Einleitung
Bürger war man nie alleine!
Vor allem nicht in einer antiken Gemeinschaft wie Athen. Im Folgenden soll es daher um das Zusammenleben der Menschen solch einer Gemeinschaft gehen. Untersucht werden soll dabei unter der Fragestellung, was Athen zur einer Face-to-Face Society machte, wie Gemeinschaft in dieser griechischen Polis funktionierte und welche Bedingungen das Leben in einer solchen Gemeinschaft an seine Mitglieder stellte.
In erster Linie wird sich diese Untersuchung auf die klassische Zeit beschränken, jedoch nicht darum herum kommen, Wesenszüge der Athener Gemeinschaft aus ihrer archaischen Vorgeschichte heraus zu erklären und entsprechende Rückblicke vorzunehmen.
In einem ersten Schritt soll daher erst einmal Grundlegendes wie Informationen zu Siedlungsgröße, Siedlungsform und den Menschen noch einmal kurz verdeutlicht werden.
Der zweite Schritt greift schließlich auf die allgemeinen Informationen zurück und wird so das Prinzip der sozialen Kontrolle als wesentliches Element dieser Face-to-Face Society näher herausarbeiten und so zeigen, dass Athen zwangsläufig aus seinem politischen System heraus immer eine Gemeinschaft sein musste, in der man Face-to-Face
lebte.
Diese Abhandlung setzt sich somit zum Ziel, neben einem allgemeinen Überblick zum Leben der Athener in klassischer Zeit, auch eines der wichtigsten Wesensmerkmale dieser
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Gesellschaft näher auszuarbeiten und so das soziale System dieser Gesellschaft zu präsentieren. Sie wird sich dabei vor allem auf die aktuelle und umfassende Arbeit zur Nachbarschaftsforschung von Winfried Schmitz, als auch auf die zahlreichen Publikationen von David Cohen zur sozialen Kontrolle stützen.
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Leben und Gemeinschaft in Attika
Nachbarschaft & Dorfgemeinschaft
Das Leben der Athener darf man sich nicht beschränkt auf ein städtisches Zentrum mit kleinen umliegenden Bauernhöfen vorstellen. Vielmehr muss man ganz Attika als Teil des Stadtstaates Athen betrachten.
Ein Großteil der Bewohner war daher auch nicht in der Kernstadt Athens angesiedelt, sondern bewohnte die weiten Gebiete außerhalb. 1 Vorwiegend waren es nämlich auch noch
5. Und 4. Jh. v. Chr. die Bauern, die den größten Teil der
Bevölkerung ausmachten. Sie lebten dabei in unterschiedlich großen, geschlossenen Siedlungen und bewirtschafteten das Land. 2
Waren diese Siedlungen anfangs noch relativ klein und im Staatswesen politisch nur unzureichend berücksichtigt, gelangten diese kleinen Kommunen durch Kleisthenischen Reformen 3 schließlich zu eigener politischer
Bedeutung innerhalb der Polis.
1 Etwa zwei Drittel der Bewohner Attikas lebten außerhalb von Athen. Dies lässt sich daraus schließen, dass sich die Trittyen nominell gleichmäßig aus der Bevölkerung der Stadt-, Land- und Küstendemen zusammensetze vgl. Funke, Peter: Athen in klassischer Zeit, 2. Aufl., München 2003, S. 20.
