TU Dresden WS 1998/ 99 Institut für Soziologie
Seminar: Gott ist tot - Nietzsche und die Folgen
Hausarbeit: Die Nietzsche-Rezeption in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein Vergleich
Jenny Haroske
Dipl.-Soziologie
Inhaltsverzeichnis
Einleitung. 1
Karl Löwith
Zur Person. 3
Zu Nietzsche. 4
Zum Werk. 6
Zur Kritik. 9
Zur Schuldfrage. 12
15
Fazit.
Georg Lukács
Zur Person. 17
Zu Nietzsche. 19
Zu Werk und Kritik. 22
Zur Schuldfrage. 24
26
Fazit.
Thomas Mann
Zur Person. 28
Zu Nietzsche. 30
Zu Werk und Kritik. 32
Zur Schuldfrage. 36
38
Fazit.
40
Literaturverzeichnis
Einleitung
„Philologie nämlich ... lehrt gut lesen, das heißt langsam, tief-, rück- und vorsichtig, mit Hintergedanken, mit offen gelassenen Türen, mit zarten Fingern und Augen lesen... Meine geduldigen Freunde, dies Buch wünscht sich nur vollkommne Leser und Philologen: lernt mich gut lesen!“ (Vorrede zur „Morgenröthe“, aus: K. Löwith, Nietzsches Philosophie der ewigen Wiederkehr des Gleichen, S. 23) „Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra! Ihr seid meine Gläubigen: aber was liegt an allen Gläubigen! Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So tun alle Gläubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben. Nun heiße ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.“ (F. Nietzsche, „Also sprach Zarathustra“, S. 114f.)
Durch Nietzsches gesamtes Werk zieht sich dieser eine rote Faden: die Ermahnung zum Mißtrauen, zum kritischen Lesen, zum Selber - denken, die beharrliche Abwehr jeglicher Interpretations- und damit Vereinnahmungsversuche. Nietzsche stellte sich mit erhobenem Zeigefinger vor jedes seiner Bücher und wurde nicht müde, vor sich selbst zu warnen: Glaubt mir nicht! Hat es etwas genützt? Die meisten seiner Leser waren doch „menschlich - Allzumenschlich“ und brachten es zuwege, Nietzsche für so unterschiedliche Bewegungen wie Anarchismus und Konservatismus, Nazismus und Marxismus, Vegetarismus und Freikörperkultur zu vereinnahmen und als Mythos auf ihren Altar zu stellen (S. Aschheim, Nietzsche und die Deutschen, S. 7). Das Schwergewicht in der Nietzsche - Beurteilung hat sich dabei im Laufe der Jahre immer wieder verlagert - lag es anfangs bei der Anerkennung bzw. Verdammung des (Im)- Moralisten, wurde es im ersten Weltkrieg zur mythisierten Zarathustra -Verehrung der jungen Leser, verzerrte sich zu einer grotesken Nietzsche-Karikatur im Dritten Reich und mündet nach 1945 in der BRD in einer „Anerkennung“ Nietzsches als Vollender der Metaphysik des Abendlandes (K. Löwith, Nietzsche - Zeitgemäßes und Unzeitgemäßes, Vorwort).
Unbestritten hat Nietzsches Denken und literarische Produktion einen nicht wegzudenkenden Einfluß auf die gesamteuropäische Literatur und Denkweise ausgeübt und das Gesicht des 20. Jahrhunderts entscheidend mit geprägt. Eher selten ist es dagegen zu verzeichnen, daß sich jemand ohne Wertmaßstäbe und Vorurteile gedanklich mit Nietzsches Werk auseinandergesetzt hätte.
1
Umsonst hat Nietzsche versucht, zu einer für seinen Stil ,richtigen’ Lesart anzuleiten - seine Schreibweise ist für den ,gewöhnlichen’ Leser zu persönlich, zu grell, zu abstrakt. Man sieht sich unweigerlich gefesselt oder abgestoßen, was einer nüchternen Überlegung meist sehr hinderlich ist. Warum aber überhaupt ein solches Interesse an diesem Mann? Geht es um seine Philosophie, seine politischen Ambitionen, seine Literatur? Was hat er getan, daß er aus jeder Schublade wieder herausgeholt wird, nur um in eine andere gesteckt zu werden?
