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Die vorliegende Arbeit analysiert die verschiedenen Identitätskonstruktionen der jüdischen Schriftstellerin und Zeichnerin Else Lasker-Schüler im Kontext Berlins und der Berliner Bohème. Im Zuge dessen soll herausgefunden werden, wie die einzelnen Identitätskonstruktionen aufgebaut und zu begründen sind und welche Rolle der kulturelle Hintergrund Berlins hierbei gespielt hat.
Um sich diesem Ziel zu nähern wird zunächst ein kurzer Überblick über Else Lasker-Schülers Leben gegeben und danach dieses Leben im Kontext Berlins und der Berliner Bohème beleuchtet. Besondere Schwerpunkte werden hierbei auf ihre Stellung innerhalb dieses Kreises und auf ihr Verhältnis zu den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde in Berlin gelegt. Daraufhin folgt als weiterer Schritt die Untersuchung zweier verschiedener Identitätskonstruktionen, wovon eine von ihr selbst stammt (Identität als Prinz von Theben). Da dies eine sehr ungewöhnliche, weil männliche, Identitätskonstruktion ist, wird hierauf auch das Hauptaugenmerk gelegt. So wird sie zuerst einmal vorgestellt, dann der Aspekt der Männlichkeit dieser Konstruktion (psychologisch, psychoanalytisch und über das Modell von Daniel Boyarin 1 ) analysiert und zum Schluss eigene Begründungen dieser Identitätskonstruktion gegeben. Bei der zweiten handelt es sich um das Konzept der jüdischen `Neuen Frau´ nach Harriet Pass Freidenreich 2 .
Hierbei wird erst das Konzept vorgestellt und danach analysiert, ob es sich bei Else Lasker-Schüler um eine jüdische neue Frau nach dieser Definition handeln könnte.
Da Leben und Werk Else Lasker-Schülers nur schwer auseinanderzuhalten sind, lässt sich vieles auch aus ihrem literarischen Nachlass ableiten. Daher sind zusätzlich einige 3 der literaturwissenschaftlichen Abhandlungen heranzuziehen , obwohl es sich hier
eigentlich nicht um eine germanistische Arbeit handelt. Einen wichtigen Überblick geben die zahlreichen Biographien, wobei die wichtigsten die von Sigrid Bauschinger 4 ,
1 Boyarin, Daniel: Unheroic Conduct. The Rise of Heterosexuality and the Invention of the Jewish Man. Berkeley 1997, S. 1-29.
2 Pass Freidenreich, Harriet: Die jüdische >Neue Frau< des frühen 20. Jahrhunderts, in: Heinsohn/ Schüler-Springorum: Deutsch-jüdische Geschichte als Geschlechtergeschichte. Göttingen 2006, S. 123-132.
3 Vgl. beispielsweise Rosa, Valentina di: „Begraben sind die Bibeljahre längst“. Diaspora und Identitätssuche im poetischen Entwurf Else Lasker-Schülers. Paderborn 2006 und Feßmann, Meike: Spielfiguren. Die Ich-Figuration Else Lasker-Schülers als Spiel mit der Autorrolle. Ein Beitrag zur Poetologie des modernen Autors. Stuttgart 1992.
4 Bauschinger, Sigrid: Else Lasker-Schüler. Eine Biographie. Göttingen 2004.
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da sie die Standardbiographie darstellt, und die von Jakob Hessing 5 , da er als Jude ihr Leben aus der jüdischen Perspektive analysiert, sind. Als weitere Verständnishilfen für den jüdischen Hintergrund Else Lasker-Schülers dient vor allem die Arbeit von Arno Herzig 6 , der einen allgemeinen Überblick über die Geschichte der Juden in Deutschland gibt. Um den Kontext Berlins zu untersuchen und sich dem Berliner Caféhausleben zu nähern wurden u.a. die Werke von Bernd Ruland 7 und Hermann-J. Fohsel 8 herangezogen. Zur Analyse der verschiedenen Identitätskonstruktionen wurde sowohl psychologische 9 und psychoanalytische 10 Literatur verwendet als auch Literatur aus dem Bereich der Gender Studies 11 .
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Else Schüler wurde am 11. Februar 1869 in Elberfeld an der Wupper geboren und wuchs in einer gut-bürgerlichen Familie auf. Nach dem frühen Tod der Mutter, heiratete sie 1894 den jüdischen Arzt Berthold Lasker, mit dem sie bald nach Berlin zog. Diese Ehe war jedoch nicht glücklich, so dass es bald darauf zur Scheidung kam. Else Lasker-Schüler hat immer bestritten, dass Berthold Lasker der Vater ihres 1899 geborenen Sohnes Paul war, worauf hin dieser ihr seine finanzielle Unterstützung entzog.
Halt und Trost fand sie in der Berliner Bohème, in der sie auch Georg Levin kennenlernte, den sie 1903 heiratete. Sie gab ihm das Pseudonym Herwarth Walden, unter dem er im Kontext des Expressionismus berühmt wurde. Trotz ihres gemeinsamen künstlerischen Engagements scheiterte auch diese Ehe und 1912 ließ sich Else Lasker-Schüler zum zweiten Mal scheiden. Ihr einziger Sohn Paul verstarb 1927, nach langer Krankheit an Tuberkulose, was Else Lasker-Schüler nie verkraftet hat.
