Einleitung
Ich war immer der Meinung, dass „dicken“ Büchern auch eine Chance gegeben werden sollte, denn meist stellt sich heraus, dass die Anzahl der Seiten nicht sehr viel mit dem Aufwand um das Buch zu lesen und vor allem zu verstehen, zu tun hat. So auch bei dem Werk, dass ich besprechen werde. Es ist sicherlich eines der ausführlicheren über dieses Thema (noch dazu fiel mir die ungekürzte Ausgabe in die Hände). Doch ich finde, dass es trotz der Seitenanzahl und der immensen Fülle an Informationen, relativ „leicht“ zu lesen war, da prinzipiell alles erklärt wurde, bzw. es zu jedem Kapitel ein dazugehöriges Kapitel mit Anmerkungen gibt, wo weitere Erklärungen und Literaturverweise stehen. Trotzdem habe ich mich gefragt, wie ich jetzt den Inhalt dieses Buches auf vier Seiten „quetschen“ soll. Deshalb nahm ich ein zweites Buch zur Hand, wo der Formalismus in Russland auf ca.30 Seiten abgehandelt wird. 1 Ich muss zugeben, hätte ich als erstes nicht das Buch von Erlich gelesen, wäre ich bei diesem Werk teilweise etwas verwirrt gewesen und absolut überfordert. Doch trotzdem brachte mich auch dieses Werk auf der Suche nach vier Seiten präziser Besprechung nicht weiter. Deshalb beschloss ich, nur überblickmässig, Erlichs Bucheinteilung entsprechend, im ersten Kapitel die Entwicklung und das Ende des Russischen Formalismus zu schildern und im zweiten die Lehre, wobei ich in diesem aber nur versuchen werde, die grundlegende Theorie zu erklären.
I Die Geschichte
I.I Das Entstehen und die Entwicklung des Formalismus
Die Schule des Russischen Formalismus, bestehend aus Literaturkritikern und Literaturwissenschaftlern, entstand um 1915/16, erlebte in den frühen 1920-ern ihren Höhepunkt und wurde um 1930 unterdrückt.
Im Jahre 1915 gründete eine Gruppe Studenten der Moskauer Universität den „Moskauer Linguistik- Kreis“. Im darauffolgendem Jahr fanden sich in St. Petersburg einige junge Philologen und Literaturhistoriker in der „Gesellschaft zur Erforschung der poetischen Sprache“ zusammen, die bald unter dem Namen Opojaz 2 bekannt werden sollte. Am Anfang waren diese zwei Gruppen, Orte, wo junge Philologen ihre Ideen über die grundlegenden
1 Medvedev, Pavel: „Die formale Methode in der Literaturwissenschaft“, J.B. Metzlersche
Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1976
2 ist die Abkürzung der „Gesellschaft zur Erforschung der poetischen Sprache“ auf Russisch
2
Probleme der Literaturwissenschaft ohne die Beschränkungen des offiziellen akademischen Lehrplans austauschten.
Die Tätigkeit des Kreises erstreckte sich auf ein breites Feld. Der Schwerpunkt verlagerte sich von der anfänglichen Zusammenstellung linguistischer Daten auf methodologische Diskussionen, in denen es um poetische und auch „praktische“ Sprache ging. 3 Die treibenden Kräfte waren Viktor Šklovškij, Roman Jakobson, Osip Brik, Jurij Tynjanov, Boris Ejchenbaum oder Boris Tomasevškij.
Die Auffassung der Formalisten, ihre Arbeit, ihr Kampf gegen einige Kunstauffassungen 4 und vor allem ihr Kampf um Annerkennung bis zum Anfang der 1920-er lässt sich anhand eines Zitates Ejchenbaums zeigen:
„Es ist nur natürlich, daß die Formalisten in den Jahren des Kampfes und der Polemik gegen Traditionen dieser Art all ihre Kräfte darauf richteten, die Bedeutung gerade der konstruktiven Verfahren aufzuzeigen und alle übrigen als Motivierung beiseite zuschieben. Wenn man von der formalen Methode und ihrer Revolution spricht, muß man immer im Auge behalten, dass viele Prinzipien, die die Formalisten in den Jahren des erbitterten Kampfes mit ihren Gegnern verkündet haben, nicht nur als wissenschaftliche Grundsätze aufzufassen sind, sondern auch als Losungen, die um der Propaganda und der Konfrontation willen in paradoxer Weise zugespitzt waren. Diese Tatsache nicht in Rechnung zu stellen und sich auf die Arbeiten des Opojaz aus den Jahren 1916 bis 1921 zu beziehen wie auf Arbeiten rein akademischen Charakters- das heißt Geschichte ignorieren.“ 5
In den 20ern kommen einige neue Mitstreiter und -läufer zur Gruppe.Auch u.a. durch diese Komponente verstärkt, kommt zu Differenzen innerhalb der Gruppe. Vinogradov und Zirmunjski, bewegen alle Formalisten, außer Sklovskij, zum Arbeiten nach der konventionellen Prinzipien der Wissenschaft, ohne großartige Polemik. 6 In der selben zeit entwickelt sich jedoch eine scharfe Polemik der anderen Richtungen des ideologischen Denkens gegen die Formalisten, wobei die immer stärker werdende marxistische Opposition zu erwähnen ist 7 .
