher Publikationen zum Thema Suizidalität in Haft, aber natürlich auch Univ.-Prof. Dr. Gernot Sonneck und Univ.-Prof. Dr. Erwin Ringel, die beide als Pioniere auf diesem Gebiet angesehen werden.
• Aufbau und Einteilung der Arbeit
Im zweiten Kapitel werden die grundlegenden Begriffe zum Thema Suizid geklärt und anhand von Fachliteratur die Suizidhandlung geschichtlich und sprachlich diskutiert. Das dritte Kapitel befasst sich auf der Basis eines breiten Spektrums an Fachliteratur mit den Bereichen der Krise, deren Ursachen, Dynamiken und Folgen, und gibt Einblick in die theoretischen Erklärungsmodelle für Suizidalität.
Die Situation in Österreich ist das Thema des vierten Kapitels. Hier wird auch die Suizidrate der Normalbevölkerung, der der österreichischen Häftlingspopulation gegenübergestellt.
Die Kapiteln fünf bis sieben befassen sich mit dem Justizvollzug in Österreich. Es wird auf die Geschichte, den gesetzlichen Basisrahmen, sowie Formen und Strukturen der Haft eingegangen.
Die psychischen und sozialen aber auch strukturellen Folgen von Freiheitsstrafen sind die Thematik der zwei nachfolgenden Kapitel. Als Untermauerung dienen Werke, wie das Buch „Asyle- Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen“ von Erving Goffmann. Des Weiteren wird versucht, einen Einblick in die Aufgabenbereiche der einzelnen in der Justiz tätigen Fachdienste zu geben. Im zehnten und elften Kapitel werden die einzelnen erforschten Präventionsmaßnahmen näher beleuchtet und mittels einer Gegenüberstellung der Ist- und Sollsituation auf Verbesserungsbedarf eingegangen.
• Fragestellung und Hypothesen
In dieser Arbeit soll der Problematik des Suizidgeschehens in Strafanstalten nachgegangen und die Relevanz der Sozialarbeit als suizidpräventive Maßnahme geklärt werden. Hierbei soll auf die Faktoren, die suizidales Handeln in Haftanstalten verstärken, und den Möglichkeiten, die dem Sozialen Dienst zur Verfügung stehen, um diesen entgegenzuwirken, besondere Beachtung geschenkt werden.
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Basierend darauf lautet die zentrale Forschungsfrage: Wie sieht die Dynamik um den Suizid in Haftanstalten aus und was können die MitarbeiterInnen des Sozialen Dienstes in der anstaltsinternen Suizidprävention leisten?
Durch die Beleuchtung zahlreicher Publikationen und namhafter Untersuchungen soll auf die Frage eingegangen werden, ob die erhöhten Suizidzahlen in Haftanstalten durch die strukturellen Bedingungen der Haft gefördert werden, oder diese eher auf psychosoziale Dispositionen der Häftlingspopulation zurückzuführen sind. Die Hypothese, dass die strukturellen Bedingungen in österreichischen Haftanstalten die erhöhten Suizidzahlen bedingen, soll mittels Literaturrecherche und der Durchführung von ExpertInneninterviews untersucht werden.
• Methodenwahl
Diese Diplomarbeit ist grundsätzlich als Literaturarbeit angelegt. Um einen Bezug zur aktuellen Situation in den Haftanstalten herzustellen wurde eine Befragung von MitarbeiterInnen des Sozialen Dienstes geführt. Hierbei wurde besonderes Augenmerk auf die Herausarbeitung der suizidpräventiven Maßnahmen in Justizanstalten und der Position der SozialarbeiterInnen auf diesem Bereich gelegt.
Basierend auf der Analyse der ausgewählten Literatur soll der/dem LeserIn zu Beginn der Arbeit ein Basiswissen zum Thema Suizid und folglich auch dem Leben in Justizanstalten vermittelt werden. Die Hauptreferenzen hierfür waren die Forschungsergebnisse und Bücher von Univ.-Prof. Dr. Gernot Sonneck und Univ.-Prof. Dr. Erwin Ringel, deren Beiträge auf dem Gebiet der Suizidforschung im deutschsprachigen Raum, aber auch international, von größter Bedeutung sind.
Das Hauptaugenmerk im Bereich der Justiz wurde auf die Werke und zahlreichen Publikationen von Dr. Wolfgang Gratz gelegt. Er ist seit 1974 im Strafvollzug tätig und stellt auf Grund seiner Berufserfahrung und jahrelangen Forschung eine Kapazität auf seinem Gebiet dar.
Es wurden drei MitarbeiterInnen des Sozialen Dienstes im Strafvollzug mittels eines Leitfadeninterviews befragt. Die Ergebnisse wurden mit Gedankenprotokollen festgehalten, da es aus justizinternen Gründen nicht möglich war, die Interviews aufzuzeichnen.