2 Schmitz, Winfried: Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft im archaischen und klassischen Griechenland, Berlin 2004, S. 411f. 3 Die Kleisthenischen Reformen, datiert um 508/7, nahmen eine umfangreiche Neuordnung der Bürgerschaft vor. Die Einteilung in neue Stämme, den 10 Phylen und deren Unterteilung in den Trittýes bestehend aus den Regionen Stadt, Land und Küste, mischte die Bevölkerungsgruppen und sollten so den Einfluss der Aristokratie auf die Personenverbände brechen. Die Trittýes bestanden dabei aus
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Mit der Einrichtung der überlieferten 139 Demen schuf Kleisthenes so die kleinsten politischen Verwaltungsbezirke des Staates. Dabei fasste er jedoch nicht wahllos Gemeinden zusammen, sondern formte die neuen Demen aus bereits bestehenden Siedlungen. Dies erklärt vor allem auch, warum es sich nicht um gleichmäßig verteilte Bürgergruppen und Siedlungsbereiche handelt, sondern die Demen alle unterschiedlich groß ausfielen. 4
Wie groß nun ein repräsentativer Demos war, bzw. wie viele Bürger, das heißt männliche Vollbürger, dort wohnten ist daher schwer zu sagen. Peter Funke gibt für das 5. Jh. einen ungefähren Wert von 30000 Vollbürgern für ganz Athen an. Rechnet man dies gleichmäßig auf die 139 überlieferten Demen um, so ist in etwa mit 200 männlichen Vollbürgern in einem Demos zu rechnen, bzw. bei 150000 in ganz Athen lebenden Menschen, mit etwa tausend Menschen pro Demos. 5 mehreren Demen, welche die Grundlage des gesellschaftlichen Lebens bildeten. Jeder Bürger musste fortan einem Demos angehören und führte schließlich identitätsstiftend das Dêmotikón, also den Namen des Demos, als Namenszusatz in seinem eigenen Namen. (Rhodes: Peter J.: Art. Demokratia, in: DNP 6 (1999), Sp. 569 – 570), als auch Bleicken, Jochen: Die athenische Demokratie,
2. überarb. Aufl., Paderborn 1994, S. 38.
4 Kienast, Dietmar: Die Zahl der attischen Demen von Solon bis
Kleisthenes, in: Chriron 35 (2005), S. 496, als auch unterstützend Bleicken: Athenische Demokratie, S. 155 – 159.
5 Peter Funke als auch Jochen Bleicken geben diesen Wert für
Gesamtbevölkerung an. Hieraus lässt sich eine Idealverteilung auf die 139 überlieferten Demen vornehmen. Diese Gemeinschaften konnten in der Realität aber deutlich kleiner oder größer ausgefallen sein. Verdeutlicht werden soll mit diesem Zahlen lediglich, dass alleine im Idealzustand ein Demos nicht sehr groß war und es in
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Wie bereits oben erwähnt wohnten diese Menschen nicht gestreut in kleinen Gehöften verteilt über ganz Attika, sondern in festen – geschlossenen – Dorfgemeinschaften. 6
Die Menschen in diesen Dörfern lebten dabei Tür-an-Tür. Dies bot nicht nur Schutz vor Feinden und Dieben, sondern schuf auch ein enges Gemeinschaftsgefühl, das sich nicht zu letzt auch in der religiösen Kultausübung niederschlug. Man beging gemeinschaftlich die Feste und opferte zusammen. 7
In einer Welt, in der man auf diese Gemeinschaft angewiesen, bzw. fest in sie integriert war und schon seit Generationen dort lebte 8 , bildeten sich neben den
gemeinschaftlichen Aktivitäten auch einige Nebeneffekte heraus.
So war es in einem Demos, der nicht mehr 250 Haushalte umfasste kaum möglich etwas geheim zu halten. In einer Gemeinschaft, in der man im sprichwörtlichen Sinne Tür-an- Tür lebte wusste jeder über jeden Bescheid und das Prinzip diesen Gemeinden in der Tat möglich war, jeden zu kennen. Bevölkerungszahlen vgl. Funke, Peter: Athen in klassischer Zeit, 2. Aufl., Münschen 2003, S.18 und Bleicken, Jochen: Die athenische Demokratie, 2. überarb. Aufl, Paderborn 1994, S. 84f..
6 Schmitz nennt in diesem Zusammenhang aber genauso wie Funke:
Athen in klassischer Zeit, S. 18, dass Menschen durchaus auch in Einzelgehöften lebten. Schmitz verweist aber darauf, dass dies meist Höfe wohlhabenderer Menschen waren, die Zahl ab dem 5. Jh. aber anstieg vgl. Schmitz: Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft, S. 471.
7 Bleicken, Jochen: Die athenische Demokratie, 2 überarb. Aufl.,
Paderborn 1994, S. 154f.
8 Zumindest in den bäuerlich dominierten Demen war es meist noch
der Fall, dass die Demoten tatsächlich auch noch in dem Demos lebten, in dem sie auch gemeldet waren, während andere Personen, vor allem Handwerker und Politiker in der Stadt lebten vgl. Bleicken: Athenische Demokratie, S. 85.
