UE: Zeitalter der Extreme - Ein Lektürekurs
Essay: „Vergleich zweier Darstellungen der Russischen Revolution“ von Birgit Stubbe
Arten der Darstellung
Die Darstellung von Eric Hobsbawm
In dem Werk Eric Hobsbawms befindet sich das Kapitel „Weltrevolution“ zwischen dem Kapitel über die Weltkriege und dem Kapitel über die Weltwirtschaftskrise. Diese Reihenfolge ist bedeutend für Hobsbawms Argumentation, da sich bei ihm immer das Eine aus dem Anderen ergibt. So folgert er zum Beispiel in seiner Einleitung, dass die Russische Revolution eine direkte Folge des Ersten Weltkriegs gewesen sei. Als Begründung hierfür gibt er an, dass dieser Krieg alle beteiligten Staaten an ihre Grenzen gebracht habe und dass die Menschen daher auf eine Alternative gewartet hätten, welche die sozialistischen Parteien geboten hätten. Nach Kriegsende kam es fast überall zu revolutionären bzw. sozialen Krisen, daher setzt Hobsbawm hier die erste Welle der Weltrevolution an. Der sowjetische Kommunismus wollte eine Alternative zum Kapitalismus sein, hatte aber in seinen Anfängen mit diversen Problemen zu kämpfen. Die Zarenherrschaft war zusammengebrochen, da die zaristischen Truppen nicht mehr gegen die hungrigen Volksaufstände vorgingen, sondern sich mit den Aufständischen verbündeten. Lenins Macht habe nun darin bestanden, diesen „unkontrollierbaren anarchischen Volksaufstand in eine bolschewistische Macht“ 5 zu transformieren. Nach dem Sturz des Zaren sei ein „revolutionäres Vakuum“ 6 entstanden, welches sich durch eine machtlose provi-
sorische Regierung und eine Unzahl von Räten („Sowjets“) der verschiedenen Revolutionsorganisationen ausdrückte. Die Folge war 1917 der Sturz dieser Regierung durch die Bolschewiki, da keine andere Partei darauf vorbereitet gewesen sei, die Verantwortung zu übernehmen. Die Macht dieser Partei beruhte auf der kommunistischen Organisationsform nach Lenin, auf der Führung durch eine Elite und auf der großen Disziplin und Leidenschaft ihrer Mitglieder. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte die zweite Welle der Weltrevolution, an deren Ende die Kommunisten alle Regierungsgewalt zwischen der Elbe und dem Chinesischen Meer hatten. Am Schluss seines Kapitels geht Hobsbawm auf die Folgen ein, die er in direkte und indirekte aufteilt. Direkte Folgen seien der Untergang der Imperien und der Beginn des Sowjetischen Zeitalters gewesen. Weitergehend seien jedoch die indirekten Folgen gewesen: so habe die Russische Revolution den Prozess der Dekolonisation eröffnet, habe sowohl die Politik der Konterrevolution (Faschismus) als auch die der Sozialdemokratie eingeleitet und sei sogar der eigentliche Retter des liberalen Kapitalismus gewesen. Dies begrün-
Mannheim1973, S. 44-64. Mann, Golo u. Alfred Heuss (Hrsg.): Propyläen der Weltgeschichte. Band IX/1: Das zwanzigste Jahrhundert. Berlin u. Frankfurt am Main 1960, S. 129-230.
5 Hobsbawm, Eric: Das Zeitalter der Extreme, S. 84.
6 Ebenda, S. 85.
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Essay: „Vergleich zweier Darstellungen der Russischen Revolution“ von Birgit Stubbe
det Hobsbawm damit, dass die Sowjetunion dem Westen zum Sieg über Hitler verholfen hat und dass sie die Möglichkeit bot, den gängigen Glauben an Kapitalismus bzw. Marktwirtschaft zu revidieren.
Die Darstellung von Walter Görlitz
Bei Walter Görlitz folgt das Kapitel „Die russische Oktoberrevolution - Lenin und der Leninismus“ einem Kapitel über die Theorien von Charles Darwin und Karl Marx. Wie der Titel schon andeutet, wird in diesem Werk die Weltgeschichte als Ideengeschichte wiedergegeben. Auch hier bauen die Kapitel aufeinander auf: Marx leitete seine Ideen von Darwin ab und Lenin seine von Marx. Daher ist sein Kapitel über die Russische Revolution vollkommen an Lenins Biographie und die Entwicklung seiner Theorien gebunden. So beginnt es in dem Unterkapitel „Die Geburt des Hasses“ 7 auch mit einschneidenden Erlebnissen aus Lenins Jugend, wie die Hinrichtung seines älteren Bruders, aufgrund der Vorbereitung eines Sprengstoffanschlags auf den Zaren. Im Dezember 1887 wurde Lenin auf einer Studentenkundgebung verhaftet und von der Universität ausgeschlossen und begann nun im Selbststudium Rechtswissenschaft und marxistischen Sozialismus zu studieren. Ab 1893 begann er sich konsequent mit konspirativer Arbeit zur Befreiung des Proletariats zu beschäftigen. 1895 besuchte er die Schweiz, Frankreich und Deutschland und sprach mit ausgewanderten russischen Marxisten und führenden deutschen Sozialdemokraten. Im Jahre 1902 erschien dann im sozialdemokratischen Dietz-Verlag seine berühmte Kampfschrift „Was tun?“, in welcher er seine Revolutionsphilosophie entwickelte. 1903 tritt Lenin auf einem Parteikongress offen für den revolutionären Kampf ein, wodurch es zur Teilung der Partei in die Bolschewiki, „die alles oder nichts“ 8 wollen, und die Menschewiki, die sog. gemäßigten Sozialisten, kommt. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges studiert Lenin das Werk des preußischen Generals von Clausewitz „Vom Kriege“, indem dieser die These aufstellt, dass der Krieg lediglich die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei. Lenin wendet dies an, indem er behauptet, dass der ausgebrochene Krieg lediglich einen Raubkrieg unter Imperialisten darstelle, der sich notwendigerweise in einen Bürgerkrieg verwandeln würde, aus dem sich das Proletariat siegreich erheben würde. Pazifismus, so Lenin, sei erst nach dem Sieg der Weltrevolution erlaubt, im gegenwärtigen Stadium käme sie dem Verrat am Sieg der Arbeiterklasse gleich. Zusammen mit Trotzki organisierte er den revolutionären Kampf von 1905. Jedoch war dieser, trotz Meutereien der Flotte, ausgedehnter Bauernrevolten, Arbeiterunruhen und spontaner Bildung von
7 Görlitz, Walter: Ideen machen Weltgeschichte, S. 231.
8 Ebenda, S. 236.
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Arbeit zitieren:
Birgit Stubbe, 2009, Vergleich zweier Darstellungen der Russischen Revolution, München, GRIN Verlag GmbH
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