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2. . B Be eg gr ri if ff fs sd di is sk ku us ss si io on n 2
Im nachfolgenden Kapitel werden die wesentlichen Begriffe im Zusammenhang mit Suizid und Krise erläutert. Dies ist als inhaltliche Einführung gedacht. Eine vollständige Übersicht der Publikationen zu diesen Themen würde aufgrund ihrer enormen Zahl den Rahmen der Arbeit bei weitem sprengen.
2. .1 1. . D De er r S Su ui iz zi id d 2
Der Begriff Suizid ist aus den lateinischen Wörtern sui cadere (sich töten) oder sui cidium (Selbsttötung) zusammengesetzt und stellt die heute wertfreie wissenschaftlichen Terminus für die Handlung, mit der eine Person durch eigene Hand seinem Leben eine Ende setzt, dar.
Laut medizinischem Wörterbuch wird als Suizid der „Selbstmord, der Freitod; die absichtliche Selbsttötung, eine Handlung mit tödlichem Ausgang, die als Reaktion auf eine Lebenskrise, Identitätskrise oder Ausdruck einer Autoaggression verstanden werden kann;….“ 2 bezeichnet.
1 Zitat in „Dichtung und Wahrheit“, zit. in (Oldenburg, et al., 2008)
2 Vgl. (Pschyrembel, 1994 S. 1488)
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2. . 1. .1 1. . W Wö ör rt te er r u un nd d d de er re en n W Wi ir rk ku un ng g 2
Die Motivation einer solchen Auseinandersetzung besteht darin, zu beleuchten, was die einzelnen Bezeichnungen einer suizidalen Handlung implizieren. Auch die Einstellungen der einzelnen Glaubensrichtungen werden kurz beleuchtet, da auch diese eine Bedeutung haben. Ein Suizid betrifft nicht nur eine einzelne Person, sondern auch dessen Umwelt; Hier sind vor allem die Hinterbliebenen gemeint. Für den Suizidenten selbst ist es im Gegensatz zu seiner Umwelt nicht mehr von Bedeutung, als was man seine Tat ansieht. Die Hinterbliebenen haben mit Scham und daraus folgender Verleugnung der Tat oder eventuell zusätzlichen Belastungen zu kämpfen. Man möchte die/den Verstorbene/n, denn nichts anderes als das ist sie/er, liebevoll in Erinnerung behalten und nicht als „Mörder“, „Sünder“ oder „Verdammter“ gebrandmarkt sehen.
De er r S Se el lb bs st tm mo or rd d D
„Wenn ein Mensch Hand an sich gelegt hat, wird gesagt: Er habe »sich das Leben genommen«, oder (seltener) er habe »sich getötet«. Es kommt wohl kaum jemandem in den Sinn zu sagen, diese Person habe sich »ermordet«. Und doch wird immer und immer wieder von Selbstmord und Selbstmördern gesprochen (…) In der Tat hat Selbsttötung kaum etwas mit Mord zu tun. Mord ist die hinterhältige Tötung eines anderen aus niederen Motiven und zum persönlichen Nutzen im Hier und Jetzt (…) Es ist nicht nur kaum denkbar, sondern schlichtweg unmöglich, dass sich jemand hinterlistig, aus besonders verwerflichen Beweggründen (niedrigere Motive, Rachsucht, krasse Selbstsucht, ungehemmte triebhafte Eigensucht) und zum persönlichen Profit in diesem Leben umbringt. Beim Suizid sind Opfer und Täter vielmehr ein und dieselbe Person“ 3 Die Selbsttötung ist geschichtlich und religiös eine sehr umstrittene Handlung. Zwar gibt es in der Bibel, im Gegensatz zum Koran und dem Talmud, kein dezidiertes Verbot der Selbsttötung, dennoch wurde der Suizid durch das Konzil von Arles im Jahre 452 als Verbrechen definiert und festgelegt, dass es sich hierbei nur um ein Werk des Teufels handeln könne. Einhundert Jahre später wurde veranlasst, dass Suizidenten eine kirchliche Bestattung versagt werden soll. Bei dem 1184 abgehaltenen Konzil von Nîmes ging die Kirche so weit, die Verdammung von SelbstmördernInnen zu einem Teil des kanonischen
3 (Aebischer-Crettol, 2000 S. 11f)
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Rechts zu machen. Da Religion und Recht lange Zeit sehr stark verwoben waren, fand die Verdammung der Selbsttötung auch Einzug in die gesetzlichen Bestimmungen. Frankreich war der Vorreiter der Verbannung dieser Gesetzespassagen aus ihren Gesetzesbüchern. Schon während der Revolution 1790 wurde die Selbsttötung aus der „Verbrechensliste“ genommen. In Österreich ist die Selbsttötung mit 1850 straffrei. Das Schlusslicht der europäischen Länder in dieser Entwicklung war 1961 England. 4
Die Bibel:
Im Gegensatz zu der uns geläufigen Meinung heißt es in der Bibel nicht „Du sollst nicht töten“, sondern „Morde nicht“. Demnach verbieten die zehn Gebote nicht das Töten explizit, sondern viel mehr das Morden. Im Laufe der Zeit wandelte sich das Mordverbot allerdings zum Tötungsverbot, wodurch die Selbsttötung zu einer verwerflichen und zu tiefst verurteilten Handlung wurde. „Erst im Gesetzbuch des katholischen Kirchenrechts (CIC) von 1983 wurde der Kanon gestrichen, der bis anhin den Suizid verurteilte und mit schweren kirchlichen Strafen belegte. Im Katechismus der Katholischen Kirche von 1992 wird zudem der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass auch jenen, die sich das Leben genommen haben, das ewige Heil zuteil werden kann, und es wird ihnen zugesichert, dass die Kirche für sie betet.“ 5
In der Bibel werden einige Suizide beschrieben und über keinen von ihnen wird missbilligend gesprochen, noch wird die Tat als moralisch verwerflich bezeichnet, ganz im Gegenteil, vielen lässt man Ruhm und Ehre zuteil werden. 6
Saul (Samuel 31,4 ff)
„Da sprach Saul zu seinem Waffenträger: Ziehe dein Schwert und durchbohre mich damit, dass nicht diese Unbeschnittenen kommen und mich durchbohren und mich misshandeln! Sein Waffenträger aber wollte nicht, denn er fürchtete sich sehr. Da nahm Saul das Schwert und stürzte sich darein. “ 7
4 Vgl. (Bronisch, 2002 S. 7ff)
5 (Aebischer-Crettol, 2000 S. 17)
6 Vgl. (Aebischer-Crettol, 2000 S. 17ff)
7 http://www.bibel-online.net/buch/09.1-samuel/31.html#31,4 [26.11.2008]
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„Angesichts einer unabwendbaren militärischen Niederlage tötet sich der erste gesalbte König Israels (…). Sauls Tod ist nicht unerwartet. Er kann als eine (unausweichliche?) Folge der Weissagung Samuels angesehen werden. Gemäß der biblischen Aussage hatte Gott seinen Geist von Saul genommen und ihm stattdessen einen »bösen Geist« geschickt, der ihn oft quälte. Der »böse Geist« äußerte sich in Form einer Schwermut oder Melancholie, die Saul befiel.“ 8
Aus den Schilderungen von Suiziden in der Bibel kann deutlich herausgelesen werden, dass es sich nicht um etwas Verwerfliches handelt, das bewirken würde, dass sich Gott von einem abwendet. Jesus zeigt im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15,11-32), dass sogar jenen, die sich bewusst vom Vater abwenden, verziehen wird und sie in Liebe wieder aufgenommen werden. 9 Aus diesen Überlegungen kann geschlossen werden, dass die in einigen Ländern sogar bis zum heutigen Tag vorherrschende Verdammung der SuizidentInnen durch die Kirche nicht auf Biblischem sondern auf Kirchlichem beruht. Natürlich ist es oberstes Gebot, dem Suizid eines Menschen entgegenzuwirken, sollte es jedoch nicht abwendbar gewesen sein, ist es bedeutsamer, den Hinterbliebenen Unterstützung zu bieten und nicht die schon sehr belastende Zeit durch Prophezeiungen von Verdammung, Sünde und Fegefeuer zu erschweren.
De er r F Fr re ei it to od d D
In literarischen Werken wird eine Selbsttötungshandlung oft als „Freitod“ bezeichnet, wodurch es zu einer Romantisierung der Tat kommt. Der Philosoph Améry, der sich 1978 in Salzburg suizidierte, schreibt in seinem Buch „ Hand an sich legen: Ein Diskurs über den Freitod.“, dass der Suizid als eine freie Willenserklärung des Menschen angesehen werden sollte. Begründet durch diese Vorannahme, verwendet er den Begriff „Freitod“. Améry beschäftigt sich unter anderem mit der Lebenslogik, der Todeslogik und der Unterscheidung zwischen natürlichem und unnatürlichem Tod. Der Freitod stellt seiner Meinung nach das Recht dar, über sein Leben selbst bestimmen zu dürfen, wodurch er in manchen Fällen vielleicht humaner wäre. Für Améry kommt der Suizid einem Akt der Befreiung aus einem Leben voller Angst gleich.
8 (Aebischer-Crettol, 2000 S. 18f)
9 (Aebischer-Crettol, 2000 S. 29)
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Der in einer Vielzahl der Literatur verwendete Begriff wird jedoch auch oft kritisiert. Für Thomas Haenel (1989) etwa ist dies eine ungeeignete Bezeichnung, da zu bezweifeln ist, dass die Menschen, die die Entscheidung treffen, ihrem Leben ein vorzeitiges Ende zu setzen, wirklich „frei“ handeln. Haenel schreibt: „die große Mehrheit aller Selbsttötungen wird in einer subjektiv hoffnungslos erscheinenden Situationen unternommen, in welcher der Suizid als einzig möglicher Ausweg gesehen wird. Der oder die Betreffende handelt weder ,freiʻ noch ,willigʻ.“ 10
Medizinisch gesehen kann man davon ausgehen, dass ein Mensch durch die Dynamik einer Krise und die ihn dadurch beherrschende Gedankenwelt so sehr in seiner Entscheidungsfähigkeit eingeschränkt ist, dass nicht von einer freiwilligen Entscheidung gesprochen werden kann.