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des Hören-Sagens verbreitete Neuigkeiten schnell im ganzen Dorf. 9
In einer solchen Gemeinschaft kannte jeder jeden. Vor allem die Älteren waren meist Bestens informiert. Sie wussten dabei nicht nur über aktuelle Geschehnisse bescheid, sondern kannten sich auch in den Stammbäumen aller Familien aus. Ihnen war es daher möglich, über Generationen hinweg, Dinge wie Familien-, Land- und Streitverhältnisse wiederzugeben. 10
Athen war somit eine Gesellschaft, die sich in kleineren Einheiten, den Demen, politisch und sozial organisierte. Dies führte vor allem dazu, dass man sich in diesen Siedlungseinheiten gut kannte, man lebte Tür an Tür, oder anders ausgedrückt, war es eine Gesellschaft von „face-to- face“. 11
Hilfe, Recht und Verwaltung
Diese face-to-face Gesellschaft beschränkte sich jedoch nicht auf gemeinschaftlichen Aktivitäten, sondern nutze vielmehr die intime Kenntnis ihrer Mitglieder über den jeweils anderen ganz praktisch – unter anderem auch im Sinne der Polis bzw. der staatlichen Institution.
Der Vorteil dieser Gesellschaftsform bestand im Zentralen darin, dass man in einer so eng verbundenen Gemeinschaft 9 Cohen, David: Law, sexuality and society. The enforcement of morals in classical Athens, Cambridge 1991, S. 89ff., als auch Winfried: Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft im archaischen und klassischen Griechenland, Berlin 2004, S. 428.
10 Schmitz: Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft, S. 433. 11 Cohen, David: Law, sexuality and society, S. 88.
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stets auf Hilfe hoffen konnte und nie völlig alleine da stand. Geholfen wurde dabei mit Saatgut, Geld und alltäglichen Gegenständen. 12
Aber auch in der Not wie zum Beispiel bei Missernten, Bränden und Überfällen zeigte sich die Gesellschaft solidarisch, wenn sich das Mitglied stets als ‚fleißig‘ und ‚ehrbar‘ erwiesen hatte. Die Gemeinschaft bot somit Schutz – nicht nur in lebensbedrohlichen Situationen wie während eines Einbruches – sondern vor allem auch dann, wenn die Existenz eines ihrer Mitglieder bedroht war und diese nicht selbst verschuldet hatte. 13
Ein weiterer mehr oder minder positiver Punkt, den diese Gesellschaftsform mit sich brachte, Rechtssprechung. In einer Gesellschaft, in der jeder jeden kannte und über jeden Bescheid wusste, waren Nachbarn gefragte Zeugen. Zum einen konnte das Gericht sich ein genaues Bild über die Lage machen, da es immer zu jeden Geschehnis Zeugen gab, zum anderen konnten aber auch Bürger Freunde und Anhänger für sich nutzen, um in einen Gerichtsverfahren gegen Gegner politisch zu agieren. 14
Bestand der Vorteil auch darin, dass immer Zeugen zur Verfügung standen, da immer jemand etwas wusste, bestand auf der anderen Seite aber auch die Gefahr, dass bei normengebundenen Aktionen, die von der Gemeinschaft toleriert wurden, dem Gesetz aber widersprachen, plötzlich 12 Schmitz: Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft, S. 424ff. 13 Schmitz, Winfried: Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft im archaischen und klassischen Griechenland, Berlin 2004, S. 76f. 14 Schmitz: Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft, S. 426ff.
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niemand mehr etwas gesehen haben wollte. 15 Somit findet
sich auch in der Funktion ein erneuter Schutzmechanismus der Gemeinde für seine Mitglieder.
Ein letzter Punkt dieser Gesellschaftsform, der hier kurz erläutert werden soll, ist das Prinzip der Verwaltung. In den Demen wurden standardgemäß die Bürgerlisten geführt. Ein jeder wusste, auch wenn er bereits in einem anderen Demos lebte, wo er ursprünglich herkam und hingehörte. Auf der anderen Seite wusste aber auch ein jeder im Demos über einen Bescheid. Sicher nicht so gut, als wenn er im selben Demos wohnen würde, gut genug jedoch um zu wissen, dass diese Person existierte und wo sie lebte. So war es zum Beispiel nicht leicht, sich einfach vor der Aushebung für militärische Dienste zu drücken, und auch in Fragen des Bürgerrechts war die intime Kenntnis der Demenmitglieder von großem Wert. 16
Unterschied zwischen Stadt & Land
Nicht jeder Demos bestand nun aus rein ländlichen Strukturen. Seit dem 5. Jh. entwickelten sich so in einigen Demen städtische Zentren. 17 Mit ihnen hat sich nicht nur das 15 Schmitz: Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft, S. 439ff. 16 nach Bleicken, Jochen: Die athenische Demokratie, 2. überarb. Aufl., Paderborn 1994, S. 158, wurden zwei Bürgerlisten in den Demen geführt. In die erste wurde man mit 18 Jahren als Bürger eigentragen, besaß aber noch nicht das Recht zu Volksversammlung zu gehen, dieses wurde einem jungen Mann erst nach der Ableistung eines 2-jährigen Kriegsdienstes gestattet und wurde quasi dann erst in die Liste vollwertigen Bürger eingetragen.
