Inhaltsverzeichnis
1. Der unpolitische Politiker 3
2. Politische Gegner Masaryks 4
3. Gründung der Auslandsaktion 6
4. Werben um die Westmächte 8
5. Aufbau der Armee 10
6. Gründung der Tschechoslowakei 12
7. Zum Schluss 14
8. Literaturangaben 15
2
1. Der unpolitische Politiker
Kaum einem tschechischen Politiker ist wohl soviel Ehre zu Teil geworden wie Thomas Garrigue Masaryk. Die wohl wichtigste Grundlage dafür legte er mit seiner politischen Arbeit in der Zeit des Ersten Weltkrieges. Zuvor Abgeordneter im Wiener Parlament, stieg Masaryk während des Krieges zum führenden Kopf der tschechischen Auslandsaktion und später zum Präsidenten der neu gegründeten Tschechoslowakischen Republik auf. Die Politik Masaryks während dieser Zeit soll deshalb Thema meiner Hausarbeit sein. Dabei soll nicht auf jeden einzelnen diplomatischen Winkelzug eingegangen werden; dies ist auch keine kleine tschechoslowakische Geschichte. Vielmehr geht es darum, die Grundmuster, Methoden und Motive von Masaryks Politik herauszuarbeiten.
Über Masaryk ist schon viel geschrieben worden. Umso erstaunlicher ist, dass sich zwar Unmengen von Literatur über Masaryks Philosophie, sowie sein Wirken vor und nach dem Weltkrieg finden lassen, es aber an Veröffentlichungen, die sein Wirken in der Zeit des Ersten Weltkrieges konkret behandeln, mangelt. Die einzige, wirklich ergiebige Quelle stammt von Masaryk selbst: in der „Weltrevolution“ befasste er sich ausgiebig mit den Geschehnissen während des Krieges.
Dessen Ausbruch bot ihm die Gelegenheit, sich gegen Österreich-Ungarn zu wenden: „Ich war entschlossen, und zwar endgültig: die Opposition gegen Österreich musste Wirklichkeit werden, ernst, auf Leben und Tod - dazu drängte die Weltsituation.“ 1 In den Jahren vor dem Kriege war Masaryk zur Überzeugung gelangt, dass die Doppelmonarchie von Grund auf weder zukunftsfähig noch reformierbar sei. Seine Ansicht fand er in zahlreichen Affären der Wiener Politik bestätigt, sowie in der „Oberflächlichkeit und Schlechtigkeit“ der Machtpolitik des Kaiserreichs auf dem Balkan. Österreich sei „moralisch zusammengebrochen“ und stehe vor dem „unabwendbaren Untergang“. 2
Er hoffte deshalb auf eine Zerschlagung Österreich-Ungarns und die Gründung einer eigenständigen tschechoslowakischen Republik. Dieses Ziel verfolgte Masaryk mit seiner Politik während des Krieges. 3 Ihm ging es um „demokratische
1 Masaryk, T.G.: Die Weltrevolution. Erich Reiss Verlag Berlin 1925
(Im folgenden durch „Weltr.“ abgekürzt), S. 4
2 Weltr. S. 2f
3 siehe 2
3
Selbstverwaltung“, „Entmilitarisierung“ und „Entfeudalisierung“. 4 Dazu gehörte für ihn nicht nur eine Reform der Verfassung, sondern eine des gesamten Gemeinwesens: „Ich empfand meinen Kampf als Widerstand gegen die politische und kulturelle Abgeschlossenheit, Rückständigkeit und Krähwinkelei“. In kultureller Hinsicht wollte er das Volk beispielsweise „entösterreichern“. Masaryks Politik beschränkte sich also nicht auf traditionelle Politikfelder. Er nannte sie deshalb auch „unpolitisch“. 5 Der neue Staat sollte alle „historischen Länder“ umfassen, also Böhmen, Mähren und Österreich-Schlesien. 6 Zudem bezog Masaryk ganz selbstverständlich die Slowakei ein. Immerhin sei er slowakischer Herkunft und kenne das Land aus vielen Besuchen gut. Im Wesentlichen trieben ihn aber wirtschaftliche Motive. 7
Innerhalb Österreich-Ungarns hielt Masaryk Opposition oder gar bewaffneten Widerstand für unmöglich, wenn nicht kontraproduktiv. Er wollte seinen Kampf deshalb aus dem Ausland organisieren. 8 Seine ganze Hoffnung richtete sich dabei auf die Westmächte, von denen er glaubte, dass sie fähig seien den Krieg zu gewinnen. 9 Deren Öffentlichkeit suchte Masaryk mit einer ungeheuren publizistischen Tätigkeit hinter sich zu bringen. Schon vor dem Kriege hatte er sich durch die Aufklärung und Veröffentlichung einiger Skandale der österreichischen Administration hervorgetan. Solche Erfahrungen kamen ihm nun, zusammen mit denen, die er als Autor und Herausgeber 10 gesammelt hatte, zugute. Mindestens ebenso wichtig für seine Politik waren aber Beziehungen, die er im Laufe der Jahre geschlossen hatte.