Diese Arbeit macht sich zur Aufgabe, zu zeigen, daß auf diese Fragen sehr unterschiedliche Antworten gegeben werden. Als exemplarische Fallbeispiele für die Nietzsche - Rezeption nach dem zweiten Weltkrieg stellen wir drei Autoren vor, die sich dem großen Philosophen auf sehr unterschiedliche Art nähern. Im Zentrum steht bei unserer Betrachtung die Frage nach der Verantwortung. Können wir es Nietzsche anlasten, daß seine Prophezeiungen so buchstäblich in Erfüllung gingen; daß ein ganzes Volk daran ging, seine Vorstellungen in die Tat umzusetzen?
Jeder der drei Standpunkte soll für sich stehen und nicht (oder fast nicht) gewertet werden und es soll zumindest versuchsweise gezeigt werden, wie jeder dieser Standpunkte entstehen konnte. Ist es nicht am Ende so, daß Nietzsche nicht objektiv zu begreifen ist? Man bemüht sich nach Kräften, aber letztendlich steckt in jedem Nietzsche - Verständnis ein Stück von einem selbst, oder: in jedem von uns steckt ein Stück Nietzsche.
Wichtig bleibt nur, diesem Stück allein nicht die Schuld für unser Tun zu geben, auch nicht es zu verleugnen, sondern zu akzeptieren; in der Hoffnung, Nietzsche nach fast 100 Jahren gerecht zu werden.
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Karl Löwith
Zur Person
Karl Löwith, 1897 in München geboren und in gutbürgerlichem Elternhaus aufgewachsen, las schon im zarten Alter von 13 Jahren Schopenhauer, Kant und natürlich Nietzsche unter der Schulbank. Seine glänzende akademische Laufbahn als Dozent für Philosophie wird 1933 jäh unterbrochen und zwingt ihn als Jude, nach Italien, später Japan und in die USA zu emigrieren.
Als prägende Zeiterfahrung Löwiths läßt sich somit die Auslieferung des Menschen an die absoluten Machtansprüche eines emanzipierten Geschichtswillens im Zeichen totalitärer Systeme ausmachen (W. Ries, Karl Löwith, S. 35), die ihn und sein Denken auf interessante Weise geformt hat.
Löwith, der seit seiner Studentenzeit ein Bewunderer Max Webers war, hat sich zeitlebens um eine skeptisch - gelassene Weltanschauung bemüht, um illusionsloses Festhalten an glaubensloser Diesseitigkeit und wissenschaftliche Rationalität. Vor der Verführung politischer Massenbewegungen, seien es Faschismus oder Kommunismus gewesen, bewahrte sich Löwith stets den Abstand der freien Betrachtung, den Maßstab am antiken Kosmosdenken. Die generationsspezifische Erfahrung von Umsturz und Auflösung der bürgerlichen Welt und ihrer Kultur war spätestens seit dem ersten Weltkrieg, zu dem sich Löwith noch freiwillig gemeldet hatte, zentral für sein philosophisches Denken (W. Ries, Karl Löwith, S.1) Anders als viele seiner Zeitgenossen wendete sich Löwith schon früh gegen die These des Irrationalismus, der Intellekt habe dem Leben und den Instinkten zu dienen. Seine eng am Denken der Antike orientierte Berufung auf die Natur wollte ein Weltdenken „jenseits der ontologisch - theologischen Tradition“ hinaus, um eine Dimension des Wissens wiederzugewinnen, „für die das historische Bewußtsein keinen Maßstab hat“ (W. Ries, Karl Löwith, S. 13). Löwith, der die Krise seiner Zeit als Philosoph und Jude besonders eindringlich erfahren hatte, verfiel nie in revolutionären oder nihilistisch verzweifelten Protest, sondern reagierte stets mit dem Gleichmut des Gelehrten, der durch das Studium der westlichen und fernöstlichen Kultur gelernt hat, wie tief alle Dinge dem Lauf der Zeit unterworfen sind.