17 Funke, Peter: Athen in klassischer Zeit, 2. Aufl., Münschen 2003, S. 18.
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Bild des Dorfes gewandelt, sondern sich auch zwei weitere Dinge verändert: Handwerker und Händler eroberten langsam diese Zentren und verdrängten neben den Bauern, als wichtigste und vorherrschende ‚Klasse‘ auch ihre gesellschaftlichen Vorstellungen. 18
In der Stadt Athen, als auch in den städtischen Zentren der Demen wandelte sich die Lebensart der dort wohnenden Menschen.
Überdauerten in den ländlichen Demen die alten Traditionen und Normen, der Wert des Nachbarschaftlichen Verhältnisses und der Gemeinschaftssinn, änderte sich dies nun in den städtischen Demen.
Hier wurde die Nachbarschaft nicht mehr so groß geschrieben wie auf dem Land, vielmehr versuchte man eine Distanz zwischen sich und seinem Nachbarn zu schaffen, oder aber ganz gegenteilig, man baute eine feste Freundschaft zu ihm auf. Einen gemeinschaftlichen Sinn wie in den bäuerlichen Dörfern pflegte man aber nicht mehr. 19
Überhaupt begann man in der Stadt kritisch über die Bauern und ihr Wesen zu denken. Vor allem die Komödien des 5. Jh. des Aristophanes greifen diese Thematik auf. Ein klares Stadt- Land-Gefälle wird in dieser Zeit erkennbar. 20 18 Schmitz, Winfried: Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft im archaischen und klassischen Griechenland, Berlin 2004, S. 433f. 19 Schmitz: Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft, S. 420f. und S. 464.
20 z.B.: Aristophanes: Die Wolken, 1. Szene, übers. von Ludwig Seeger, Berlin 1987.
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Die Komödien zeigen aber gleichzeitig auch, dass etwas den Wandel von der bäuerlichen zur städtischen Gesellschaft überlebt hat.
Weiter leben die Menschen Tür-an-Tür und auch wenn man keinen direkten Kontakt zu seinen Nachbarn sucht und nicht mehr ‚per Du‘ mit ihnen ist, bleibt doch für einen Bewohner interessant, wie es um diesen anderen steht.
Auch in der Stadt, oder gerade hier, wo man nicht mehr jeden direkt kennt und sieht, verbreiten sich Neuigkeiten durch das Hören-Sagen und Gerede ließ die Bürger über ihre Mitmenschen vermuten und diskutieren. Weiterhin gab es auch hier dichte Netze von ‚Wissenden‘. Waren die Gemeinschaften auch größer geworden, wusste dennoch immer jemand über den anderen Bescheid. 21 21 Cohen , David: Law, sexuality and society. The enforcement of morals in classical Athens, Cambridge 1991, S. 89ff., als auch Schmitz, Winfried: Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft im archaischen und klassischen Griechenland, Berlin 2004, S. 414f.