Su ui iz zi id da al li it tä ät t S
Wissenschaftlich ist es mittlerweile anerkannt, dass es sich bei Suizidalität nicht um ein Krankheitsbild, sondern um einen Leidenszustand, der subjektiv als lebensgefährdend wahrgenommen wird, handelt. Dieser kann jedoch krankhafte Zustände auslösen. 11 Der Suizid wie auch der Suizidversuch, aber auch die bloßen Suizidphantasien und Gedanken, werden unter dem Begriff der Suizidalität zusammengefasst, was soviel bedeutet wie die Neigung, Selbstmord zu begehen. 12
„Suizidalität meint die Summe aller Denk- und Verhaltensweisen von Menschen, die in Gedanken, durch aktives Handeln oder passives Unterlassen, oder durch Handeln lassen den eigenen Tod anstreben bzw. als mögliches Ergebnis einer Handlung in Kauf nehmen.“ 13 „Suizidalität wird als komplexes Geschehen erfasst, wobei die eigene Person, Beziehungsgeflechte und die Einschätzung der Zukunft auf ihre Veränderbarkeit und auf das Erleben betrachtet werden. Dabei wird der Suizid nicht als Wahlmöglichkeit definiert,
10 Vgl. (Haenel, 1989 S. 4)
11 Vgl. Krauß et al., 2004 S23 zitiert in „Selbstmord, Freitod, Suizid: Definition des Themas und Bewertung durch die Wortwahl“ online unter: http://www.mal-sozial.de/selbstmord-freitod.html [21.11.2008]
12 Vgl. (Pschyrembel, 1994 S. 1488)
13 (Wolfersdorf, 2002 S. 97)
8
sondern als Ausdruck der vom Betroffenen durch die Notsituation erlebten Einengung, der keine andere Möglichkeit sieht, sein Problem zu lösen, als sich zu suizidieren.“ 14 Belegt durch zahlreiche Untersuchungen, kann man die potentielle Risikopopulation nach dem Maß der Suizidgefährdung wie folgt einteilen: 1. Alkohol-, Medikamenten- und Drogenabhängige, 2. Depressive, 3. Alte und Vereinsamte, 4. Personen mit Suizidankündigungen und 5. solche nach einem Suizidversuch. 15
Su ui iz zi id dv ve er rs su uc ch h S
Als Suizidversuch wird „der Selbsttötungsversuch ohne tödlichen Ausgang“ 16 bezeichnet. Der Suizidversuch kann, muss aber nicht den Suizid zum Ziel haben. Er kann auch als Appell an die Umwelt genutzt werden, „um Aufmerksamkeit, Zuwendung oder Hilfe zu bekommen“ 17 „Ob man den Suizid und den Suizidversuch getrennt oder zusammen betrachten muss, stellt die Suizidologie vor eine große Frage. Objektiv ist der Unterschied (…) immens. Bei einem Phänomen sterben Menschen, beim anderen überleben sie. Stengel vertrat allerdings die Meinung, dass beide Phänomene unbedingt gemeinsam zu betrachten seien, (…).“ 18 Auch Bronisch spricht in seinem Buch „Der Suizid“ diese Meinung an, da es sich bei einem Suizid um einen vollendeten und somit gelungenen Suizidversuch handelt. Somit haben beide Handlungen einen sehr ähnlichen Ursprung und können als dasselbe Phänomen angesehen werden. 19
14 Wolfersdorf, 1996b, S.92 zitiert in „Selbstmord, Freitod, Suizid: Definition des Themas und Bewertung durch die Wortwahl“ online unter: http://www.mal-sozial.de/selbstmord-freitod.html [21.11.2008]
15 Vgl. (Sonneck, 2000 S. 152)
16 Vgl. (Pschyrembel, 1994 S. 1488)
17 Vgl. Rachor 2002 S83zit. in (Oldenburg, et al., 2008 S. 13)
18 Vgl. Israel et al., 1992, S.161 in „Selbstmord, Freitod, Suizid: Definition des Themas und Bewertung durch die Wortwahl“ online unter: http://www.mal-sozial.de/selbstmord-freitod.html [21.11.2008]
19 Vgl. (Bronisch, 2002 S. 12)
9
Su ui iz zi id dr ra at te e S
Die Suizidrate beschreibt die Anzahl der Suizide auf 100.000 EinwohnerInnen. Die Rate nimmt mit dem Alter zu und liegt bei Männern höher als bei Frauen. 20 Rund drei Viertel der Suizide werden von Männern begangen. Es gibt oftmals starke regionale Unterschiede. Die südlichen Bundesländer weisen im österreichweiten Vergleich ein signifikant höheres Niveau auf. In der Bundeshauptstadt Wien und Umgebung ist die Selbstmordhäufigkeit vergleichsweise gering, was sicherlich auf die Wirksamkeit der Betreuungsmaßnahmen und -angebote zurückzuführen ist. 21
Analog dazu spricht man bei Suizidversuchen von der Suizidversuchsrate.
