Alice’s Adventures in Wonderland von Lewis Carroll ist in zweifacher Hinsicht besonders attraktiv für Kinder: Zum einen handelt es sich um die Geschichte eines Kindes, das die Grenze in eine Phantasiewelt überschreitet und zum anderen sind Alices Abenteuer frei von Logik und Moral. Carrolls Roman ist pure Unterhaltung und er spielt auf eine Weise mit Konventionen der viktorianischen Zeit, wie es vor ihm noch kein Kinderbuchautor getan hat. Die Geschichte beginnt kindgemäß fast unmittelbar mit Alices Abenteuer und verzichtet somit auf eine detaillierte Einführung. Bereits als Alice dem weißen Kaninchen in seinen Bau folgt, wird deutlich, wie sehr in dieser Geschichte ihre Neugier die Angst vor Konsequenzen überwiegt. Alice macht sich nicht einmal Gedanken darum, wie sie aus dem Kaninchenbau wieder herauskommen kann (Carroll 1994: 12). Mit ihrem langen Fall den Bau hinab öffnet sich der jungen Protagonistin eine Welt der Phantasie, in der ihre bisherigen Einsichten über das Leben, wie etwa gesellschaftliche Manieren oder in der Schule angeeignetes Wissen, ad absurdum geführt werden. So kündigt auch das in Versen gefasste Vorwort an: “There will be nonsense in it!” (Carroll 1994: 9).
Obwohl Alice sehr lange hinabfällt und nicht sicher ist, wo sie ankommen wird, geschweige denn ob sie ihre Landung heil übersteht, verspürt sie nach wie vor keine Angst, sondern nutzt die Zeit vielmehr, um sich die Regale an den Seiten des Baus anzusehen und ihr eigenes Schulwissen abzurufen. Dabei bezieht sie Wörter wie Latitude oder Longitude in ihre Überlegungen mit ein, ohne deren Sinn zu verstehen. Vielmehr ist es die Tatsache, dass diese Wörter für ein Kind normalerweise eher schwierig sind, weshalb sie ihr gefallen (Carroll 1994: 13-14). Hier zeigt sich besonders das Verständnis des Autors dafür, dass Kinder gern ihr Wissen unter Beweis stellen, manchmal damit angeben wollen oder aber froh sind, wenn außer ihnen niemand ihre Fehleinschätzung über das eigene Wissen mitbekommt, wie es etwa bei Alice der Fall ist. Insofern ist es für viele Kinder sicher leicht, sich mit dem Mädchen zu identifizieren. Es gelingt Alice nicht, noch weitere komplexe Wörter aufzusagen, deren Bedeutung sie nicht genau kennt. Stattdessen entzieht sich ihr nicht nur der Sinn dessen, was sie sagt, sondern das Gesagte entpuppt sich mehr und mehr zu einem Lautspiel (Boltz 2003: 295). So erscheint es fast irrelevant, ob Alice sich fragt, “Do cats eat bats?” oder aber “Do bats eat cats?” (Carroll 1994: 14). Kinder fühlen sich von Klängen, in diesem Fall zum Beispiel von Reimen angezogen, auch wenn sie den Sinn nicht erfassen können, worüber sich Carroll sicher bewusst war. Die Verschwimmung von Sinn zu Unsinn wird auch im weiteren Verlauf der Geschichte immer wieder in Bezug auf zahlreiche Wortspiele aufgegriffen, die zu dem großen Unterhaltungswert beitragen.
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Das Spiel mit Sprache ist für Kinder viktorianischer Zeit vor allem in Bezug auf die Persiflierung einiger bekannter Gedichte, die in der Schule häufig auswendig gelernt werden mussten, anziehend. Im Wunderland ist es Alice nicht mehr möglich, die einst auswendig gelernten Gedichte zu rezitieren. Vielmehr ersetzt sie die Verse des Originals jeweils durch neue Zeilen, die sowohl sinnfrei als auch amüsant aufgrund ihres „schwarzen Humors“ sind (Boltz 2003: 296). Gleichzeitig mokiert sich Carroll durch die Umdichtung der Verse, die ursprünglich eine moralische und didaktische Intention vermitteln, über viktorianische Erziehungsmethoden, indem er ihren pädagogischen Wert entstellt. Isaac Watts Original Against Idleness and Mischief etwa enthält die belehrende religiöse Botschaft, dass Fleiß und Arbeit oberste Priorität im Leben hätten, während ein faules Dasein den Menschen vom rechten Weg abbrächte und ihn in Teufels Hände spielen würde
(http://rpo.library.utoronto.ca/poem/2265.html). Als Alice jedoch versucht, das Gedicht aufzusagen, verfällt die ursprüngliche Moral und entpuppt sich zu der zweckfreien, bildhaften Beschreibung eines Krokodils, das im Nil schwimmt und Fische frisst (Carroll 1994: 25). Es scheint dem Autor nicht um die Vermittlung einer Moral zu gehen, sondern darum, die Phantasie des kindlichen Lesers anzuregen. Durch den Verzicht auf didaktische Schlussfolgerungen und die Vermittlung einer religiösen Botschaft in einem Kinderbuch hat Carroll zu viktorianischer Zeit „eine Pionierleistung vollbracht[...]“ (Boltz 2003: 287). Im weiteren Verlauf der Geschichte kommt Alice immer wieder in schulähnliche Situationen, in denen sie ihr Wissen unter Beweis stellen soll. Dabei verhalten sich die Wesen, denen Alice begegnet, oft wie schulmeisterliche Autoritäten, die sie zum Beispiel auffordern, ein Gedicht aufzusagen. Die Raupe etwa verlangt von ihr, das Gedicht um Father William zu rezitieren, was keiner höflichen Aufforderung gleichkommt, sondern vielmehr einem Befehl entspricht (Carroll 1994: 55). Wie zu erwarten entpuppt sich auch Alices Wiederholung dieses Gedichts als Verunglimpfung der ursprünglich intendierten Moral, indem der Bericht eines alten, frommen Mannes zu einer Art “slapstick performance” gemacht wird (Boltz 2003: 299). Ebenso streng wie die Aufforderung der Raupe ist auch ihr Kommentar zu Alices Leistung: “It is wrong from beginning to end.” (Carroll 1994: 59). Somit wird Alice im Wunderland ebenso wie im normalen Schulalltag mit Bewertungssituationen konfrontiert. Die schulischen Anspielungen werden allerdings stark verzerrt, da Alices Faktenwissen nicht überall geschätzt wird, selbst wenn es korrekt ist. Auf Alices altkluge Bemerkung über die Zeit, die die Erde zur Umdrehung der eigenen Achse braucht, reagiert die Herzogin wirsch: “Talking of axes, […], chop off her head!” (Carroll 1994: 71). Carroll nutzt viele Wortspiele - wie hier im Fall von “axis” und “axes” -, um Situationen, die an schulische Erziehung
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Arbeit zitieren:
Franziska Scholz, 2008, Nonsense in Lewis Carrolls 'Alice’s Adventures in Wonderland', München, GRIN Verlag GmbH
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