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Soziale Kontrolle
Normen, Sanktionen & Rügebräuche
Dieses ‚über jeden Bescheid wissen‘ bzw. wissen zu müssen, entstand aus einer Reihe von Normen heraus. In einer Zeit in der kodifiziertes Recht noch nicht bei den Dorfgemeinschaften in Gebrauch war und das Überleben der Gemeinschaft stark durch die Tatkraft jedes einzelnen Mitglieds bestimmt war, haben die Menschen einen ungeschriebenen Verhaltenskodex entwickelt. Er sorgte dafür, dass die Gemeinschaft funktionierte, seinen Mitgliedern gegen außenstehende und auch gegen sich selbst Schutz fanden, sowie dafür sorgte, dass ein gemeinschaftliches Leben überhaupt möglich wurde und nicht alles in Anarchie versank. 22
Diese Normen regelten das gesellschaftliche Leben, was aber nicht hieß, dass sich auch jeder daran hielt. Ohne nun groß diese Normen zu benennen, seien an dieser Stelle stellvertretend zwei genannt: Fleiß und ‚Arbeitsamkeit‘ gehörten zu den höchsten Tugenden und zeugten von hoher Ehre. Wer sich abmühte und versuchte sein Bestens zu geben wurde von der Gesellschaft mit Ansehen honoriert. Auch wer es schaffte sittsames und den Normen entsprechend seinen 22 Der Aufsatz von Jon Elster „Norms, Emotions and Social Controll“ beschreibt dabei die Art und Weise wie Normen und Sanktionen als zentrale Komponenten der sozialen Kontrolle funktionieren. Des weiteren zeigt er grundlegend auf, das Normen in den Menschen tief verwurzelte Verhaltensselbstverständlichkeiten sind, die schließlich durch Emotionen in Reaktion geraten. Vgl. Elster, Jon: Norms, Emotions and Social Control“, in: David Cohen (Hrsg.), Demokratie, Recht und soziale Kontrolle im klassischen Athen, München 2002, S. 1 – 5.
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Haushalt zu führen, erhielt dafür Anerkennung und brauchte sich nicht vor der Gemeinschaft zu fürchten. 23
Anders sah es bei denen aus, die den Mitmenschen des Dorfes dazu Anlass gaben – ob nun berechtigt oder nicht – über jemanden zu denken, nicht korrekt seiner Arbeit nachzugehen. Nicht nur sein eigenes ‚Brot‘ geriet aus Sicht der Gemeinde dadurch in Gefahr, auch für die Dorfgemeinschaft selbst entstand Gefahr, da zum einen dieser Person im Notfall geholfen werden musste, zum anderen diese Person selber aber im Notfall niemanden anders helfen können würde. 24
Es war also von größter Wichtigkeit für diese archaische Gesellschaft über seine Nachbarn Bescheid zu wissen. Dabei ging es um harte Fakten, wo nichts verschwiegen werden durfte und wo es in jedem Fall alles mitzuteilen gab. Freundschaftliche Beziehungen zwischen den Nachbarn wurden daher auch von den Normen nicht ohne Grund beargwöhnt. Wer ‚verpetzte‘ auch schon einen Freund? Letzten Endes war es aber vor allem wichtig, zu Wissen was im Dorf und vor allem nebenan passierte und nicht selten wurde dieses Wissen von den Frauen weitergebeben. 25 23 Schmitz belegt dies in seinem Buch „Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft“ mit diversen Hesiod-Zitaten, so unter anderem auf S. 74 – 76.
24 Schmitz, Winfried: Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft im archaischen und klassischen Griechenland, Berlin 2004, S. 74 – 76. 25 Schmitz stellt in seiner Arbeit an mehren Stellen die Kommunikation der Frauen heraus. Er merkt dabei auch, dass diese Kommunikation oft von den Männern beargwöhnt wird und das sie fürchten auch Geheimnisse des eigenen Hauses weiterzugeben vgl.
13
Sanktionen waren schließlich die Folge.
In einer Gesellschaft, in der jeder auf den anderen angewiesen war, in der es Regeln gab, um die innerdörfliche Ordnung aufrecht zu erhalten, musste im Notfall auch entsprechend gehandelt werden.
Die wichtigste Waffe gegen das Nichteinhalten dieser Normen war zweifellos das Mittel von Gespött und Gerede. 26
Das dies signifikant für eine Face-to-Face Gesellschaft und ihr Funktionieren ist, wird diese spezielle Rüge im Folgenden noch ausführlicher behandelt werden. 27 Dargestellt werden
sollen an dieser Stelle auch weniger die einzelnen Sanktionen selbst, als viel mehr ihre gesellschaftliche Funktion.
So sahen diese Rügebräuche 28 in erster Linie vor, dass
dasjenige Mitglied, welches sich eines Normenbruches schuldig gemacht hatte, zurecht gewiesen wurde, um so ein Exempel zu statuieren und dafür zu sorgen, dass sich alle anderen an diese ungeschriebenen Regeln hielten.
Es war nicht nur eine Frage der Ehre, sondern eine Frage des Überlebens. Man sah das Zuwiderhandeln gegen diese allgemein anerkannten Regeln als Bedrohung an und wenn zum Beispiel ein Mann in seinem Haus nicht für Ordnung Schmitz: Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft, S. 92, als auch S.417 und S. 454.
