Spätestens seit Bastians Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ veröffentlicht wurde, „wissen“ die meisten Deutschen, dass der Genitiv langsam aber sicher vom Dativ verdrängt wird. Leider ist dieses „Wissen“ jedoch ein gefährliches Halbwissen, das in Wirklichkeit den einen oder anderen Fehler aufweist. Nicht jeder Genitiv ist gefährdet und nur bestimmte Funktionen des Genitivs können durch den Dativ ersetzt werden.
Die folgende Arbeit soll über die Entwicklung der unterschiedlichen Funktionen des Genitivs im heutigen Deutsch aufklären und die verschiedenen Ersatzkonstruktionen vorstellen. Außerdem werden die Auswirkungen, welche der Genitiversatz auf die heutige Sprache hat, vorgestellt und erklärt, wobei sowohl syntaktische als auch semantische Veränderungen berücksichtigt werden.
Abschließend soll die Frage geklärt werden, ob Sick mit seiner Aussage „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ recht behält oder ob eine andere Schlussfolgerung gezogen werden muss. In diesem Zusammenhang werden einige Missstände in Sicks Kolumnensammlung aufgedeckt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die verschiedenen Verwendungsarten des Genitivs
3 Analyse der einzelnen Verwendungsarten
3.1 Das Genitivattribut
3.1.1 Definition
3.1.2 Konkurrenzbildungen
3.1.3 Auswirkungen
3.2 Der prädikative Genitiv / das Genitivobjekt
3.2.1 Definition
3.2.2 Konkurrenzbildungen
3.2.3 Auswirkungen
3.3 Der präpositionale Genitiv
3.3.1 Definition
3.3.2 Ersatzkonstruktionen
3.3.3 Auswirkungen
3.4 Adverbiale Genitivkonstruktionen
3.4.1 Definition
3.4.2 Konkurrenzbildungen
3.4.3 Auswirkungen
4 Veränderungen in der Syntax
5 Veränderungen in der Semantik
6 Genitivschwund – Genitivabbau – Genitiverhalt?
7 Schluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung der verschiedenen Funktionen des Genitivs im heutigen Deutsch, analysiert gängige Ersatzkonstruktionen und bewertet die syntaktischen sowie semantischen Auswirkungen dieses Sprachwandels, um zu klären, ob der Genitiv tatsächlich vom Aussterben bedroht ist oder ob lediglich ein Abbau spezifischer Funktionen vorliegt.
- Analyse der vier Hauptverwendungsarten des Genitivs (Attribut, Objekt, präpositionaler Genitiv, Adverbialgenitiv).
- Untersuchung von Konkurrenzbildungen und Ersatzstrategien im heutigen Sprachgebrauch.
- Syntaktische und semantische Vergleichsanalyse zwischen Genitiv- und Dativkonstruktionen.
- Kritische Auseinandersetzung mit der populärwissenschaftlichen These zum "Genitivschwund".
Auszug aus dem Buch
3.1. Das Genitivattribut
„Der attributive Genitiv ist ein Gliedteil, das die Form einer Substantivgruppe im Genitiv hat und seinerseits von einem Substantiv abhängt.“ Das Genitivattribut ist die einzige noch produktive Verwendung des Genitivs im heutigen Deutsch. Dieser Genitiv kennzeichnet sich dadurch, dass er direkt hinter die nominale Basis gesetzt werden muss und durch keine weitere Erweiterung von dieser getrennt sein darf. Die Bezüge, die das Genitivattribut mit seinem Bezugswort eingehen kann, sind vielfältig: Unter anderem kann er Besitz anzeigen (Genetivus possesivus), Eigenschaften hervorheben (Genetivus qualitatis) und Dinge näher erläutern (Genetivus explicativus).
„Bilder Picassos bezeichnet ein Pluralobjekt, dessen Elemente jeweils ein Bild Picassos sind, und das (normalerweise) mindestens zwei Elemente enthält. Picassos Bilder dagegen bezeichnet die Gesamtheit der Bilder Picassos […].“
Genitivattribute stehen meistens postnominal, in wenigen Ausnahmen ist auch eine pränominale Stellung vorzufinden. Dies ist allerdings nur dann möglich, wenn es sich um den Genitiv eines Namens handelt. Das vorangestellte Genitivattribut wirkt dann wie ein definiter Artikel.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage bezüglich des angeblichen Genitivschwunds und Einordnung der Arbeit gegenüber populärwissenschaftlichen Ansätzen.
2 Die verschiedenen Verwendungsarten des Genitivs: Systematischer Überblick über die vier zentralen Funktionen des Genitivs in der deutschen Sprache.
3 Analyse der einzelnen Verwendungsarten: Detaillierte Untersuchung der Genitivfunktionen hinsichtlich ihrer Stabilität, Konkurrenzformen und zukünftigen Relevanz.
4 Veränderungen in der Syntax: Analyse der syntaktischen Vorzüge des Dativs gegenüber dem Genitiv bei der Erhebung zur Nominalphrase.
5 Veränderungen in der Semantik: Untersuchung der semantischen Bedeutungsunterschiede und Nuancen, die durch die Ersetzung des Genitivs entstehen.
6 Genitivschwund – Genitivabbau – Genitiverhalt?: Synthese der Ergebnisse zur Beantwortung der zentralen Forschungsfrage.
7 Schluss: Zusammenfassende kritische Reflexion des Sprachwandels und der Bedeutung korrekter linguistischer Einordnung.
Schlüsselwörter
Genitiv, Dativ, Sprachwandel, Genitivattribut, Genitivobjekt, Konkurrenzbildung, Ersatzkonstruktion, Syntax, Semantik, Genitivschwund, Genitivabbau, deutsche Grammatik, Bastian Sick, Sprachkritik, Kasus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung und der aktuellen Verwendung des Genitivs im Deutschen und hinterfragt die weit verbreitete These, dass dieser Kasus durch den Dativ verdrängt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder umfassen die Identifizierung verschiedener Genitivfunktionen, die Analyse von Ersatzkonstruktionen sowie die Bewertung syntaktischer und semantischer Veränderungen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den tatsächlichen Status des Genitivs zu bestimmen und zu klären, ob die Aussage „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ wissenschaftlich haltbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es erfolgt eine deskriptive linguistische Analyse, die auf grammatikalischen Grundlagen und Fachliteratur basiert, um die Funktionen des Genitivs und dessen Konkurrenzformen zu evaluieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der vier Genitiv-Unterarten sowie die Untersuchung der syntaktischen und semantischen Folgen, wenn Genitive durch Dative oder Präpositionalphrasen ersetzt werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie Genitivschwund, Sprachwandel, Dativ, Kasussystem und grammatikalische Funktionen charakterisieren.
Wie unterscheidet sich der "Genitivus Criminis" von anderen Formen?
Der Genitivus Criminis bezieht sich auf eine spezifische, heute meist auf feste Verbindungen oder juristische Kontexte beschränkte Rektion durch Verben des Beschuldigens oder Anklagens.
Welche Rolle spielt die Unterscheidung zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit?
Die Arbeit kritisiert die populäre Sprachkritik dafür, dass sie diese Unterschiede oft ignoriert und mündliche Ersatzformen vorschnell als falsch deklariert.
Warum bleibt das Genitivattribut laut Autor stabil?
Weil es die einzige noch produktive Form des Genitivs ist, die eine präzise adnominale Bestimmung ermöglicht, die durch andere Kasus nicht in gleicher Weise geleistet werden kann.
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- Anett Wittmann (Author), 2009, Genitivabbau im heutigen Deutsch, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134409