SE Theorien der Sexualität, WS 2005/2006 SADE: Philosophie dans le boudoir
Vivian Gjurin
1. Umgang mit Sade
Wie soll man Sade lesen? Wenn man ihn als pornographischen Autor liest, bringt man sich um die Philosophie, die man in dieser Form der rohen Klarheit nicht bald findet. Wenn man ihn als reinen Philosophen liest, bringt man sich um das Vergnügen der Erregung. 1 Eine gelungene Lektüre Sades zwingt den Leser die eigenen Konstruktvorstellungen von Sex, Gott und der Welt so weit abzuschalten, dass man die seinigen annehmen kann, und sich somit frei von Angst in Sades Welt bewegen kann.
Es stellt sich die Frage, was denn das neuartig Bedrohende bei Sades Werk ist, wo doch Gilde (Homosexualität mit Minderjährigen), Proust (Masochismus), Cholderlos de Laclos (Les Liasons dangereuses), Diderot (La Religieuse) Tabus in ihrem Werk verwendeten. Zum Gerichtsverfahren 1956- Staat gegen Jean Jaques Pauvert- Der Fall Sade/ Prozess vom 15. Dezember 1956 vor der 17. Strafkammer in Paris- schreibt Jean Cocteau den Brief: Sade ist ein Philosoph und auf seine Weise ein Moralist. Ihn anzugreifen wäre, als wollte man den Jean-
Jaques der Confessions angreifen. Er ist langweilig, sein stil ist schwach, und er verdankt seinen ganzen
Wert den Vorwürfen, die man an ihn richtet. Der unbedeutenste Kriminalroman aus dem prüden
Amerika ist verderblicher als die allerkühnste Seite von Sade. Durch eine Verurteilung würde
Frankreich sein heiligstes Amt verletzen. 2
Das Urteil war 80.000 Francs Buße, Verfahrenskosten. Konfiskation sowie Vernichtung der beschlagnahmten Werke. 3
Sade selber schreibt seinem Werk Justine und Juliette voran: Ich spreche nur zu den Leuten, die fähig sind, mich zu verstehen; diese werden mich ohne Gefahr lesen. Für den durchschnittlichen Geist, der den latenten Inhalt nicht heraushören kann bzw. nicht bereit ist Gedankenkonstrukte als Gedankenkonstrukte, Bilder als Bilder, Wörter als Wörter zu sehen, das Spiel als Spiel und nicht als den Angriff an seine persönliche harterbaute Lebensordnung, kann es sich bei Sades Texten höchstens um kuriose Monstrositäten handeln.
1 Seite 9, Mattheus, Bernd: „Sade, Holbach und die Menschmaschine“ in Sades J.J. IX
2 Seite 263, Georges Bataille, André Breton, Jean Cocteau, Jean Paulhan, Jean-Jaques Pauvert und Maurice
Garçon: „Der Fall Sade“ in Sades J.J. VII
3 Seite 282, ibidem Seite 2 von 10
SE Theorien der Sexualität, WS 2005/2006 SADE: Philosophie dans le boudoir
Vivian Gjurin
Das Problem zwischen Geisteswissenschaft und Geisteswissenschafter ist die emotionale Bindung des Menschen an seine Gedanken. Sehr wenige Wissenschaftler sind bereit die Gedanken als ein Spiel zum Zeitvertreib anzusehen, und somit sind sie nicht bereit über ihre persönlichen Gedankenkonstrukte hinauszuspielen. Somit ist Sades Werk eine Bedrohung der persönlichen Ordnung. Im gesellschaftlichen Kontext der Gesellschaftsordnung, ergo muss er verbrannt werden.
2. Systematische Erklärung der Philosophie Sades nach George Bataille 4
Sade wurde in eine Epoche hineingeboren, in der eine gefühlsselige Richtung der Philosophie ohne jeden Vorbehalt die Ansicht vertrat, der Mensch sei gut und es genüge, ihn in den Naturzustand zurückzuversetzen, damit sich alles zum Besten wende. Auf diesem Hintergrund reizte es Sade, zum Kontrast den Beweis anzutreten, dass der Mensch böse sei, wobei er dies in allen Einzelheiten und auf jede erdenkliche Weise aufzeigte, indem er diesen Hang zum Bösen als erster in der Sexualität verankerte, was später u.a. Freud annehmen wollte 5 .