26 Schmitz: Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft, S. 100ff. 27 Cohen, David: Law, sexuality and society, S. 51.
28 Rügebräuche wurden in einem gesellschaftlichen Akt von der Gemeinde vollzogen. In ihren verschiedenen Formen dienten sie vor allem dazu die Ordnung im Dorf zu bewahren und dem zu Bestrafenden offiziell das wichtigste zu nehmen, was er besaß: seine Ehre vgl. Schmitz: Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft, S. 401 – 405.
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sorgen konnte, dann war es die Pflicht der Gemeinschaft selbst Hand anzulegen. Dabei bediente sich die Gemeinschaft einem Pool von Sanktionen die vom einfachen, aber für die Ehre vernichtenden Gerede bis hin zum Charivari und der Körperverletzung reichten.
Face-to-Face in einer Gesellschaft zu leben bedeutete also nicht nur, dass man einander gut kannte und das ganze Dorf über intime Details Bescheid wusste, sondern auch, dass das Dorf dieses Wissen zum Schutz der Ordnung und seiner Mitglieder nutzen musste. Eine Face-to-Face Gesellschaft bot einen unglaublichen Schutz, konnte einem Individuum aber auch sehr gefährlich werden, wenn sich das Kollektiv gegen einen verschwor. Somit kann man eine Face-to-Face Society auch als eine kollektiv funktionierende Gesellschaft bezeichnen.
In der klassischen Zeit änderte sich dies. Die bekannten Normen wurden vor allem in den städtischen Zentren in den Hintergrund gedrängt, während sie in den bäuerlichen Gemeinschaften noch an Wert behielten. Dennoch lag auch dort in der Einhaltung der gesellschaftlichen Norm nicht mehr das Überleben der Gemeinde. 29
Familie, Verwandtschaft und Freundschaften traten an die Stelle des Gemeinwohls. Es entstand eine Distanz zwischen Nachbar und Nachbar.
Der Rechtsstaat, seine Gesetze und Anforderungen traten an die Stelle des normenbasierten Kollektivs, dies 29 Schmitz, Winfried: Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft im archaischen und klassischen Griechenland, Berlin 2004, u.a. S. 466 und S. 482.
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selbstverständlich in den städtischen Gebieten deutlich stärker als in den Bauern-Siedlungen, aber auch dort änderte sich die Ausrichtung des Lebens. 30
Geblieben ist neben einer verminderten Einhaltungen der Normen jedoch die Wachsamkeit der Bürger und mit ihr eine wichtige gesellschaftliche Kontrollfunktion. 31
Gespött & Gerede, Klatsch & Tratsch
Es änderte sich schließlich auch in der klassischen Zeit nichts an dem Umstand, dass man als Einwohner eines Demos mit seinen Nachbarn quasi Tür an Tür lebte. Auch wenn man eine Distanz zu ihm suchte, hieß das nicht, dass man sich nicht trotzdem für das Leben bzw. für die Lebensführung seines Nachbarn interessierte.
Als bestes Beispiel sei hier die Erzählung Plutarchs über Aristeides genannt: so wird in der Gemeinschaft über einen angesehenen Mann geredet, der nicht arm war, aber dennoch nur in einem alten schmutzigen Mantel herumlief. Es wird darüber gespottet, dass die Familie den alten Mann obwohl sie reich genug ist, nicht unterstützt und vielleicht sogar verhungern lässt. 32
Gespött, Gerede, Klatsch und Tratsch waren nicht nur Mittel zur Anprangerung von normenwidrigen Verhalten in der 30 Winfried Schmitz beschreibt auch hier einen Wandel, der alleine schon dadurch einher geht, dass es zu emotionalen Nachbarschaftsverhältnissen kam vgl. S. 469.
31 Cohen, David: Law, sexuality and society. The enforcement of morals in classical Athens, Cambridge 1991, S. 48f. und 89 - 91 32 Plutarch, Aristeides I, Kap. 25, 27, übers. von Konrat Ziegler, Zürich 1954.
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archaischen Gesellschaft. Auch im klassischen Athen macht man von ihr Gebrauch. 33
Geredet wurde dabei über alles was sich nicht gehörte und der Gesellschaft und ihren jetzigen Verhaltenskodex widersprach. Doch Spott und Gerede ließen sich nun ebenfalls als politische Waffe gebrauchen. Musste man in archaischer Zeit noch fürchten, selbst durch sein Gerede zum Gegenstand anderer Leute Gespött zu werden, bot sich in klassischer Zeit hiermit die Möglichkeit gegen unliebsame Nachbarn und Gegner jeglicher Art in der Gesellschaft vorzugehen.