Aus dieser materiellen und seelischen Not heraus dichtete sie sich immer wieder prächtige Rollen zu, die ihr ganzes Leben bestimmten. Nicht nur in ihrem Werk,
5 Hessing, Jakob: Else Lasker-Schüler. Ein Leben zwischen Bohème und Exil. München 1987.
6 Herzig, Arno: Jüdische Geschichte in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn 2005.
7 Ruland, Bernd: Das war Berlin. Die goldenen Jahre 1918-1933. Bayreuth 1985.
8 Fohsel, Hermann-J.: Im Wartesaal der Poesie. Else Lasker-Schüler, Benn und andere. Zeit- und Sittenbilder aus dem Café des Westens und dem Romanischen Café. Berlin 1980.
9 Jung, C.G. [1930/1950]: Psychologie und Dichtung, in: Jung, C.G.: Welt der Psyche. München 1973.
10 Freud, Sigmund [1930, 1938]: Abriß der Psychoanalyse/Das Unbehagen der Kultur. Frankfurt am Main 1972.
11 Vgl. beispielsweise Schuller, Marianne: Maskeraden. Schrift, Bild und die Frage des Geschlechts in der frühen Prosa Else Lasker-Schülers, in: Krause, Christine et al (Hrsg.): Zwischen Schrift und Bild. Entwürfe des Weiblichen in literarischen Verfahrensweisen. Heidelberger Frauenstudien 1. Heidelberg 1994, S. 41-55.
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sondern auch in ihrer privaten Korrespondenz und ihrem gesamten Auftreten, verschwand die Dichterin Else Lasker-Schüler hinter diesen von ihr geschaffenen Identitäten. So schrieb Gottfried Benn in seinem Nachruf über sie:
Sie war klein, damals knabenhaft schlank, hatte pechschwarze Haare, kurz geschnitten, was zu der Zeit noch selten war, große rabenschwarze bewegliche Augen mit einem ausweichenden unerklärlichen Blick. Man konnte weder damals noch später mit ihr über die Straße gehen, ohne daß alle Welt stillstand und ihr nachsah: extravagante weite Röcke oder Hosen, unmögliche
Obergewänder, Hals und Arme behängt mit auffallendem unechtem Schmuck […] 12 1932 erhielt Else Lasker-Schüler den Kleist-Preis für ihr Drama Die Wupper, welchen sie jedoch schon mit einem von den Nationalsozialisten geförderten „Blut-und-Boden“-Autor 13 teilen musste. Nach der Machtübernahme Hitlers 1933 wurde ihre Kunst als „entartet“ verschrien und sie erhielt Publikationsverbot. Nach zahlreichen Angriffen auf der Straße, floh die Dichterin in die Schweiz, wo sie jedoch auch von der Fremdenpolizei beschattet wurde und Berufsverbot erhielt. Von hier aus unternahm Else Lasker-Schüler immer wieder Reisen nach Palästina, um ihre jüdischen Wurzeln zu ergründen. Nach ihrer dritten Reise wurde ihr jedoch, aufgrund der Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft, die Einreise in die Schweiz verweigert, wodurch sie gezwungen war, bis zu ihrem Lebensende in Palästina zu bleiben. Sie litt sehr unter diesem Umstand, da sie sich aufgrund von Sprachproblemen und fehlenden Bindungen kaum anpassen konnte. Am 22. Januar 1945 starb sie vereinsamt und verwirrt in Jerusalem und wurde auf dem Ölberg beigesetzt. Ihr Grabstein war der erste, der außer den hebräischen Schriftzeichen auch einen deutschen Text aufwies.
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3.1. Else Lasker-Schüler und Berlin
Der Zug vom Land in die Städte, der schon lange vor der hier behandelten Zeit begann, hat sich in der Weimarer Zeit noch verstärkt, was auch auf die jüdische Bevölkerung zutraf. So kam es, das bis 1933 in Berlin allein ein Drittel aller Juden Deutschlands 14 lebten. Vor allem Wissenschaftler und Künstler jeglicher Art zogen nach Berlin, um hier ihr Glück zu machen. Zu diesen gehörte auch der Hautarzt Berthold Lasker, der daher mit seiner jungen Ehefrau nach Berlin zog.
12 Benn, Gottfried zitiert nach Bauschinger, Sigrid: Else Lasker-Schüler. Eine Biographie, S. 162.
13 Die Blut-und-Boden-Ideologie betrachtet das „Blut“ (die Abstammung) und den „Boden“ (Bauerntum alter Abstammung) als die wesentliche Lebensgrundlage. Sie war zentraler Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie und diente ihnen als Expansions-Legitimation, um den Bestand des eigenen Volkes durch die Vernichtung anderer Völker zu garantieren.
14 Vgl. Herzig, Arno: Jüdische Geschichte in Deutschland. S. 215.
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Arbeit zitieren:
Birgit Stubbe, 2008, Else Lasker-Schüler - als jüdische Frau in Männerkleidern im Kreis der Berliner Bohéme, München, GRIN Verlag GmbH
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