Su ui iz zi id df fe es st ts st te el ll lu un ng g S
Zum Erfassen der Suizidzahlen werden seit Anfang des 19.Jahrhunderts statistische Verfahren genutzt. Für die Feststellung der Todesursache sind in weiten Teilen der Welt ÄrztInnen und LeichenbeschauerInnen zuständig. Hierfür gibt es leider keine einheitlichen Beurteilungskriterien. Zudem stellt die sehr schwierige Erkennung und Unterscheidung, ob es sich um einen Suizid oder einen Unfall handelt, einen weiteren erschwerenden Aspekt dar. In Wien sind die mit der Ermittlung des Todes zusammenhängenden Maßnahmen im Wiener Leichen- und Bestattungsgesetz geregelt. Es enthält Regelungen, wer für die Feststellung zuständig ist, nach welchen Kriterien diese durchzuführen ist und welche Maßnahmen zu ergreifen sind, wenn die Todesursache nicht zweifelsfrei zu klären ist. Jede Leiche muss von einer Ärztin /einem Arzt zwecks sicherer Todesfeststellung begutachtet werden. Außerhalb der Krankenhäuser ist der nächte niedergelassene Arzt/Ärztin / Notarzt/Notärztin zuständig. Dieser hat auch den Totenschein auszustellen. Wird in der Beschau keine natürliche Todesursache festgestellt, also eine unklare oder unnatürliche Ursache, ist dem Magistrat eine Obduktion vorzuschlagen, welche in der Regel von GerichtsmedizinerInnen durchgeführt wird. Es ist zwischen den Begriffen Todesursache und Todesart zu unterscheiden. Die Todesursache beschreibt den Grund des Todes, die Todesart bezeichnet die Unterscheidung zwischen „natürlich“, „nicht natürlich“ oder „ungeklärt“.
20 Vgl. (Stein, 13.11.2008)
21 Vgl. „Österreichischer Todesursachenatlas 1998/2004“ online unter: http://www.statistik.at/web_de/presse/030155 [14.1.2009]
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Ve er rd de ec ck kt te er r S Su ui iz zi id d V
Bei den Drogentoten sind mindestens 18% als verdeckter Suizid anzusehen ("Sucht als Selbstmord auf Raten"). Viele Unfälle sind bewusste oder unbewusste Selbsttötungen (z.B. Verkehrsunfälle). 22 Wenn die SuizidentInnen keine Nachricht hinterlassen, in der sie ihre Absicht festhalten, ist es in solchen Fallen meist nicht möglich, zu differenzieren, ob es als Suizid zu werten ist. Auch bei dem schon oben genannten Tod in Folge von Substanzmissbrauch kann schwer abgeschätzt werden, wie beabsichtigt das Herbeiführen des eigenen Todes war.
Da bei vielen Toten die Todesart gerichtsmedizinisch nicht eindeutig zu bestimmen ist, oder nicht weiter untersucht wird, gibt es auch hier eine Dunkelziffer. 23
Su ui iz zi id dm me et th ho od de en n S
Bei Suiziden bzw. Suizidversuchen wird zwischen harten Methoden (Erhängen, Erschießen, Erstechen, Sprung aus der Höhe, Legen/Werfen auf Bahnschienen, Ertrinken, Strom) und weichen Methoden (Einnahme von Substanzen wie Medikamente oder Drogen, Schnittverletzungen, Einatmen von Gas) unterschieden.
Bei Suiziden sind harte Methoden wesentlich häufiger, was damit zu erklären ist, dass diese mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit zum Tode führen. Männer wählen vorwiegend Suizidmethoden wie Erhängen und Erschießen, während für Frauen Vergiften, gefolgt von Erhängen, Ertränken und Stürzen kennzeichnend ist.
Bei Suizidversuchen dominieren weiche Methoden, für die Medikamente und Drogen eine wesentliche Rolle spielen. Bei rund drei Viertel der Versuche kommen diese Substanzen zum Einsatz. Die Gruppe der Benzodiapiene stellt mit 60% die größte Relevanz dar. Gerade Medikamente sorgen für einen sehr bedeutenden Diskussionspunkt. Einerseits dienen sie der Behandlung, andererseits können sie durch Missbrauch auch zum Herbeiführen des Todes verwendet werden. Bei etwa 25% der Suizide wird mehr als eine Suizidmethode angewandt, außerdem spielt bei 12% der Frauen- und 18% der Männersuizide Alkohol eine Rolle.