Spott und Gerede konnten politische Karrieren beenden, sie konnten die Ehre ganzer Familien zerstören und Menschen sogar das Bürgerrecht kosten. 34
Folglich war es auch ebenso wie in archaische Zeit ein für jeden Menschen gefährliches Instrument. Es galt zum einen, der Gesellschaft keinen Anlass dazu zu bieten überhaupt über jemanden zu reden, zum anderen musste man selber aber auch immer auf dem laufenden sein, sei es zum eigenen Schutz, aus purer Neugierde, als auch um Rechtsverstöße gegen den Staat zu erkennen und ein Fehlverhalten anprangern zu können.
Das Motiv hinter dem Gespött und Gerede mag sich mit den Normen verändert haben, dennoch ist es als ein wichtiges und repräsentatives Element einer Gesellschaft, in der es 33 Schmitz, Winfried: Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft im archaischen und klassischen Griechenland, Berlin 2004, S. 432. 34 Schmitz: Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft, S. 457.
17
keine wirkliche Privatsphäre 35 gab und man sich Rang und
Ansehen in der Öffentlichkeit erwarb, in Gebrauch geblieben. 36
Der Bürger als Spion
Dieses Prinzip der gegenseitigen Überwachung wird als „Soziale Kontrolle“ bezeichnet. 37
Was einst in seiner Funktion dem Schutz und dem Überleben der Gemeinschaft diente, wurde so mit der Zeit zu einem informellen Kontrollorgan des Staates. 38 Nicht das der Staat
die Kontrolle in Form direkter Beeinflussung und Überwachung ausübte, vielmehr war es eine Selbstkontrolle der Bürger sich selbst gegenüber. Staatliche Kontrolle blieb es dabei dennoch im wörtliche Sinne: Demokratie. 39
35 Cohen, David: Law, sexuality and society. The enforcement of
morals in classical Athens, Cambridge 1991, S. 66 als auch Schmitz: Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft, S. 484ff.
36 Ehre war der entscheidende Punkt, der die Stellung in der
Gemeinschaft und den Rang in eben dieser ausmachte, entsprechend Cohen: Law, sexuality and society, S. 56 – 59 und 97.
37 Cohen: Law, sexuality and society, S. 49 – 52 und S. 90.
38 Der Staat verfügte über keine Polizei, ermittelnde Staatsanwälte
und dergleichen und war so auf den ‚Papparazzi‘ im Nachbarhaus angewiesen vgl. Bleicken, Jochen: Die athenische Demokratie, 2. überarb. Aufl., Paderborn 1994, S. 327.
39 Demokratie bedeutet schließlich nichts anderes als das die Macht
bei der Masse liegt. Ein jeder Bürger ist gleichberechtigt und hat zumindest theoretisch (die Ärmsten waren ausgeschlossen) die Möglichkeit politisch aktiv zu werden und diese Macht als Teil der Volksversammlung auszuüben. Jeder Bürger war somit auch gleichzeitig politisch Verantwortlicher. (Rhodes: Peter J.: Art. Demokratia, in: DNP 3 (1997), Sp. 452 – 455).
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In einem Staat in der die wichtigste Institution der Bürger selbst war, war es nur nachvollziehbar, dass er auch die Kontrolle über sich übernahm.
Er sorgte – nicht selten in seinem eigenen Interesse 40 – dafür,
dass die staatliche Ordnung gewahrt blieb, das es keine Verstöße gegen die gesellschaftlichen Normen gab und auch das Geheimnisse zu keiner Bedrohung wurden.
Diese soziale Kontrolle war jedoch nur durch die genaue Kenntnis aller Vorgänge in der Nachbarschaft möglich. Man musste Bescheid wissen um handeln zu können.
Der Bürger als Spion entlarvte dabei Ehebruch, Betrug und sogar erschlichenes Bürgerrecht, war aber ebenfalls dazu in der Lage durch gestreute Gerüchte und Gerede Existenzen zu vernichten. 41
Ausblick: politische Karriere
So war genau dies auch ein Problem für an politischer Macht interessierte Bürger. Angefangen mit dem Demarchos 42 als
obersten Beamten des Demos war es nicht leicht zwischen staatlichem Gesetz und dem Druck durch die soziale Kontrolle 40 Schmitz: Winfried: Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft im archaischen und klassischen Griechenland, Berlin 2004, S. 427 41 entsprechend der von Winfried Schmitz wiedergegebenen Gerichtsreden so zum Beispiel S. 427ff. und S. 460f.