3 der Hauptanteil der Opjaz- Studien beschäftigt sich mit Fragen der poetischen Euphonie („Bedeutung des
Klanges“), allgemeinen Phonetik, aber auch mit der Struktur der Prosadichtung, usw.
4 wie Realismus, Symbolismus, Eklektizismus, usw.
5 Medvedev, Pavel: „Die formale Methode in der Literaturwissenschaft“, Seite 84f
6 In Zirmunskijs Aufsatz „Zur Frage der formalen Methode“ wird ein scharfer Trennungsstrich zwischen dem
Formalismus als Wissenschaft und der ‚formalistischen Weltanschauung‘ gesetzt.
7 Vorwürfe wie methodologische Sterilität, philosophische Häresie, gepaart mit einem bedingten Lob gewisser,
von den Formalisten erarbeiteten Formen der Textanalyse.
3
I.II Der Zusammenbruch des Formalismus
Der Formalismus wurde in der Epoche des Niedergangs des Symbolismus geboren. Er war der Ideologie derjenigen literarische Strömungen, die aus den Ruinen des Symbolismus hervorgingen, des Futurismus und teilweise des Akmeismus, verbunden. Diese Richtungen brachten nichts wirklich Stabiles hervor, weil es darum ging sich der Formen des Symbolismus zu entledigen 8 . Das wahre Problem der Formalisten war, dass sie schon eine vage Vorstellung hatten, dass Literatur bzw. Kunst nicht in einem luftleerem Raum entsteht, abgesondert von jeglichen Einflüssen, doch sie hielten an der Idee der technologischen Literaturauffassung pragmatisch fest, trotzdem konnten sie sich selber nicht gegen die gesellschaftlichen Entwicklungen 9 wehren, die sie dazu bewegten den Formalismus doch weiter zu führen. Die Wechselbeziehung des Schriftstellers und seiner sozialen Umgebung wurde auf den Mechanismus des literarischen Marktes „erweitert“, das wiederum sehr für den zu engen Empirismus bezeichnend war, der umfassenden Problemen auswich und großteils auf ein bloßes ‚Untersuchen‘ auslief. 10 Die ursprüngliche Arbeitshypothese hatte ihre Brauchbarkeit überlebt.
Die Einseitige Haltung der Opojaz- Lehre war zum Hindernis für ein zukünftiges Wachstum der formalistischen Bewegung geworden. Es war ein schreiender Bedarf nach einem kritischen Revisionssystem da, das die Schule retten konnte. 11 1930 veröffentlichte Šklovškij einen Artikel mit dem Titel „Ein Denkmal für einen wissenschaftliche Irrtum“.
„Einiges darin war begründete und wahrscheinlich aufrichtige Selbstkritik, aber der allgemeine Ton der Erklärung und ihre Schlussfolgerungen scheinen den Stempel einer von außen herbeigeführten Kapitulation zu tragen.“ 12
8 Medvedev, Pavel: „Die formale Methode in der Literaturwissenschaft“, Seite 92
9 Z.B. wurde die Zeitung zu einem einflussreichem Medium, somit auch Gattungen wie Reportage und
Feuilleton wichtiger; Anfang der Dokumentarfilme, usw.
10 Erlich, Victor: „Russischer Formalismus“ Seite 144
11 „Erforderlich war ein kritisches System, das elastisch genug war, um den vielfältigen Aspekten eines
literarischen Werks gerecht zu werden, und genügend auf das Ganze gerichtet, um die grundlegende Einheit der
ästhetischen Struktur wiederzuspiegeln.“ Gebraucht wurde eine Theorie der Dichtung, die den frühen und den
späteren Prinzipien des Formalismus nachkam.
„Russischer Formalismus“ Seite 148
12 „Russischer Formalismus“, Seite 153
4
Arbeit zitieren:
Mag. Vivian Gjurin, 2002, Der russische Formalismus, München, GRIN Verlag GmbH
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