Die Wahl der härteren Suizidmethode hängt oft damit zusammen, dass die/der SuizidentIn sicher gehen möchte, auch tatsächlich zu sterben. In dieser Gruppe sind Männer auf Grund
22 Vgl. (Sellin, et al., 2001)
23 Vgl. (Sellin, et al., 2001)
11
ihres erhöhten Suizidrisikos stärker vertreten. Da bei Frauen eher der appellative Suizid bzw. Suizidversuch vermehrt vorkommt, fällt die Wahl oft auf Methoden, die nicht zum sicheren Tode führen. 24
2. .2 2. . D Di ie e K Kr ri is se e 2
Der Krisenbegriff entspringt nicht der klassischen psychiatrischen Diagnostik und stellt daher kein eigenes Krankheitsbild dar. Vielmehr bezeichnet der Begriff „Krise“ jenen akuten Zustand, in dem therapeutisches Handeln und Intervention einsetzen muss, um Folgen wie Chronifizierung, körperliche Erkrankungen oder Suizid zu vermeiden. 25
2. .2 2. .1 1. . P Ps sy yc ch ho os so oz zi ia al le e K Kr ri is se en n 2
Bezugnehmend auf Caplan (1964) und Cullberg (1978) bezeichnet Sonneck (2002) in seinem Buch „Krisenintervention und Suizidverhütung“ die psychosoziale Krise als „den Verlust des seelischen Gleichgewichts, den ein Mensch verspürt, wenn er mit Ereignissen und Lebensumständen konfrontiert wird, die er im Augenblick nicht bewältigen kann, weil sie von der Art und vom Ausmaß her seine durch frühere Erfahrungen erworbenen Fähigkeiten und erprobten Hilfsmittel zur Erreichung wichtiger Lebensziele oder zur Bewältigung seiner Lebenssituation überfordern“. 26
Um eine Krise auszulösen, müssen mehrere Faktoren zusammenspielen. Ereignisse und Lebensumstände können Anlässe für Krisen sein, welche als Katastrophen- und Massenbelastungen (Kriegswirren, Unwetterkatastrophen,…) oder individuelle Belastungen (Schicksalsschläge oder Situationen des normalen Lebensablaufs) auftreten können.
24 Vgl. (Bundesministerium für Soziale Sicherheit, 2003 S. 15ff)
25 Vgl. (Sonneck, 2000 S. 15)
26 (Sonneck, 2000 S. 15)
12
Meist treffen sie nur eine Ebene des Lebens, haben jedoch Auswirkungen auf andere:
• körperlich-biologische Ebene: Pubertät, Erkrankungen,..
• psychische Ebene: seelische Konflikte
• soziale Ebene: Ereignisse, wie Scheidung oder längere Arbeitslosigkeit.
Nicht nur das objektive Ausmaß und Bedeutung des Anlasses ist von Bedeutung, sondern auch die subjektive Relevanz des Geschehenen mit allen möglichen realen und vorgestellten Konsequenzen ist von großer Bedeutung. 27
Tr ra au um ma at ti is sc ch he e K Kr ri is se e T
„Die traumatische Krise ist eine durch einen Krisenanlass mit subjektiver Wertigkeit plötzlich aufkommende Situation von allgemein schmerzlicher Natur, die auf einmal die psychische Existenz, die soziale Identität und Sicherheit und/oder die fundamentalen Befriedigungsmöglichkeiten bedroht“. 28
Sonneck beschreibt einen typischen Verlauf einer derartigen Krise in vier Phasen:
1. Schockphase: in dieser Phase wird die Realität ferngehalten. Die Person wirkt eher ruhig und geordnet nach außen, innerlich ist jedoch alles in Aufruhr. Oft fehlen die Erinnerungen an diese Phase. Dieses seelische Durcheinander führt zu „ziellosen Aktivitäten“ bzw. im anderen Extrem zu einer Art „Betäubung“ durch starken Rückzug. Es fehlt der Bezug zur Realität. 29
2. Reaktionsphase: es kommt zu einer Konfrontation mit der Realität, auf die häufig mit Verdrängungsphänomenen, Verleugnungstendenzen,… reagiert wird. In dieser Phase ist das Risiko eines sozialen Rückzugs mit selbstzerstörerischen Tendenzen durch Substanzmissbrauch oder suizidalem Verhalten sehr hoch. Durch Reflexion über das Geschehene kommt es zur nächsten Phase. 30
27 Vgl. (Sonneck, 2000 S. 32)
28 Cullberg (1978) zit. in (Sonneck, 2000 S. 33)
29 Vgl. (Sonneck, 2000 S. 33f)
30 Vgl. (Sonneck, 2000 S. 34)
13
3. Bearbeitungsphase: im Laufe der Zeit löst man sich vom Geschehenen und
orientiert sich immer mehr an der Zukunft. Hier ist im Gegensatz zum Übergang von Schock zu Reaktionsphase zu bemerken, dass Reaktions -und Bearbeitungsphase oft ineinandergreifen und sich auch abwechseln. 31 4. Neuorientierung: die/der Betroffene blickt wieder nach vorne, hat neuen Lebensmut
und Selbstwert. Insgesamt hat man das Gefühl, neue Erfahrungen gesammelt zu haben. Es werden neue Beziehungen eingegangen. 32
Es ist von großer Bedeutung, die/den Betroffenen in der Schockphase nicht alleine zu lassen, da auf diese Phase die Zeit der Turbulenzen und der damit verbundenen Gefahren folgt. In dieser Phase sollte ausreichend Raum geschaffen werden, den Gefühlen freien Lauf zu lassen.