42 Der Demarchos war in Athen der höchste Amtsträger eines jeden Demos. Er führte den Vorsitz der Demenversammlung, kümmerte sich um den Einzug der Steuern und sonstige finanzielle und gerichtliche Angelegenheiten, sowie um religiöse Aufgaben als auch die Führung der Ruderlisten. Sein Amtsjahr wurde im Demos unter anderem auch als Datierungsgrundlage zusätzlich zum Archontenjahr genutzt. (Rhodes: Peter J.: Art. Demarchos, in: DNP 3 (1997), Sp. 418 – 419).
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zu leben. Vor allem dem Demarchos wird dieses schwer gefallen sein. Auf der einen Seite war er als Repräsentant des Demos diesem verpflichtet und musste sich somit auch seinen Normen unterordnen, was ihn zum Teil seine Neutralität absprach, zum anderen musste er aber genügend Neutralität bewahren, um den Dienst im Staat korrekt auszuführen, was ihm nicht selten Feinde in der eigenen Gemeinschaft schuf. 43
Doch auch in der ‚großen Politik‘ beeinflusste die soziale Kontrolle bzw. in erster Linie das Gerede das Geschehen. Kam es zum Ostrakismos 44 zählte das Hören-Sagen mehr als
Tausend gute Taten, wenn einem nur ein schlechter Ruf anhing.
So findet man bei Plutarch die Szene von Themistokles und Aristides überliefert, in der schließlich Aristides in die Verbannung geschickt wird.
Kurzum: wer politisch aktiv wurde musste es verstehen mit dem Apparat der sozialen Kontrolle umgehen zu können. 43 Schmitz, Winfried: Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft im archaischen und klassischen Griechenland, Berlin 2004, S. 459 und 462.
44 Ostraka sind ein in der Forschung immer noch diskutiertes Thema, da weiter nicht ganz klar ist, wozu eine Gesellschaft wie die der Athener etwas derartiges wie ein Ostrakismos nutzte. Unter anderem geht man heute davon aus, dass ein Ostrakismos unter anderem ein Mittel war, politische Gegner vor allem, wenn es um die Wahl der Archonten ging, ausschalten zu können. Vgl. Brenne, Stefan: Ostrakismos und Prominenz in Athen. Attische Brüger des 5. Jhs. v. Chr. auf den Ostraka, Wien 2001, S. 24 – 26.
20
Schluss
Athen, als einen kleinbürgerlichen Überwachungsstaat zu bezeichnen mag vielleicht ein wenig zu weit gehen. Zumindest im modernen Verständnis. Es war kein festes staatliches und institutionelles Gebilde, welches umfassend seine Bürger bespitzelte bzw. seine Bürger dazu anhielt, es war viel mehr eine, aus der archaischen Zeit heraus entstandene Notwendigkeit zum Schutz der Gemeinde, welche als gesellschaftliche Eigenart der Athener in klassischer Zeit überdauerte und dort schließlich seine neue, ‚staatliche‘ Funktion übernahm.
Weder Polizei, noch Staatsanwälte sicherten den politischen Apparat und das gesellschaftliche Leben in klassischer Zeit. Die Polis war somit auf den, je nachdem wie man es nennen mag, ‚Paparazzi‘ oder ‚Voyeur‘ im Nachbarhaus angewiesen. Der Bürger wurde somit, wie schon oben beschrieben, zu einem Spion der die Vergehen seiner Mitmenschen enttarnte. Und auch wenn er vielleicht nur nach eigenen Motiven und Interessen handelte, erwies er auf diese Weise auch der Polis einen guten Dienst.
Athen blieb also trotz seiner Größe durch die politische Untergliederung in die Verwaltungsbezirke der Demen und der in ihnen herrschenden sozialen Kontrolle eine Face-to- Face Gesellschaft in der jeder jeden kannte… und jeder auf jeden aufpasste.
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Quote paper:
Liam Hopewell, 2007, Athen, ein kleinbürgerlicher Überwachungsstaat, Munich, GRIN Publishing GmbH
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