1 Einleitung
Spätestens seit Bastians Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ veröffentlicht wurde, „wissen“ die meisten Deutschen, dass der Genitiv langsam aber sicher vom Dativ verdrängt wird. Leider ist dieses „Wissen“ jedoch ein gefährliches Halbwissen, das in Wirklichkeit den einen oder anderen Fehler aufweist. Nicht jeder Genitiv ist gefährdet und nur bestimmte Funktionen des Genitivs können durch den Dativ ersetzt werden. Die folgende Arbeit soll über die Entwicklung der unterschiedlichen Funktionen des Genitivs im heutigen Deutsch aufklären und die verschiedenen Ersatzkonstruktionen vorstellen. Außerdem werden die Auswirkungen, welche der Genitiversatz auf die heutige Sprache hat, vorgestellt und erklärt, wobei sowohl syntaktische als auch semantische Veränderungen berücksichtigt werden.
Abschließend soll die Frage geklärt werden, ob Sick mit seiner Aussage „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ recht behält oder ob eine andere Schlussfolgerung gezogen werden muss. In diesem Zusammenhang werden einige Missstände in Sicks Kolumnensammlung aufgedeckt.
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2 Die verschiedenen Verwendungsarten des Genitivs
Genitiv ist nicht gleich Genitiv. Dieser Kasus findet sich in den unterschiedlichsten Funktionen wieder, in welchen er verschiedene Aufgaben zu erfüllen hat. Folgende Verwendungsarten des Genitivs werden im weiteren Verlauf dieser Arbeit behandelt: 1. Das Genitivattribut
Das Genitivattribut ist eine Substantivgruppe, die im Genitiv steht und von einem Substantiv abhängig ist, also Teil einer übergeordneten Substantivgruppe. Der Genitiv wird in dieser Verwendung auch als „Kasus der adnominalen Bestimmung“ beschrieben. 1 Er ist - zumindest in der
Schriftsprache - in dieser Verwendung auch heute noch sehr ausgeprägt. Beispiel: das Haus des Mannes 2. Der prädikative Genitiv / das Genitivobjekt Im Mittelhochdeutschen regierten noch um die 300 Verben den Genitiv, 2 heute hat sich die Anzahl der Genitivverben laut Abraham auf 40 reduziert, Sauter 3 geht sogar nur von 5 bis 8 Verben aus. Beispiel: einer Sache bedürfen 3. Der präpositionale Genitiv Genitiv, der durch eine Präposition regiert wird. Beispiel: trotz, innerhalb, wegen… 4. Adverbiale Genitivkonstruktionen
Hiervon gibt es nicht viele; sie sind Überreste älterer Sprachphasen oder starre Formen
Beispiel: meines Erachtens, stehenden Fußes… / abends, nachts…
1 Vgl. Willems (1997), S.188.
2 Vgl. Dürscheid (1999), S.34.
3 Vgl. Sauter (1998) S.181.
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Im Allgemeinen wird der Genitiv heutzutage hauptsächlich in der schriftlichen Standardsprache verwendet. Er wird oft als stilistisches Mittel wahrgenommen, das einen hohen Bildungsgrad oder eine gewisse Distanzhaltung symbolisiert. Sowohl aus den Dialekten als auch der mündlichen Standartsprache ist er Großteils verschwunden. Das deutet darauf hin, dass man Genitivkonstruktionen durch andere Konstruktionen ersetzen kann.
Im folgenden Kapitel werden die unterschiedlichen Funktionen des Genitivs einzeln untersucht, um herauszufinden, welche Ersatzkonstruktionen es gibt, welchen Regeln diese unterliegen und welche Auswirkungen dies auf die deutsche Sprache hat.
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3 Analyse der einzelnen Verwendungsarten
In Kapitel 2 wurden die verschiedenen Verwendungsarten des Genitivs kurz vorgestellt. Nun soll festgestellt werden, welche Arten des Genitivs tatsächlich „vom Aussterben bedroht“ sind und wie sie ersetzt werden können. 3.1. Das Genitivattribut
3.1.1 Definition
„Der attributive Genitiv ist ein Gliedteil, das die Form einer Substantivgruppe 4 im Genitiv hat und seinerseits von einem Substantiv abhängt.“ Das
Genitivattribut ist die einzige noch produktive Verwendung des Genitivs im heutigen Deutsch. Dieser Genitiv kennzeichnet sich dadurch, dass er direkt hinter die nominale Basis gesetzt werden muss und durch keine weitere Erweiterung von dieser getrennt sein darf. Die Bezüge, die das Genitivattribut mit seinem Bezugswort eingehen kann, sind vielfältig: Unter anderem kann er Besitz anzeigen (Genetivus possesivus), Eigenschaften hervorheben (Genetivus qualitatis) und Dinge näher erläutern (Genetivus explicativus). 5 Genitivattribute stehen meistens postnominal, in wenigen Ausnahmen ist auch eine pränominale Stellung vorzufinden. Dies ist allerdings nur dann möglich, wenn es sich um den Genitiv eines Namens handelt. Das vorangestellte Genitivattribut wirkt dann wie ein definiter Artikel. „Bilder Picassos bezeichnet ein Pluralobjekt, dessen Elemente
jeweils ein Bild Picassos sind, und das (normalerweise) mindestens
zwei Elemente enthält. Picassos Bilder dagegen bezeichnet die
6 Gesamtheit der Bilder Picassos […].“
3.1.2 Konkurrenzbildungen 1) Enge Apposition
Es gibt heute die Tendenz auf das Genitiv-S zu verzichten, das viele Genitivkonstruktionen kennzeichnet. Mit dieser geht der Trend einher, manche Erweiterungen der nominalen Basis, die eigentlich durch Genitive
4 Duden (1998), Kapitel 1175
5 Dies soll nur erwähnt sein um die Wichtigkeit des Genitivattributs zu verdeutlichen. Im weiteren
Verlauf dieser Arbeit wird auf die einzelnen Unterteilungen nicht weiter eingegangen. Vgl. dazu
Hentschel / Weydt (2003), S.171f.
6 Vgl. Ballweg (1998), S.163.
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Arbeit zitieren:
Anett Wittmann, 2009, Genitivabbau im heutigen Deutsch, München, GRIN Verlag GmbH
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