In der nachfolgenden Phase sollte die/der Betroffene ausreichend Möglichkeit bekommen, über die Empfindungen zu sprechen, darüber zu reflektieren und sich mit dem Erlebten auseinanderzusetzen. 33
Schock „Ich bin bei dir“
Reaktion
Bearbeitung
Neuorientierung „loslassen“
Abbildung 1
Quelle: (Sonneck, 2000 S. 36)
31 Vgl. (Sonneck, 2000 S. 34)
32 Vgl. (Sonneck, 2000 S. 34)
33 Vgl. (Sonneck, 2000 S. 33ff)
14
Ve er rä än nd de er ru un ng gs sk kr ri is se e V
„Lebensveränderungen sind Situationen, die allgemein zum Leben gehören und von vielen Menschen auch als etwas Positives erlebt werden.“ 34 Dazu zählen etwa der Auszug aus dem Elternhaus, die Eheschließung, die Geburt eines Kindes, aber auch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod.
Auch hier gibt es laut Caplan die vier typischen Phasen, allerdings beginnt das akute Stadium erst am Ende der dritten Phase und erreicht in der vierten ihre volle Ausprägung. 35 1. Phase: bei der Konfrontation mit dem Problem versucht die/der Betroffene es mit Hilfe seines gewohnten Problemlösungsverhalten zu lösen. Da dieses wirkungslos bleibt, kommt es zu Frustration und Spannung. 36
2. Phase: die/der Betroffene/r fühlt sich dem Problem nicht gewachsen, was ein Gefühl des Versagens hervorruft. Der Selbstwert sinkt, während sich die Spannung erhöht. 37
3. Phase: in dieser Phase erfolgt eine Mobilisierung sämtlicher innerer und äußerer Bewältigungskapazitäten. Eine Bewältigung der Krise oder der Rückzug aus der Situation werden angestrebt, wobei beim Rückzug das Gefühl der Resignation zurückbleibt. Sollten die angewandten Strategien weder eine Bewältigung noch einen Rückzug bewirkt haben, kommt es zur Entwicklung des Vollbildes der Krise in der nächsten Phase. 38
4. Phase: Vollbild der Krise: „(…) mit unerträglicher Spannung. Äußerlich kann der Betroffene oft noch geordnet wirken, während innerlich (…) Konfusion, Desorganisation und Chaos entstehen („Nervenzusammenbruch“).“ 39 Die Betroffenen fühlen sich rat-und orientierungslos und wirken gesund auf die Außenwelt. Es kommt zu ziellosen Aktivitäten, wie Schreien oder Toben, bzw. zu einer innerlichen „Lähmung“ des Denkens, Fühlens und Handelns. 40
34 (Sonneck, 2000 S. 36)
35 Vgl. Cullberg (1978) zit. in (Sonneck, 2000 S. 36f)
36 Vgl. (Sonneck, 2000 S. 36)
37 Vgl. (Sonneck, 2000 S. 36)
38 Vgl. (Sonneck, 2000 S. 36f)
39 (Sonneck, 2000 S. 37)
40 Vgl. (Sonneck, 2000 S. 37)
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5. Phase: Bearbeitung des Krisenauslösers mit all seinen Konsequenzen. 41
6. Phase: Neuanpassung: die/der Betroffene entwickelt neue Anpassungsmethoden an
die veränderten Umstände. 42
Ch hr ro on ni is sc ch h- -p pr ro ot tr ra ah hi ie er rt te e K Kr ri is se e C
Zu einer Chronifizierung kommt es wenn, „Veränderungskrisen durch Vermeidungsverhalten oder destruktive Bewältigungsmuster gelöst werden bzw. wenn traumatische Krisen in ihrem natürlichen Verlauf in der Reaktionsphase festgefahren sind, weil keine Bearbeitung (…), sondern schädigende Strategien 43 eingesetzt wurden.“ 44
2. .2 2. .2 2. . G Ge ef fa ah hr re en n v vo on n K Kr ri is se en n 2
Da die Intensität der Belastung während Krisen sehr hoch ist, besteht ein hohes Bedürfnis nach Entlastung. Leider besteht ein hohes Risiko einerseits kurzschlüssigen und impulsiven Handlungen zu folgen, andererseits langwierigen körperliche und seelische Störungen zu entwickeln. 45 Laut G. Sonneck kann eine Krise:
• Zu Kurzschlusshandlungen führen, die möglicherweise nicht mehr reversibel sind, wie etwa Suizid.