2. Politische Gegner Masaryks
Demokratisch legitimiert war das Handeln Masaryks zumindest in der Gründungsphase seiner Auslandsaktion nicht. Er hatte sich lediglich der mündlichen Zustimmung einiger Abgeordneten versichert. 11 Das ist umso bemerkenswerter, als er bald den Anspruch erhob, die Maßnahmen der Auslandsaktion anzuführen und zu
4 Löwenstein, Bedrich: Der unpolitische Politiker Thomas G. Masaryk, In: Bohemia 42/1:2000 S. 12
5 Weltr. S. 30
6 Hoensch, Jörg K.: Geschichte der Tschechoslowakei, Stuttgart 1992 S.93, 98
7 Weltr. S. 23
8 Weltr. S. 4 unten
9 Weltr. Kapitel 3
10 u.a. der Zeitschriften Athenaeum und Cas
11 Weltr. S. 9 Ende Kapitel 2
4
koordinieren. Es war vor allem die Gruppe der Realisten, 12 die seinen politischen Kurs stützte. Das einfache Volk stand den politischen Gedankenspielen ihrer Führer weitgehend gleichgültig gegenüber. 13 In der Elite hatten sich hingegen vor allem zwei Denkrichtungen durchgesetzt: Zum einen hoffte man auf Russland. In der dortigen Führung hatte sich der Neoslawismus etabliert, in dem nationale Freiheit für alle slawischen Völker gefordert wurde. Dies war mit ein Grund für den Kriegseintritt des Landes. Die Kriegsziele umfassten auch eine Befreiung Böhmens. Österreich-Ungarn müsse „zerstückelt werden.“ 14 In Tschechien rechnete man mit einem baldigen Einmarsch der Russen und hoffte so zu Unabhängigkeit zu gelangen. Im Gespräch waren sowohl eine Eingliederung in die Russische Föderation, als auch ein unabhängiger tschechischer Staat mit starker Orientierung nach Moskau. 15 Masaryk kannte Russland aus zahlreichen Reisen und hatte Zweifel an der Stärke der russischen Armee und der politischen Führung. Das Land sei auf einen Krieg schlecht vorbereitet, die Soldaten so schlecht ausgestattet, dass sie sich „bald gegen die Deutschen mit Stöcken und Steinen verteidigen“ müssten. Davon abgesehen, würde Russland wohl kaum für demokratische Verhältnisse sorgen und Masaryk bezweifelte auch den Willen des Zaren, den eroberten Gebieten wirkliche Unabhängigkeit zu gewähren. Zudem seien die russischen Pläne schlicht unfertig und nicht durchdacht. 16 Andere tschechische Politiker wollten Österreich-Ungarn erhalten, um so einen Schutz gegenüber deutschen und russischen Machtansprüchen zu gewährleisten. 17 Das Reich sollte demokratisiert und in ein föderales System umgewandelt werden. Alle Reformenversuche scheiterten aber an den unterschiedlichen Vorstellungen der Beteiligten. Trotzdem wurde der Gedanke auch während des Krieges weiterverfolgt. Noch 1917 forderten die im „Tschechischen Verband“ zusammengeschlossenen Reichsratsabgeordneten „die Umgestaltung der Monarchie in einen Bundesstaat freier gleichberechtigter Nationalstaaten“ und ließen hierfür Entwürfe ausarbeiten. Die tschechische Auslandsaktion unter Masaryk machte jedoch ihren Einfluss geltend und sorgte dafür, dass die Entwürfe nie in die Beratungen eingebracht wurden: „Kein
12 Die Bewegung hatte Masaryk 1889 zusammen mit Freunden gegründet. Ihre Mitglieder kamen aus
dem Bereich der Hochschulen. Ziel war, die Gesellschaft auf rationaler Ebene zu beurteilen und zu
beeinflussen. Siehe Hain, Radan: Staatstheorie und Staatsrecht in T.G. Masaryks Ideenwelt, Zürich
1999, S. 27f
13 Hoensch: Geschichte der Tschechoslowakei, S. 116 oben
14 Hölzle, Erwin: Russland und die Entstehung der Tschechoslowakei. In: Bohemia 41/2:2000 S. 2,3
15 Weltr. S. 15
16 Weltr. Kapitel 4 und 5
17 Machovec, Milan: Thomas G. Masaryk. Verlag Styria Graz 1969, S. 11f
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Arbeit zitieren:
Christian Oberfell, 2003, Die Politik Masaryks während des Ersten Weltkrieges, München, GRIN Verlag GmbH
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