Sade war der Erste, der postulierte, der Anblick von Tod und Schmerz könne dem Menschen Befriedigung verschaffen. Die Moral wie auch die Vernunft stellen die Regel auf, dies wäre etwas Verwerfliches. Jedoch können wir beobachten, wie die Missachtung dieser Regel in Kriegen und in der Geschichte immer wieder hervorbricht. Wie soll man jetzt die Boshaftigkeit oder die Verwerflichkeit des Menschen ergründen, ohne diesen in solch einem Zustand zu studieren?
Sade sucht als Philosoph in Tun und Treiben der Menschen nach einer Möglichkeit, den Begriff Freiheit Rechtzufertigen. Somit ist er gegen alle Zwänge der Freiheit des Geistes. Befreiung von der religiösen Zwängen (Vorstellung vom Gott, der Pflichten auferlegt) und von den sozialen, anhand der Sexualität, da diese offensichtlich paradox ist und möglicher weise der wichtigste Antrieb des menschlichen Handelns ist.
4 George Bataille: „Sade und die Moral“ in Sades J.J. VI
5 Nimmt Psychoanalyse/Komplexe vor: die Sexualität wird in den Kindesjahren geschmiedet, Schicksal der
Psyche wird bestimmt, Neigungen und Kraft bricht später aus. Seite 3 von 10
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Vivian Gjurin
Als das beste Staatssystem sieht er die Zeit des Übergangs zwischen einem Modell zum anderen, die Politik der crise, also die Anarchie in Reinkultur. Revolutionäre Dauererregung, die permanente Krise der Revolution- Die Revolution muss der Dauerzustand der Republik sein!, die Entlassung des Menschen als Individuum in die souveräne Freiheit! 6 In der Welt stehen sich zwei Prinzipien gegenüber: dasjenige des Geistes und das der Materie. Es spricht nichts dafür diese mit gut und böse zu bewerten, jedoch tendieren die großen Religionen dazu.
Moral Platons: das Gute ist nicht der Geist, nicht die Idee und auch nicht die Vernunft, es ist die Herrschaft der Vernunft; folglich besteht das Böse in der Tatsache, dass die Vernunft von der Materie oder- auf der Ebene der Sitten übertragen- von den Leidenschaften beherrscht wird. Ergo nimmt das Böse dort seinen Anfang, wo die Leidenschaften die Vernunft beherrschen.
Diametral entgegengesetzt dazu steht ein Prinzip, dem Sade eine packende Form gegeben hat. Sade hielt die Todesstrafe für das Verwerflichste überhaupt, während sein Werk die Apologie des Mordes darstellt.
D.h. in der platonischen Moral liegt das Böse in der Beherrschung der Vernunft durch die Leidenschaft, in der sadeschen in der Beherrschung der Leidenschaft durch die Vernunft. Das bringt das Dilemma mit sich, in dem wir uns zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens befinden, will heißen: ob die Souveränität, das letzte Wort, der Vernunft gehört, die die zukünftige Zeit ins Auge fasst, oder der Leidenschaft, die einzig auf den gegenwärtigen Augenblick ausgerichtet ist.
Im praktischen Leben wird mit der Moral relativ grob umgegangen: Es ist moralisch, es ist gut, sich nützlich zu machen und in Übereinstimmung mit den Gesetzen zu leben, niemals seinen Nächsten zu schaden, bei jeder Gelegenheit seine Pflicht zu tun und so die Achtung Anderer zu erlangen.
Wenn wir etwas Gutes tun, dann hat dies ein Ziel - Rang, Achtung! Wenn der praktische Nutzen einer guten Handlung nicht erkennbar ist- dann ist anzunehmen das man die Göttliche Moral/Vernunft/ergo Gottes Willen befolgt.
Das Gute kann nicht darin bestehen, vernunftmäßig zu handeln, denn die Vernunft verspricht keinen angenehmen Zustand. Außer die Göttliche.
6 Stefan Zweifel, Michael Pfister: „Die Hinbrünstigkeit der Aufklärung“ in Sades J.J. VIII Seite 4 von 10
Arbeit zitieren:
Mag. Vivian Gjurin, 2006, Theorie der Sexualität bei Sade, München, GRIN Verlag GmbH
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