• Bei entsprechenden Dispositionen können Krisen Krankheiten auslösen.
• Somatisieren- wenn die Begleiterscheinungen nicht als solche erkannt werden und zu einer falschen Diagnose führen.
• Chronifizieren
41 (Sonneck, 2000 S. 37)
42 (Sonneck, 2000 S. 37)
43 Unter schädigendem Verhalten, werden Alkohol- und Medikamentenmissbrauch, Rückzug aus sozialen Beziehungen und Isolierung angesehen.
44 (Sonneck, 2000 S. 38)
45 Vgl. (Sonneck, 2000 S. 59)
16
2. .2 2. .3 3. . K Kr ri is se en n u un nd d S Su ui iz zi id da al li it tä ät t 2
Ob Krisen zu suizidalen Handlungen führen hängt von einer Reihe von Faktoren ab: I. vom Krisenanlass
II. von der subjektiven Bedeutung für die/den Bertoffene/n III. von der individuellen Krisenanfälligkeit IV. von den Reaktionen aus der Umwelt V. vom zur Verfügung stehenden Hilfsangebot VI. von Grad der sozialen Integration
Die schwierigste Aufgabe für in der Krisenintervention tätige Personen, die noch dazu ein hohes Maß an Verantwortung mit sich bringt, ist die Einschätzung der Suizidalität. Hierfür wurden Theorien und Hilfsinstrumente wie die Definition der Risikogruppen und zahlreiche theoretischen Zugänge entwickelt. 46
Zusammenfassung und Resümee
Anhand der Erläuterungen zum Thema Krise kann sehr gut abgelesen werden, dass eine plötzliche Inhaftierung, aber auch ein vorbereiteter Haftantritt eindeutig als krisenauslösende Anlässe gesehen werden können. Natürlich ist bei jedem die subjektive Wertigkeit eines solchen Ereignisses und die individuelle Vulnerabilität eine unterschiedliche. Die Einschränkung der Freiheit, was das wesentlichste Kennzeichen einer Haft, ist macht es den InsassInnen unmöglich auf das üblicherweise zur Verfügung stehende Spektrum an Bewältigungsmethoden zurückzugreifen. Werden keine Alternativen mit den in Haft zur Verfügung stehenden Mitteln erarbeitet, so steigt die Gefahr, dass sie auf unübliche und verzweifelte Methoden zurückgreifen. Hierbei kann es zu Fremd- und Selbstverletzungen bis hin zu suizidalen Handlungen kommen. 47 Im nachfolgenden Kapitel wird auf Erklärungsmodelle zur Suizidalität eingegangen, die zu einem besseren Verständnis der Entstehung von Suiziden beitragen sollen.
46 Vgl. (Sonneck, 2000 S. 151)
47 Vgl. (Toch, 1977)
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3. . T Th he eo or re et ti is sc ch he e E Er rk kl lä är ru un ng gs sm mo od de el ll le e f fü ür r d de en n S Su ui iz zi id d 3
Zahlreiche wissenschaftliche Disziplinen beschäftigten und beschäftigen sich mit der Erforschung von Suiziden. Die breite Palette des Forschungsinteresses erstreckt sich von Psychologie, Medizin, Epidemiologie über Soziologie bis hin zu Theologie und Philosophie, aber natürlich auch der Sozialarbeit.
Als die prägendsten Erklärungsmodelle für Suizid sind die nachfolgenden zu nennen:
3. .1 1. . D Da as s s so oz zi io ol lo og gi is sc ch he e M Mo od de el ll l 3
Du ur rk kh he ei im ms s S Su ui iz zi id dt th he eo or ri ie e D
Der Soziologe Emil Durkheim war einer der Pioniere in der wissenschaftlichen Untersuchung des Suizids. Seine Definition lautete: „Man nennt Selbstmord jeden Todesfall, der direkt oder indirekt auf eine Handlung oder Unterlassung zurückzuführen ist, die vom Opfer selbst begangen wurde, wobei es das Ergebnis seines Verhaltens in Voraus kannte.“ 48
Die Ergebnisse seiner empirischen Suizidforschung veröffentlichte er in dem Buch „Der Suizid“, worin er eine Häufung an Suiziden unter ungünstigen sozialen Bedingungen nachwies. 49 Durkheim erarbeitete in seinen Buch: „Der Suizid“ soziale Ursachen für Suizid und subsumierte seine Erkenntnisse unter vier Typen des Suizides,
48 Vgl. (Durkheim, 1997 S. 27)
49 Vgl. (Oldenburg, et al., 2008 S. 20)
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Arbeit zitieren:
Mag.(FH) Joanna Mazur, 2009, Suizid in Haft - Erwachsene Männer in österreichischen Justizanstalten, München, GRIN Verlag GmbH
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