3
Zu Nietzsche
Wie will man nun den skeptischen, kühlen Geschichtsphilosophen mit dem radikalen, übererregten Experimentator, dem selbsternannten Gott der Zukunft zusammenbringen? Ohne Zweifel stand Löwith dem Radikalismus Nietzsches mit kritischer Reserviertheit gegenüber, ohne Zweifel war er einer der wenigen aufmerksamen Leser, die Nietzsches Warnung vor Zarathustra ernst genommen hatten: „Geht fort von mir und wehrt euch gegen Zarathustra! ... Vielleicht betrog er euch...“ (F. Nietzsche, Ecce homo, S. 260)
Trotz dieser Vorbehalte bleibt Nietzsche zeitlebens ein fester Bezugspunkt in Löwiths Werk - wie so viele vor und nach ihm sieht sich Löwith fasziniert und abgestoßen zugleich.
1935 schreibt Löwith „Nietzsches Philosophie der ewigen Wiederkehr des Gleichen“ und leitet damit nach dem ersten Weltkrieg die akademische Auseinandersetzung mit Nietzsche ein.
Mit dieser Studie, die Nietzsche philosophisch vor seinen Anhängern bewahren sollte, stellte er sich gegen die damals gängige Nietzsche - Interpretation. Löwith wollte Nietzsche als ,Versucher’ zeigen, der in seinem Werk offen läßt, wer er ist: Versprecher oder Erfüller, Erobernder oder Erbender, Befreier oder Bändiger - „weil er wußte, daß er weder das eine noch das andere, sondern beides ineins war“ (K. Löwith, Nietzsche (Ges. Werke Bd. 6), S. 388).
Von Anfang bis Ende war das Verhältnis von Philosophie und Theologie von zentraler Relevanz in Löwiths Werk. Maßgeblich wegweisend für seine Religionskritik war dabei Nietzsches Atheismus. Die damit verbundene radikale Umwertung wird allerdings bei Löwith ermäßigt auf eine verhaltene Skepsis bezüglich der Alternativen „einer von Natur aus durch sich selber bestehenden Welt ohne Zweck und Sinn“ (K. Löwith, Wissen, Glaube und Skepsis (Ges. Werke Bd. 3), S. 383) und „einer sich selbst offenbarenden göttlichen Wahrheit“ (K. Löwith, Wissen, Glaube und Skepsis (Ges. Werke Bd. 3), S.217).
Diese entscheidende weltanschauliche Differenz zwischen „Welt“ und „Weltentwurf“ fand zu Nietzsches und Löwiths Zeiten eine Verschärfung im nihilistisch verfaßten modernen Existenzbegriff der nachchristlichen Philosophie (W. Ries, Karl Löwith, S. 61).
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Für Löwith ist deren typisches Kennzeichen eine diffuse Zweideutigkeit, die aus der ununterschiedenen Repräsentation von christlicher Onto - Theologie und Metaphysik herrührt. Selbst Nietzsche bleibt dabei für ihn in verborgener Weise von wesentlichen Inhalten der christlichen Überlieferung beeinflußt (dazu später), womit auch die ,Lehre von der ewigen Wiederkehr’ Religionsersatz bleibt (W. Ries, Karl Löwith, S. 52).
Nichtsdestotrotz stellt Nietzsche mit seiner Grundkonzeption einer sich selber wollenden Welt eine philosophische Ausnahme dar, eine Neuheit auch in dem Sinne, daß er die Wahrheit als oberste Instanz, Gott und Sein in Frage stellte, mit der Überzeugung, die noch kein Zeitalter hatte, „daß wir die Wahrheit nicht haben“ (F. Nietzsche, Ges. Werke Bd. XI, S.159). Nietzsche stellt sich als Experimentalphilosoph dar, der die Möglichkeit eines grundsätzlichen Nihilismus vorwegnahm, um zu einem ewigen Kreislauf des Seins durchzukommen.
In „Von Hegel zu Nietzsche“ (K. Löwith, Ges. Werke Bd. IV) macht Löwith deutlich, daß die philosophiegeschichtliche Entwicklung im Denken des 19. Jahrhunderts durch einen ,revolutionären Bruch’ bestimmt ist: das ,absolute Wissen’ der Hegelschen Logik zerbricht in zwei Extreme, und zwar einerseits in die Verinnerlichung der existenziellen Subjektivität Kierkegaards und andererseits in die Veräußerlichung der politisch - ökonomischen Analysen Marx’ (W. Ries, Karl Löwith, S. 62f.). Als Resultat dieses Zerfalls deklariert Löwith den Verlust einer ,theoria’. Nietzsches Diagnose des Nihilismus ist die Deklaration dieses Verlusts und gleichzeitig ein Kompensationsversuch mit der Lehre von der ewigen Wiederkehr. Dieser Versuch, den „Grundkonflikt von Mensch und Welt“ (K. Löwith, Nietzsche (Ges. Werke Bd. 6), S. 109) aufzulösen durch eine verzweifelte Anstrengung zur Selbstüberwindung des Nihilismus, ist für Löwith letztendlich eine selbstzerstörerische Aktion des Subjekts - das Gegenteil einer freien Betrachtung der Welt. Löwith würdigte Nietzsche oft als ,unzeitgemäß’ im Verhältnis zu seinen Zeitgenossen; als Philosoph seines Zeitalters seiner Zeit überlegen und ein ,Liebhaber der Ewigkeit’ (K. Löwith, Nietzsche - Zeitgemäßes und Unzeitgemäßes, Vorwort). Mit seiner grundlegenden Frage „Welchen Sinn hat das menschliche Dasein im Ganzen des Seins?“ (K. Löwith, Nietzsche (Ges. Werke Bd.6), S. 104) ist Nietzsche auf jeden Fall auch heute noch zeitgemäß, weil er seine und unsere Zeit im weitesten Horizont sah und auf ein Ewiges aus war.
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Hier werden auch die Gründe für Löwiths kontinuierlichen Denkbezug zu Nietzsche deutlich: zentrale Motive von Nietzsches Werk decken sich mit jenen von Löwiths eigenem unzeitgemäßem Denken.
Zum einen ist dies die mehr oder weniger radikale Kritik an Historismus und Christentum, zum anderen der Versuch einer Wiedergewinnung der griechischen Ansicht vom Sein der Welt und der Wille, den „exzentrisch gewordenen Menschen in den ewigen Grundtext der Natur zurückzuübersetzen“ (K. Löwith, Nietzsche (Ges. Werke Bd.6), S. 382).
Der Vorzug von Löwiths Ausarbeitung der Unzeitgemäßheit Nietzsches ist dabei vor allem die Herausarbeitung der griechischen Züge in seiner Philosophie und die Pionierarbeit: die Herauslösung aus der Vereinnahmung durch jeweils herrschende Zeitphilosophien(W. Ries, Karl Löwith, S. 82).
Zum Werk
Es ist an dieser Stelle nicht beabsichtigt (und wäre auch ganz unmöglich), eine umfassende Darstellung von Löwiths Schaffen im Bezug auf das Werk Nietzsches zu geben. Vielmehr soll an einigen Kernpunkten des Nietzscheschen Philosophiegerüsts Löwiths Position verdeutlicht und damit vergleichbar gemacht werden. Seine herausragende Bedeutung in der Geschichte der Philosophie gewann Nietzsche zunächst dadurch, daß er als erster seiner Zeit den europäischen Nihilismus beim Namen genannt und in all seinen Erscheinungsformen sichtbar gemacht hat: in der Moral, der Politik, Philosophie, Religion etc. Er betrachtete das Phänomen Nihilismus dabei von zwei Seiten: als Symptom des endgültigen Niedergangs, aber auch als Anzeichen der positiven Ent - Täuschung und damit eines neuen Willens zum Dasein(K. Löwith, Nietzsche - Zeitgemäßes und Unzeitgemäßes, Vorwort). Genauso zweideutig empfand sich auch Nietzsche selbst: im Widerspruch zwischen heute und morgen, als Spätling des 19. und zugleich Frühgeburt des 20. Jahrhunderts.
Im Horizont seiner Lehre von der ewigen Wiederkehr stellt sich der Nihilismus als Analogie mit umgekehrten Vorzeichen dar: beides ohne Sinn, Wert oder Zweck. Diese antinomische Umkehr ist charakteristisch für Nietzsches Denken - der Wille zum
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Jenny Haroske, 1999, Die Nietzsche-Rezeption in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
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